Republik Schwarzenberg

Hallo zusammen!

Im Erzgebirge konnte sich nach Kriegsende 1945 für einige Wochen die sog.Republik Schwarzenberg halten. Wie kam es eigentlich dazu, dass dieser Zipfel Land von den Alliierten nicht besetzt wurde? Für Antworten schon einmal vielen Dank vorab!

Gruß Christoph

Hallo Christoph!

Ich zitiere:

"Republik Schwarzenberg ?
Auf der Suche zwischen Tatsachen und Legenden

Natürlich hat es die Republik Schwarzenberg niemals gegeben, sie ist eine brillante Erfindung von Stefan Heym, die er 1984 in seinem Roman „Schwarzenberg“ literarisch gestaltet. Er stützte sich dabei auf Ereignisse in der Amtshauptmannschaft Schwarzenberg, die nach Ende des 2. Weltkrieges von den Siegern nicht besetzt wurde und 42 Tage sich selbst überlassen blieb. In Ermangelung der Besatzer nahmen beherzte Frauen und Männer in 21 Städten und Dörfern ihr Schicksal in die Hand.

Während dieser sechs Wochen im Frühling 1945 geschahen überaus interessante Denkwürdigkeiten; denn der Krieg war zwar offiziell beendet, wurde aber mit neuen Mitteln fortgesetzt und die handelnden Personen wußten größtenteils kaum, wessen „höheren Interessen“ sie ihren Spielraum verdanken. Auch in der Amtshauptmannschaft Schwarzenberg - vielleicht besonders dort !

Warum kamen die Besatzer nicht ?
In Harenbergs Chronik-Bibliothek des 20. Jahrhunderts wird mitgeteilt: „Nach Inkrafttreten der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 wurde das gesamte Gebiet des Deutschen Reiches von alliierten Truppen besetzt, mit wenigen Ausnahmen: Im westlichen Erzgebirge blieben die Landkreise Schwarzenberg und Stollberg sowie der Stadtkreis Aue besatzungsfreies Gebiet. Zwar waren US-amerikanische Vorausabteilungen in diese Region vorgestoßen, hatten sich jedoch aus ungeklärten Gründen nach wenigen Tagen wieder zurückgezogen.“

Die Alliierten hatten sich darauf geeinigt, daß die Russen und die Amerikaner bis zum 13. Längengrad vorrücken - die Russen hielten sich daran und besetzten Annaberg, die Amerikaner blieben in Zwickau und holten sogar ihre Vorausabteilungen zurück.

Warum besetzt die US-Army das ihnen zustehende Gebiet eigentlich nicht ?
Stefan Heym hat es leicht, er gibt Lieutenant Lambert und Sergeant Whistler eine 25-Cent-Münze, die über die Amtshauptmannschaft Schwarzenberg entscheidet - literarisch, versteht sich. Die politische Entscheidung allerdings ist bereits am 15. April bei einer Geheimkonferenz im State Departement gefallen…

Seit Anfang März verhandelte das OSS - Office of Strategic Services - mit dem Himmler-Beauftragten Karl Wolf über ein Bündnis für den Kalten Krieg, der die Welt mit „einem Eisernen Vorhang teilt“ (Goebbels). Und am 12. April, dem Todestag von US-Präsident Roosevelt, trifft sich Großadmiral Dönitz in Bern mit Allan Dulles. In einem Bericht an das Pentagon über die Berner Verhandlungen steht : „Admiral Doenitz was here for two hours.“ Während dieser zwei Stunden wurde ein amerikanisch-deutsches Militärbündnis geschlossen, in dessen erster Etappe dem Westerzgebirge eine besondere Aufgabe zugefallen ist. Dönitz wollte von den Amerikanern sichergestellt wissen, daß 1,3 Millionen Soldaten der Heeresgruppe Mitte - der sogenannten Schörner-Armee - ungehindert in amerikanische Gefangenschaft gelangen können. Dönitz und Dulles waren sich offenbar schnell einig, daß dieses mit Hilfe einer besatzungsfreien Zone im Westerzgebirge geschehen könnte. Denn die in Böhmen befindlichen deutschen Truppen mußten aus dem amerikanisch-sowjetischen Keil, der sich auf Prag konzentrierte, möglichst ohne Kampfhandlungen abgezogen werden können - also über den Erzgebirgskamm !

Am 13. April erhält die 3. US-Army an der Zwickauer Mulde den Befehl: „Alle Einheiten haben die gegenwärtig erreichten Linien nicht zu verlassen und sich mit der Aufklärung des vor ihnen liegenden feindlichen Gebietes zu befassen.“ Bei Zwickau wird der Vormarsch in Richtung Annaberg gestoppt !

Am 15. April findet im State Departement eine Geheimkonferenz statt, über die am nächsten Tage in der Washington Post zu lesen ist: „Es wurde beschlossen, Deutschland nach dem Kriege zu remilitarisieren und zu einem Bollwerk gegen die Sowjetunion zu machen !“ Nur wenige Stunden nach der Washingtoner Konferenz wird im Schwarzenberger Hotel Ratskeller eine Wehrmachtskampf-Kommandantur der Heeresgruppe Mitte - Schörner-Armee - eingerichtet.

Am 19. April verlegt die 7. Armee ihren Hauptgefechtsstand ins Erzgebirge und Generalfeldmarschall Schörner schreibt in einem Befehl an seine Soldaten und die Einwohner des Erzgebirges:
„Die augenblickliche militärische Lage hat eine Scheidung der Geister gebracht. Charakterschwächlinge und Pessimisten sind ähnlich wie 1918 an die Oberfläche gespült worden. Diese „im Wandel der Ereignisse schwankenden Zeitgenossen“ glauben nunmehr den Dreh gefunden zu haben: Sie sehen die alleinige Rettung in der politischen Lösung. Sie glauben, durch diplomatische Verhandlungen ließe sich auf irgendeine billige Art in diesem Augenblick eine Wende herbeiführen…
Es steht außer Zweifel, daß gerade in diesem Augenblick ein dramatischer Wettlauf zwischen den Westmächten und der Sowjetunion eingesetzt hat. Bleiben wir hart und schlagen uns bis zur letzten Patrone, dann haben wir berechtigte Aussicht, bei diesem Wettlauf der beiderseitigen Interessen zu gewinnen…
Aktivisten, schließt euch noch enger zusammen ! Greift an aus jeder Lage ! Seid vor allem aber rücksichtslos gegen die eigene Schwäche, gegen Müdgewordene und Laurige: packt sie an wie jeden anderen Feind; denn diese Schwachen sind heute unser Feind Nr. 1.“

Und am 1. Mai erklärt Hitlernachfolger Dönitz in einer Rundfunkansprache, er halte es für seine erste Aufgabe, „deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordringenden bolschewistischen Feind zu retten. Nur noch für dieses Ziel geht der militärische Kampf weiter.“

Ganz in diesem Geiste erklärt der Stadtrat von Aue am 7. Mai:
Auf Befehl des Großadmirals Dönitz ist auch in unserem Abschnitt der Kampf gegen die Westmächte eingestellt.
Der Kampf gegen den Bolschewismus geht weiter.

Im Mai und Juni 1945 marschieren durch das Westerzgebirge pausenlos bewaffnete deutsche Soldaten, sie werden bei Eibenstock mit Parademarsch und Militärmusik in amerikanische Gefangenschaft genommen.

Waffenträger in vieler Herren Uniform treiben sich nach Kriegsende in der Amtshauptmannschaff herum. Wenn die bewaffneten Hilfspolizisten mit den weißen Armbinden politische Würdenträger in den Schwarzenberger Schloßturm sperren, mischen die Besatzer auch hier täglich mit - sie nehmen sie in eigene Obhut.

Eine andere Gruppe fährt mit Jeeps und Lastkraftwagen, trägt SS-Uniformen und Maschinenpistolen - gelegentlich tritt sie in Begleitung von Amerikanern auf - aber es kann auch sein, daß die SS-Männer im Bedarfsfalle Sieger-Uniformen überstrei-ften. Angeführt wird die Einheit von einem „Leutnant“ Herfurth, der bei den „Kampfeinsätzen“ seinen Männern vorangeht. Mehrfach dringen sie in Rathäuser ein und entmachten die Aktionsaus-schüsse. Heute nur noch Gerüchte: Waren sie vielleicht mit dem Abtransport der durch Gaukulturwart Krauß versteckten Kunstschätze befaßt ? Und neuerdings wird gar gefragt: Haben sie das Bernsteinzimmer zu den Amerikanern gebracht ?

  1. Mai 1945. Die Amerikaner ziehen sich aus Aue und Umgebung zurück, die Amtshauptmannschaft Schwarzenberg ist wieder offiziell besatzungsfrei, nationalsozialistische Dienststellen sind arbeiten weiter und in Schwarzenberg beschließen zur Kaffeezeit fünf Männer und eine Frau in Ermangelung der Sieger den Sturz der letzten nationalsozialistischen Machtbastion. Auf gute deutsche Beamtenart bestätigt der parteilose Landrat Hähnichen, der vorsorglich Notgeld hat drucken lassen, mit neutralem Amtshauptmannschafts-Stempel und seiner Unterschrift die in den späten Abendstunden stattgefundene Revolution. Die Staatsgewalt geht nun vom antifaschistischen Aktionsausschuß aus, dessen Mitglieder sich sofort an die Arbeit machen.

In 21 Dörfern und Städten des Westerzgebirges nehmen Antifaschi-stische Aktionsausschüsse die Macht in ihre Hand. Niemand hat den Frauen und Männern den Auftrag dazu erteilt. Es gibt in der Amtshaupt-mannschaft Schwarzenberg im Frühjahr 1945 keine Zentralge-walt mehr, statt dessen existieren 21 „unabhängige Republiken“. Jede erscheint mit einer eigenen Proklamation, zuerst wird die der alten Silberbergbaugemeinde Raschau veröffentlicht.

Das täglich Brot für eine halbe Million Menschen hatten die selbst ernannten Machthaber zu garantieren. Sie verhandelten mit den Russen in Annaberg und den Amerikanern in Zwickau, sie bekamen Passierscheine und Fahrgenehmigungen für Eisenbahn und Lastkraftwagen. Sie besorgten Getreide, Teigwaren, Fleisch und Kartoffeln. Sie schafften Arzneimittel heran. Und sie verfolgten Nazis, darunter den Gauleiter von Sachsen, der sich am Kriegsende bei seinem Freund Krauß in Schwarzenberg versteckt hielt, während die von ihm geleitete sächsische Staatskanzlei in Oberwiesenthal saß. Von Oberwiesenthalern Antifaschisten wird er gefangengesetzt. Rotarmisten sind sofort zur Stelle und bringen Hit-lers sächsischen Statthalter in ihre Gewalt. Bevor er in Sibirien verschwand, wurde Martin Mutschmann barfuß öffentlich an den Pranger gestellt.

Keine eigene Republik, aber eigene Postmarken. Oberpostinspektor a. D. Hugo Böttger hat 1945 Schwarzenberger Briefmarken entworfen, die in zwei verschiedenen Arten verwendet wurden. Und eigenes Geld hat es in Schwarzenberg gegeben, vier verschiedene Banknoten kamen am 18. Mai in Umlauf und wurden sowohl in der sowjetischen als auch in der amerikanischen Besatzungszone als Zahlungsmittel akzeptiert. Erstaunlich, daß die Geldnoten im Wert von fünf, zehn, zwanzig und fünfzig Reichsmark bereits drei Wochen vor Kriegsende hergestellt wurden. Erstaunlich auch, daß Landrat Hähnichen - ein korrekter Beamter -, der noch am 8. Mai 1945 in der sächsischen Staatskanzlei um Anweisungen für die Zeit nach der Kapitulation bittet, daß gerade dieser Mann aus eigenem Antrieb Geld drucken ließ.

Viele Autoren haben seither versucht, Licht ins Dunkel der westerzgebirgischen Nachkriegszeit zu bringen. Stefan Heyms Roman „Schwarzenberg“ bündelt die utopischen Hoffnungen und liefert zugleich den Nachweis, warum der Traum von einer „Freien Republik“ niemals hat stattfinden können. Dennoch geht von diesem Mythos eine immer größer werdende Faszination aus, die uns auf die Suche nach Wahrheiten treibt."

Dies und einiges mehr findest Du hier:

http://www.freie-republik-schwarzenberg.de/

Gruß, Hartmann.

Hallo Herr Hartmann!

Hier bleibt aber auch rein gar nichts geheim. Ja, ich habe Günter Jauch gesehen und ich hätte sogar die richtige Antwort geben können. Aber ich hatte im Stillen gehofft, dass Günter Jauch das ganze noch etwas näher erläutern würde, anstatt nur bekanntzugeben, welche Antwort die richtige ist. Dafür habe ich ja hier jetzt mehr Informationen erhalten als sie Günter Jauch oder die Kandidaten jemals hätten geben können. Dafür vielen Dank!

Ich zitiere:

"Republik Schwarzenberg ?
Auf der Suche zwischen Tatsachen und Legenden

Natürlich hat es die Republik Schwarzenberg niemals gegeben,
sie ist eine brillante Erfindung von Stefan Heym, die er 1984
in seinem Roman „Schwarzenberg“ literarisch gestaltet. Er
stützte sich dabei auf Ereignisse in der Amtshauptmannschaft
Schwarzenberg, die nach Ende des 2. Weltkrieges von den
Siegern nicht besetzt wurde und 42 Tage sich selbst überlassen
blieb. In Ermangelung der Besatzer nahmen beherzte Frauen und
Männer in 21 Städten und Dörfern ihr Schicksal in die Hand.

Ich muss zugeben, dass mir das Buch von Stefan Heym zwar bekannt ist, ich es aber nicht gelesen habe. „Republik kann man sich eben besser merken als Amtshauptmannschaft.“

Während dieser sechs Wochen im Frühling 1945 geschahen überaus
interessante Denkwürdigkeiten; denn der Krieg war zwar
offiziell beendet, wurde aber mit neuen Mitteln fortgesetzt
und die handelnden Personen wußten größtenteils kaum, wessen
„höheren Interessen“ sie ihren Spielraum verdanken. Auch in
der Amtshauptmannschaft Schwarzenberg - vielleicht besonders
dort !

Ich wusste es bis gestern Abend auch nicht.

Warum kamen die Besatzer nicht ?
In Harenbergs Chronik-Bibliothek des 20. Jahrhunderts wird
mitgeteilt: „Nach Inkrafttreten der bedingungslosen
Kapitulation am 8. Mai 1945 wurde das gesamte Gebiet des
Deutschen Reiches von alliierten Truppen besetzt, mit wenigen
Ausnahmen: Im westlichen Erzgebirge blieben die Landkreise
Schwarzenberg und Stollberg sowie der Stadtkreis Aue
besatzungsfreies Gebiet. Zwar waren US-amerikanische
Vorausabteilungen in diese Region vorgestoßen, hatten sich
jedoch aus ungeklärten Gründen nach wenigen Tagen wieder
zurückgezogen.“

Gab es noch mehrere nicht ganz so bekannte Ausnahmen?

Die Alliierten hatten sich darauf geeinigt, daß die Russen und
die Amerikaner bis zum 13. Längengrad vorrücken - die Russen
hielten sich daran und besetzten Annaberg, die Amerikaner
blieben in Zwickau und holten sogar ihre Vorausabteilungen
zurück.

Wo verläuft denn der 13.Längengrad in etwa?

Warum besetzt die US-Army das ihnen zustehende Gebiet
eigentlich nicht ?
Stefan Heym hat es leicht, er gibt Lieutenant Lambert und
Sergeant Whistler eine 25-Cent-Münze, die über die
Amtshauptmannschaft Schwarzenberg entscheidet - literarisch,
versteht sich. Die politische Entscheidung allerdings ist
bereits am 15. April bei einer Geheimkonferenz im State
Departement gefallen…

Seit Anfang März verhandelte das OSS - Office of Strategic
Services - mit dem Himmler-Beauftragten Karl Wolf über ein
Bündnis für den Kalten Krieg, der die Welt mit „einem Eisernen
Vorhang teilt“ (Goebbels).

War der kalte Krieg denn zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon absehbar? Ich kann mir irgendwie auch nicht so richtig vorstellen, dass Hitler, der in Berlin um jedes einzelne Haus kämpfen ließ, sich auf Nachkriegsverhandlungen mit den Amerikanern eingelassen hat.

Und am 12. April, dem Todestag von:US-Präsident Roosevelt, trifft sich Großadmiral Dönitz in Bern mit Allan Dulles.

Allan Dulles? Mit John Foster Dulles nicht verwandt und nicht verschwägert?

In einem Bericht an das Pentagon über die

Berner Verhandlungen steht : „Admiral Doenitz was here for two
hours.“ Während dieser zwei Stunden wurde ein
amerikanisch-deutsches Militärbündnis geschlossen, in dessen
erster Etappe dem Westerzgebirge eine besondere Aufgabe
zugefallen ist. Dönitz wollte von den Amerikanern
sichergestellt wissen, daß 1,3 Millionen Soldaten der
Heeresgruppe Mitte - der sogenannten Schörner-Armee -
ungehindert in amerikanische Gefangenschaft gelangen können.
Dönitz und Dulles waren sich offenbar schnell einig, daß
dieses mit Hilfe einer besatzungsfreien Zone im Westerzgebirge
geschehen könnte. Denn die in Böhmen befindlichen deutschen
Truppen mußten aus dem amerikanisch-sowjetischen Keil, der
sich auf Prag konzentrierte, möglichst ohne Kampfhandlungen
abgezogen werden können - also über den Erzgebirgskamm !

Am 13. April erhält die 3. US-Army an der Zwickauer Mulde den
Befehl: „Alle Einheiten haben die gegenwärtig erreichten
Linien nicht zu verlassen und sich mit der Aufklärung des vor
ihnen liegenden feindlichen Gebietes zu befassen.“ Bei Zwickau
wird der Vormarsch in Richtung Annaberg gestoppt !

Am 15. April findet im State Departement eine Geheimkonferenz
statt, über die am nächsten Tage in der Washington Post zu
lesen ist: „Es wurde beschlossen, Deutschland nach dem Kriege
zu remilitarisieren und zu einem Bollwerk gegen die
Sowjetunion zu machen !“ Nur wenige Stunden nach der
Washingtoner Konferenz wird im Schwarzenberger Hotel
Ratskeller eine Wehrmachtskampf-Kommandantur der Heeresgruppe
Mitte - Schörner-Armee - eingerichtet.

Am 19. April verlegt die 7. Armee ihren Hauptgefechtsstand ins
Erzgebirge und Generalfeldmarschall Schörner schreibt in einem
Befehl an seine Soldaten und die Einwohner des Erzgebirges:
„Die augenblickliche militärische Lage hat eine Scheidung der
Geister gebracht. Charakterschwächlinge und Pessimisten sind
ähnlich wie 1918 an die Oberfläche gespült worden. Diese „im
Wandel der Ereignisse schwankenden Zeitgenossen“ glauben
nunmehr den Dreh gefunden zu haben: Sie sehen die alleinige
Rettung in der politischen Lösung. Sie glauben, durch
diplomatische Verhandlungen ließe sich auf irgendeine billige
Art in diesem Augenblick eine Wende herbeiführen…
Es steht außer Zweifel, daß gerade in diesem Augenblick ein
dramatischer Wettlauf zwischen den Westmächten und der
Sowjetunion eingesetzt hat. Bleiben wir hart und schlagen uns
bis zur letzten Patrone, dann haben wir berechtigte Aussicht,
bei diesem Wettlauf der beiderseitigen Interessen zu
gewinnen…
Aktivisten, schließt euch noch enger zusammen ! Greift an aus
jeder Lage ! Seid vor allem aber rücksichtslos gegen die
eigene Schwäche, gegen Müdgewordene und Laurige: packt sie an
wie jeden anderen Feind; denn diese Schwachen sind heute unser
Feind Nr. 1.“

Und am 1. Mai erklärt Hitlernachfolger Dönitz in einer
Rundfunkansprache, er halte es für seine erste Aufgabe,
„deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordringenden
bolschewistischen Feind zu retten. Nur noch für dieses Ziel
geht der militärische Kampf weiter.“
Ganz in diesem Geiste erklärt der Stadtrat von Aue am 7. Mai:
Auf Befehl des Großadmirals Dönitz ist auch in unserem
Abschnitt der Kampf gegen die Westmächte eingestellt.
Der Kampf gegen den Bolschewismus geht weiter.

Also noch vor der endgültigen Kapitulation am 8.Mai!

Im Mai und Juni 1945 marschieren durch das Westerzgebirge
pausenlos bewaffnete deutsche Soldaten, sie werden bei
Eibenstock mit Parademarsch und Militärmusik in amerikanische
Gefangenschaft genommen.

War die Gefangennahme von Soldaten immer so zeremoniell?

Waffenträger in vieler Herren Uniform treiben sich nach
Kriegsende in der Amtshauptmannschaff herum. Wenn die
bewaffneten Hilfspolizisten mit den weißen Armbinden
politische Würdenträger in den Schwarzenberger Schloßturm
sperren, mischen die Besatzer auch hier täglich mit - sie
nehmen sie in eigene Obhut.

Eine andere Gruppe fährt mit Jeeps und Lastkraftwagen, trägt
SS-Uniformen und Maschinenpistolen - gelegentlich tritt sie in
Begleitung von Amerikanern auf - aber es kann auch sein, daß
die SS-Männer im Bedarfsfalle Sieger-Uniformen überstrei-ften.
Angeführt wird die Einheit von einem „Leutnant“ Herfurth, der
bei den „Kampfeinsätzen“ seinen Männern vorangeht. Mehrfach
dringen sie in Rathäuser ein und entmachten die
Aktionsaus-schüsse. Heute nur noch Gerüchte: Waren sie
vielleicht mit dem Abtransport der durch Gaukulturwart Krauß
versteckten Kunstschätze befaßt ? Und neuerdings wird gar
gefragt: Haben sie das Bernsteinzimmer zu den Amerikanern
gebracht ?

  1. Mai 1945. Die Amerikaner ziehen sich aus Aue und Umgebung
    zurück, die Amtshauptmannschaft Schwarzenberg ist wieder
    offiziell besatzungsfrei, nationalsozialistische Dienststellen
    sind arbeiten weiter und in Schwarzenberg beschließen zur
    Kaffeezeit fünf Männer und eine Frau in Ermangelung der Sieger
    den Sturz der letzten nationalsozialistischen Machtbastion.

Das ist das, was man sich bei all der Skurilität der Geschichte nicht klar macht. In Schwarzenberg war bis zu diesem Tag nach wie vor das Nazi-Regime an der Macht. Wütete denn auch dessen Terrorapparat weiter? Oder handelte es sich „nur“ noch um Parteimitglieder, die nach der Kapitulation nichts mehr mit der Nazi-Ideologie am Hut hatten, weil man aus Berlin keine wahnwitzigen Befehle mehr zu befolgen hatte?

Auf gute deutsche Beamtenart bestätigt der parteilose Landrat
Hähnichen, der vorsorglich Notgeld hat drucken lassen, mit
neutralem Amtshauptmannschafts-Stempel und seiner Unterschrift
die in den späten Abendstunden stattgefundene Revolution. Die
Staatsgewalt geht nun vom antifaschistischen Aktionsausschuß
aus, dessen Mitglieder sich sofort an die Arbeit machen.

In 21 Dörfern und Städten des Westerzgebirges nehmen
Antifaschi-stische Aktionsausschüsse die Macht in ihre Hand.
Niemand hat den Frauen und Männern den Auftrag dazu erteilt.
Es gibt in der Amtshaupt-mannschaft Schwarzenberg im Frühjahr
1945 keine Zentralge-walt mehr, statt dessen existieren 21
„unabhängige Republiken“. Jede erscheint mit einer eigenen
Proklamation, zuerst wird die der alten Silberbergbaugemeinde
Raschau veröffentlicht.

Also doch Republiken! Aber wohl doch nur auf dem Papier!

Das täglich Brot für eine halbe Million Menschen hatten die
selbst ernannten Machthaber zu garantieren. Sie verhandelten
mit den Russen in Annaberg und den Amerikanern in Zwickau, sie
bekamen Passierscheine und Fahrgenehmigungen für Eisenbahn und
Lastkraftwagen. Sie besorgten Getreide, Teigwaren, Fleisch und
Kartoffeln. Sie schafften Arzneimittel heran. Und sie
verfolgten Nazis, darunter den Gauleiter von Sachsen, der sich
am Kriegsende bei seinem Freund Krauß in Schwarzenberg
versteckt hielt, während die von ihm geleitete sächsische
Staatskanzlei in Oberwiesenthal saß. Von Oberwiesenthalern
Antifaschisten wird er gefangengesetzt. Rotarmisten sind
sofort zur Stelle und bringen Hit-lers sächsischen Statthalter
in ihre Gewalt. Bevor er in Sibirien verschwand, wurde Martin
Mutschmann barfuß öffentlich an den Pranger gestellt.

Keine eigene Republik, aber eigene Postmarken.
Oberpostinspektor a. D. Hugo Böttger hat 1945 Schwarzenberger
Briefmarken entworfen, die in zwei verschiedenen Arten
verwendet wurden. Und eigenes Geld hat es in Schwarzenberg
gegeben, vier verschiedene Banknoten kamen am 18. Mai in
Umlauf und wurden sowohl in der sowjetischen als auch in der
amerikanischen Besatzungszone als Zahlungsmittel akzeptiert.
Erstaunlich, daß die Geldnoten im Wert von fünf, zehn, zwanzig
und fünfzig Reichsmark bereits drei Wochen vor Kriegsende
hergestellt wurden. Erstaunlich auch, daß Landrat Hähnichen -
ein korrekter Beamter -, der noch am 8. Mai 1945 in der
sächsischen Staatskanzlei um Anweisungen für die Zeit nach der
Kapitulation bittet, daß gerade dieser Mann aus eigenem
Antrieb Geld drucken ließ.

Viele Autoren haben seither versucht, Licht ins Dunkel der
westerzgebirgischen Nachkriegszeit zu bringen. Stefan Heyms
Roman „Schwarzenberg“ bündelt die utopischen Hoffnungen und
liefert zugleich den Nachweis, warum der Traum von einer
„Freien Republik“ niemals hat stattfinden können. Dennoch geht
von diesem Mythos eine immer größer werdende Faszination aus,
die uns auf die Suche nach Wahrheiten treibt."

Stimmt, irgendwie finde ich diese Form von Eigeninitiative im Chaos so untypisch für die damalige obrigkeitshörige Zeit. Vermutlich war es die einzige Gegend in Deutschland, in der sich die Menschen selber von den faschistischen Machthabern befreien konnten.

Dies und einiges mehr findest Du hier:

http://www.freie-republik-schwarzenberg.de/

Auch diesen Link werde ich mir einmal ansehen

Gruß

Christoph

Hallo Christoph!

Gab es noch mehrere nicht ganz so bekannte Ausnahmen?

Scheint durchaus logisch und vorstellbar vorstellbar, daß sich in einer solchen Situation lokale Machtvakuen ergeben, ist mir aber nichts drüber bekannt. Sie dürften wohl auch in der Regel nur einige Stunden bis wenige Tage Bestand gehabt haben.

Wo verläuft denn der 13.Längengrad in etwa?

Der beschreibt in etwa die Linie Stralsund – Neustrelitz – Potsdam – Jüterbog – Chemnitz.

War der kalte Krieg denn zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon absehbar?

Es gab durchaus auf alliierter Seite – gerade bei den Militärs – entsprechende Zukunftsprojektionen. Eisenhower wird gar nachgesagt, mit dem Gedanken gespielt zu haben, sich vereint mit den Resten der Wehrmacht gegen die Sowjetunion zu wenden!

Ich kann mir irgendwie auch nicht so richtig vorstellen, dass Hitler, der in Berlin um jedes einzelne Haus kämpfen ließ, sich auf Nachkriegsverhandlungen mit den Amerikanern eingelassen hat.

Hitler nicht, aber seine Lakaien! Insbesondere Himmler und Göring haben - ohne Hitlers Wissen - über neutrale Staaten (insbesondere Schweden) entsprechende Sondierungen eingeleitet in dem Wahn, so doch noch ihre Haut retten zu können.

Allan Dulles? Mit John Foster Dulles nicht verwandt und nicht verschwägert?

Nicht das ich wüßte. Allan Dulles, Rechtsanwalt und Agent des US-Geheimdienstes OSS in Bern. Hierzu der wirklich sehr interessante Link http://homepage.sunrise.ch/homepage/comtex/uw2974.htm .

War die Gefangennahme von Soldaten immer so zeremoniell?

In der Regel eher nicht, aber es gibt schon skurile Geschichten.

Gruß, Hartmann.

Hallo Herr Hartmann!
Danke für die Zusatzinfos! Wie sich aus dem angegebenen Link ergibt, waren die beiden Dulles übrigens tatsächlich Brüder.

Gruß

Christoph

… daher danke für die Rückmeldung!

Gruß, Hartmann Linge.

Hallo,

Nicht das ich wüßte. Allan Dulles, Rechtsanwalt und Agent des
US-Geheimdienstes OSS in Bern. Hierzu der wirklich sehr
interessante Link
http://homepage.sunrise.ch/homepage/comtex/uw2974.htm .

kann ja sein, daß obiger Link in Bezug auf das Verwandtschaftsverhältnis der Herren Dulles interessant ist. Ob man den anderen Angaben dieser Site trauen kann, möchte ich aber ein wenig bezweifeln. Immerhin heißt einer der Autoren der ‚Zeitschrift‘ Karl-Eduard von Schnitzler - kommt mir doch irgendwie bekannt vor, der Name (siehe http://homepage.sunrise.ch/homepage/comtex/uw2971.htm). Und daß man Texte von diesem ‚Herrn‘ einfach so unzensiert und unkommentiert verbreitet wirft doch ein schiefes Licht auch auf den übrigen Inhalt.

Ansonsten aber schönen Dank für die Infos zu Schwarzenberg - da hab ich außer dem Film bisher keine Infos drüber gehabt - wieder was gelernt!

Axel