‚Geburtstrauma‘ und Ängste
Hallo,
wenn da das Gehirn noch nicht richtit entwickelt war, kann es
dann überhaupt sowas abspeichern oder vollständig abspeichern
oder speichert das Gehirn - sag ich mal als Laie - aufgrund
seiner Noch-Unvollständigkeit vielleicht sogar nur Zerrbilder
ab, also nicht komplett?
die Erzählungen Deiner Mutter über die Geburt fanden ja statt,
als das Gehirn ausreichend weit entwickelt war, nämlich als Du
über 20 Jahre alt warst. Diese Erzählungen stießen vermutlich
auf „fruchtbaren“ Boden bei Dir
Nein, ich meinte ob das Gehirn, das noch nicht vollständig entwickelt ist, bei der Geburt eines Kindes die Erlebnisse dort abzuspeichern in der Lage ist.
Hast Du schon immer solche Ängste gehabt oder wann traten sie
zum ersten Mal auf?
Diese Ängste hatte ich, so lange ich denken kann, auch als kleines Kind. Jetzt, als Erwachsener kann ich sie halt erst benennen und darüber nachdenken.
Man stellt ja immer wieder in der Therapie fest, dass da unter
gew. Umständen Dinge aus der Kindheit auf einmal zutage
treten, die bisher gar nicht mehr abrufbar waren.
Das, was in solchen Therapien zutage gefördert wird, muß nicht
wirklich passiert sein, oft ist es das auch nicht. Es gab
schon Fälle, in denen z.B. „verschüttete“
Mißbrauchs"erinnerungen" zu tage gefördert wurden, die sich
dann später aber als falsch herausstellten.
Nein, das meine ich nicht. Ich meine Dinge, die ein Therapeut allgemein anspricht, mir fällt jetzt kein passendes Beispiel ein. Angenommen er will wissen, wo ich als Kind unter der Strafe der Eltern gelitten habe. Da kann er ja nicht wissen, WAS passiert ist und OB. Aber mir fallen dann auf einmal Vorfälle ein, wo ich als Kind regelrechte „Strafrituale“ (nix Missbrauch) hab über mich ergehen lassen müssen. Oder mir fallen urplötzlich Ereignisse ein, die ich längst vergessen geglaubt habe, die aber TATSÄCHLICH passiert sind - das redet mir kein Therapeut ein. Denn mein Bruder bspw. hat ein absolutes Topgedächtnis und er bestätigt mir dann auch oft, dass das und das eben SCHON bei uns zuhause passiert ist, nur ich wusste es einfach nicht mehr.
Erinnerungen sind
keine 1:1-Abbildungen vergangener Erlebnisse, sondern
Konstruktionen unseres Gehirns, die mehr oder weniger mit dem,
was einmal geschehen ist, übereinstimmen.
Verstehe ich nicht ganz …
Das klingt, wie Träume, die das Gehirn aus Phantasie und Realitätsfetzen zusammenbastelt …?!?
Ja, so etwas wurde zumindest bei Ratten nachgewiesen.
Und wie bitte will der Mensch wissen, an was sich RATTEN bzgl. ihrer Geburt erinnern bzw. DASS sie das tun???
Ich weiß aber, daß solche Dinge bei neugeborenen
Kindern im Alter von wenigen Stunden und Tagen NACH der Geburt
nachgewiesen wurden. Das sind aber keine Erinnerungen, sondern
andere Prozesse, die man Konditionierungen (leider jetzt doch
Fachchinesisch) nennt. Die sind unbewußt und können lange
wirksam sein.
Klingt hochinteressant.
Was hat man denn da bei den Kindern nachgewiesen? NACH ihrer Geburt?
Wie stellt man um Himmels willen denn das fest - und vor allem WAS stellt man da fest?
Stimmt. Aber die Konditionierungen werden in anderen
Hirnbereichen oder Körperbereichen abgespeichert als die
bewußten Erlebnisse.
Und wie definierst du genau in diesem Zusammenhang „Konditionierungen“?
Die bewußten Erlebnisse, die ein Mensch macht, können im Alter
von ca. 8 bis 9 Monaten (andere Experten sagen sogar erst im
Alter von 4 bis 5 Jahren) ins Langzeitgedächtnis überführt
werden. Vorher können keine Erinnerungen gespeichert werden,
weil die zuständige Hirnstruktur noch nicht ausreichend
funktionsfähig ist.
Was aber dann doch der Theorie widerspricht, dass man „vor-“ oder „während“-geburtliche Erlebnisse „speichert“???
Du weißt genau, woran es krankt? Deine Postings machen auf
mich einen anderen Eindruck. Du scheinst mir ziemlich unsicher
zu sein, was die Ursachen Deiner Probleme sind, weil Du so
viele Fragen hast.
Das sind zweierlei paar Stiefel für mich. Ich WEISS genau, woran es krankt, sagt quasi „der gesunde Menschenverstand“, der eine Teil in mir.
Der andere Teil, ich sage mal, der „kranke Teil“ stellt die vielen Fragen. Hat was mit Kontrollbedürfnis zu tun. Stichwort: Urvertrauen nicht gelernt usw.
Außerdem behelfe ich mir durch viel fragen und viel nachlesen, um Ängste, die einfach aufgrund von UNWISSENHEIT - wenigstens die - aus der Welt zu schaffen, weil ich merke, dass ich vor vielen Dingen Panik habe, die rein auf Unwissenheit und falschen Vorstellungen, in die ich mich verrenne, beruhen. In diesem Fall gilt tatsächlich: Wissen ist Macht - oder anders ausgedrückt: Angst ist oft „nur“ ein Mangel an Information.
Welche Programme sind bei Dir in der Kindheit schiefgelaufen?
Lieber Himmel, das würde hier, glaube ich das Brett vollkommen sprengen. Ich sage einfach mal Stichwort „Identität“, „Selbst-sein“ nicht gelernt, Stichwort Co-Abhängigkeit, Stichwort Vertrauensunfähigkeit - erworben durch vermutlich elterliche Verhaltensweisen von Nicht-Kümmern, Nicht-Zeit-haben, Strafritualen, Strafe und Herabsetzung statt Lob, Druck statt Liebe, Liebesentzug statt Vertrauensaufbau. Darauf resultieren dann Minderwertigkeitsgefühle, mangelndes Identitätsbewusstsein, Selbstzerstörung, instabile Beziehungen, Depressionen …, was rede ich eigentlich lange, kurz gesagt: alle acht Kriterien und ihre Herleitung, die das DRM-II in Sachen Borderline vorgibt, treffen bei mir 1:1 zu.
Die vielen „Baustellen“, die ich habe (Depression, SVV,
psychosom. Beschwerden, Angst- und Panikattacken), münden bei
mir nach der ganzen Analysiererei in Kindheitsprogrammen,
Wer sagt das?
Ich
)
Dadurch dass ich selbst mein bester „Beobachter“ bin, habe ich nach vielen Jahren endlich herausgefunden, dass kein Symptom bei mir einzeln gesehen und bearbeitet werden kann, weil alle aus EINEM Übel resultieren - siehe oben.
Meinst Du damit, daß es unmöglich ist, daß es Dir vorher auch
schon besser gehen kann?
Keine Ahnung, ich glaube nicht, ich sehe ja, dass nicht.
Man hat sogar versucht, mit Antidepressiva meinen Stimmungsschwankungen und Depressionen beizukommen - völlig ohne jegliche Besserung, obwohl ich vier versch. Wirkstoffe ausprobieren „durfte“.
Ich sehe das wie bei körperlichen Beschwerden, wenn jemand z.B. Magenschmerzen hat. Dem bringt es vielleicht vorübergehende Besserung, wenn überhaupt, wenn er jeden Tag sein Renny nimmt. Aber wenn kein Mensch das Magengeschwür, das dahintersteckt behandelt, wird derjenige langfristig nie Ruhe haben.
Du bist
jetzt seit Monaten in einer Therapie und Du beschreibst Dich
als am Ende. Wie viel Zeit, meinst Du, braucht es, bis die
Kindheitsprogramme aufgelöst sind und es Dir ein bißchen
besser geht?
Wenn ich das wüsste, bräuchte ich keine Therapie. Ich bin derzeit auf der Suche nach einem neuen Therapeuten, weil der jetzige keine Struktur in die Therapie bringt, es mutet an, ja, wie soll ich sagen, wie ein „netter Kaffeeklatsch“: wie war die Woche? Blablabla, so war die Woche. Stunde rum? Ach ja, auf Wiedersehen.
DAS bringts für mich nicht. Ich hab jetzt 4 Monate (= ca. 14 Sitzungen) so zugebracht, immer in der Hoffnung, dass sich doch was ändert, hab auch darauf hingewiesen, dass ich mehr „arbeiten“ möchte, mehr Struktur möchte - bisher ohne Erfolg.
Und wenn ein Psychologe mir noch sagt „gehen Sie doch mal mit dem Verstand ran“ (an die eine oder andere Problematik), dann, sorry, zweifle ich an seiner Kompetenz. Wenn ich in der Lage wäre, an meine Probleme mit dem Verstand rangehen zu können, dann bräuchte ich keinen Therapeuten, denn dann würde ich „es“ auch alleine schaffen.
Und wenn ich über psychosom. Beschwerden rede und immer nur höre „keine Ahnung, bin kein Arzt“ … na dann ist er eben nicht der Richtige für MICH.
Für mich heißt Therapie Arbeit, knallharte Arbeit, weil ich überzeugt bin, dass nur eine Arbeit zum Erfolg führt. Nett plaudern kann ich auch mit der Telefonseelsorge. Ich brauche Struktur, „Hausaufgaben“, dass ich das Gefühl habe, ich TUE AKTIV etwas und erzähle nicht mal schnell über die Woche und fertig.
Und für Arbeit (mit dazugehörigem Erfolg - in der Therapie) gehört für mich Aktion und Reaktion und vor allem der Dialog. „Nur reden“ kann ich notfalls mit der Hauskatze, die hört auch gut zu
)
Ja, es ist richtig, daß der Internist das abklärt. Was den
Einfluß der Psyche auf den Körper angeht: Du hast geschrieben,
daß Dir Fernsehdokumentationen Angst machen. Reagierst Du dann
auch körperlich? Ich meine: erhöhter Herzschlag, Zittern,
Schwitzen, Kurzatmigkeit, Atemnot oder so etwas?
Bis es so extrem wird, hab ich nie weitergeguckt. Ich sehe mir prinzipiell nichts an was Krankenhausserien sind oder „blutige“ Dokus.
Kürzlich war was dran über ein Frühchen, das nur 2 Päckchen Butter leicht wog und voller Schläuche war … wie ich da reagiere?
Naja, man weint, das Herz rast, man hat ein unbestimmtes Gefühl von Angst vor weiß nicht was - Alpträume in der Nacht inbegriffen (nicht mehr erinnerbar im Detail).
Ich hätte nicht an Borderline gedacht. Scheint mir bis jetzt
nicht einleuchtend. Wieso bist Du so relativ sicher, daß es
Borderline ist?
Erstens Hausarzt hat drauf getippt, zweitens hab ich „Ich hasse dich, verlass mich nicht - die schwarz-weiße Welt der Borderline-Persönlichkeit“ gelesen, sehr sachlich geschrieben und dokumentiert die ganzen Borderline-Symptome und Auswirkungen perfekt, hat mir mein Therapeut zum Lesen empfohlen.
Dort sind acht Kriterien genannt, nach denen Borderline diagnostiziert wird (http://www.medicine-worldwide.net/krankheiten/psychi… - hier unter Symptome).
Also kannst Du es Dir vorstellen, daß die Psyche einen so
massiven Einfluß auf den Körper haben kann?
Schwer, weil ich mir die „Schnittstelle“ zwischen Seele/Psyche und Körper nicht recht vorstellen, definieren kann.
Wie reagierst Du, wenn die Ärzte festgestellt haben, daß
nichts Körperliches da ist, was die Beschwerden verursacht
hat? Sagst Du Dir dann „O.k., dann wird es nichts Körperliches
sein“? Oder läßt Du die gleichen Untersuchungen irgendwann
noch einmal durchführen?
Kommt drauf an. Meistens bessern sich die Beschwerden dann schlagartig. Dann lasse ich nichts weiter untersuchen. Bessern sie sich nicht, gehe ich oft noch zu einem anderen Arzt. Wenn der auch nichts feststellt, gebe ich erstmal „Ruhe“ und warte ab. Gibt ja immernoch Dinge, wo wirklich mal was ist.
Fragen über Fragen …
Holger