Rhetorischer Stil

Hallo,

helft mir mal bitte auf die Sprünge:

Wie nennt man es noch, wenn jemand zu einer Gruppe spricht und ihr dabei ein Verhalten oder auch eine Absicht oder Einstellung unterstellt, das bzw. die er selbst von dieser Gruppe erwartet?

Bsp. 1: „Deshalb wollen wir alle beharrlich daran arbeiten, dass…“
Bsp. 2: „Weil es uns so gut gefällt, wollen wir nun gemeinsam…“

Also ich komme nicht drauf, wie sich diese (teilweise unschöne) Art der Rhetorik nennt. Kann mir mal jemand aus der Patsche helfen?

Beste Grüße
Mike

pluralis auctoris
Hi,

diesen rhetorischen Stil nennt man pluralis auctoris. Plural des Wortführers.

Ein einvernehmendes, sogar einkassierendes Verhalten, das umgangsprachlich auch als Krankenschwester-Stil bekannt ist, weil der Prototyp
„Na? Wie geht es uns heute?“ oder
„Haben wir heute schon unsere Pillen genommen?“
aus dieser Szene kommt.

Es zeugt in der Regel für mangelndes Distanzierungsvermögen, auch für Konflikt- und Konfrontationsangst.

Eine meist harmlose und nicht in diesem Sinne bemerkte und bemerkbare Variante findet sich in vielen Paarbeziehungen:
„Wollen wir heute ins Kino gehen?“ oder die deutlicher submissive Form:
„Sollen wir heute ins Kino gehen?“

Aber auch das Gegenteil kann situativ damit zum Ausdruck kommen: Eine Respektgrenzen überschreitende Dominanz, die durch die Einvernehmung des anderen dessen ggf. gegenteilige Entscheidung im Vorhinein untergräbt. So z.B. wenn Mutter zum Kind sagt:

„Wollen wir mal das Zimmer aufräumen?“
Ergänze: „Jeder Widerstand ist zwecklos“ :smile:

Gruß
Metapher

ein helles Vergnügen, Deine Antwort. Danke! OWT
.

Hallo,

die deutlicher submissive Form: „Sollen wir heute ins Kino gehen?“

das „sollen“ statt „wollen“ ist im höchsten Norden Deutschland gar nicht submissiv zu verstehen, weil das die wörtliche Übersetzung aus dem Dänischen ist (für „wollen“) und jene Verwendung durchaus üblich.

Überlegungen, ob nun die Dänen oder die Schleswiger besondere Neigung zur Submission in sich tragen, sollen wir wohl mal außen vor lassen :wink:

Gruß,

Malte

Hallo Metapher,

zunächst mal herzlichen Dank für die Antwort. Verständnishalber möchte ich vielleicht noch mal nachhaken, ob dies denn, neben der Frageform, auch für Aussagen zutrifft…?

Bspw. dann, wenn die Mutter das Kind nicht fragt:
„Wollen wir mal das Zimmer aufräumen?“, sondern ihm sagt: „Nun wollen wir mal das Zimmer aufräumen.“

Vielleicht wird das, was ich sagen möchte, auch am Beispiel der Kirche deutlich, wenn z. B. ein Prediger gegenüber der Gemeinde äußert: „Nun wollen wir beharrlich an diese Worten festhalten!“. Damit suggeriert er doch der Gemeinde, dass diese aus freien Stücken genau das wolle (nämlich beharrlich festhalten), was der Prediger von ihr erwartet (ohne dass er diese Erwartung natürlich explizit äußert). Ist dann auch noch vom pluralis auctoris die Rede?

Vielleicht kannst Du mir das noch etwas deutlicher machen?

Beste Grüße
Mike

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erledigt
Hab’s durch Nachdenken gelöst :wink:

Vielen Dank nochmal!

Grüße
Mike

Varianten und Beispiele
Hi, Mike,

ja, da gibt es noch zahlreiche sinnvolle Unterscheidungen von Unterarten des Plural auctoris. Ich wollte es aber nur bei ggf. vorhandenem Interesse weiter ausführen.

Gerade das Mutter/Kind-Beispiel hat viele interessante Varianten:

„Wollen wir mal das Zimmer aufräumen?“
„Nun wollen wir mal das Zimmer aufräumen.“

Natürlich fällt das alles unter den Autorenplural. Aber es sind sehr feine Nuancen darin, die je unterschiedliche Signale senden. Ich habe dafür folgende Beipiele (allerdings müssen sie nicht immer notwendig in der „schärfsten“ Form gemeint sein, sie können auch durchaus ein lockeres und einvernehmliches Sprachspiel sein):

Einmal:
„Wir ziehen uns jetzt die Schuhe an!“
Übersetzt: „gehorche jetzt endlich!“
„Ziehen wir uns jetzt die Schuhe an!?“
Übersetzt: „wehe, wenn du jetzt immer noch nicht gehorchst!“
Wobei es darauf ankommt, welchen „Sound“ die Ausrufezeichen codieren.

Einen noch stärkeren Eingriff können diese Varianten bedeuten:
„Wir wollen uns jetzt die Schuhe anziehen“ v.s.
"Wollen wir uns jetzt die Schuhe anziehen?
mit der jeweils selben Übersetzung. Nur wird hier nicht nur auf die Handlungsweise des K. dominierend übergegriffen, sondern sogar auf seine eigene Willensentwicklung.

Generell hat dieser Plural folgende Varianten:

  1. Einvernahme zwischen dem Ich des Redners und dem oder den anderen
  2. Abgrenzung zwischen Redner und Zuhörer

Die Einvernahme wiederum hat zwei Valenzen:
1.1. ICH übernimmt die Souveränität, indem es die Zustimmung der anderen vorunterstellt und sie sich damit unterordnet.
Das ist die sog. „dominante“ Form
(hier trifft dein Pfarrer-Beispiel zu)
1.2 ICH überläßt (oder übergibt) die Souveränität den anderen und ordnet sich ihnen ein. ICH ist bekundet Bereitschaft zur (An)Teilnahme.
Das ist die sog. „submissive“ Form.

Letzteres wird auch manchmal als pluralis modestiae, Plural der Bescheidenheit oder der Demut, bezeichnet:
„Was machen wir jetzt?“
„Wollen wir jetzt mal die Pizza bestellen?“
„Wie geht es uns heute?“
Wobei Letzteres ebenso die Konnotation „1. Abgrenzubng/Dominanz“ haben kann („Ich bin die Krankenschwester und hab hier das Sagen!“)

Beispiele für „Abgrenzung“:
„Bleiben wir doch mal fair!“
= „Ihr seid unfair! Aber ich nicht!“

Sie finden sich zahlreich in politischen Disputen:
„Manchen wir doch mal folgendeÜberlegung …“
= „Ich bin clever und ihr sollt einsehen, daß ihr dumm seid“

Gruß
Metapher

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Wir!
Hallo, Mike,

mir fällt dazu die alte Geschichte ein von dem Bauern und dem Knecht, denen auf dem Heimweg vom Feld eine Hase über den Weg läuft.
Geistesgegenwärtig wirft der Bauer die Gabei und erwischt den Hasen.

„Heute Abend“, sagt er dann, „essen wir Hasenbraten! Ich!“

Kurz darauf kommt der Jäger, sieht den Haen, nimmt ihn dem Bauern ab und verdrischt ihn nach allen Regeln der Kunst. Achja, die gute alte Zeit.

Nachdem der Jäger mit dem Hasen gegangen war, sagt der Knecht: „Jetzt hammer aber Dresche gekriegt! Du!“

Gruß Fritz

Anekdote

In der (großen) Familie eines Schulfreundes trafen wir uns oft, um abende lang und manchmal nächtelang zu diskutieren. Die Eltern waren meist mit von der Partie.

Als einmal dem weiblichen Oberhaupt die Stunde geschlagen hatte, sagte sie: „Jetzt sind wir alle müde. Jetzt gehen wir ins Bett.“

Nun ja, sie leistete dem Befehl(sic!) als einzige Folge. Für uns aber war das dann jedenfalls noch lange Diskussionthema.

Metapher

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Hallo Metapher,

da erinnerst Du mich an Zeiten, in denen Diskussionsabende in unserer damaligen Studentenbude in München damit endeten, dass jemand aufstand und mit frischen Brötchen zurückkam. Interessant ist aber auch, dass sich oftmals die vorhandene Menge an Tabak ein entschiedenes Mitbestimmungsrecht über die Länge eines solchen Abends vorbehielt :wink:

Nochmals herzlichen Dank für die großartige Hilfe, für die ich einen Stern vergebe.

Beste Grüße
Mike

Köstlich!! Danke! owT
.