Rhythmus-Gefühl: ab wann haben es Kinder?

Hallo,

ich tanze schrecklich gern. Und es gibt gewisse Arten von Musik, da kann ich einfach nicht still halten. Meine Tochter (4 J.) tanzt auch schrecklich gern und liebt es, wenn wir zusammen durch die Wohnung tanzen. Wenn ich aber mal versuche, mit ihr im Takt zu einer Musik zu klatschen, wird das nichts. Auch wenn sie tanzt, ist es eher ein wildes „Zur-Musik-Bewegen“, wobei keinerlei Zusammenhang zum Rhythmus der gehörten Musik besteht.

Ihr Vater kann auch nicht wirklich im Takt zur Musik klatschen bzw. dazu im Takt tanzen. Ist „sowas“ vererbbar?

Ab welchem Alter kann man überhaupt davon ausgehen, daß ein Rhythmusgefühl vorhanden sein kann?

(oder vielleicht sollte ich die Frage lieber im Brett Eltern-Kinder stellen?)

Schöne Grüße,
Gabi

Hallo Gabi,

als mehrfacher Vater kann ich bestätigen, dass Kinder da sehr unterschiedlich sein können. Aber ein Rhythmusgefühl kann durchaus schon bei Zweijährigen vorhanden sein.

Gruß

Bona

meiner meinung nach hat jeder ein rhythmusgefühl, besonders kinder. ob man dies auch in körperliche bewegung umsetzen kann, ist glaube ich eine andere frage und eher übungs- als vererbungssache.

im prinzip wird es wie so vieles mit der vernetzung der gehirnhälften zusammenhängen, und das würde bedeuten, daß du bei deiner kleinen noch viel erreichen kannst. aber ich gebe noch folgendes zu bedenken: vielleicht will sie gar nicht im takt klatschen bzw. sieht den sinn dahinter nicht. ich sehe im takt klatschen auch nicht unbedingt als große kulturelle leistung an, sondern eher als zugeständnis an eine konvention oder von mir aus auch als akt der unterwerfung, wenn du verstehst was ich meine. für eine 4-jährige nicht unbedingt ein erstrebenswertes ziel…

ja, verstehe sehr gut, was Du meinst. Genau den Gedanken hab ich auch - deswegen will ich mich ja auch erst mal ganz behutsam mit dem Thema beschäftigen.

Bisher hab ich immer gedacht, daß sie halt die gehörte Musik so „auslebt“ wie ihr es grad Spaß macht - und das halte ich für mindestens ebenso wichtig wie die Takt-Konventionen.

Aber es fällt mir gleichzeitig schwer, zuzusehen, wie sie MEINE Tänze nachmachen will und es nicht hinbekommt - weil sie dafür tatsächlich das „klassische“ Taktgefühl haben müßte… dann ist sie immer sehr frustriert!

Schöne Grüße,
Gabi

Hi

Ich würde meinen, das es einen Unterschied macht, ob jemand Musik toll findet und sich dazu bewegt, oder er es auch schafft, einen einfachen Takt zu halten. Ein Freund von mir war absolut musikfanatisch, aber „Null“ Taktgefühl. Einfaches Händeklatschen im Takt war schon eine unerfüllbare Herausforderung.
Im alter von 4 Jahren sollte es möglich sein, einen Takt mithalten zu können. Vielleicht nicht auf längere Zeit, aber ein paar Takte sollten es werden.

Gruß Nino

Aber es fällt mir gleichzeitig schwer, zuzusehen, wie sie
MEINE Tänze nachmachen will und es nicht hinbekommt

merkt sie selbst, daß es nicht hinhaut (und wenn ja, woran?), oder sagst du es ihr?

dann ist sie immer sehr frustriert!

sollte zweiteres der fall sein, könnte ich das gut verstehen :wink:

Ich habe vor einiger Zeit für mehrere Jahre als Kindertanzlehrerin gearbeitet und kann Dich (wie meine Vorredner/-schreiber) auch dahingehend beruhigen, daß jedes Kind seine eigene ‚Geschwindigkeit‘ hat, Dinge zu lernen bzw. Fähigkeiten zu entwickeln. Ebenso wie in allen anderen Bereichen natürlich auch im musikalischen/tänzerischen Bereich - also nicht verrückt machen und vor allem NIE NIE NIE Deine Kleine in irgendeiner Form unter Druck setzen…! Aber da sag’ ich Dir ja bestimmt nichts Neues :smile:

Grundsätzlich können Kinder in diesem Alter und auch schon früher einen durchgängigen TAKT hören und durch Bewegung (allerdings nur mit Übung) z.B. durch leichte Tanz- und Bewegungsspiele mitmachen/umsetzen. Unter Takt versteht sich hier der gleichförmige Ablauf der meist (gut) hörbaren Schläge in der Musik. Hierzulande sind dies meist 4 Schläge z.B. im 4/4-Takt oder (seltener und schon schwieriger) 3 Schläge im 3/4-Takt, was den typischen Walzer ausmacht. (ich hoffe, ich kriege hier eine verständliche Mischung für Nichtmusikler und eingeweihtere Musiktheoretiker hin…).
Ein ganz anderes Paar Schuhe ist dagegen ein spezieller RHYTHMUS, der in unseren ‚Erwachsenentänzen‘ dargestellt wird, und aus einer individuellen Abfolge verschieden langer Töne/Noten/Bewegungen besteht.

Viele Kinder können nun oft schon sehr früh einen Takt hören und nachempfinden, was man daran sehen kann, daß sie teilweise im Takt der Musik mitwippen oder -nicken.
Einfache Tanzspiele können Kinder unter Anleitung und Übung, also auch mit verschiedenen leichten Rhythmen, im Alter von ca. 3-5 Jahren erlernen und auch selbständig zur Musik ausführen (allerdings auch nicht alle!).

Was ich vermute, ist daß Du einen ganz normalen ‚Erwachsenentanz‘ mit festen Richtungen und Schrittfolgen (Walzer, Discofox oder Partytänze wie Macarena etc.) mit Deiner Tochter tanzen wolltest. Und das ist dann definitiv für eine 4-Jährige zum einfachen Abschauen und Nachtanzen zu vielschichtig und zu kompliziert.

Also freue Dich mit Ihr, wenn sie grundsätzlich Spaß an der Bewegung zur Musik hat und fördere das ruhig, indem Du sie bekräftigst und lobst bei dem, was sie tut. Versuche ruhig, ihr mit Abstand nacheinander einzelne Bewegungen zu zeigen und mit ihr zu üben, wenn sie das mag, und bestärke sie in ihrem Tun im Rahmen ihrer ganz individuellen Möglichkeiten. Dann wird sie am ehesten Selbstsicherheit erhalten und auch Freude am Tanzen mit Dir haben und behalten.

Viele Grüße und weiterhin viele schöne gemeinsame Tänze
Kerstin

PS: Wenn Du magst, erkundige Dich doch mal in einer oder mehrern Tanzschulen bei Euch vor Ort nach Kindertanzkursen (es gibt vom ADTV seit ein paar Jahren einen separaten Ausbildungszweig ‚Kindertanzlehrer‘). Wenn so etwas angeboten wird, halte ich das für eine sehr gute Förderung der allgemeinen kindlichen Entwicklung.

herzlichen Dank an Euch! owT

Mein Tip: Marschmusik
Hallo Gabi,

das intuitive Erkennen des Pulses einer Musik erfordert eine allmähliche Annäherung von der Simplizität zur Komplexizität rhythmischer Strukturen. Musik, die wir als Erwachsene mit unserem im Laufe der Zeit durch vielfaches Musikhören geschulten Gehör als rhythmisch simpel empfinden, klingt für ein Kind ungleich komplex. Ich bin als Kind von ca. 4-6 Jahren begeistert zur Marschmusik der Musikkapellenumzüge örtlicher Schützenvereine marschiert. Sehr genau erinnere ich mich daran, mit welcher Gewalt der Rhythmus der Marschmusik mir in die Glieder fuhr und welches Vergnügen es mir bereitete, meinen Körper vom Rhythmus im Akt des Marschierens „mitnehmen“ zu lassen.

Im Radio hörte ich damals Drafi Deutscher, Freddy Quinn, Heintje, Petula Clark und Fifth Dimension und andere Schlager der 60er Jahre. Meine musikalisch-rhythmische Gehörbildung ging also aus von Marschmusik, gefolgt von deutschen und ausländischen Schlagern, die wurden in den 70ern abgelöst von Pop, Country, Reggae, Soul und Funk. Dann, Anfang der 80er begann mir ganz allmählich auch Jazz zu gefallen (wobei ich nach wie vor keinen Freejazz mag, es muß immer tanzbarer, also rhythmisch klar strukturierter Jazz sein!).

1982 habe ich beim Hören einer Platte von Carlos „Patato“ Valdez die rhythmische Struktur des dort gespielten Guaguancó noch nicht verstanden. Später, als ich dann das Trommeln lernte, begriff und erlernte ich auch diese Strukturen zu fühlen. Irgendwann habe ich durch ausprobieren entdeckt, daß man auch sehr gut auf die Upbeats der Musik tanzen kann, also im „Gegentakt“. Inzwischen tanze ich fast alle Musik, die dies musikalisch zuläßt, (übrigens wie die HipHopper) auf die Upbeats (also die gezählten „unds“), nicht wie früher auf die Downbeats. Cubanischer Son wird traditionell ebenfalls „en contratiempo“ getanzt, die Schritte also auf 2, 3 und 4 und nicht auf 1, wobei die „betonten“ Schritte die 2 und die 4 sind. Dabei hat man eher das Gefühl zu schweben. Viel Spaß beim Ausprobieren. Und vor allem auch mit der Marschmusik… :wink:

Gruß, Uwe