Richtig oder falsch? IC/Prozessorentwicklung

Hallo,

die Entwicklung moderner, hochintegrierter
Schaltkreise auf dem Weg zu den heute meist-
verbreiteten Prozessoren (x86) wurde ab 1964
eingeleitet, weil das Pentagon kleine
und schnelle Recheneinheiten in die ballistischen
Interkontinental-Atomraketen einbauen wollte, um
deren Treffsicherheit zu erhöhen!?

Stimmt das so?

Grüße

CMБ

Hallo,

die Entwicklung moderner, hochintegrierter
Schaltkreise auf dem Weg zu den heute meist-
verbreiteten Prozessoren (x86) wurde ab 1964
eingeleitet, weil das Pentagon kleine
und schnelle Recheneinheiten in die ballistischen
Interkontinental-Atomraketen einbauen wollte, um
deren Treffsicherheit zu erhöhen!?

Stimmt das so?

der erste Prozessor in der Richtung, den man als „Urvater“ der x86-Linie sehen kann, ist wohl der Intel 8008 von 1972. Der wurde allerdings (AFAIK) noch nicht militärisch genutzt, sondern lt. wikipedia in „Terminals, Tischrechnern, Verpackungsmaschinen, Analysegeräten…“.

Für Berechnungen in Marschflugkörpern oder bspw. dem Space Shuttle war wohl erst der Intel 8080 ff. geeignet (die schon _erheblich_ schneller waren).

Da also die zeitliche Reihenfolge in der Entwicklung eine andere war, scheint es mir schlüssig, daß der Kausalzusammenhang mit militärischer Nutzung als Hauptmotivation nicht gültig ist.

Wenn Du noch weiter zurück gehst, landest Du beim Intel 4004, zu dem bei wikipedia zu lesen ist

„Er gilt als der erste Ein-Chip-Mikroprozessor, der in Serie produziert und am freien Markt vertrieben wurde.
(…)
Der Intel 4004 wurde bereits im Jahr 1969 von der japanischen Firma Busicom zunächst für neuartige und hochwertige Rechenmaschinen bei Intel in Auftrag gegeben.“

Natürlich kann man nun die Qualität von wikipedia in Frage stellen, und man auch „geheime“ Prozessoren vermuten, die nicht-öffentlich und im militärischen Auftrag existiert hätten. Muß man aber nicht.

Gruß,

Malte

Hallo beisammen,

die Entwicklung moderner, hochintegrierter
Schaltkreise auf dem Weg zu den heute meist-
verbreiteten Prozessoren (x86) wurde ab 1964
eingeleitet, weil das Pentagon kleine
und schnelle Recheneinheiten in die ballistischen
Interkontinental-Atomraketen einbauen wollte, um
deren Treffsicherheit zu erhöhen!?

Stimmt das so?

Dazu habe ich keine Informationen und ich weiss auch nicht ob das Pentagon diese Informationen freigegeben hat.

Eine der treibenden Kräfte war sicher IBM. IBM war bis etwa in die 80er der weltweit grösste Halbleiterhersteller, allerdings hat IBM nie für den freien Markt produziert !
Auch die ersten Shuttle-Computer stammten von IBM.

der erste Prozessor in der Richtung, den man als „Urvater“ der
x86-Linie sehen kann, ist wohl der Intel 8008 von 1972. Der
wurde allerdings (AFAIK) noch nicht militärisch genutzt,
sondern lt. wikipedia in „Terminals, Tischrechnern,
Verpackungsmaschinen, Analysegeräten…“.

Eigentlich ist der Urvater der 4004, der war noch eine 4-Bit CPU. Der 8008 war die auf 8-Bit erweiterte Variante. Der 8080 war dann eigentlich nur ein verbesserter 8008.
Das Problem bei Intel war und ist, dass alles kompatibel gehalten wurde, man schleppt eigentlich heute noch das Konzept vom alten 4004 mit. Vor allem hat man die Register-Architektur lange immer nur erweitert. Eines der Haptmerkmale war lange Zeit, dass viele Befehle nur mit bestimmten Registern möglich waren. z.B. waren die Register A und B reine Akkumulatoren, für indexierte Speicherzugriffe konnte nur das Registerpaaar HL verwendet werden.
Der 8086 war auch ein erweiterter 8080/8085. Es gan sogar ein Programm, welches 8080-Assemblersource-Code automatisch in 8086-Assemblerbefehle übersetzte. Damit konnten zwar alte Programme sehr schnell von CP/M auf CP/M-86 portiert werden, der 8086 wurde dadurch aber nicht ausgenutzt (Die Programme waren gross und langsam).

Für Berechnungen in Marschflugkörpern oder bspw. dem Space
Shuttle war wohl erst der Intel 8080 ff. geeignet (die schon
_erheblich_ schneller waren).

Nö, da waren andere drin, welche nicht auf dem offiziellen Markt erhältlich waren. 1980 wurden für diesen Zweck schon 100-150MHz Prozessoren fabriziert (Diese Information habe ich 1980, als uns ein Halbleiterentwickler wegen einem ASIC-Projekt besuchte, erhalten).

Der Intel 4004 wurde bereits im Jahr 1969 von der japanischen
Firma Busicom zunächst für neuartige und hochwertige
Rechenmaschinen bei Intel in Auftrag gegeben."

Das stimmt so nicht:
Busicom, hat Intel einen Auftrag erteilt, ein Terminal mit wenigen Bauteilen zu entwickeln (das Ziel waren güntigere Herstellungskosten). Mir kommt der Name gerade nicht inden Sinn, aber jedenfalls kam der Entwickler bei Intel dann auf die Idee, das nicht mit fest verdrahteter Logik zu machen, sondern einen programmierbaren Baustein, im Prinzip den späteren 4004, zu entwickeln. Allerdings was damals Busicom das Terminal zu langsam, und Intel blieb auf der Entwicklung sitzen.

MfG Peter(TOO)

Hallo,

die Entwicklung der ersten integrierten Schaltungen geht
auf Jack Kilby im Jahre 1958 zurück.

http://de.wikipedia.org/wiki/Jack_Kilby

Daß die Entwicklung der Elektronik auch auf militärischem
Gebiet von großem Interesse war, ist wohl klar.

Kann auch sein, daß die Entwicklung von speziellen
integrierten Schaltungen vom Militär gefördert wurden.

die Entwicklung moderner, hochintegrierter
Schaltkreise auf dem Weg zu den heute meist-
verbreiteten Prozessoren (x86) wurde ab 1964
eingeleitet, weil das Pentagon kleine
und schnelle Recheneinheiten in die ballistischen
Interkontinental-Atomraketen einbauen wollte, um
deren Treffsicherheit zu erhöhen!?
Stimmt das so?

Ich denke auch, die Militärs waren eher nur Nutznießer
als treibende Kraft der Entwicklung.

Gruß Uwi

Hallo Uwi, Malte und Peter

Kann auch sein, daß die Entwicklung von speziellen
integrierten Schaltungen vom Militär gefördert wurden.

Wahrscheinlich richtig und auch zu erwarten gewesen.

Ich denke auch, die Militärs waren eher nur Nutznießer
als treibende Kraft der Entwicklung.

Ich hatte mal ein wenig herumgesucht, aber in den
Prozessorhistorie-Geschichten klafft immer irgendwie
ein Loch. Der 4004 ist plötzlich da. Praktisch über
Nacht. Und jetzt haltet euch fest. Jerry Pournelle,
u.a. ein „Senior Columnist“ bei Dr. Dobbs, lässt
in der aktuellen DDJ-Ausgabe den Vorhang fallen.

JP schreibt also (p. 82f)

 ... In 1964, I was the <u>General Editor</u> of a classified USAF 
 Systems Command study called "<u><b>Project 75</b></u>." This was 
 conducted by the San Bernardino campus of the Aerospace 
 Corporation and was done by the Ballistic Systems Division 
 in conjunction with the Air Systems Divisions companion 
 study Project Forecast directed by Col. Francis X. Kane. 
 As to why San Bernardino, General Schriever wanted this 
 study group as far from the Pentagon as you could get 
 and still be in the continental U.S. To get to San 
 Bernardino, you had to go to Los Angeles, then drive 
 back a hundred miles into the low desert. It was also 
 a place few wanted to go. 

„General Editor“, das hört sich nicht schlecht an …
Aber jetzt:

 <u>Project 75</u> was ambitious. The goal was to look at every-
 thing we knew about ballistic missiles, including what 
 we knew about the Soviet programs, then project that
 to the year 1975. We would then look at what we'd need in
 1975 to fulfill the USAF missions and that would help de-
 termine what technologies we should begin developing in
 1965 so we would have in 1975 the future -- at least, in
 the realm of ballistic missiles -- we wanted. The study 
 was large and highly classified, and many of those who 
 worked on it, including me, were not authorized to see 
 the end product (even though, in my case, <u>I had written</u>
 <u>just about every word in it</u> -- which makes more sense 
 than is apparent at first sight). 

Und damit ist auch irgendwie klar, was nun passieren musste:

 There were a number of conclusions and recommendations for 
 new technology development, but one stood out -- we needed 
 <u>better accuracies at intercontinental range</u>. If you want 
 to hit the other guy's weapons and minimize damage to his
 cities, you want to use small accurate birds rather than
 monster nukes. 

 <u>One way</u> to get that accuracy was to develop <u>better inertial</u> 
 <u>platforms</u> with smaller and more accurate gyros so that the 
 missile knew where it was at all times. We were already 
 working on that, moving inertial gyros from basketball-sized 
 with mechanical coupling to grapefruit-sized with laser data 
 acquisition.

OK, das wäre die herkömmliche Idee.
Aber dazu muss man nicht ein geheimes Camp in San Bernardino
durchfüttern:

 The <u>next step</u> was to make use of that <u>better position</u>
 <u>information</u>, and the only way to do that was by <u><b>on-board</b></u>
 **<u>guidance computers</u>**. (A moment's thought will show that
 you don't dare allow an ICBM to accept midcourse cor-
 rections from ground bases.) **<u>We recommended development</u>**
 **<u>of on-board guidance computers</u>**. That required computers
 that were much smaller and lighter than any then in
 existence. This, in turn, **<u>required Large-Scale Integrated</u>**
 **<u>Circuits</u>**. 

Was hat das Pentagon gemacht? Die haben das tatsächlich gebaut:

 Accordingly, the Department of Defense <u>directed investments </u>
 <u>into LSIC technologies</u>. The result was better on-board 
 guidance, and thus, far more accurate missiles, which was 
 the future we were trying to invent -- but there were other 
 results. <u>The work led to the 4004 chip</u>, then the 8080 by 
 way of the 8008. That was good enough to power small 
 general-purpose computers, such as the Altair, Sphere, 
 Imsai -- all now on display in the Smithsonian, right next 
 to Ezekiel, my old friend who happened to be a computer. 
 The personal computer was born. So was BYTE magazine and 
 Dr. Dobb's Journal and this column. 
 ...

Zumindest ein kleiner Anhaltspunkt, wenn auch noch
keine genauen technischen Details der Entwicklung.
Aber ich halte die Veröffentlichung dennoch für
bemerkenswert. Eine kleine Lücke schliesst sich.

Grüße

CMБ

1 „Gefällt mir“

Hallo,

ich halte diese Veröffentlichung für nicht so spektakulär
und der Schluß, daß die Militärs Prozessoren im heutigen
Sinne gesucht haben, wird ja eher widerlegt.

Natürlich waren die an Miniaturisierung interessiert.
Immerhin gab es ja schon um 1965 die ersten Tischrechner
(Vorgänger des Taschenrechners) und es war eigentlich
zwingend, daß in weitere Entwicklungen auch die ständig
höher integrierten Logig-IC eingebaut werden.

Ich denke, man dachte auch damals wie heute in erster
Linie an Halbleiterspeicher wenn es um höhere Integration
geht. Die Speicher sind immer die Spitze der Integration.
Außerdem konnte man man mit höher integrierten IC auch
komplette Funktionseinheiten eines Computers realisieren.
Bis dahin wurden Computer ja mühselig aus einzelnen
Transistoren und niedrig integrierten Logig-IC
zusammengebaut. RAM bestand nur aus Magnetkernspeichern.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Militärs waren natürlich
ganz offensichtlich an höher integrierten IC interessiert,
aber die Entwicklung hat sie dann eingeholt, weil
jemand plötzlich die Idee hatte, frei programmierbare IC ,
genannt „Mikroprozessoren“ zu bauen.
Den 4004 Chip haben die sicher nicht erfunden, denn deren
Geschichte scheint doch relativ gesichert, oder?

Jedenfalls, nachdem die Dinger einmal existierten,waren sie
quasi Selbstläufer.

Gruß Uwi

Kann auch sein, daß die Entwicklung von speziellen
integrierten Schaltungen vom Militär gefördert wurden.

Wahrscheinlich richtig und auch zu erwarten gewesen.

Ich denke auch, die Militärs waren eher nur Nutznießer
als treibende Kraft der Entwicklung.

Ich hatte mal ein wenig herumgesucht, aber in den
Prozessorhistorie-Geschichten klafft immer irgendwie
ein Loch. Der 4004 ist plötzlich da. Praktisch über
Nacht. Und jetzt haltet euch fest. Jerry Pournelle,
u.a. ein „Senior Columnist“ bei Dr. Dobbs, lässt
in der aktuellen DDJ-Ausgabe den Vorhang fallen.

JP schreibt also (p. 82f)

… In 1964, I was the
General Editor of a classified USAF
Systems Command study called „Project 75.“ This
was
conducted by the San Bernardino campus of the Aerospace
Corporation and was done by the Ballistic Systems Division
in conjunction with the Air Systems Divisions companion
study Project Forecast directed by Col. Francis X. Kane.
As to why San Bernardino, General Schriever wanted this
study group as far from the Pentagon as you could get
and still be in the continental U.S. To get to San
Bernardino, you had to go to Los Angeles, then drive
back a hundred miles into the low desert. It was also
a place few wanted to go.

„General Editor“, das hört
sich nicht schlecht an …
Aber jetzt:

Project 75 was ambitious. The goal was
to look at every-
thing we knew about ballistic missiles, including what
we knew about the Soviet programs, then project that
to the year 1975. We would then look at what we’d need in
1975 to fulfill the USAF missions and that would help de-
termine what technologies we should begin developing in
1965 so we would have in 1975 the future – at least, in
the realm of ballistic missiles – we wanted. The study
was large and highly classified, and many of those who
worked on it, including me, were not authorized to see
the end product (even though, in my case, I had
written
just about every word in it – which makes more sense
than is apparent at first sight).

Und damit ist auch
irgendwie klar, was nun passieren musste:

There were a
number of conclusions and recommendations for
new technology development, but one stood out – we needed
better accuracies at intercontinental range. If you
want
to hit the other guy’s weapons and minimize damage to his
cities, you want to use small accurate birds rather than
monster nukes.

One way to get that accuracy was to develop better
inertial
platforms with smaller and more accurate gyros so that
the
missile knew where it was at all times. We were already
working on that, moving inertial gyros from basketball-sized
with mechanical coupling to grapefruit-sized with laser data
acquisition.

OK, das wäre die herkömmliche Idee.
Aber dazu muss man nicht ein geheimes Camp in San Bernardino
durchfüttern:

The next step was to make use of
that better position
information, and the only way to do that was by
on-board
guidance computers. (A moment’s thought will
show that
you don’t dare allow an ICBM to accept midcourse cor-
rections from ground bases.) We recommended
development

of on-board guidance computers. That required
computers
that were much smaller and lighter than any then in
existence. This, in turn, required Large-Scale
Integrated

Circuits.

Was hat das Pentagon gemacht?
Die haben das tatsächlich gebaut:

Accordingly, the
Department of Defense directed investments
into LSIC technologies. The result was better on-board
guidance, and thus, far more accurate missiles, which was
the future we were trying to invent – but there were other
results. The work led to the 4004 chip, then the 8080
by
way of the 8008. That was good enough to power small
general-purpose computers, such as the Altair, Sphere,
Imsai – all now on display in the Smithsonian, right next
to Ezekiel, my old friend who happened to be a computer.
The personal computer was born. So was BYTE magazine and
Dr. Dobb’s Journal and this column.

Zumindest ein kleiner Anhaltspunkt, wenn auch noch
keine genauen technischen Details der Entwicklung.
Aber ich halte die Veröffentlichung dennoch für
bemerkenswert. Eine kleine Lücke schliesst sich.

Grüße

CMБ