Hallo!
Ich hab zu Hause eine Literaturquelle, in der englische Wissenschaftler etliche Experimente dazu beschreiben.
Die Täuschung beträgt bis zu 300%. Es handelt sich um ein psychologisches Phänomen aus dem Bereich der Wahnehmungspsychologie, konkret der Wahrnehmungskonstanz.
Zwar beeinflussen physikalische Effekte - z.B. staubige Atmosphäre - die Größe, aber nur zu 0,3%.
Wahrnehmungskonstanz ist eine faszinierende Erscheinung.
Aufgabe unsrer Wahrnehmung ist ja, daß wir uns in der Umwelt zurechtfinden. Wer den Löwen nicht erkennt, wird gefressen.
Dabei besteht die Schwierigkeit, daß wir eine Abbildung im Auge zur Verfügung haben, die sich ständig ändert: Ein Rechteck aus wechselnder Richtung wirft x verschiedne Trapeze auf die Netzhaut und das auch noch in völlig verschiedener Größe, sobald wir unseren Abstand ändern.
Unser Gehirn gibt sich alle Mühe, das, was tatsächlich konstant bleibt, uns auch als solches zu präsentieren. Obwohl der Löwe also noch 10mal soweit weg ist, also im Auge 10mal kleiner abgebildet wird, verwechseln wir ihn nicht mit einem Katzenjungen.
Solche Konstanzphänomene gibt es mehrere, z.B.:
Helligkeitskonstanz: Obwohl die schwarzen Zeitungsbuchstaben bei Sonne 1000mal heller sind als bei Kerzenschein, erscheinen sie uns immer noch schwarz, nicht weiß.
Farbkonstanz: Trotz gelber Abendsonne bleibt das weiße Hemd weiß.
Formkonstanz: Obwohl wir nur selten einen Tisch, ein Fenster exakt von vorn betrachten, sehn wir’s meist rechteckig statt verzerrt.
Das Löwenbeispiel meint Größenkonstanz. In der Straßenbahn hat niemand den Eindruck, daß jemand, der 5 Reihen weiter vorn sitzt, nur noch 35cm groß sei im Vergleich zu den Leuten direkt vor einem.
Das Gehirn verrechnet dabei ganz banale physikalische Gesetzmäßigkeiten: Entfernung ist umgekehrt proportional zur Abbildgröße. Also wird aus der wahrgenommenen Entfernung und der Größe des Netzhautabbildes auf die Größe des Objektes geschlossen. (siehe Experiment unten)
Der Prozeß läuft sehr schnell ab und ohne uns bewußt zu werden.
Wahrnehmung funktioniert prima. Aber nicht von Anfang an, sowas wird teilweise erlernt. Beim Blick vom Turm gehts z.B. oft nicht so gut, weil wir da viel weniger Gelegenheit zum Erfahrung sammeln hatten. Deshalb wirken Leute rasch „wie Ameisen“. Hier liegt der Grund für die Mondtäuschung: Wir hatten nie Gelegenheit, mal hinzuspaziern, um die Entfernung zu klären. Alle Tips und Tricks zur Entfernungsbestimmung, die unser Gehirn sonst erfolgreich einsetzt, versagen. Weiter unten ist schon der Trick mit der Bewegungsparallaxe beschrieben. Aber es gibt weitere:
Je mehr Dinge sich vor einem Objekt befinden, desto weiter ist es weg. Am Ende der Wüste wirkt der Mond deshalb nicht ganz so groß, wie am Ende der Großstadt mit Masten, Häusern, Bäumen und erst recht am Zenit, wo ja nix dazwischen ist.
- 10 m nach oben sind weiter weg, als 10m geradeaus. Physikalisch stimmt das zwar nicht, aber unser psychologischer Wahrnehmungsraum richtet sich nicht nach Euklid. Das führt dazu, daß wir den Himmel wie eine flache Schüssel behandeln, an die der Mond „geheftet“ ist. Auch dadurch „bildet sich unser Hirn ein“, er sei am Horizont weiter weg als am Zenit. Und nach dem Strahlensatz wird seine Größe dann nach oben korrigiert.
Mich hat folgendes Experiment beeindruckt:
a) Eine Minute lang ein schwarzes Viereck auf weißem Papier anstarren, ohne die Augen zu bewegen. Danach das Papier umdrehen oder einfach auf die Tischplatte sehen, nach einigen Sekunden erscheint als Nachbild ein weißes Viereck.
b) Dasselbe nochmal, diesmal aber auf eine Wand sehn, die weiter weg ist, kann auch eine gegenüberliegende Hauswand sein.
Eigentlich müßte das Nachbild dieselbe Größe haben, aber der Wahrnehmungsapparat errechnet die Größe passend zur Entfernung der Wand. Plötzlich erscheint das Viereck viel größer.
Der Witz bei der Mondtäuschung besteht noch darin, daß wir uns gleich ein zweites Mal ein Bein stellen: Weil der Mond so groß aussieht, meinen wir sogar, er sei näher dran als wenn er hoch am Himmel steht.
Tschuess, Sven.
P.S. Noch was. Die Täuschung funktoioniert auch auf Bildern, aber geringer. Bei Mondfotos ist man dann hinterher enttäuscht, wie winzig der helle Fleck geworden ist.