Hallo Karin,
alldieweil die Wogen mal wieder hoch schlagen, noch ein paar Anmerkungen zur Sache, und gleich hier, obwohl ich ein paar Punkte von anderen aufgreife.
(1) Zum Thema Tränke: Auf einem der Bilder sieht man im Hintergrund das Tränkefass. Wasser ist also ok, soweit das Fass ab und zu neu gefüllt wird - Wasserbedarf ist bei Milchkühen sehr viel höher als bei den gezeigten Mutter- oder eventuell Ammenkühen, weil sie ja schon ihre 20-25 Liter täglich wieder als Milch abgeben, auch einen höheren Grundumsatz haben als Jungvieh, trockenstehende Kühe oder die hier gezeigten Mutterkühe & Kälber / Jungrinder. Soweit man von den Bildern aus die Herde und das Fass einschätzen kann, dürfte es auch bei trockenem Sommerwetter reichen, wenn das Fass alle acht Tage neu gefüllt wird.
Diese Form der Tränke ist sehr viel günstiger als etwa Bachlauf oder Quelle, weil sich dort im unvermeidlichen Schmadder unweigerlich Infektionsherde aller möglichen Parasiten bilden.
Wenn man aus natürlichen Gewässern oder Gräben tränken will, installiert man ein Tränkebecken mit einem Pumpmechanismus (ähnlich der Ventilzunge, die Du am Tränkefass siehst, aber länder und größer), um das Wasser sauber ins Tränkebecken zu kriegen. Die Tiere lernen das Pumpen schnell.
(2) Zum Thema Weide: Futter ist noch genug da, aber die Weide ist nicht besonders gut geführt - „Top Zustand“, wie an anderer Stelle im Thread geäußert, sieht ganz anders aus. Die problematischen Punkte im Einzelnen:
Der Bestand ist dominiert von Knaulgras oder einem ähnlichen stark horstbildenden Gras mit geringem Futterwert, um das selektiv herumgefressen wird, so dass sich die Horste umso mehr ausbreiten können. Es wäre besser, bei dem kleinen Viehbestand viel kleinere Flächen am Stück zuzuteilen, so dass sauberer abgefressen wird, und öfter umzutreiben. Portionsweide mit ein- zweitägigem Nachschlagen des Zauns wird heute wegen des Arbeitsaufwandes kaum mehr gemacht, und wenn, nur bei Milchvieh. Ist aber die für die Führung der Weide die viel bessere Technik. Alternativ könnte man mit kleineren Koppeln, besser mit einer größeren Herde, ähnliches erreichen. Außerdem wäre es nötig, gleich nach dem Abweiden nachzumähen oder zu Mulchen, eventuell vorher durch Schafe nachweiden zu lassen. Auf diese Weise könnten sich Untergräser mit gutem Futterwert besser halten. Und zuletzt sieht man im Hintergrund ein Stück, das mit breitblättrigem Ampfer fast zugewachsen ist, was auf eine schlecht organisierte Gülle- oder Schwemmistwirtschaft schließen lässt.
Kurz: Aller Wahrscheinlichkeit nach entweder ein „Mondscheinbauer“ im Nebenerwerb, oder ein Landwirt, der sich anderweitig spezialisiert hat und die Weidemast nebenher mitlaufen lässt, auf den Stücken, die er sonst nicht verwenden kann (die Weide befindet sich auf einem schlechten, anmoorigen Talgrund, auf dem man sonst nichts anfangen kann). Für den Mondscheinbauer spricht der etwa dreissig Jahre alte winzige Ladewagen, den man im Hintergrund sieht. – Weidemast beim Profi sieht schon ein bissel anders aus, da gebe ich Dir Recht.
(3) Zum Thema Schatten: Wenn man öfter mal Rindvieh auf der Weide anschaut, sieht man leicht, dass Schatten in den Mittagsstunden ganz wichtig ist. Auf jeder Weide gab es seit vielen Generationen Schatten, sei es in Gestalt von Streuobstbau (SW), sei es in Gestalt von Pappelpflanzungen entlang Entwässerungsgräben (NW), sei es in Gestalt von einzelnen Solitären wie Eiche, Buche, Speierling etc. In der Maschinenmode der 1960er - 1980er Jahre, gleichzeitig Zeit intensivster Milchwirtschaft bei hoch subventionierten Erzeugerpreisen, wurden so gut wie alle derartigen Bäume als Wirtschaftshindernisse abgeräumt. Heute, wo wieder viel extensiver gewirtschaftet wird (vgl. die von Dir gezeigte Weidemast), dauert es seine Zeit, bis wieder Bäume stehen - falls man sie denn pflanzt oder hochkommen lässt. Ein Landwirt, der sich in Weidemast für Qualitätsfleisch engagiert, wird auf jeden Fall zusehen, dass ihm ein paar Bäume heranwachsen - nur dann kann er so gut werden wie die Nachbarn hinter den Vogesen, die ihm sonst mit ihrem Charolais und Limousin die Butter vom Brot nehmen, und seine deutschen Exporte im Gegenzug allenfalls in die Wurst verschaffen…
(4) Zum Thema Kohl: Kohl ist süß, und Rindviecher stehen wie sehr viele Tiere auf Süßes. Noch heftiger ist der Effekt, wenn man Rübenblatt ablädt: Das sollte tunlichst bloß von oben geschehen, dazwischen kommen möchte ich da nicht…
(5) Zum Thema Stallhaltung: Die hier betriebene Mutterkuhhaltung/Weidemast kennt keine Ställe mehr. Bis in die 1950er Jahre haben viele Milchbauern noch mittags zum Melken eingetrieben, man hatte drei tägliche Melkzeiten. Das ist aber lang her und hat schon damals eine Verwertung der Arbeitszeit von unter einer DM pro Stunde gebracht. Der Verschlag, den Du beschreibst, reicht für Angus aus, genau wie für Limousin und Charolais. Bessere Mastergebnisse erzielt man allerdings, wenn man nach Art eines Tiefstalls eingestreute Verschläge mit Liegeflächen zur Verfügung stellt. Wenn es sich um einen spezialisierten Betrieb mit hohem Qualitätsanspruch handeln würde, sähe der Verschlag, den Du beobachtet hast, anders aus. Hier haben wir vermutlich einen der immer noch enorm vielen viel zu kleinen Betrieben vor uns, dem der Spielraum fehlt, um eine Sache - und die richtig - zu machen. Das ist - auch - die Quittung für das jahrzehntelange Pflegen von kleinen und kleinsten Betrieben, das dazu geführt hat, dass denen, die vorwärts wollen und können, die Flächen fehlen. In Neufünfland gibts solche Bastler nicht.
(6) Und noch kurz zum Thema Angus: Die Talaue sieht mir so aus, als wäre sie besser dazu geeignet, dass man sie ein wenig verbuschen lässt und dann Galloways drauflässt: Die sind von den Ansprüchen her ungefähr wie Heidschnucken, ich glaube nicht, dass es noch viele andere (abgesehen von Zebus vielleicht) Rinderrassen gibt, die z.B. Brombeeren weiden… Aber mit einer noch extensiveren Weidemast mit Galloways wäre der Ertrag noch schmaler. Schade eigentlich, die Kerle haben ein sehr scharmantes Äußeres - man sieht eigentlich bloß an den Hörnern, wo vorne ist…
Wieauchimmer: Sicher kein Anlass, den guten Mann nicht machen zu lassen, solang er noch kann. Es wird keine Ewigkeit dauern, bis er das Feld räumt, wie so viele seiner Kollegen vor ihm. Wenns dann allerdings dumm ausgeht, und wenn ein geeigneter Übernehmer der freien Flächen da ist, kanns gut sein, dass dann zuallererst der Ampfer mit der Zwölfmeterspritze angegangen wird …
Schöne Grüße
MM