Ritterrüstungen

Hallo zusammen,

ich lese gerade das Buch „Das Lächeln der Fortuna“.
Die Geschichte ist in England ab 1360 angesiedelt.
Nun weiss ich, dass ein Roman nicht unbedingt ein
Tatsachenbericht ist, aber ich habe trotzdem eine
Frage zu den dort vorkommenden Rittern.
Und zwar tragen die Ritter im Buch ja permanent
ihre Rüstungen. Egal ob bei Hof oder auf Reisen oder
im Krieg. Im Krieg war es ja sinnvoll, aber stimmt
der Rest auch? Sind die Ritter damals immer in ihren
Rüstungen rumgerannt, sobald sie zuhause durch die
Tür waren?

Viele Grüsse
Merit

Hallo Merit,
Natürlich nicht. Die Rüstung war Arbeitsgewandung.
Im Training, Turnier und im Ernstfall oder zur Repräsentation.

Für bequeme Stunden, die es selbst für Ritter gab, wurden bequeme Tuniken angezogen .

Gruß
Merkur

Hallo,

Ich trug schon viele dutzend Male eine Rüstung („leichte“ Reiterrüstung um 1520) und weiß’, dass man nach einer Weile nur noch raus will aus dem Teil!!!

Ständig zwickt man sich sich was ein, kann nicht auf’s Klo, kann kaum Essen und trinken, rostet vor sich hin oder stinkt penetrant nach öl… und dieser ständige Druck auf die Schultern bringt einen irgendwann um den Verstand! -Ganz übel ist’s wenn es schwül, sehr sonnig, oder frostig ist. Dann wird das Ding, das „atmungsaktiv wie eine Erbsendose ist“ zur Hölle!

Ich denke nicht, dass die Menschen im Mittelalter anders gebaut waren als wir heute und eine Rüstung nur dann anzogen wenn es nötig war.

Joachim

Das halte ich für übertrieben.
Ob nun die Rüstungen als Statussymbol galten, weil Handwerkskunst beim Plattner sehr teuer war, weiß ich nicht. Ich könnte mir vorstellen, daß sie aus dem Grunde eines Mordanschlages alltäglich getragen wurden in kriegerischen Zeiten oder bei Fehden. Damit die Haut nicht aufgescheuert wurde oder die Rüstung nicht all zu sehr drückte wurden noch darunter ein Leinengewand getragen, in der sich allerlei Ungeziefer (hauptsächlich Flöhe, weniger Läuse) vermehren konnte.
Laut einer Chronik wurde im England ein Bischof ermordet bei dem nach einer gewissen Zeit dieses lauthals belacht wurde. Weil, nach dem Erkalten soll sich sein Kettengewand durch die Ungeziefer verfärbt haben. (Gerade bei den englischen Chronike bin ich sehr vorsichtig, das Übertriebenste, was ich gelesen habe war, daß ein englischer König ein Rekord im Bogenschießen aufgestellt haben soll, bei dem ein Ziel in 7 Km Entfernung getroffen wurde, Dieser gleiche König befahl auch, daß jeder Mann täglich im Bogenschießen üben solle).

A.

Sind die Ritter damals immer in ihren
Rüstungen rumgerannt, sobald sie zuhause durch die
Tür waren?

nein.

hallo merit,

rüstungen waren zum einen natürlich teuer, nicht jeder ritter konnte sich einen „vollpanzer“ leisten, zum anderen grauenhaft unbequem, sauschwer, drückten, quietschten und rosteten. um es einigermaßen auszuhalten, wattierten sich die ritter darunter bzw. zogen dicke schwere wämse an, damit die rüstungen nicht durchdrückten. das wiederum ließ die angelegenheit schnell unerträglich heiß und stickig werden.
bewegen konnte man sich in rüstungen nur mit hilfe seiner knappen (gepanzerte ritter waren auch nie allein unterwegs, ging gar nicht!). egal, ob er aufs pferd wollte oder wieder runter - in rüstung war das alleine unmöglich. aufs klo ging schon mal gar nicht oder sich eben mal irgendwo hinsetzen (in die ritterklause oder so).

voll gerüstet wurde ein ritter also nur direkt vor dem kampf.

gruß
ann

Hallo zusammen,
vielen Dank für Eure Antworten. Lag ich doch nicht
ganz daneben mit meiner Vermutung, dass da was nicht
stimmte an dem ewigen „in-Rüstung-Rumlaufen“.

Viele Grüsse und schöne Feiertage
Merit

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Auch wenns spät ist, aber ich habe mit meinen 172 Centimetern schon mal einen Vollharnisch getragen.
Mal abgesehen davon, das der Harnisch eine Maßanfertigung ist, sprich er passt nur dem einen Träger, alle anderen haben Pech und das Ding zängt und scheuert (wie bei mir :wink: ) ist es nciht so angenehm es zu tragen.
Also, der Harnisch sitzt eigentlich nciht schlecht, er sitzt zum Großteil auf dne Schultern, aber auch auf den Hüften und die Beinröhren, nun die Hängen am Harnisch und da man darauf steht sind diese nur dann ein wenig lästig, wenn man damit geht.
Eine gute Ritterüstung quietscht nicht, sondern raschelt wie Herbstlaub. Das liegt daran, das die Innenseiten mit Leder ausgekleidet sind, insbesondere an den schuppenartigen Geschüben. Man trägt, um weitere Scheuerstellen zu vermeiden einen Waffenrock, das ist eine Art watierte Weste, die ist kratzig und nicht gerade toll.
Im Gegernsatz zur Langläufigen Meinung kann man sehr gut mittels einer treppe ein Pferd besteigen (man muß nicht mit dem Kran hochgezogen werden, ist ein Märchen!) man kann auch sehr gut Treppen steigen. nur vorsichtig muß man sein, es ist dann der Eisenfüsslinge (einige hatten sogar eine Eisensohle!) sehr rutischig, und Hinfallen ist am gefährlichsten, weil dann kann man sich was brechen, weil sich die beweglichen Teile inneinader und miteinader verkeilen…

Auch Pipimachen ist als Mann kein Problem, dazu gibt es die Genitalmuschel, die ist mit Löchern versehen :wink:
Nur das anlegen und Ablegen des Harnisches dauert sehr lange und ist ohne Knappe nicht möglich. Auch kann man nicht einfach den Kopf drehen, sondern muß den ganzen Körper drehen, weil der Herm fest mit dem Brustpanzer verbunden wird.
Und dann gibt es noch Unterschiede zwischen Turnierharnisch für Reiterturnier (Rennen, Stechen) und Fußkampf, oder eben die Ausführungen für den Krieg. Da wurde der Harnisch entsprechend erleichter und an bestimmten Stellen verstärkt, das ist wie ein Lego Baukasten… also einen Reiterharnisch kann man im Fußkampf nicht benutzen und umgekehrt… und eine Prunkrüstung für einen besonderne anlass würde man dafür schon gar nicht tragen.
Anzunehmen ist aber, und das bestätigen auch die Leute auf der Churburg (Europas größte private Rüstskammer, mit nur Rüstungen der Familie) das Vollharnische eher Sport-Trikots waren, und im echten Kampf nichtbenutzt wurden. Dazu waren diese viel zu unbeweglich. Eher wurden dann Teilpanzer getragen…
Und aufgrund all dieser Umstände ist es wenig zweckmäßig, ja umständlich und sogar gefährlich eine Rüstung im täglichen Leben immer zu tragen.
Sieh also eine Rüstung als Sportkleidung für das Turnier an, oder als kriegsbekleidung. aber keinesfalls ist und war es Alltagskleidung.
Übrigens: Neben der Churburg im Vintschgau/Südtirol stehn schöne Rüstungen in Innsbruck/Tirol auf der Veste Coburg/Franken und auf der Löwenburg im Schlosspark Kassel. Dort kannst Du Dir selbst ein Bild machen, auf der Löwenburg sogar dich überzeugen, das eine Rüstung nicht quietscht und auch nur wenig nach Öl riecht… Gutes Öl duftet nämlich :wink: