Persona
„Nothing that is so is so“ [Shakespeare: What You Will]
„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ [Goethe: Faust II]
Hi Jägerin
über die verschiedenen Weisen, wie wir den Ausdruck „eine Rolle spielen“ verwenden, hatte ich zu einer Diskussion im L&L-Brett mal was zusammengefaßt:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
Nun will ich zu „live action role playing“ nichts sagen, um mich nicht an Leib & Leben zu gefährden (du fragtest ja auch nicht ausschließlich danach). Viel grundlegender ist jedoch die Fähigkeit des Schauspielens überhaupt, und wenn es eine Eigenschaft gibt, die den Menschen bzw. die Persönlichkeit ausmacht, dann ist es sicher ebendiese.
Du schriebst unten von Beispielen, wie Personen aufgefordert wurden, eine andere Rolle einzunehmen (btw. wie kann man solche unsinnigen Führungskräftetrainingsspielchen machen! *fg*) und meintest dazu zu Recht, es klappte nicht, weil sie es nicht konnten. Etwas ähnliches passiert, wenn Personen eine Rolle spielen wollen und sie können es nicht, weil sie das Falscheste machen, was ein Schauspieler machen kann: nämlich so zu tun als ob.
Anfang des 20. Jhdts hat Stanislawski genau diesen Unterschied als Hauptthema der Schauspielschule pointiert: Der Spieler, der z.B. die Rolle des Glücklichen, Traurigen, Wütenden zu spielen hat, wird dies erst dann „rüberbringen“ (nämlich über den Bühnenrand), und damit eine „wirkliche“ virtuelle Realität erzeugen, wenn er nicht so tut als ob er glücklich, traurig, wütend sei, während er es spielt (denn das heißt nur, daß er die jeweilige äußere Erscheinungsform kopiert), sondern wenn er wirklich glücklich, traurig, wütend ist , indem er es spielt.
K.S. Stanislavski: Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst.
(Erstausgabe Moskau 1954/55)
ISBN 3861501805 Buch anschauen
ISBN 3861501813 Buch anschauen
K.S. Stanislavski: Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle.
ISBN 3861501821 Buch anschauen
Damit wird deutlich, daß gerade diese Fähigkeit, einen anderen zu spielen - und zwar in dem Sinne, vorübergehend ein anderer zu sein - die stabile und „reife“ Persönlichkeit ausmacht. Deine Frage, inwieweit es für emotional nicht gefestigte Persönlichkeiten … wirklich risikolos ist hebt sich damit im Grunde auf: Die „nichtgefestigte“ Persönlichkeit wird immer nur so tun als ob, mithin bestenfalls einfach ein bißchen imitieren üben, und das ist immer risikolos und es erschöpft sich darin, daß es ihr einfach „ein bißchen Spaß“ macht. Er wird immer versuchen, sich an seiner vermeintlichen „eigentlichen“ Persönlichkeit festzuhalten wie ein Schwimmer, der sich nicht traut, den Beckenrand loszulassen. Infolge wird es ihm daher auch komplett an Menschenkenntnis fehlen (die die Bereitschaft, sich in einen anderen „hineinzuversetzen“ voraussetzt): Dieser Mangel ist eine der weitestverbreiten Führungskräfteeigenschaften 
Umgekehrt macht es gerade die „gefestigte“ Persönlichkeit aus, daß sie - ohne Angst, sich zu verlieren, oder etwas von sich aufzugeben - eine „Maske“ aufziehen kann (von der Maske bzw. der Rolle haben wir ja den lat. Ausdruck „persona“) und - in den Grenzen der Bühne oder, was metaphorisch dasselbe ist, der Spieldauer und Spielregel - ein anderer zu sein vermag.
Natürlich muß man das erst lernen - oder vielmehr wieder lernen, denn Kinder können genau das, wenn sie nicht bereits „gestört“ sind. Das macht ja auch den Unterschied zu Erwachsenenspielen aus: Sie spielen als Kinder, aber nicht wirklich wie Kinder.
Der größte Lehrmeister über die Bedeutung der Maske/Rolle für die sog. „echte“ Persönlichkeit - Shakespeare - zeigt ja genau das ebenfalls: Weil wir die Maske/Rolle nur als ein „als ob“ auffassen, glauben wir, daß hinter der Maske soetwas wie die echte, eigentliche Person stehe. Das Resultat sind diese „lächerlichen“ Personen wie Malvolio oder Polonius. Deren Spiel wird „entlarvt“.
Dagegen ist es bis heute eine spannende Frage insbesondere der Psychoanalyse, ob Hamlet wirklich wahnsinnig sei oder nur so tut als ob: Die „gefestigte“, „gestandene“ Persönlichkeit ist eben immer zugleich das, was sie spielt - und das was sie ist, spielt sie.
Hierzu:
K.R. Eissler: Discourse on Hamlet and Hamlet. A Psychoanalytic Inquiry.
Intern. Univ. Press, NY. 1971
Wenn Tessa unten sagte, daß sie als Privatperson eine andere Rolle habe/spiele bzw. eine andere sei als in ihrer Firma, dann ist das genau das hier Gemeinte. So geht es. Beides geht aber nicht, wenn jmd. nur so tut als ob, er wird entweder zu Hause oder im Beruf seine Rolle verpatzen.
Auch der von ihr angesprochene Bereich SM (genauer ist es natürlich nicht SM, sondern D/s, denn SM als solches hat mit Rollenspiel weniger zu tun) hat mit der Unterscheidung von „nur so tun als ob“ und wirklicher Rollenübernahme viel zu tun. Und darin liegt auch die von ihr angesprochene Gefahr bzw. Warnung. Wer nur eine hochgespielte Modeerscheinung „mal so“ ausprobiert und imitiert, wird sich immer an einem „eigentlich meine ich es ja nicht so“ festhalten", immer mit einem Fuß „backstage“ bleiben und daher kein Gefühl für den Bühnenrand entwickeln, weil er nie wirklich „on stage“ ist. Und das kann Schaden anrichten.
Nur wer keine Angst hat, etwas zu verlieren, wenn er ein vermeintlich eindeutiges „ego“ losläßt, wer also frei ist, sich hin und wieder selbst vollständig zu verfremden, wird ein stabiles „ego“ entwickeln können. Oder - um es shakespearisch zu sagen - das Ego ist zwar immer der Spieler einer Rolle, aber es gibt kein Ego ohne eine Rolle. Wer nur eine einzige Rolle kann, ist kein Schauspieler. Und wer kein Schauspieler ist, ist keine „persona“.
)
liebe Grüße
Metapher *dersichalssolcheraufsMottoobenbezieht*