Rotwein zum Essen - ein Marketinggag?

Unlängst hat man mir folgendes erzählt:
Früher war es äußerst unüblich, Rotwein zum Essen zu trinken. Eine gewisse Region in Frankreich hätte die wachsende Nachfrage an Steaks für sich genutzt und mit Werbeaktionen suggeriert, dass zu dunklem Fleisch roter wein gehöre.

Hat jemand davon schon einmal gehört? Könnte das tatsächlich wahr sein?

Servus,

ganz sicherlich nicht. Deswegen nicht, weil die bis anhin ziemlich strikte Regel „Rotwein zu dunklem Fleisch - Weißwein zu hellem Fleisch und Fisch“ etwa 1980 vom König der Köche persönlich für aufgehoben erklärt wurde.

Zu dieser Zeit konnte von einer „wachsenden Nachfrage nach Steaks“ keine Rede sein, zumal in Frankreich „steak/frites“ der Kantinen- und „Mittagstisch“-Fraß schlechthin war: Mit einem guten Messer kann man schließlich aus so ziemlich allem ein „Steak“ schneiden.

In den deutschen Weinbaugebieten hatte übrigens - soweit überhaupt zum Essen getrunken wurde, d.h. „zu Anlässen“, in der gehobenen Gastronomie und beim Vesper - Rotwein immer seinen Platz. Die süßlichen Mischungen rätselhafter Herkunft, die in den deutschen Bierregionen als Rotwein verkauft wurden und teilweise noch werden, sind allerdings zum Essen so wenig geeignet wie zum Trinken.

Jetzt hätte ich gerne noch gewußt, was in

  • „früher“
  • „unüblich“
    und
  • „zum Essen“

konkret bedeutet.

Schöne Grüße

MM

3 Like

Ehemalige DDR-Bürger schwärmen gelegentlich noch vom Rosenthaler Kadarka, lieblich süß und kopfwehschwer…

Fällt mir nur gerade ein, weil 30 Jahre Mauerfall!

Servus,

à propos

  • das einst ebenso (und mit Recht) verschriene „Erlauer Stierblut“ tritt heute, inzwischen wieder sauber durchgegoren und trocken, außerdem sowohl im Wingert als auch im Keller aufmerksam behandelt, als Egri Bikavér an und ist ein ausgesprochen verkostenswerter Stoff.

Sehr zum Wohle!

MM

[quote=„nurmitlesen, post:5, topic:9459739“]
Bürger schwärmen gelegentlich noch vom Rosenthaler Kadar

Aber nur wegen des Preises. In Ossiland waren alkoholische Getränke sehr teuer. Unser „Lieblingswein“, ich weiß leider nicht mehr, wie er hieß, hieß intern nur 12,80er. Das war der billigste, trinkbare Weißwein. Der Kadarka kostete nur 5,60 Mark und wurde nur unter dem Ladentisch gehandelt.
Eine Flasche Weinbrand, damals Goldkrone, mittlerweile Wilthener (eine echte Edelmarke damals) Goldkrone kostete 32,50 Mark, was ungefähr 5% eines Monatsverdienstes war.

Der war wirklich grottig. Ich glaube, ich habe noch irgendwo ein Etikett (ich musste mal, im letzten Jahrtausend, eine Etikettensammlung anlegen. Mittlerweile ist das historisches Material :joy:)

Soon

Wir Wessis haben dagegen im Intershop auf’m Transit den für uns superbilligen Krimsekt gekauft, ebenso wie die billigen Zigaretten (damals rauchte man ja noch) und dazu haben wir noch billig getankt. Ein bisschen Bammel hatten wir schon beim Krimsekt, wegen Tschernobyl, aber naja, wir waren jung und entsprechend risikofreudig :slight_smile:

Mit billig Tanken und billig einkaufen waren die Spritkosten für die Fahrt von Berlin nach Wessiland fast schon amortisiert :slight_smile:

Der hatte übrigens in ganz Ossiland einen einheitlichen Geruch. Ich denke mittlerweile, so ein Mittelding aus Faseife, Persil und Davidoff. Ich habe ihn nach der Wende nie wieder gerochen.

1 Like

Kann das vielleicht an einem Reinigungsmittel oder einem nur in Intershops verbauten Plast gelegen haben? Die Reichsbahn roch noch bis ungefähr 1995 ziemlich streng nach Wofasept, obwohl dessen Produktion durch die Treuhand ruckzuck eingestellt worden war - irgendwo muss es dafür ein riesiges Depot gegeben haben, vielleicht zur Dekontaminierung nach einem Nuklearschlag der NATO vorgesehen? Es gab ja in West und Ost haufenweise Militärs, die glaubten, es sei möglich, dass nach einem nuklearen Schlagabtausch noch irgendjemand oder irgendetwas von Deutschland übrig bliebe.

Schöne Grüße

MM

Heute vielleicht, früher nicht. In Frankreich gehörte ein Glas Wein immer zum Essen. In den meisten Regionen war das Rotwein. Man hat aber nie übertrieben, ein Glas. Vin rouge waren 1Viertel, petit vin rouge ein Achtel. dazu immer Wasser. kein zweites Glas, eher zum Schluss ein Pastis.
Udo Becker

Hallo Udo,

weder für heute noch für früher lässt sich eine so pauschale Aussage wie

machen - @fish2fish hat sich geweigert, zu konkretisieren, was er überhaupt meint.

Dass bis in die 1970er Jahre in Deutschland zu Mittag „normalerweise“ (abgesehen von gehobener Gastronomie und „Anlässen“) nichts getrunken wurde, dafür aber ein Essen ohne Suppe als unvollständig empfunden wurde, steht auf einem anderen Blatt.

Die frühabendliche Mahlzeit, je nach Gegend Vesper, Brotessen oder wie auch immer man sie nennen mag, ist in den deutschen Weinbaugegenden immer mit einem Viertele verbunden. Und dass das „äußerst selten“ Trollinger, Lemberger, Schwarzriesling oder Spätburgunder wäre, ist eine Erfindung von @fish2fish, die er - wie sich gezeigt hat - überhaupt nicht belegen kann.

Schöne Grüße

MM

Hallo,
ich denke, wenn man sich darauf einigt, dass auch schon früher es üblich war Wein zum Essen zu trinken, vor allen Dingen in den Weinanbaugebieten selbst, dann passt das schon.
Dass man z.B. bei uns im Rheingau eher einen Weißwein (Riesling) trank als einen Rotwein, das liegt eben daran, dass Rotwein bei uns in der Vergangenheit sehr, sehr selten angebaut wurde.
Man sollte auch unterscheiden, ob vom alltäglichen Essen zu Hause oder vom essen in einer
Gaststätte gesprochen wird. Zu Hause war es tatsächlich so, dass es Wein, sofern man nicht selbst einen Weinberg hatte, nur zu besonderen Anlässen gab, in den Gasthäusern war es dagegen üblich, dass dort auch zum Essen Wein konsumiert wurde. Das war aber regional verschieden - in Bayern eher weniger, in Baden dafür um so mehr.
Gruss
Czauderna

nein, den fand eigentlich jeder fürchterlich.
Die wirklich guten Sachen kamen aus dem Delikat https://de.wikipedia.org/wiki/Delikatladen oder aus dem gewöhnlichen Handelssortiment, an das man kam, wenn man jemanden gut kannte.
Nord-/Mittel-/Ostdeutschland sind tradtioniell keine Weinländer und man hat eben eher fast keinen Wein getrunken als einen schlechten.

Ansonsten sind Kombinationen von z.B. einem schweren Rotwein zur Forelle bei uns (d.h. in der Familie, im angehörigen Freundeskreis) verpönt.

… nach einer Mischung aus Dieselabgasen, Urin, Tabakqualm, Maschinenöl und undefiniertem Schmutz.

1 Like

Aber er war wirklich billig, deswegen wollte ihn jeder haben, 4,35 Mark. Ich musste während meiner ersten Ausbildung in Ossiland eine Etikettensammlung anlegen. Damals fand ich es doof, heute ist die Sammlung ein Stück Zeitgeschichte.

1 Like

Hi, wann soll das gewesen sein? 1960? Mit 650 M ging in den 1980er Jahren kaum einer nach Hause.

Wenn man ein Mädchen einseifen wollte, benützte man „Murfatlar“, ein Weißer aus dem Rumänenland.
Den gibt es übrigens heute noch, schmeckt aber nicht mehr so gut, irgendwie. Ist andererseits aber auch ein bisschen einfacher geworden, mit den Mädchen.

Wie wäre es mit 750?

Iss ja auch egal. Fakt ist, dass vernünftiger Alkohol in der DDR überdurchschnittlich teuer war.

Boah. Krass. In welcher/m Tätigkeit/Beruf?
Gab es da eventuell ein Nord-/Süd-Gefälle?
Hier verdiente ein „normaler“ Industriearbeiter, ohne Schichtzuschläge, schon um die 1.000 M, einer im Bergbau (Uran) schon an die 1.500.

Gelernte Kellnerin in Nordthüringen. Ungelernt übrigens 100 Mark weniger. Mein ehemaliger Verlobter als Kfz-Mechaniker LKW 650 Mark.
Es gab doch den Spruch: Ob faul, ob fleißig, 630.
Löhne über 1000 Mark kenne ich überhaupt nicht.

Soon

Hallo Günter,

auch hier bedarf „früher“ einer konkreteren Eingrenzung

In unserer Hochheimer Zeit habe ich sowohl vom Weilbächer als auch vom Baison gehört, dass noch ziemlich in die 1960er Jahre hinein in Hochheim deutlich mehr rote Reben standen als heute - allerdings nicht wie heute Spätburgunder, St. Laurent und Regent, sondern (und das hat mich dann schon überrascht) Blaufränkisch aka Lemberger!

Hierzu

noch eine (wie ich finde) hübsche Geschichte aus dem Adler in Baach: Ein - offenbar nicht einheimischer - Gast sitzt bei einer Forelle: „Ach, bringen Sie mir doch bitte noch ein Viertölö von dem Riesling, der Fisch will schwimmen!“ Dem Nachbarn, der zwei Tische weiter mit einem Zwiebelrostbraten beschäftigt ist, gefällt das, und er ruft: „Wirtschaft! Graad no a Halbe, dr Ochs will saufa!“

In diesem Sinne

MM