Hallo!
Im Vergleich zu den eher existentiellen Fragen, die hier gestellt werden, ist meine vielleicht ein wenig banal, aber es interessiert mich halt, weil ich es schon oft an mir beobachtet habe. Außerdem weiß ich, dass es nicht nur mir so geht.
Hier nun das Phänomen:
Ich habe eine Tätigkeit vor mir, die relativ stumpfsinnig ist und aus einer vielfachen Wiederholung der immer wieder gleichen Arbeitsschritte besteht. Beispiel: Ich muss eine handschriftliche Liste in eine Excel-Tabelle einpflegen oder ähnliches.
Beim ersten Durchlauf muss ich mir jeden Schritt exakt überlegen. Vielleicht mache ich den einen oder anderen Fehler, den ich dann rückgängig machen muss.
Ab dem zweiten Durchlauf wiederhole ich nur noch die vorher gelernten Schritte und mit zunehmender Übung geht es zügiger und leichter.
Irgendwann stellt sich eine Routine ein, die so ausgeprägt ist, dass ich den ganzen Vorgang fast schon unbewusst beherrsche. Ich muss über nichts mehr nachdenken.
Jetzt kommt das Eigenartige: Plötzlich scheine ich - von einer Sekunde auf die nächste - vergessen zu haben wie es geht. Mir schießt eine Frage durch den Kopf: „In welchem Menü finde ich noch gleich die verwendete Funktion?“ - so, als würde ich es zum ersten Mal machen. (Es ist nicht wirklich ein Gedächtnisverlust, denn kaum bin ich wieder im Rhythmus drin, geht es mit dem gleichen Tempo voran wie davor.).
Mich würde interssieren: Ist dieses Phänomen bekannt? Wenn ja: Wie heißt es und wie lautet die wissenschaftliche Erklärung dafür?
Vielen Dank im Voraus!
Michael
PS: Bitte nur antworten, wenn Ihr über einschlägiges Wissen verfügt. Eine private Theorie könnte ich mir zur Not auch selbst zusammenbacken. Nicht böse gemeint!
Moin,
Mich würde interssieren: Ist dieses Phänomen bekannt? Wenn ja:
Wie heißt es und wie lautet die wissenschaftliche Erklärung
dafür?
verzeih, wenn ich trotzdem antworte 
Ja das Phänomen ist gut bekannt. Stichwörter sind hier Lerntheorie und Automatisierung.
Tritt eigentlich bei allen (mechanischen) Lernprozessen auf. Z.B. stellt man bei Fahranfängern so etwas fest und es ist auch einer der Gründe, warum es zu einer Häufung von Unfällen kommt, eben nicht ganz am Anfang, sondern nach einer gewissen Zeit.
Es wird wohl damit erklärt, daß die Prozedur von einer ‚Gedächtnisschicht‘ in eine andere verlegt wird.
Gandalf
Es wird wohl damit erklärt, daß die Prozedur von einer
‚Gedächtnisschicht‘ in eine andere verlegt wird.
Ist das nicht der gleiche Grund, warum ich tourmäßig (wie es mir jedes Jahr zu ziemlich dem gleichen Zeitpunkt geht) ab in etwa einer Woche für einige Tage anfangen werde, wieder 2009 zu schreiben?
LG Petra
Auch Hallo,
Routinen sind ‚billiger‘. Abläufe die aus den gleichen Komponenten bestehen, werden vom Gehirn ‚umgepackt‘. Die einzelnen Teile werden zu einer ‚Sequenz‘ zusammengefasst im Kleinhirn gespeichert.
Das ist der Fall, wenn es so läuft:
Irgendwann stellt sich eine Routine ein, die so ausgeprägt
ist, dass ich den ganzen Vorgang fast schon unbewusst
beherrsche. Ich muss über nichts mehr nachdenken.
und dann passiert folgendes:
Mir schießt eine Frage durch den Kopf: „In welchem Menü finde ich
noch gleich die verwendete Funktion?“
und du hast das Gefühl du hast alles vergessen
Jetzt kommt das Eigenartige: Plötzlich scheine ich - von einer
Sekunde auf die nächste - vergessen zu haben wie es geht.
Dann hast du den Neocortex wieder aktiviert, der hat allerdings mit dieser Aufgabe gar nichts mehr zu tun, der hat ja ‚outgesourcet‘
Die Trennung bei unterschiedlichen Lerninhalten trifft besonders zwischen rein intellektuellen und denen mit einer motorischen Komponente auf - in dem Fall Fingerbewegung (vergleichbar mit Klavierspielen, selbes Prinzip).
Eine Erklärung für das ‚nichts geht mehr‘ Phänomen ist, dass der Vorgang eben nicht mehr in Einzelteilen besteht sondern nur noch als ‚neues Ganzes‘ - eben die Routine. Wir erinnern aber immer noch die Einzelteile - die haben wir ja bewusst lernen müssen. Daran zu denken ist im neuen System nicht mehr vorgesehen und es kommt zum
‚übersteuern‘.
Ähnliches gibt es auch z.B. mit ‚Zeit/Platz-Assoziationen‘ - man geht vom Wohnzimmer in die Küche… ‚was wollt ich hier auch wieder?‘
Erst wenn man wieder im Wohnzimmer steht ‚ach ja,…Bier!‘
Wenn du dich da tiefer rein schaffen willst kann ich mal ein paar Links raus suchen.
Sonst nur noch der Tipp - nicht denken 
Hallo - und vielen herzlichen Dank!
Die Antwort klingt außerordentlich logisch.
Routinen sind ‚billiger‘. Abläufe die aus den gleichen
Komponenten bestehen, werden vom Gehirn ‚umgepackt‘. Die
einzelnen Teile werden zu einer ‚Sequenz‘ zusammengefasst im
Kleinhirn gespeichert.
Ich glaube zwar nicht, dass die Tätigkeiten, die ich bei meiner Frage so im Kopf hatte, im Kleinhirn gespeichert werden, weil es sich nicht direkt um motorische Dinge handelt, aber das Prinzip wird dasselbe sein: Das fertige Programm ist automatisiert und der bewussten Kontrolle entzogen. Das Bewusstsein kümmert sich um interessantere Dinge und „vergisst“ das Programm. Wenn es zu einer Störung kommt, stürzt das Programm ab und man sitzt plötzlich ohne „Quellcode“ da. (Ich weiß, dass Vergleiche zwischen Gehirnen und Computern hinken, aber hier passt es mal wieder…)
Sonst nur noch der Tipp - nicht denken 
Als ich meinen Gleitschirm-Grundkurs machte, hatte ich mal eine Phase, in der ich jeden einzelnen Startversuch vermasselte. Alles was vorher geklappt hatte, ging nicht mehr. Ich versuchte mir die einzelnen Schritte in mein bewusstes Gedächtnis einzuhämmern: „Laufen, Arme gestreckt nach hinten, Hochführen, Loslassen, Anbremsen, Kontrollblick, Beschleunigen, Abheben.“ Je mehr ich darüber nachdachte, um so schlimmer wurde es. Dann gab mir der Fluglehrer exakt diesen Tipp: „Nicht denken!“ - und plötzlich ging’s wieder.
Danke nochmal und *
Michael
Hallo Gandalf!
Mich würde interssieren: Ist dieses Phänomen bekannt? Wenn ja:
Wie heißt es und wie lautet die wissenschaftliche Erklärung
dafür?
verzeih, wenn ich trotzdem antworte 
Dir sei verziehen! 
(Nichts läge mir ferner als Deine Kompetenz in Frage zu stellen. Die Kunst ist zu wissen, wann man etwas zu sagen hat und wann man besser die Schnauze hält. Du beherrschst diese Kunst sehr wohl, denn zu sagen hattest Du allemal etwas. Auch Dir ein Sternchen!)
Michael