Liebe Lara!
Ich halte meinen Pofessor (zumindest ihn, es gibt da sehr
viele schlecht) für einen sehr kompetenten Menschen. Daher
habe ich mich nochmal mit „das Unbehagen in der Kultur“
beschäftigt und siehe da, Hobbes wird, wenn auch nicht
namentlich, zitiert. Im 5. Kapitel (Seite 471 der gesammelten
Werke) steht der Satz „homo homini lupus“, und später „infolge
dieser primitiven Feindseeligkeit der Menschen gegenüberist
die Kulturgesellschaft beständig vom Zerfall bedroht. […]
Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der
menschen Schranken zu setzen […]“
Selbstverständlich kann man versuchen, Freud so weit wie möglich Hobbesianisch zu lesen (Roussauistisch oder Marxistisch oder Schopenhauerischen macht man es ja auch), aber man wird m.E. merken, dabei bald an die Grenzen zu stoßen, zumal Freud Hobbes nicht mal namentlich erwähnt, geschweige denn sich zumindest rudimentär systematisch mit ihm auseinandersetzt.
Die beiläufige und mit keiner Silbe weiter ausgeführte Bemerkung „homo homini lupus“ ist natürlich eine Anspielung auf Hobbes’ Diktum, aber nicht mehr, sie ist genauso wenig eine Zustimmung zu Hobbes’ Theorie als solcher, wie ein paar Seiten des „Unbehagens“ später Freuds Satz von der „Feindseligkeit eines gegen alle und alle gegen einen“ als Ablehnung der Hobbesschen Theorie als solcher verstanden werden kann (denn Hobbes spricht ganz im Unterschied dazu von „alle gegen alle“!).
Solche Phrasen mögen Aufhänger für weiteres Überlegen sein, nicht mehr, zumal „homo homini lupus“ und „bellum omnium contra omnes“ 1930 längst als Allgemeinplätze in der bildungsbürgerlichen Umgangssprache verankert sind, das hat mit Hobbes nicht mehr viel zu tun.
Aber wie gesagt: klar kann man Hobbes-Einflüsse oder Nähen zu Hobbes in Freuds Werk suchen (z.B. den konservativen Kulturpessismus beider), aber man wird halt auch mit den m.E. viel zahlreicheren „Fernen“ zu Hobbes argumentativ umgehen müssen. Wenn dein Professor gute Argumente hat, warum auch nicht …
Und auch die Sache mit dem Führer ist ja dennoch vorhanden.
Man erinere sich an Totem und tabu. Da wird der Urvater als
erster Führer zwar gestürtzt, aber es gab einen.
Hier muss man sehr aufpassen!
Es ist nicht gleichgültig (akzidentiell), ob er gestürzt wird oder nicht, nach dem Motto Hauptsache es gab einen Führer …
Er wird notwendig gestürzt - und erst sein Sturz ermöglicht es, ihn als Prinzip zu internalisieren …
„Totem und Tabu“ ist nicht ein Erzählung vom Führertum (gegen das halt dann aufbegehrt wurde als hätte es anders sein können), sondern es ist eine Erzählung von der Rebellion gegen das Führertum und den Konsequenzen. Das ist wesentlich und unhintergehbar (und bei Hobbes absolut nicht zu finden).
Oder auch
Massenpsychologie und Ich-Analyse, da ist ja nur von einem
Führer die Rede. Freud geht der Wohl von der Annahme eines
Führers, eines Ideals und Weltbildes aus. Er erforscht ja
gerade die Ursache für ein Verlangen nach einem Führer,
immerhin schreibt er: „Alle Einzelnen sollen einander gleich
sein, aber alle wollen sie von einem beherrscht werden“ oder
„dass die gegenseitige Bindung der Massenindividuen von der
Natur einer solchen Identifizierung durch eine wichtige
affektive Gemeinsamkeit ist […] diese Gemeinsamkeit liege in
der Art der Bindung an den Führer“
damit sagt er ja, dass die Masse als solche nur aufgrund eines
Führers überhaupt entstehen kann, denn ohne Führer gäbe es
keine Identifizierung, die eben die Bindung aneinander
ausmacht…
ja, richtig, die Masse.
Freud erforscht dort die Kohäsionsprinzipien der Masse, aber nicht die Konstituentien von Kultur bzw. Zivilisation.
Ganz im Gegenteil schreibt er dort laufend solche Dinge wie, dass das Individuum in der Masse auf eine primitive Entwicklungsstufe regrediere, dass er in der Massenbildung (und also dem Führerprinzip) das „Wiederaufleben der Urhorde“ sehe (oder auch eine Regression auf einen Entwicklungsstand „wie bei Wilden und Kindern“).
Ok, in gewisser Weise ist es nicht ganz abwegig, den Entwicklungsstand der Urhorde als ersten Schritt aus der Natur in die Kultur zu sehen, und dann die „Unterwerfung unter einen Führer“ zur Triebhemmung als früheste Bedingung von Zivilisierung zu sehen.
Das Argument scheint erst mal zu gehen, wobei Freud ja auch auf die Stufe der „Wilden“ (oder des „Kindes“) verweist … sind die Wilden (Kinder) nun schon erste Zivilisierung oder noch letzte Natur? … ziemlich schwieriges Gelände hier …
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Gegenargument: die Dichotomie Naturzustand/Kulturzustand gibt es bei Freud als systematische einfach nicht - zumindest ganz sicher nicht so, wie diese Unterscheidung bei Hobbes und anderen Naturzustandstheorikern des 16. und 17. Jahrhunderts auftaucht. Entsprechend kann man ihn auch nicht so einfach unvermittelt als Naturzustandstheoretiker lesen, wie dies dein „Suchschema“ andeutet.
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Gegenargument: es muss klar sein, dass Freud von einer Entwicklungsdynamik spricht, innerhalb der diese frühe Stufe auftritt als eine Stufe, die notwendig überwunden werden muss, wie die Mechanismen, die zur Rebellion gegen den Urvater führen, zeigen.
Wenn du also nach einer Stelle suchst, die zeigt
„dass der Ausgang aus
dem Naturzustand nur gelingen kann, wenn die menschen ihre
Triebe hemmen und sich einem Führer unterordnen. Nur so kann
eine zivilisierte Ordnung bestehen.“ ,
dann kann es diese Stelle so simpel bei Freud nicht geben, weil er klar und wiederholt zeigt, wie die „zivilisierte Ordnung“ sich gegen solche Regressionen in der Masse (also Unterwerfungen unter Führern) erwehren muss um bestehen zu können (genauso wie sie für ihr Bestehen notwendig das „Unbehagen“ vermeiden muss, das aus der Hemmung der Triebe besteht). In der Masse bzw. der Unterwerfung unter ein(en) Führer(ideal) brechen gerade die „naturhaften“ Triebe wieder durch, die zivilisierte Ordnung bleibt so gerade nicht bestehen.
Zeitgemäßes über Krieg und Tod klingt wirklich recht gut, vor
allem, da das genannte Zitat auch zum Unbeghagen in der Natur
passt, da wurde dann ja einiges von früher wiederholt. Da ich
meine Theorie für Massenpsych. nicht auf ein späteres werk
stützen kann, werde ich mir diese Schrift auf jeden Fall
durchlesen, also vielen Dank für den Tip!
Ich finde das genannte Zitat auch sehr gut, da Triebverzicht
immer eine bedeutende Rolle für Freud gespielt hat.
Stimmt, „Zeigemäßes über Krieg und Tod“ nimmt viel vom „Unbehagen“ vorweg.
Fraglos richtig ist der „Triebverzicht“ bedeutsam, aber er allein lässt die „zivilisierte Ordnung“ genausowenig bestehen wie ein Zuviel an Triebverzicht.
Das darf man nicht unterschlagen ohne die Freudsche Kulturtheorie zu banalisieren, auch wenn Freud dies manchmal selbst banalisiert, dennoch bleiben eben die vielen anderen Passagen, in denen er komplexer argumentiert (gerade im „Unbehagen“).
Hast du die (kleine, ca. 25 Seiten) Schrift „Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität“ von 1908 dir bereits angeschaut?
Eine Passage, die dir dort gefallen könnte:
Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der Unterdrückung von Trieben aufgebaut. Jeder einzelne hat ein Stück seines Besitzes, seiner Machtvollkommenheit, der aggressiven und vindikativen Neigungen seiner Persönlichkeit abgetreten; aus diesen Beiträgen ist der gemeinsame Kulturbesitz an materiellen und ideellen Gütern entstanden.
Übrigens unterscheidet Freud hier auch drei Kulturstufen. Das könnte für deine Zwecke vielleicht ganz interessant sein, v.a. das jeweilige Maß der drei Stufen an Sexualtrieb-Unterdrückung.
Kultur ist für freud aufgrund des Triebverzichts nie ganz
möglich, weil die Triebe zu stark sind, dass sie immer wieder
durchkommen können und sie quasi immer wieder in ihre
Schranken verwiesen werden müssen und das ist ja die Aufgabe
der Kultur (siehe obiges Zitat).
Das von mir markierte Denkschema ist Hobbes, es ist überhaupt die bürgerliche Ideologie, aber es ist definitiv nicht Freud.
Dies sieht man an den genannten Schriften eindeutig - je mehr die Kultur auf „in-die-Schranken-verweisen“ der Triebe setzt, desto mehr fällt sie in die Barbarei zurück („Zeitgemäßes über Krieg und Tod“), erzeugt sie die Kräfte gegen sich selbst („Unbehagen“), und erzeugt sie durch Krankheit und Degeneration Unfähigkeit zur Kulturleistung als ihrer eigenen Basis („Kulturelle Sexualmoral“).
Dass keine Kultur ohne Triebhemmung auskommen kann, ist bei Freud natürlich völlig klar, aber das ist auch eine vollkommen triviale Erkenntnis, die ihn sicher noch lange nicht zu einem Hobbesianer macht bzw. die auf dein „Suchschema“ unmodifiziert passen würde.
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