S. Freud + Natur zu Kultur

Hallo,

ich bräuchte von Freud.Interessierten oder auch zufällig-Wissenden eine wichtige Information (für meine Hausarbeit, die ich schreiben muss)

und zwar suche ich Freud erklärung vom Übergang von der Natur zur kultur. Ich habe in „Unbehagen der Kultur“ nachgelesen (das wäre aber auch von der entstehungszeit zu spät) und in Totem und Tabu, aber bisher bin ich nicht fündig geworden.

Also um genauer zu werden: Die Schrift müsste (wenn es geht) vor 1921 geschrieben sein und enthalten, dass der Ausgang aus dem Naturzustand nur gelingen kann, wenn die menschen ihre Triebe hemmen und sich einem Führer unterordnen. Nur so kann eine zivilisierte Ordnung bestehen.

So etwas in der Art… wenn ihr was wisst, dann wäre ich wirklich überaus dankbar!!

LG

Hallo,

Also um genauer zu werden: Die Schrift müsste (wenn es geht)
vor 1921 geschrieben sein und enthalten, dass der Ausgang aus
dem Naturzustand nur gelingen kann, wenn die menschen ihre
Triebe hemmen und sich einem Führer unterordnen. Nur so kann
eine zivilisierte Ordnung bestehen.

Schau mal in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“, da dürftest Du fündig werden.

Viele Grüße,
Lizzie

danke für deine Antwort.

Massenpsychologie und ich-analyse ist das thema, welches ich bearbeite. da steht es nicht explizit drin, deswegen suche ich einen beleg für meine These…

Hallo,

Massenpsychologie und ich-analyse ist das thema, welches ich
bearbeite.

Ach so. Das wäre natürlich nicht unwichtig zu wissen gewesen. :wink:

Mit „Totem und Tabu“ dürftest Du auf der richtigen Spur sein. Dein Stichwort lautet „Urhorde“.

Ansonsten schau doch mal bei Le Bon. Freud hat sich in der Massenpsychologie an ihm orientiert, und vielleicht hat Le Bon es ja irgendwo zitierfähiger formuliert.

HTH,
Lizzie

Moin Lara

Ich habe in „Unbehagen der Kultur“ nachgelesen
(das wäre aber auch von der entstehungszeit zu spät) und in
Totem und Tabu, aber bisher bin ich nicht fündig geworden.

An die beiden Bücher habe ich zunächst auch spontan gedacht, als ich dein Posting anfing, zu lesen.

Also um genauer zu werden: Die Schrift müsste (wenn es geht)
vor 1921 geschrieben sein und enthalten, dass der Ausgang aus
dem Naturzustand nur gelingen kann, wenn die menschen ihre
Triebe hemmen und sich einem Führer unterordnen. Nur so kann
eine zivilisierte Ordnung bestehen.

Das wirst du einfach deswegen nicht finden, weil Freud meines Wissens diese These so gar nicht vertreten hat. Gruß,
Branden

Freud heißt nicht Hobbes
Liebe Lara!

und zwar suche ich Freud erklärung vom Übergang von der Natur
zur kultur. Ich habe in „Unbehagen der Kultur“ nachgelesen
(das wäre aber auch von der entstehungszeit zu spät) und in
Totem und Tabu, aber bisher bin ich nicht fündig geworden.

Also um genauer zu werden: Die Schrift müsste (wenn es geht)
vor 1921 geschrieben sein und enthalten, dass der Ausgang aus
dem Naturzustand nur gelingen kann, wenn die menschen ihre
Triebe hemmen und sich einem Führer unterordnen. Nur so kann
eine zivilisierte Ordnung bestehen.

In deinen Zeitrahmen passen würde „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ von 1915.

Dort gibt es einige Aussagen, die solala in Teile deines Rasters passen, z.B.:

Kultur ist durch Verzicht auf Triebbefriedigung gewonnen worden und fordert von jedem neu Ankommenden, dass er denselben Triebverzicht leiste. Während des individuellen Lebens findet eine beständige Umsetzung von äußerem Zwang in inneren Zwang statt. Die Kultureinflüsse leiten dazu an, dass immer mehr von den eigensüchtigen Strebungen durch erotische Zusätze in altruistische, soziale, verwandelt werden. Man darf endlich annehmen, dass alle innere Zwang, der sich in der Entwicklung des Menschen geltend macht, urspürnglich, d.h. in der Menschheitsgeschichte nur äußerer Zwang war.

(das Zitat passt in dein Raster deshalb, weil Freud hier wie auch anderswo eine Parallelisierung von Onto- und Phylogenese vornimmt, also individuelle Enkulturation als eine Form von Wiederholung der Kulturbildung versteht.)


ansonsten noch einige (negative) Stichpunkte von mir:

- das Standardwerk für solche Fragestellungen (und deinem Zeitrahmen entsprechend) ist definitiv „Totem und Tabu“, wenn du das Gesuchte darin nicht findest, könnte es sein, dass du es bei Freud gar nicht finden kannst.

- zum „Naturzustand“: Einer der special twists bei Freud ist sicher der, dass dieser die simple Dichotomie Natur/Kultur nicht hinnimmt.
Noch in der höchsten Ausprägung der Kultur ist Natur vorhanden, es gibt für ihn keine klar Bruchstelle Natur/Kultur (m.E. könnte man auch zeigen, dass dies auch anders herum gilt, dass also in den primitivsten Verhaltensweisen bereits Elemente dessen zu finden sind, die wir aus unseres Kultur-Sicht für typische Merkmal der Kultur halten. Aber dafür müsste man ausführlicher argumentieren.).
So schreibt er im angegebenen Werk beispielsweise:

In Wirklichkeit gibt es keine ‚Ausrottung‘ des Bösen [auf Grund des Kontextes kann man hier auch lesen: des Natürlichen]. Die psychologische - im strengeren Sinne die psychoanalytische - Untersuchung zeigt vielmehr, dass das tiefste Wesen des Menschen in Triebregungen besteht, die elementarer Natur, bei allen Menschen gleichartig sind und auf die Befriedigung gewisser ursprünglicher Bedürfnisse zielen.

- zum „Triebe hemmen“: dazu passt meine obige Textstelle ja noch am ehesten.
Allerdings muss klar sein (gerade durch das Studium der allgemeinen Neurosenlehre; Stichwort: Sublimierungstheorie bzw. auch Primär-/Sekundärprozess), dass der(die) Trieb(e) es ist nicht leicht, sich bei Freud für Singular oder Plural zu entscheiden nicht einfach gehemmt werden, sondern für den Aufbau der Kultur eingesetzt werden durch Lenkung auf andere Ziele, Verschmelzungen, Objektwechsel, Wendung gegen die eigene Person (Basis der Über-Ich-Bildung), etc.
Freuds Denken ist also sicher weit komplexer als die bürgerliche Erklärung der Kultur durch „Triebhemmung“. Dazu ein weiteres Zitat aus dem angegebenen Werk:

Die Kulturgesellschaft, die die gute [im Sinne der kulturellen Standards] Handlung fordert und sich um die Triebbegründung derselben nicht kümmert, hat also eine große Zahl von Menschen zum Kulturgehorsam gewonnen, die dabei nicht ihrer Natur folgen … Wer so genötigt wird, dauernd im Sinne von Vorschriften zu reagieren, die nicht der Ausdruck seiner Triebneigungen sind, der lebt, psychologisch verstanden, über seine Mittel und darf objektiv als Heuchler bezeichnet werden.

Eine Kultur, die auf Kulturheuchelei basiert, bringt aber das dir ja aus der entsprechenden Lektüre bekannte „Unbehagen in der Kultur“, und an der Kultur, hervor, das sich reaktiv gegen die kulturelle Ordnung selbst richtet.

- zur „Unterordnung unter einen Führer“: von der -nehmen wir den Begriff auf, auch wenn er nicht ganz passt- „Unterordnung“ unter den „Vater“ (onto- und phylogenetisch!) hast du in „Totem und Tabu“ ja genug erfahren.
Von der „Unterordnung“ unter einen Führer bzw. ein Führer-Ideal kannst du bekanntlich in der „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ lesen, es ist ja dein Thema.
Eine solche Unterordnung ist bei Freud aber gerade nicht ein Schritt von der Natur zur Kultur, sondern im Gegenteil eine Regression der Libidoentwicklung, was in seiner „Massenpsychologie“ eigentlich auch klar betont wird. Entsprechend kann man definitiv sagen (nachdem die beiden oberen Punkte noch eher diskutabel sind):
Die These ‚Der Ausgang aus dem Naturzustand kann nur gelingen, wenn die Menschen sich einem Führer unterordnen‘ findet sich bei Freud gewiss nicht, sie widerspricht dem Freudschen Denken fundamental.
An welcher Passage der „Massenpsychologie“ meinst du denn zu erkennen, es bräuchte eine „Unterordnung unter einen Führer“ zur Kulturentwicklung?

- zum Suchraster:

Die Schrift müsste (wenn es geht)
vor 1921 geschrieben sein und enthalten, dass der Ausgang aus
dem Naturzustand nur gelingen kann, wenn die menschen ihre
Triebe hemmen und sich einem Führer unterordnen. Nur so kann
eine zivilisierte Ordnung bestehen.

Das findest du wunderbar bei Hobbes im „Leviathan“. Der ist aus dem 16. Jahrhundert und damit auch vor 1921 geschrieben.
Bei Freud findest du dies so m.W.+E. nicht, wie ich mit meinen Zitaten zu zeigen versucht habe (zumindest nicht, wenn man nicht einzelne Passagen aus dem Kontext reißt und damit wertlos macht). Wenn schon annäherungsweise, dann am ehsten noch in „Totem und Tabu“, aber das hat dir ja bereits nicht genügt.

_ ℂ Λ ℕ Ð I Ð €


Der zivilisierte Wilde ist der schlimmste aller Wilden.
(Karl Julius Weber)_

Hallo,

vielen vielen Dank für die Antworten.
Ich werde heute Abend noch mehr schreiben, ich bin auf dem Sprung, nur eine Sache wegen Hobbes:
Mein Professor hatte damals nur gesagt, dass Freud eben von Hobbes vieles übernommen hat und so auch die Grundannahme vom Naturzustand, dass der Mensch des Menschen Wolf wäre (eben wegen der Triebhaftigkeit Sexualität und Aggression.
Der Grund einen Führer zu akzeptieren hätte er auch angelehnt an Hobbes erklärt und zwar meinte Hobbes ja, dass es eine einfache Rechnung sei 8also jetzt übertragen nacherzählt), da die Menschen durch die Unterwerfung einer höheren Instanz Frieden gewinnen und dies ihnen mehr Vorteile erbringt.

Jetzt habe ich natürlich auf die Schnelle vergessen, was ich noch schreiben wollte…

Vom Übergang von Natur zu Kultur ist mir übrigens noch Levi-Strauss eingefallen und seinem Inzestverbot, was ja auch zu Totem und Tabu passt, aber das ist ja auch nicht die Erklärung von Freud als Übergang…

wie gesagt, heute Abend schreib ich mehr, dann befasse ich mich nochmal eingehend damit. Das letzte genannte Werk habe ich so noch nicht gekannt, da muss ich mich auch mal mit auseinander setzen, klingt aber gut, danke für den Tip!

lG

Hi Lara

Mein Professor hatte damals nur gesagt, dass Freud eben von
Hobbes vieles übernommen hat

Freud hat kaum Philosophen studiert und von Hobbes hat er sicherlich nichts übernommen. Wer weiß,was dein Professor da alles an Sekundärliteratur verschlungen hat, anstatt Freuds Gesamnmelte Werke in Ruhe durchzulesen. :wink:

Der Grund einen Führer zu akzeptieren hätte er auch angelehnt
an Hobbes

Wie wir dir schon gesagt bzw. geschrieben haben, hat Freud überhaupt nix mit Führern am Hut gehabt (außer sich selber *g*), eher im Gegenteil, als er z.B. in „Totem und Tabu“ den alten Führer, den Patriarchen, durch die männlichen Nachkommen erschlagen ließ.
An Moses hat ihm vielleicht auch eher gefallen, dass der sich geweht hat gegen Führer und Übermacht.
Gruß,
Branden

Hallo,

spät, aber ich schreibe noch :smile:

an Branden:

Ich halte meinen Pofessor (zumindest ihn, es gibt da sehr viele schlecht) für einen sehr kompetenten Menschen. Daher habe ich mich nochmal mit „das Unbehagen in der Kultur“ beschäftigt und siehe da, Hobbes wird, wenn auch nicht namentlich, zitiert. Im 5. Kapitel (Seite 471 der gesammelten Werke) steht der Satz „homo homini lupus“, und später „infolge dieser primitiven Feindseeligkeit der Menschen gegenüberist die Kulturgesellschaft beständig vom Zerfall bedroht. […] Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der menschen Schranken zu setzen […]“

Und auch die Sache mit dem Führer ist ja dennoch vorhanden. Man erinere sich an Totem und tabu. Da wird der Urvater als erster Führer zwar gestürtzt, aber es gab einen. Oder auch Massenpsychologie und Ich-Analyse, da ist ja nur von einem Führer die Rede. Freud geht der Wohl von der Annahme eines Führers, eines Ideals und Weltbildes aus. Er erforscht ja gerade die Ursache für ein Verlangen nach einem Führer, immerhin schreibt er: „Alle Einzelnen sollen einander gleich sein, aber alle wollen sie von einem beherrscht werden“ oder „dass die gegenseitige Bindung der Massenindividuen von der Natur einer solchen Identifizierung durch eine wichtige affektive Gemeinsamkeit ist […] diese Gemeinsamkeit liege in der Art der Bindung an den Führer“
damit sagt er ja, dass die Masse als solche nur aufgrund eines Führers überhaupt entstehen kann, denn ohne Führer gäbe es keine Identifizierung, die eben die Bindung aneinander ausmacht…

zum vorherigen Post:

Zeitgemäßes über Krieg und Tod klingt wirklich recht gut, vor allem, da das genannte Zitat auch zum Unbeghagen in der Natur passt, da wurde dann ja einiges von früher wiederholt. Da ich meine Theorie für Massenpsych. nicht auf ein späteres werk stützen kann, werde ich mir diese Schrift auf jeden Fall durchlesen, also vielen Dank für den Tip!
Ich finde das genannte Zitat auch sehr gut, da Triebverzicht immer eine bedeutende Rolle für Freud gespielt hat.

Ich muss zugeben, dass ich Totem und Tabu noch nicht wirklich komplett durchgelesen habe. Aber das werde ich dann wohl doch tun. Ich denke der größte Teil ist die Geschichte der Urholde, die ich kenne, dann wird der Rest nicht allzu viel sein.

Kultur ist für freud aufgrund des Triebverzichts nie ganz möglich, weil die Triebe zu stark sind, dass sie immer wieder durchkommen können und sie quasi immer wieder in ihre Schranken verwiesen werden müssen und das ist ja die Aufgabe der Kultur (siehe obiges Zitat).

Hi Lara

Im 5. Kapitel (Seite 471 der gesammelten
Werke) steht der Satz „homo homini lupus“, und später „infolge
dieser primitiven Feindseeligkeit der Menschen gegenüberist
die Kulturgesellschaft beständig vom Zerfall bedroht. […]
Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der
menschen Schranken zu setzen […]“

Alles richtig. Hat aber nichts mit Führern zu tun.

Und auch die Sache mit dem Führer ist ja dennoch vorhanden.
Man erinere sich an Totem und tabu. Da wird der Urvater als
erster Führer zwar gestürtzt, aber es gab einen.

Hab ich ja geschrieben. Er wird gestürzt. Freud spricht sich also nicht FÜR einen Führer aus, sondern e beschriebt (mit gewisser Freude *g*) den Putsch gegen denselben.

Oder auch
Massenpsychologie und Ich-Analyse, da ist ja nur von einem
Führer die Rede. Freud geht der Wohl von der Annahme eines
Führers, eines Ideals und Weltbildes aus. Er erforscht ja
gerade die Ursache für ein Verlangen nach einem Führer,
immerhin schreibt er: „Alle Einzelnen sollen einander gleich
sein, aber alle wollen sie von einem beherrscht werden“ oder
„dass die gegenseitige Bindung der Massenindividuen von der
Natur einer solchen Identifizierung durch eine wichtige
affektive Gemeinsamkeit ist […] diese Gemeinsamkeit liege in
der Art der Bindung an den Führer“
damit sagt er ja, dass die Masse als solche nur aufgrund eines
Führers überhaupt entstehen kann, denn ohne Führer gäbe es
keine Identifizierung, die eben die Bindung aneinander
ausmacht…

Das ist eher k r i t i s c h gemeint. Wenn man Freud kennt, weiß man, wie e diese Dinge analysiert, kritisch betrachtet.
Ich empfehle Dir das hervorragende Buch „Psyche und Macht. Freud politisch lesen.“ Leider ist mir der Autor im Moment entfallen.
Gruß,
Branden

Ersteres war darauf bezogen, dass du geschrieben hattest: „Freud hat kaum Philosophen studiert und von Hobbes hat er sicherlich nichts übernommen.“
und war erstmal nicht auf die Führerproblematik bezogen. Ich wollte damit nur sagen, dass er sehr wohl auf Hobbes eingeht, auch wenn er ihn nicht namentlich nennt, aber das zitat mit dem Wolf ist bekanntermaßen von Hobbes.

Ich sage nicht, dass Freud nicht kritisch zu lesen ist, aber Ironie kann man seinem Werk nicht zuschreiben, will heißen, auch wenn er es kritisch sieht, sieht er es so. Ob er es gut heißt ist eine andere sache, aber dennoch waren das seine beobachtungen und feststellungen. Er wird kaum ein ganzes Werk über massen mit ihren Führern schreiben, wenn es diese unterordnung so nicht geben würde.

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Liebe Lara!

Ich halte meinen Pofessor (zumindest ihn, es gibt da sehr
viele schlecht) für einen sehr kompetenten Menschen. Daher
habe ich mich nochmal mit „das Unbehagen in der Kultur“
beschäftigt und siehe da, Hobbes wird, wenn auch nicht
namentlich, zitiert. Im 5. Kapitel (Seite 471 der gesammelten
Werke) steht der Satz „homo homini lupus“, und später „infolge
dieser primitiven Feindseeligkeit der Menschen gegenüberist
die Kulturgesellschaft beständig vom Zerfall bedroht. […]
Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der
menschen Schranken zu setzen […]“

Selbstverständlich kann man versuchen, Freud so weit wie möglich Hobbesianisch zu lesen (Roussauistisch oder Marxistisch oder Schopenhauerischen macht man es ja auch), aber man wird m.E. merken, dabei bald an die Grenzen zu stoßen, zumal Freud Hobbes nicht mal namentlich erwähnt, geschweige denn sich zumindest rudimentär systematisch mit ihm auseinandersetzt.

Die beiläufige und mit keiner Silbe weiter ausgeführte Bemerkung „homo homini lupus“ ist natürlich eine Anspielung auf Hobbes’ Diktum, aber nicht mehr, sie ist genauso wenig eine Zustimmung zu Hobbes’ Theorie als solcher, wie ein paar Seiten des „Unbehagens“ später Freuds Satz von der „Feindseligkeit eines gegen alle und alle gegen einen“ als Ablehnung der Hobbesschen Theorie als solcher verstanden werden kann (denn Hobbes spricht ganz im Unterschied dazu von „alle gegen alle“!).

Solche Phrasen mögen Aufhänger für weiteres Überlegen sein, nicht mehr, zumal „homo homini lupus“ und „bellum omnium contra omnes“ 1930 längst als Allgemeinplätze in der bildungsbürgerlichen Umgangssprache verankert sind, das hat mit Hobbes nicht mehr viel zu tun.

Aber wie gesagt: klar kann man Hobbes-Einflüsse oder Nähen zu Hobbes in Freuds Werk suchen (z.B. den konservativen Kulturpessismus beider), aber man wird halt auch mit den m.E. viel zahlreicheren „Fernen“ zu Hobbes argumentativ umgehen müssen. Wenn dein Professor gute Argumente hat, warum auch nicht …

Und auch die Sache mit dem Führer ist ja dennoch vorhanden.
Man erinere sich an Totem und tabu. Da wird der Urvater als
erster Führer zwar gestürtzt, aber es gab einen.

Hier muss man sehr aufpassen!

Es ist nicht gleichgültig (akzidentiell), ob er gestürzt wird oder nicht, nach dem Motto Hauptsache es gab einen Führer …
Er wird notwendig gestürzt - und erst sein Sturz ermöglicht es, ihn als Prinzip zu internalisieren …

„Totem und Tabu“ ist nicht ein Erzählung vom Führertum (gegen das halt dann aufbegehrt wurde als hätte es anders sein können), sondern es ist eine Erzählung von der Rebellion gegen das Führertum und den Konsequenzen. Das ist wesentlich und unhintergehbar (und bei Hobbes absolut nicht zu finden).

Oder auch
Massenpsychologie und Ich-Analyse, da ist ja nur von einem
Führer die Rede. Freud geht der Wohl von der Annahme eines
Führers, eines Ideals und Weltbildes aus. Er erforscht ja
gerade die Ursache für ein Verlangen nach einem Führer,
immerhin schreibt er: „Alle Einzelnen sollen einander gleich
sein, aber alle wollen sie von einem beherrscht werden“ oder
„dass die gegenseitige Bindung der Massenindividuen von der
Natur einer solchen Identifizierung durch eine wichtige
affektive Gemeinsamkeit ist […] diese Gemeinsamkeit liege in
der Art der Bindung an den Führer“
damit sagt er ja, dass die Masse als solche nur aufgrund eines
Führers überhaupt entstehen kann, denn ohne Führer gäbe es
keine Identifizierung, die eben die Bindung aneinander
ausmacht…

ja, richtig, die Masse.
Freud erforscht dort die Kohäsionsprinzipien der Masse, aber nicht die Konstituentien von Kultur bzw. Zivilisation.
Ganz im Gegenteil schreibt er dort laufend solche Dinge wie, dass das Individuum in der Masse auf eine primitive Entwicklungsstufe regrediere, dass er in der Massenbildung (und also dem Führerprinzip) das „Wiederaufleben der Urhorde“ sehe (oder auch eine Regression auf einen Entwicklungsstand „wie bei Wilden und Kindern“).

Ok, in gewisser Weise ist es nicht ganz abwegig, den Entwicklungsstand der Urhorde als ersten Schritt aus der Natur in die Kultur zu sehen, und dann die „Unterwerfung unter einen Führer“ zur Triebhemmung als früheste Bedingung von Zivilisierung zu sehen.
Das Argument scheint erst mal zu gehen, wobei Freud ja auch auf die Stufe der „Wilden“ (oder des „Kindes“) verweist … sind die Wilden (Kinder) nun schon erste Zivilisierung oder noch letzte Natur? … ziemlich schwieriges Gelände hier …

  1. Gegenargument: die Dichotomie Naturzustand/Kulturzustand gibt es bei Freud als systematische einfach nicht - zumindest ganz sicher nicht so, wie diese Unterscheidung bei Hobbes und anderen Naturzustandstheorikern des 16. und 17. Jahrhunderts auftaucht. Entsprechend kann man ihn auch nicht so einfach unvermittelt als Naturzustandstheoretiker lesen, wie dies dein „Suchschema“ andeutet.

  2. Gegenargument: es muss klar sein, dass Freud von einer Entwicklungsdynamik spricht, innerhalb der diese frühe Stufe auftritt als eine Stufe, die notwendig überwunden werden muss, wie die Mechanismen, die zur Rebellion gegen den Urvater führen, zeigen.

Wenn du also nach einer Stelle suchst, die zeigt

„dass der Ausgang aus
dem Naturzustand nur gelingen kann, wenn die menschen ihre
Triebe hemmen und sich einem Führer unterordnen. Nur so kann
eine zivilisierte Ordnung bestehen.“
,

dann kann es diese Stelle so simpel bei Freud nicht geben, weil er klar und wiederholt zeigt, wie die „zivilisierte Ordnung“ sich gegen solche Regressionen in der Masse (also Unterwerfungen unter Führern) erwehren muss um bestehen zu können (genauso wie sie für ihr Bestehen notwendig das „Unbehagen“ vermeiden muss, das aus der Hemmung der Triebe besteht). In der Masse bzw. der Unterwerfung unter ein(en) Führer(ideal) brechen gerade die „naturhaften“ Triebe wieder durch, die zivilisierte Ordnung bleibt so gerade nicht bestehen.

Zeitgemäßes über Krieg und Tod klingt wirklich recht gut, vor
allem, da das genannte Zitat auch zum Unbeghagen in der Natur
passt, da wurde dann ja einiges von früher wiederholt. Da ich
meine Theorie für Massenpsych. nicht auf ein späteres werk
stützen kann, werde ich mir diese Schrift auf jeden Fall
durchlesen, also vielen Dank für den Tip!
Ich finde das genannte Zitat auch sehr gut, da Triebverzicht
immer eine bedeutende Rolle für Freud gespielt hat.

Stimmt, „Zeigemäßes über Krieg und Tod“ nimmt viel vom „Unbehagen“ vorweg.

Fraglos richtig ist der „Triebverzicht“ bedeutsam, aber er allein lässt die „zivilisierte Ordnung“ genausowenig bestehen wie ein Zuviel an Triebverzicht.
Das darf man nicht unterschlagen ohne die Freudsche Kulturtheorie zu banalisieren, auch wenn Freud dies manchmal selbst banalisiert, dennoch bleiben eben die vielen anderen Passagen, in denen er komplexer argumentiert (gerade im „Unbehagen“).

Hast du die (kleine, ca. 25 Seiten) Schrift „Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität“ von 1908 dir bereits angeschaut?
Eine Passage, die dir dort gefallen könnte:

Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der Unterdrückung von Trieben aufgebaut. Jeder einzelne hat ein Stück seines Besitzes, seiner Machtvollkommenheit, der aggressiven und vindikativen Neigungen seiner Persönlichkeit abgetreten; aus diesen Beiträgen ist der gemeinsame Kulturbesitz an materiellen und ideellen Gütern entstanden.

Übrigens unterscheidet Freud hier auch drei Kulturstufen. Das könnte für deine Zwecke vielleicht ganz interessant sein, v.a. das jeweilige Maß der drei Stufen an Sexualtrieb-Unterdrückung.

Kultur ist für freud aufgrund des Triebverzichts nie ganz
möglich, weil die Triebe zu stark sind, dass sie immer wieder
durchkommen können und sie quasi immer wieder in ihre
Schranken verwiesen werden müssen
und das ist ja die Aufgabe
der Kultur (siehe obiges Zitat).

Das von mir markierte Denkschema ist Hobbes, es ist überhaupt die bürgerliche Ideologie, aber es ist definitiv nicht Freud.
Dies sieht man an den genannten Schriften eindeutig - je mehr die Kultur auf „in-die-Schranken-verweisen“ der Triebe setzt, desto mehr fällt sie in die Barbarei zurück („Zeitgemäßes über Krieg und Tod“), erzeugt sie die Kräfte gegen sich selbst („Unbehagen“), und erzeugt sie durch Krankheit und Degeneration Unfähigkeit zur Kulturleistung als ihrer eigenen Basis („Kulturelle Sexualmoral“).

Dass keine Kultur ohne Triebhemmung auskommen kann, ist bei Freud natürlich völlig klar, aber das ist auch eine vollkommen triviale Erkenntnis, die ihn sicher noch lange nicht zu einem Hobbesianer macht bzw. die auf dein „Suchschema“ unmodifiziert passen würde.

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Hi Lara

aber das zitat mit
dem Wolf ist bekanntermaßen von Hobbes.

Candide bläst in dasselbe Horn wie ich und hat auch dazu noch ausführlicher etwas geschrieben, weswegen ich das nicht zu wiederholen brauche.

Ich sage nicht, dass Freud nicht kritisch zu lesen ist, aber
Ironie kann man seinem Werk nicht zuschreiben

Oha! Freud ist ein Meister der Ironie - manche Stellen in seinen Werken sind sehr ironisch. Aber das ist kein Punkt, über den wir hier streiten sollten, denn es tut wenig zur Sache. Du siehst dich konfrontiert mit lauter Leuten, die Freud gelesen haben und KEINE wesentlichen Führer-Ambitionen entdeckten - meinst du nicht, dass es nun an der Zeit ist, dieses zu reflektieren und vielleicht zu akzeptieren?
Gruß,
Branden

Hallo,

Ich sehe mich konfrontiert mit 3 Leuten, die das so sehen und nicht mit lauter Leuten.
Ich habe Freud ebenso gelesen und bin nicht komplett bescheuert, nur das mal dazu. Ich verstehe was du meinst, aber ich sehe das mit der Ironie nun mal so, dass er natürlich Dinge ironisch aufgefasst hat und widergibt, wer tut das nicht, das ist ein menschlicher Akt, manche mehr, manche weniger, DENNOCH schreibt er keine komplette Abhandlung mit einem Inhalt, den er so überhaupt nicht gesehen hat.

Aber gut, ich bedanke mich jedenfalls für die Zeit und die verschiedenen Auffassungen, ich habe einiges mitgenommen, aber nicht alles so akzeptiert, aber ich merke, dass diese Diskussion nichts weiter bringt, denn ich finde es förtert eine Diskussion nicht gerade, wenn man einzig beharren kann, aber nicht versucht zu argumentieren, wie es in den letzten beiden Antworten war…

lG

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