Sabine Christiansen

Hi!

Ich sah gestern Christiansen. Ein Talk mit den, an der Einheit beteiligten Aussenministern.
Endlich mal eine Diskussion mit Leuten, die

  1. Ahnung hatten
  2. die Polemik vorher in den Müll geworfen haben

Es war schön eine Diskussion über die Wiedervereinigung zu erleben, in der mal nicht Parteien aufeinander eingedroschen haben (SPD und CDU schenken sich da nichts!), sondern in der Menschen sachlich über dieses Thema sprachen.

Lasst uns unseren Nationalfeiertag einfach feiern, denn ich glaube dass die Einheit unsagbar mehr positive als negative Auswirkungen hatte. Für Deutschland, für Europa und für die Welt.

Ciao
Kaj

Hi,
woher diese Euphorie?
Ich bin auch der Meinung, dass es richtig war, die Mauer nieder zu reissen. Alle Mauern und Grenzen dieser Welt sollten abgerissen werden.
Aber das bedeutet Prozesse, die langsam und für die enger Beteiligten sehr mühsam sein werden. Es ist ja nicht damit getan, dass ein Zaun eingerissen wird. Es müssen Verhältnisse geschaffen werden, die es den Menschen jenseits dieser Mauern erlaubt, sich dem jeweils anderen Niveau anpassen zu können.
Dies ist bei der Deutsche Wiedervereinigung nur ansatzweise gelungen und dieser Prozess ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Das wird - vor allem von den Politikern - gerne übersehen.
So ist es dann auch ausserordentlich peinlich, was sich in den letzten Tagen im deutschen Bundestag abgespielt hat. Als ob jeder für sich den Erfolg der Wiedervereinigung gepachtet habe.
Diese hochkarätigen Politiker des Bundestages und der Bundesregierung sollten sich schämen!
Was gibt es denn schon zu feiern? Dass es die DDR nicht mehr gibt, war doch nur der erste Schritt. Doch schon beim zweiten blieb alles in den Startlöchern hängen. Den Anschluß an den Westen zu finden ist für die Ostdeutschen sehr schwer, wenn man ihnen immer wieder vorzeigt, dass der Einsatz ihrer Arbeitskraft nur 85% von dem wert ist, was ein Westler verdient. Was soll das? Wie kann man so etwas rechtfertigen? Nur wirtschaftlich zu argumentieren bedeutet doch, dass die Mauer (eben rein wirtschaftlich) doch noch besteht, oder etwa nicht?
Gruß,
Francesco

woher diese Euphorie?

Als Gegenpol zu der schlechten Stimmung bezgl. der deutschen Einheit.

Ich bin auch der Meinung, dass es richtig war, die Mauer
nieder zu reissen. Alle Mauern und Grenzen dieser Welt sollten
abgerissen werden.

Lasst uns daran arbeiten!

Aber das bedeutet Prozesse, die langsam und für die enger
Beteiligten sehr mühsam sein werden. Es ist ja nicht damit
getan, dass ein Zaun eingerissen wird. Es müssen Verhältnisse
geschaffen werden, die es den Menschen jenseits dieser Mauern
erlaubt, sich dem jeweils anderen Niveau anpassen zu können.
Dies ist bei der Deutsche Wiedervereinigung nur ansatzweise
gelungen und dieser Prozess ist bei weitem noch nicht
abgeschlossen. Das wird - vor allem von den Politikern - gerne
übersehen.

Genau! Aber der Fall der Mauer eröffnete zumindest die Möglichkeit, diese Prozesse überhaupt ins Laufen zu bringen. Das sollten wir feiern. Es geht nicht von heute auf morgen, aber Beharrlichkeit wird sich auszahlen! Wir haben jedenfalls die Chance dazu und wir sollten sie nutzen.

Was gibt es denn schon zu feiern? Dass es die DDR nicht mehr
gibt, war doch nur der erste Schritt.

Aber ein entscheidender Schritt!

Doch schon beim zweiten
blieb alles in den Startlöchern hängen. Den Anschluß an den
Westen zu finden ist für die Ostdeutschen sehr schwer, wenn
man ihnen immer wieder vorzeigt, dass der Einsatz ihrer
Arbeitskraft nur 85% von dem wert ist, was ein Westler
verdient. Was soll das? Wie kann man so etwas rechtfertigen?
Nur wirtschaftlich zu argumentieren bedeutet doch, dass die
Mauer (eben rein wirtschaftlich) doch noch besteht, oder etwa
nicht?

Wie sagte doch Herzog (oder war es Rau?): Vieles ist schlechter als es sein könnte, aber vieles ist auch besser als man es hätte befürchten können.

Deshalb plädiere ich für den vorsichtigen Optimismus. Aber zu sagen, dass die deutsche Einheit ein Fehler war (so ist oft die Stimmung in der Bevölkerung) halte ich für ungerechtfertigt.

Noch einen schönen Feiertag!

Ciao
Kaj

Hi Francesco,

woher diese Euphorie?
Ich bin auch der Meinung, dass es richtig war, die Mauer
nieder zu reissen. Alle Mauern und Grenzen dieser Welt sollten
abgerissen werden.

Ja, vor allem die in den Köpfen.

Aber das bedeutet Prozesse, die langsam und für die enger
Beteiligten sehr mühsam sein werden. Es ist ja nicht damit
getan, dass ein Zaun eingerissen wird. Es müssen Verhältnisse
geschaffen werden, die es den Menschen jenseits dieser Mauern
erlaubt, sich dem jeweils anderen Niveau anpassen zu können.
Dies ist bei der Deutsche Wiedervereinigung nur ansatzweise
gelungen und dieser Prozess ist bei weitem noch nicht
abgeschlossen. Das wird - vor allem von den Politikern - gerne
übersehen.

Macht sich im Geschichtsbuch halt nicht so gut, wenn einer zugibt, nur halbe Sachen gemacht zu haben. „Isch bin der Ganzler von der Widdervereinigung“ klingt halt viiel besser…

So ist es dann auch ausserordentlich peinlich, was sich in den
letzten Tagen im deutschen Bundestag abgespielt hat. Als ob
jeder für sich den Erfolg der Wiedervereinigung gepachtet
habe.
Diese hochkarätigen Politiker des Bundestages und der
Bundesregierung sollten sich schämen!

Ich habe gerade einen einzigen vernünftigen Satz zu diesem Thema gehört, er kam glaube ich von Thierse. Sinngemäss etwa: Vor 10 Jahren ist eine Mauer gefallen. Sie ist von Ost nach West gefallen. Ja, verdammt! Schliesslich waren es keine Westdeutschen, schon gar keine Bonner Politiker, die in Dresden, in Leipzig auf der Strasse waren. Und es war ein Herr Gorbatschow, der eben keinen Befehl zur Niederschlagung gab (Honecker hätte sich das ohne russische Rückendeckung wohl nicht getraut). Und es waren Politiker aus Polen, aus Tschechien, aus Ungarn, die im richtigen Moment die Augen zugedrückt haben. Wenn überhaupt: wo bleibt die Würdigung für dieses Leute - für die No-Names, die zu zehntausenden die SED ausgehebelt haben?
Die Selbstbeweihräucherung und die Polemik von Kohl und Stoiber sind wahrlich im höchsten Masse peinlich: Die heutige Regierung habe die Einheit damals nich mit dem Herzen gewollt. Obwohl: wieviele Westdeutsche (für den Osten kann ich mangels Erfahrung nicht sprechen) haben 88/89 die deutsche Einheit mit dem Herzen gewollt? Oder sich auch nur vorstellen können? Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die DDR fester Bestandteil jeder Landkarte war. In der „da Drüben“ die „Zone“ war, die Kommunisten, die potenzielle Gefährdung, der potentielle Feind. Da drüben stand die russische Armee, die NVA, die Stasi. Für mich war das nie ein Teil von Deutschland. Drei Tage vor der offiziellen Wiedervereinigung, am 01.10.90, habe ich meinen Wehrdienst angetreten und wurde mit Lehrfilmen über die Waffen der NVA geschult und habe die Verteidigung gegen „Rotland“ geübt. Mich hat der Fall der Mauer überrascht, erfreut - herbeigesehnt habe ich ihn nicht.
Der SPD-Konter ist natürlich genauso peinlich und überflüssig, obwohl in der Sache natürlich richtig. Schliesslich war die Politik der Ostentspannung eine Angelegenheit von Brandt und Schmidt.

Was gibt es denn schon zu feiern? Dass es die DDR nicht mehr
gibt, war doch nur der erste Schritt. Doch schon beim zweiten
blieb alles in den Startlöchern hängen. Den Anschluß an den
Westen zu finden ist für die Ostdeutschen sehr schwer,

Ich glaube, der Anschluss der Westdeutschen an den Osten ist noch erheblich schwieriger. Anscheinend erwartet doch ein nicht unerheblicher Teil der westdeutschen Bevölkerung, dass ein ganzes Volk hurraschreiend und fähnchenschwenkend innerhalb kürzester Zeit eine wirtschaftliche/gesellschaftliche Entwicklung durchlebt, die in der alten BRD immerhin 40 Jahre gebraucht hatte. Und natürlich soll uns der Osten auch noch bis in alle Ewigkeit dankbar sein, dass wir sie vom bösen Kommunismus erlöst haben. Dass sich in 40 Jahren getrennter Entwicklung eigene Werte, eigene Vorstellungen, eine eigene Kultur entwickelt haben könnte, wird dabei entweder ignoriert oder aber, noch schlimmer, schlicht als unverschämt empfunden.
Und - Hand auf´s Herz - wer von uns Wessis kennt denn den Osten aus erster Hand? Zu DDR-Zeiten war ich einmal da, habe es aber mit Ausnahme von Berlin in zehn Jahren nicht geschafft, auch nur ein einziges Mal nach Neufünfland zu kommen (Peinlich, ich schäme mich auch dafür *g*)

wenn
man ihnen immer wieder vorzeigt, dass der Einsatz ihrer
Arbeitskraft nur 85% von dem wert ist, was ein Westler
verdient. Was soll das? Wie kann man so etwas rechtfertigen?
Nur wirtschaftlich zu argumentieren bedeutet doch, dass die
Mauer (eben rein wirtschaftlich) doch noch besteht, oder etwa
nicht?

Heikles Thema, das. Meiner Meinung nach wird die ganze Lohnanpassungsgeschichte hauptsächlich falsch verkauft. Zumindest laut Stat. Bundesamt ist auch das Niveau der Lebenshaltungskosten nur bei ca. 85% des Westniveaus (so sind z. B. die Warmmieten im Schnitt 400,-- DM billiger als im Westen). Dahingehend halte ich das Lohnniveau durchaus für vertretbar. Immerhin gibt es auch nicht unerhebliche Unterschiede zwischen Verdienst Süd und Verdienst West - was sicher auch daran liegt, dass man in München Miete für eine Doppelgarage zahlt, für die man in Bremen ein ganzes Haus bekommt. Fatal ist es aber, hier gebe ich Dir völlig recht, mit dem Lohnniveau eine Aussage über den Stellenwert der Arbeit zu verknüpfen. Hier gibt es keine Unterschiede - es darf sie nicht geben. Unsitten wie getrennte Tarifverträge Ost und West müssen dringend verschwinden, da hier tatsächlich eine Ungleichbehandlung stattfindet.

Zum Schluss möchte ich nochmal anregen, die Existenz der ehemaligen DDR doch endlich aus unserem Sprachgebrauch zu tilgen. Schliesslich sind wir jetzt seit 10 Jahren eine Bundesrepublik Deutschland und nicht etwa eine BRD-Mit-Angegliederten-Fünf-Neuen-Ländern. 10 Jahre ist nicht mehr neu. Das zeigt schon herbe Gebrauchsspuren. Ist es soviel schwerer zu sagen: „In Sachsen, in Thüringen, in Brandenburg“ als „in den Neuen Ländern“? Wäre es nicht endlich an der Zeit, dass sich die Bürger im Osten auch in den Zeitungen, in den Nachrichten als Bürger der BRD und nicht als Eingeborene irgendwelcher exotischer Neufünfländer fühlen dürften?

Gruss
Peter

Hallo, Peter,
ich gebe Dir zwar Recht, wenn Du sagst, die Selbstbeweihräucherung der Politiker sei peinlich.
doch ganz so einfach war die Wiedervereinigung nicht, wie Du sagst!
Gorbatschov hat nur deshalb beide Augen zugedrückt, weil die UDSSR finanziell am Boden (eigentkich unter dem Boden) war und Kohl ihm massive finanzielle Hilfe angeboten hatte, für den Fall, dass er nicht eingreift! Genau das Gleiche mit den Ländern Polen, Ungarn und Tschechoslowakei (hieß sie damals noch). Die DM wollten sie alle haben. Insofern war Kohl „Baumeister“ der Wiedervereinigung. Allerdings, der Wille und die Durchsetzung kam vom Osten, besonders aus dem Gebiet, in dem die größte Wirtschaftskraft der damaligen DDR lag: Sachsen (heute mehr denn je). Honnecker hätte ein Blutbad heraufbeschworen, hätte er Truppen eingesetzt. Die andere Frage wäre gewesen: hätte die NVA überhaupt gefolgt?
Auch dürfte die Behauptung der CDU/CSU richtig sein, dass große Teile der SPD (Bundestag) gegen die Wiedervereinigung war (Wasserstrahl aus Saarbrücken war da ganz deutlich). Ob wir schon die Wiedervereinigung hätten, wenn damals die SPD am Ruder gewesen wäre??? Da kann man lange spekulieren. Denn die UDSSR hätte sich vermutlich auch ohne Geld herausgehalten. Nur… vermutlich! Das aber heute groß aufs Tablet zu bringen, halte ich auch für geschmacklos! Eigenartigerweise hat die CDU/CSU damit Erfolg!

Hoffen wie, dass wir Ostpreussen nicht schon jetzt zurück bekommen! Dagegen ist die finanzielle Unterstützung der jungen Bundesländer harmlos!

wieviele Westdeutsche (für den Osten kann ich mangels
Erfahrung nicht sprechen) haben 88/89 die deutsche Einheit mit
dem Herzen gewollt?

Der größte Teil von Westdeutschland! Mich eingeschossen!

Oder sich auch nur vorstellen können? Ich
bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die DDR fester
Bestandteil jeder Landkarte war. In der „da Drüben“ die „Zone“
war, die Kommunisten, die potenzielle Gefährdung, der
potentielle Feind.

In welchem Teil Deutschlands bist denn Du aufgewachsen? Alle, mit denen ich vor 1990 darüber sparach, haben die DDR als rechtmäßig zu Deutschland gehörig angesehen. Ein Krieg zwischen beiden Staaten war unvorstellbar. Mit UDSSR ja, aber nicht gegen die NVA.

Für mich war das nie ein Teil von Deutschland.

Dann sind Deine Eltern evtl. extrem Links (kein Vorwurf)?

Was gibt es denn schon zu feiern? Dass es die DDR nicht mehr
gibt, war doch nur der erste Schritt. Doch schon beim zweiten
blieb alles in den Startlöchern hängen.

Auch das stimmt nicht. Es ist richtig, dass die Integrierung nicht so schnell, geht, wie es gewünscht war (von beiden Teilen), doch ein Fortschritt ist da! Dass es nicht so schnell geht, liegt an den falschen Vorstellungen auf beiden (!) Seiten.

Und - Hand auf´s Herz - wer von uns Wessis kennt denn den
Osten aus erster Hand?

Und wer von den jungen Bundesländern kennt die alten Bundesländer aus erster Hand? Übrigens bezeichne ich mich nicht als Wessi! Ein Wessi ist kwein Angehöriger der alten Bundesländer schlechthin. Es ist der laute, besserwissende aus dem Westen. Genauso ist ein Ossi nicht unbedingt jeder aus dem Osten! Verwende die Begriffe bitte anders!

Zum Schluss möchte ich nochmal anregen, die Existenz der
ehemaligen DDR doch endlich aus unserem Sprachgebrauch zu
tilgen. Schliesslich sind wir jetzt seit 10 Jahren eine
Bundesrepublik Deutschland und nicht etwa eine
BRD-Mit-Angegliederten-Fünf-Neuen-Ländern.

Das solltest Du aber auch den Sachsen, Türingern… sagen! Wenn die in die alten Bundesländer umziehen, dann „machen sie ´rüber“!
Die DDR spukt nicht nur in den Westköpfen herum, sondern auch im Osten!
Ich bin 1990 bis 1994 extrem oft in Bandenburg und Sachsen gewesen. Ich hatte keine Probleme. Wie heißt das Sprichwort. „so wie man in den Wald hinein ruft, so hallt es heraus!“

Grüße
Raimund

Hallo Raimund,

ich gebe Dir zwar Recht, wenn Du sagst, die
Selbstbeweihräucherung der Politiker sei peinlich.

Peinlich trifft es am besten…

Gorbatschov hat nur deshalb beide Augen zugedrückt, weil die
UDSSR finanziell am Boden (eigentkich unter dem Boden) war und
Kohl ihm massive finanzielle Hilfe angeboten hatte, für den
Fall, dass er nicht eingreift! Genau das Gleiche mit den
Ländern Polen, Ungarn und Tschechoslowakei (hieß sie damals
noch). Die DM wollten sie alle haben.

Sag ruhig: wir haben sie „gekauft“…

Insofern war Kohl „Baumeister“ der Wiedervereinigung.

Oder eben Käufer…

Allerdings, der Wille und
die Durchsetzung kam vom Osten, besonders aus dem Gebiet, in
dem die größte Wirtschaftskraft der damaligen DDR lag: Sachsen
(heute mehr denn je). Honnecker hätte ein Blutbad
heraufbeschworen, hätte er Truppen eingesetzt. Die andere
Frage wäre gewesen: hätte die NVA überhaupt gefolgt?

Ich befürchte leider schon… Zumindest weite Teile, sicher
hätten einige zivilen Ungehorsam geübt, aber ob das gereicht
hätte? Leider wurden Soldaten immer dazu erzogen, Befehle
auszuüben. Beispiele bietet die Geschichte in meinen Augen genug.

Auch dürfte die Behauptung der CDU/CSU richtig sein, dass
große Teile der SPD (Bundestag) gegen die Wiedervereinigung
war (Wasserstrahl aus Saarbrücken war da ganz deutlich). Ob
wir schon die Wiedervereinigung hätten, wenn damals die SPD am
Ruder gewesen wäre??? Da kann man lange spekulieren.

Wie Peter schon sagte: Hätten wir die Wiedervereinigung wohl
schon ohne Brandts Ostpolitik?? Ich halte solche Theorien
und „was wäre wenn“-Spielchen für wenig hilfreich. Keine Frage,
im Rückblick muss selbst ich Kohl (und Genscher, der allzu sehr
vergessen wird) Respekt zollen - aber was wäre gewesen, wenn das
schnelle Handeln ein Schuss nach hinten geworden wäre, wenn sich
Paris, London oder Washington quer gestellt hätten? Frag.en über
Fragen. Tatsache ist im übrigen, daß unser Helmut uns dafür auch
viel vom Weihnachtsmann aufgetischt hat („blühende
Landschaften“); da war Lafontaine bei aller Antipathie
meinerseits ehrlicher, als er offen sagte, ohne Steuererhöhungen
wird es nicht gehen. Was eigenltich JEDEM hätte klar sein müssen.

Denn die
UDSSR hätte sich vermutlich auch ohne Geld herausgehalten.
Nur… vermutlich! Das aber heute groß aufs Tablet zu bringen,
halte ich auch für geschmacklos! Eigenartigerweise hat die
CDU/CSU damit Erfolg!

Wie gesagt: diese politischen Spekulationen finde ich - egal von
welcher Seite - meistens ziemlich lächerlich…

Hoffen wie, dass wir Ostpreussen nicht schon jetzt zurück
bekommen! Dagegen ist die finanzielle Unterstützung der jungen
Bundesländer harmlos!

Ich denke mal, daß man die Situation nicht vergleichen kann, da
man dort heute nur schwer noch von dem reden kann, was die
Zugehörigkeit zu Deutschland ausmachen würde: die deutsche
Bevölkerung gibt es de facto nicht mehr, deutsche Kultur und
Sprache auch nicht wirklich (lasse mich gerne eines besseren
belehren…). Und abgesehen davon bitte ich einfach darum, die
Wiedervereinigung nicht ständig unter dem Plazet des Geldes zu
sehen.

wieviele Westdeutsche (für den Osten kann ich mangels
Erfahrung nicht sprechen) haben 88/89 die deutsche Einheit mit
dem Herzen gewollt?

Der größte Teil von Westdeutschland! Mich eingeschossen!

Das ehrt dich ungemein, und das meine ich ehrlich. Dieses ist
sicherlich auch eine Frage der Generationen. Ich bin Jahrgang
72, für mich war es immer klar, daß es BRD hier und DDR da gibt.
Bis zum Fall der Mauer, den ich live erleben durfte in Berlin,
hat daran nie jemand aus meiner Generation auch nur einen
Gedanken verschwendet!

Oder sich auch nur vorstellen können? Ich
bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die DDR fester
Bestandteil jeder Landkarte war. In der „da Drüben“ die „Zone“
war, die Kommunisten, die potenzielle Gefährdung, der
potentielle Feind.

Genau so wie Peter es hier beschreibt, ist es…

In welchem Teil Deutschlands bist denn Du aufgewachsen? Alle,
mit denen ich vor 1990 darüber sparach, haben die DDR als
rechtmäßig zu Deutschland gehörig angesehen.

Ich meine das jetzt echt nicht böse: wie bereits gesagt, dies
mag an deiner Generation liegen, die noch die Zeit ohne Mauer
kannte. Für meine Generation war es für die wenigsten noch so,
selbst Schulfreunde aus der JU sahen das nicht mehr so.

Ein Krieg
zwischen beiden Staaten war unvorstellbar. Mit UDSSR ja, aber
nicht gegen die NVA.

Gut, kann man heute leicht sagen. Aber ich würde das nicht so
ohne weiteres unterschreiben… Von keiner der beiden Seiten her
übrigens.

Für mich war das nie ein Teil von Deutschland.

Dann sind Deine Eltern evtl. extrem Links (kein Vorwurf)?

Stimme auch hier Peter zu… Und meine Eltern waren sicher nicht
links, so wie ich selber mich auch nicht unbedingt links sehe.

doch ein Fortschritt ist da! Dass es nicht so schnell
geht, liegt an den falschen Vorstellungen auf beiden (!)
Seiten.

Da stimme ich dir zu - aber in meinen Augen haben eben auch
bestimmte Politiker diese falschen Erwartungen bewußt oder nicht
massiv geschürt. Etwas mehr wahreit und Ehrlichkeit von ANfang
an hätte auf allen Seiten viel Enttäuschung erspart…

Und wer von den jungen Bundesländern kennt die alten
Bundesländer aus erster Hand?

Definitiv mehr (siehe auch einer der letzten Spiegel, wills
gerne raussuchen…)

Wie heißt das Sprichwort. „so wie man in den Wald hinein
ruft, so hallt es heraus!“

Eben, und insofern hoffe ich , daß diese lächerlichen
Diskussionen bezüglich der Verdienste endlich ein Ende haben.
Wir können die innere Einheit eh nie per Dekret schaffen,
sondern da ist einfach jeder von uns gefragt. Und sei es „nur“
dadurch, daß er mal seinen Sprachschatz durchforstet… Und all
denen, die (wie ich) immer schon Bundesbürger waren kann ich nur
den Rat geben: Informiert euch mal etwas mehr über die DDR und
wie es dort aussah. Gerade bei den Leuten meiner Generation
stelle ich immer wieder fest, daß sie keine Ahnung haben wovon
sie bei dem Wort „DDR“ eigentlich reden.

In diesem Sinne, Claus
*der sich über den 3.10. am meisten deswegen freut weil er so
sehr gute freunde finden konnte*

Hallo Raimund,

ich gebe Dir zwar Recht, wenn Du sagst, die
Selbstbeweihräucherung der Politiker sei peinlich.

Erstmal ein Punkt, in dem wir uns einig sind, schön.

doch ganz so einfach war die Wiedervereinigung nicht, wie Du
sagst!
Gorbatschov hat nur deshalb beide Augen zugedrückt, weil die
UDSSR finanziell am Boden (eigentkich unter dem Boden) war und
Kohl ihm massive finanzielle Hilfe angeboten hatte, für den
Fall, dass er nicht eingreift!

Glasnost und Perestroika - zwei Begriffe, die wir schon kannten, bevor irgendjemand auch nur auf den Mauerfall zu hoffen wagte, oder? Und bereits Anfang Juli 1989, noch vor den Montagsdemonstrationen, hat Gorbatchov auf dem Gipfeltreffen der Warschauer-Pakt-Staaten in Bukarest das endgültige Ende der Breschnjew-Doktrin erklärt. Er ruft die eigenständige Lösung nationaler Probleme aus, was Honecker so geschockt haben soll, dass er frühzeitig abgereist ist. Kurz danach begann die Massenflucht über Ungarn und in die „Ständigen Vertretungen der BRD“.

Genau das Gleiche mit den
Ländern Polen, Ungarn und Tschechoslowakei (hieß sie damals
noch).

Bereits im Mai 1989 begann Ungarn damit, seine Grenzanlagen zu demontieren. Im Juni haben Gyula Horn und Alois Mock symbolisch ein Stück Grenzzaun zerschnitten. Die Loslösung Polens vom Kommunismus begann schon 1980 mit der Gründung der Solidarnosc, 1989 fanden in Polen schon freie Wahlen statt.

Die DM wollten sie alle haben. Insofern war Kohl
„Baumeister“ der Wiedervereinigung.

Gelder mögen geflossen sein - wäre nicht untypisch für Kohl. Allerdings doch wohl erst, als es überhaupt zu Verhandlungen über einen BRD-DDR-Zusammenschluss gab. Und da war die Öffnung der Mauer bereits - völlig ohne Westeinfluss - vollzogen.

Allerdings, der Wille und
die Durchsetzung kam vom Osten, besonders aus dem Gebiet, in
dem die größte Wirtschaftskraft der damaligen DDR lag: Sachsen
(heute mehr denn je). Honnecker hätte ein Blutbad
heraufbeschworen, hätte er Truppen eingesetzt. Die andere
Frage wäre gewesen: hätte die NVA überhaupt gefolgt?

Darauf hat Claus ja schon geantwortet. Es bleibt anzunehmen, sie hätte. Und wenn nicht die NVA, dann doch die VoPo und die sog. bewaffneten Betriebskampfgruppen. Die haben auch, wenn gottseidank auch nur im Kleinen.

Auch dürfte die Behauptung der CDU/CSU richtig sein, dass
große Teile der SPD (Bundestag) gegen die Wiedervereinigung
war (Wasserstrahl aus Saarbrücken war da ganz deutlich).

Richtig ist: Herr La Springbrunnen hat vor übereilten Schritten und den enormen Kosten gewarnt. Richtig ist auch, dass die SPD den Einigungsvertrag einstimmig angenommen hatte, bei der CDU gab es 14 Stimmen (!) dagegen. Doch nicht so ganz der heisse Herzenswunsch aller Christdemokraten gewesen, scheints.

Ob
wir schon die Wiedervereinigung hätten, wenn damals die SPD am
Ruder gewesen wäre??? Da kann man lange spekulieren.

Es ist natürlich müssig, zu spekulieren, was geschehen wäre, hätte Rau 1987 die Bundestagswahl gewonnen. Es bleibt aber doch anzunehmen, dass sich niemand eine solche Chance hätte entgehen lassen.

Denn die
UDSSR hätte sich vermutlich auch ohne Geld herausgehalten.
Nur… vermutlich! Das aber heute groß aufs Tablet zu bringen,
halte ich auch für geschmacklos! Eigenartigerweise hat die
CDU/CSU damit Erfolg!

Naja, für mich klingt es wie ein Mantra, dass die Union ständig wiederholt - in der Hoffnung, damit die nächste Wahl zu gewinnen.

Hoffen wie, dass wir Ostpreussen nicht schon jetzt zurück
bekommen! Dagegen ist die finanzielle Unterstützung der jungen
Bundesländer harmlos!

Das wird wohl nie geschehen. Immerhin haben sich ja unsere Politiker endgültig auf die Oder/Neisse-Grenze festgelegt.

Der größte Teil von Westdeutschland! Mich eingeschossen!

Auch hier hat Claus schon eine sehr gute Antwort gegeben.

Eigenartig ist schon, dass mir niemals aufgefallen ist, dass grosse Teile von Westdeutschland ihrem heissen Verlangen nach Wiedervereinigung irgendwo öffentlich Nachdruck verliehen hätten. Vieleicht haben sie nur im stillen Kämmerlein gewünscht. Ich habe zwar buntgewandete Fahnenschwinger und Rittergutbesitzer aus obskuren deutschen Ostgebieten gehört, die lautstark und CSU-unterstützt Rückgaben forderten - aber da ging es immer um Polen und die CSSR.
Was ich aber in den 80ern gehört habe, war ein „Wenn´s dir hier nicht passt, dann geh doch nach Drüben“, so, als wolle man es nicht nur nicht zurückhaben, sondern auch noch alles Unliebsame aus dem eigenen Land dorthinschaffen.

In welchem Teil Deutschlands bist denn Du aufgewachsen? Alle,
mit denen ich vor 1990 darüber sparach, haben die DDR als
rechtmäßig zu Deutschland gehörig angesehen. Ein Krieg
zwischen beiden Staaten war unvorstellbar. Mit UDSSR ja, aber
nicht gegen die NVA.

In einer kleinen Stadt am Rhein in der Pfalz, in einer noch kleineren Stadt in Niedersachsen und schliesslich in einer grossen Stadt in Südbayern. Alle, mit denen ich vor 1990 darüber sprach, haben die DDR als eigenständigen Staat angesehen. Ein Krieg war nicht nur vorstellbar, sondern einer der Hauptängste (neben dem nuklearen Holocaust) meiner Generation. Gegen die UDSSR, deren Armee im Verbund mit der NVA und dem Warschauer Pakt angreifen würde. Die Aufmarschpläne der NVA sprechen da auch eine sehr deutliche Sprache.

Dann sind Deine Eltern evtl. extrem Links (kein Vorwurf)?

Mal davon abgesehen, dass ich bei extrem linken Eltern die DDR wohl kaum als „Feindbild“ gehabt hätte, mein Vater ist so grün wie er sich das als Unions-Wähler glaubt, erlauben zu können…

Und wer von den jungen Bundesländern kennt die alten
Bundesländer aus erster Hand?

Augenscheinlich recht viele. Letzthin habe ich irgendwo gehört, dass gut 2 Mio. Ostdeutsche ihren Lebensbereich in den Westen verlagert haben (hauptsächlich NRW und Süddeutschland), dass die Ostdeutschen ihre „neue Freiheit“ ausgiebig dazu genutzt haben, ihre „Neue Heimat“ kennenzulernen usw.

Übrigens bezeichne ich mich
nicht als Wessi! Ein Wessi ist kwein Angehöriger der alten
Bundesländer schlechthin. Es ist der laute, besserwissende aus
dem Westen. Genauso ist ein Ossi nicht unbedingt jeder aus dem
Osten! Verwende die Begriffe bitte anders!

Oh verzeihung. Ich wollte Dir damit sicher nicht zu nahe treten. In (West-)Berlin warst Du schon vor 20 Jahren ein Wessi, wenn du halt aus der Ex-BRD kamst. Ich seh das nicht so eng. Aber wenn´s dir lieber ist: Alt-Bundesländler. Klingt nur nicht so griffig…

Das solltest Du aber auch den Sachsen, Türingern… sagen!
Wenn die in die alten Bundesländer umziehen, dann „machen sie
´rüber“!

Und bei uns werden lukrative Jobs in Chemnitz und Frankfurt/Oder abgelehnt, weil man „da Drüben“ ja nicht wohnen kann…

Die DDR spukt nicht nur in den Westköpfen herum, sondern auch
im Osten!

Sie würde vieleicht etwas weniger spuken, wenn wir die real existierende BRD nicht gleich mit der Dampfwalze vermittelt hätten…

Ich bin 1990 bis 1994 extrem oft in Bandenburg und Sachsen
gewesen. Ich hatte keine Probleme. Wie heißt das Sprichwort.
„so wie man in den Wald hinein ruft, so hallt es heraus!“

Warum solltest Du auch Probleme gehabt haben? Vieleicht ist es auch nur mein empfindliches Feingefühl, dass mir fast jeden Abend um 20:00 den Eindruck vermittelt, dass wir irgendwo doch noch zwei getrennte Staaten sind…

Gruss
Peter