hallo oliver,
folgendes fand ich zu dieser thematik:
aus EU.L.E.n-Spiegel 1/2000:
Salz und Bluthochdruck
Die Idee, Bluthochdruck sei eine zwangsläufige Folge von zuviel Natrium und damit Kochsalz, hat aus physiologischer Sicht zunächst etwas Bestechendes: Salz bindet Wasser, eine Tatsache, die uns der Durst nach dem Genuss salziger Speisen eindrücklich demonstriert. Wird dem Blut mehr Natrium zugeführt, muss die Niere dies durch eine Zunahme des Wasseranteils ausgleichen. Ein höheres Volumen übt natürlich auch einen höheren Druck auf die Gefäße aus. Soweit die Theorie.
Der Körper reagiert wesentlich differenzierter. So ist bei bestimmten Krankheiten (z.B. Nierenarterienstenose) der Blutdruck umso höher, je weniger (!) Natrium sich im Körper befindet. Angesichts der Bedeutung konstanter osmotischer Verhältnisse für den Organismus muss die Existenz weiterer endogener und exogener Faktoren angenommen werden, die osmotischen Druck, Flüssigkeitsvolumen, Gefäßtonus und Natriumausscheidung kontrollieren und für die notwendige Homöostase sorgen.
Salz, Politik und „Datenmassage“: die Intersalt-Studie
Intersalt Cooperative Research Group: Intersalt: An international study of electrolyte excretion and blood pressure. Results for 24 hour urinary sodium and potassium excretion. British Medical Journal 1988/297/S.319-328
Die Beweislage für die Hypothese, dass zuviel Salz beim Menschen Hypertonie verursacht, blieb bis 1988 eher dürftig. Das Fehlen eindeutiger Korrelationen zwischen Salzzufuhr und Bluthochdruck wurde darauf zurückgeführt, dass in den westlichen Industrienationen der Salzkonsum insgesamt viel zu hoch sei, um den Nutzen einer geringeren Zufuhr mit statistisch hinreichender Genauigkeit erfassen zu können.
Mit der Intersalt-Studie wollte man diesen Widerspruch auflösen. In 52 Zentren auf der ganzen Welt wurden Blutdruck und Kochsalzzufuhr (Na im 24-Stunden-Urin) bei rund 10.000 Teilnehmern gemessen. Die Forscher konnten, wenn sie die Daten aller Länder poolten, einen schwachen Zusammenhang errechnen: Würde man die Kochsalzzufuhr von durchschnittlich 10 g täglich auf 4 g senken, wäre ein Blutdruckabfall von 2,2 bzw. 0,1 mm Hg zu erwarten. Dieses Ergebnis war so enttäuschend, dass die Ausgangshypothese durch eine zweite Theorie ergänzt wurde: Mit zunehmendem Alter nähme der Einfluss des Salzes auf den Blutdruck zu. Der Umkehrschluss, dass die Kochsalzrestriktion bei jungen Menschen dann sinnlos wäre, wurde nicht weiter verfolgt.
Betrachtet man die Ergebnisse etwas genauer, fallen bei der graphischen Darstellung von Blutdruck und Natriumausscheidung zwei Dinge auf: Erstens sind die Daten nach dem Schrotschußprinzip verteilt. Zweitens gibt es eine kleine Gruppe von Ausreißern. Dabei handelt es sich um vier Naturgesellschaften wie z.B. die Yanomami-Indianer im Amazonasgebiet, die kaum Salz essen, einen niedrigen Blutdruck haben und sich auch sonst in jeglicher Hinsicht von den anderen Populationen unterscheiden. Lässt man diese vier Exoten außen vor, wird der umgekehrte Trend sichtbar: Je mehr Salz, desto niedriger der Blutdruck. Aber auch diese Korrelation ist schwach und eher ein Zufallsergebnis. So hatte die Gruppe mit dem höchsten Salzkonsum, die Bewohner des chinesischen Tianjin mit 14 g Salz am Tag, keinen höheren Blutdruck als Afro-Amerikaner in Chicago, die nur 6 g täglich aßen. Der einzig greifbare Befund der Intersalt-Studie war die wenig neue Erkenntnis, dass Übergewicht und hoher Alkoholkonsum den Blutdruck steigern.
Anmerkung: Trotz der negativen Ergebnisse wurde die Intersalt-Studie als Beleg für den Nutzen einer Salzrestirikon gewertet und markiert den Beginn der großen Kampagnen gegen „zuviel Salz“. Seltsamerweise weigern sich die Autoren, interessierten Wissenschaftlern Einblick in die Originaldaten zu gewähren - ein ungewöhnliches Vorgehen bei Studien, die mit öffentlichen Geldern gefördert wurden. Stattdessen bereiteten sie ihre alten Daten mit neuen statistischen Methoden noch einmal auf. In „Intersalt revisited“ stellten sie 1996 fest, der Einfluss des Salzes auf den Blutdruck sei ausgeprägter als befürchtet. Nun sollte eine Salzreduktion um 6 g täglich den Blutdruck um 4,3 bzw. 1,8 mm Hg senken (British Medical Journal 1996/312/S.1249-1253).
Dieses Vorgehen wirft ein erschreckendes Licht auf die Qualität epidemiologischer Ernährungsstudien: Nachdem jede Messung mit gewissen Ungenauigkeiten behaftet ist, können nicht nur Zusammenhänge vorgetäuscht werden, die gar nicht vorhanden sind. Es kann auch zu einer Abschwächung des tatsächlichen Effektes kommen. Bei „Intersalt revisited“ wurden die Daten so lange korrigiert, bis das erwünschte Ergebnis vorlag. Der Intersalt-Kritiker Friedrich Luft spricht von „Datenmassage“ (Deutsche Medizinische Wochenschrift 1999/124/S.1351-1355).
strubbel
S:open_mouth:)