Pikieren
Hallo Tiri,
da wäre es nützlich, wenn Du die Kulturanleitungen auf den Samentütchen gelesen hättest. Aber malesh - macht nix, das Lehrgeld ist nicht so groß.
Radieschen und Erbsen sind dankbare „Anfängerkulturen“ im Freiland, die gedeihen immer. Radieschen sind innerhalb weniger Wochen erntefähig, die sät man im Abstand von etwa zwei Wochen in einzelnen Partien - wenn es dem Sommer zu geht, muss man dann darauf achten, dass man auch Sorten für den Sommeranbau hat, andere schießen dann ins Kraut. „Parat“ ist ein Klassiker für Sommeranbau.
Gelbsenf wird im Garten als Gründünger ab August/September ausgebracht. Die Ernte von Senfkörnern ist eine ausgesprochene Liebhaberfummelei - wie etwa auch der Anbau von Linsen -, damit würde ich nicht gleich zu Beginn experimentieren, das bringt bloß Enttäuschungen. Wenn Du in dieser Richtung etwas probieren willst, probier Schwarzkümmel - der blüht hübsch und die Samen sind leicht zu gewinnen; man braucht ihn halt recht selten in der Küche, wenn man nicht eigene Pide bäckt oder gerne arabisch kocht.
Karotten führen am Anfang auch leicht zu Enttäuschungen: Man muss sie ein bissel hofieren, damit sie überhaupt auflaufen, und weil die Keimlinge ein bissel süß sind (wie bei Spinat), kann es schon mal passieren, dass in einer einzigen Nacht die ganze Reihe weg ist, weil die Schnecken gradaus durchmarschiert sind. Außerdem brauchen sie einen sehr gut bereiteten Boden - zu schwerer Boden ist nix, und auf Sand muss die Humusversorgung stimmen.
So, und jetzt zu den Tomaten, den Sonnenblumen und der Petersilie (in dieser Reihenfolge, weil für das Pikieren von Petersilie ein bissel Übung notwendig ist):
Lasse das Substrat in den Töpfen, in denen Du gesät hast, trocknen - grade so viel, dass die Sämlinge noch nicht die Köpfe hängen lassen.
Dann bereitest Du die Wannen vor, in die Du die Sämlinge reinpikieren willst - es gibt verschiedene Techniken, die einfachste ist die Arbeit mit Anzuchttöpfen aus organischem Material, die nachher draußen mit eingepflanzt werden. Von dem elsässer Hersteller Fertilpot gibt es welche, die im wesentlichen aus Fichtenrinde gemacht sind und nur einen minimalen Torfanteil haben. Im Vertrieb z.B. bei Niemhandel Gerald Moser.
In diese Anzuchttöpflein (6 cm Durchmesser genügt, die größeren sind für Spezialfälle) gibst Du ein torffreies Anzuchtsubstrat - pur ist nicht notwendig und teuer, und für einige Pflanzen wie Kohlrabi und Kohl ist es eh besser, wenn man das Substrat etwa 1:1 mit Gartenerde mischt. Drücke es leicht an und stelle die Töpflein richtig dicht in eine Anzuchtwanne. Wenn sie nachher angegossen werden, passen sich die Anzuchttöpfe der rechteckigen Form an - wenn sie zu wenig dicht mit Lücken stehen, ist das schlecht für den Feuchtigkeitshaushalt im Substrat. Wenn Du schon weißt, dass Du das ein paar Jahre lang machen möchtest, kauf Dir keinen billigen, leichten Krempel, das Zeug hält oft bloß eine bis maximal zwei Saisonen. Z.B. Romberg macht schöne Anzuchtwannen in einer schwereren Qualität - meine sind jetzt etwa fünfzehn Jahre in Gebrauch und tadellos.
So, jetzt überlegst Du Dir, wie viele Pflanzen Du haben möchtest. Alle, die jetzt gekeimt sind, wirst Du eh nicht brauchen (Hinweis: Tomaten bleiben viele Jahre keimfähig und keimen sehr leicht, die kannst Du von Anfang an in der Aussaatschale ganz, ganz dünn säen). Rechne dabei eine gewisse Reserve für Sämlinge, die nach dem Pikieren nicht angehen und für Pflanzen, die gleich nach dem Auspflanzen Opfer von Hagelschlag, Schneckenfrass und sowas werden. Wenn Du z.B. eine Reihe mit zehn Tomatenstöcken haben möchtest, pikiere jetzt fünfundzwanzig, dann hast Du eine satte Reserve.
Es gibt im Handel alle möglichen Pikierstäbe - ich habe für die tausende Pflänzlein, die ich schon pikiert habe, noch nie einen solchen benutzt. Sehr gut geeignet sind die Einweg-Essstäbchen aus Bambus, die man bei asiatischen Imbissen bekommt: Sie sind fein genug für fummelige Sämlinge, sie sind robust und halten viele viele Jahre, und sie fassen sich viel schöner an als Plastik - das ist für eine ruhige Hand auch wichtig.
So, jetzt kanns losgehen - Voraussetzung, die Sämlinge haben außer den Keimblättern (das ist das erste Blattpaar, das anders aussieht als die dann folgenden, und das sie bereits aus dem Samen mitbringen und beim Keimen bloß noch entfalten) schon ein bis zwei Blattpaare entwickelt.
Du fährst mit dem Pikierholz schräg unter die Sämlinge und lockerst sie so, dass Du sie mit Daumen und Zeigefinger vorsichtig aus dem Substrat nehmen kannst, ohne dass zu viele Wurzeln abreißen. Leg Dir eine Reihe so aus dem Substrat genommener Sämlinge hin - nicht zu viele, solang das langsam geht, damit sie nicht welken; wenns dann flotter geht, kannst Du das im Dutzend durchziehen.
Dann gehst Du mit dem Pikierholz in die Mitte der Pflanztöpfchen, stichst es da ein und erweiterst das Loch mit kreisenden Bewegungen zu einem schmalen Trichter. Zieh das Pikierholz zurück - es macht nichts, wenn wieder ein wenig Substrat in das Loch hineinrutscht. Dann gibst Du zwischen zwei Fingern (für Rechtshänder: der linken Hand) einen Sämling in das Loch und schiebst dabei mit dem Pikierholz vorsichtig seine Wurzeln ein wenig nach. Er sollte ein wenig tiefer sitzen als vorher in der Saatwanne. Wenn der Sämling versenkt ist, drückst Du mit Fingern und/oder Pikierholz ein wenig an, damit es die Wurzeln von Anfang an feucht genug haben.
Fang mit den Tomaten an und mach mit den Sonnenblumen weiter (die kriegt man übrigens direkt ins Freiland gesät eher besser hin als mit Voranzucht, sie sind dann unwesentlich später - Voranzucht bloß in rauhem Klima, wo der Boden spät warm wird), dann hast Du den Dreh bald auch für die Petersilie raus.
Frisch pikierte Sämlinge sind ungefähr zwei bis drei Tage lang sehr empfindlich: Keine Zugluft, nicht nass, nicht trocken halten, keine pralle Sonne.
Das gibt sich aber schnell. Wenn Du die Möglichkeit hast, die Kerle nach und nach an die Bedingungen im Freiland zu gewöhnen - wenn der Garten direkt am Haus liegt, geht das leichter - solltest Du das nutzen, sobald sie sich berappelt haben und es nicht mehr so garstig kalt ist: Tomaten kommen mit unter 10 °C nur als Erwachsene klar.
Klingt jetzt alles sehr kompliziert, das liegt aber bloß an der Beschreibung - der Vorgang selber ist leicht.
2015 wirst Du dann schon soweit sein, dass Du Dorotheanthus, Antirrhinum und Fragaria vesca pikieren kannst.
Schöne Grüße
Dä Blumepeder