Sankt Martin

Hallo,
jetzt hab ich schon wieder eine „Feiertags-Frage“:
Wie ist das eigentlich mit Sankt Martin? Das ist ja kein Feiertag und er gehört auch nicht zum Kirchenjahr, oder? Ist das einfach religiöses Brauchtum oder wie bezeichnet man das?
Vielen Dank!

Moin, moin Regine,

Martin von Tours war ein Heiliger; römischer Soldat, danach Christ und Bischof von Tours; sein Tag ist der 11. November.
Hier ist ein link dazu:

http://www.heiligenlexikon.de/index.htm?BiographienM…

Viele Grüße - Rolf

Hallo Regine,

Rolf hat eigentlich schon alles wichtige gesagt, aber er wirds mir nachsehen (vermutlich kann er sich vorstellen, dass einer, der als Bub den Vikar Krüger erlebt hat, zu gewissen Häresien neigt):

Einige Feiern in heutiger christlicher Tradition sind mehr oder weniger deutlich davon geprägt, dass die Missionare es den frischgebacknen Christen etwas leichter machen wollten und vorhandene Feste und Verehrungen im wesentlichen beibehalten, halt getauft, haben.

Hie und da schimmert da etwas von vorher durch, so wie man an vielen insbesondere Wallfahrtskirchen nicht tief zu graben braucht, um einen Tempel oder einen Brandaltar zu finden.

Heilige wie mein eigener Patron, oder der freundliche Christophorus, oder das Paar Peter&amp:stuck_out_tongue_winking_eye:aul, auch das Osterfest, das sogar noch den Namen von Ostara trägt, auch die Saturnalien, die heute wieder (meist ohne das zu wissen) eher römisch als christlich begangen werden; auch der „Marienmonat“ Mai mit seinen Fruchtbarkeitsritualen („möglichst im Mai heiraten - ja nicht im Mai heiraten“) sind halt soso làlà christianisiert. Wenn die Iren ihr keltisch-christliches Allerheiligen/Allerseelenfest für die Seelen der Gestorbenen feiern, und das ganze geht einmal über den Atlantik und zurück, kommt nichts andres dabei raus als Halloween.

Martinus: Reiteroffizier, Pferdeheiliger, verehrt mit deutlichem Schwerpunkt im germanischen Raum, in der Verehrung allerlei Brauchtum, das nicht sehr christlich anmutet: Die abendlich/nächtlichen Umzüge mit Laternen und Fackeln, bei uns im Oberland seinerzeit mit aus Runkeln geschnitzten „Rübengeistern“ - es ist glaube ich nicht ganz abwegig, in ihm eine Art getauften Wotan zu sehen.

Was dem dezidiert christlichen Inhalt seiner Vita und Legende (vgl. Heiligenlexikon) natürlich keinen Abbruch tut.

Beiläufig ist er, wenn man die Szene beim Offiziersappell am Rhein betrachtet, so etwas wie der Schutzpatron der Kriegsdienstverweigerer. Aber als dieser wird er in Kölle sicherlich nicht gefeiert…

Schöne Grüße

MM

Guten Morgen Martin,

natürlich nehme ich Dir nichts übel, zumal ich Deinem Text entnommen habe, daß Du im Oberland wohnst - ich vermute mal, es handelt sich um das württembergische Oberland. Das liebe ich, seit ich mal ein Vierteljahr in Bad Buchau gelebt habe.
Aber: wer ist Vikar Krüger? Der Mann muß gut sein, wenn er Dir all das beigebracht hat, was Du jetzt weißt. Und Du bekommst einen Stern dafür,
daß Du’s behalten hast.
Gruß - Rolf

Guten Morgen Regine,

gerade hab ich zu Tours noch folgenden link gefunden:

http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,326284,00…

Fröhliche Grüße - Rolf

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Servus Rolf,

ein Vierteljahr Buchau reicht natürlich nicht, um die Verhältnisse der Schussenrieder Ev. Gemeinde kennen zu lernen… An die Pfarr- und Vikariatsstellen dieser ziemlich heterogenen Diasporagemeinde wollte niemand gern hin, was dazu führte, dass die Gemeinde eigentlich vom Organisten und vom Boss des Posaunenchors zusammengehalten wurde.

Zu der illustren Sammlung der Schussenrieder Vikare gehörte u.a. Vikar Krüger, der vor dem Studium mit dem Fahrrad nach Indien gefahren war, dort etwa ein Jahr in einem buddhistischen Kloster verbracht hatte, und die Regeln für ein gutes Leben, die ziemlich genau dem 2.-10. Gebot entsprechen, ganz gut in irgendeiner indischen Regionalsprache zitieren konnte. –

Najagut, aber das gehört eigentlich nicht hierher.

Schöne Grüße

MM

Toll, Martin,

Schussenried kenne ich, Pfarrer Stoffel kenne ich auch noch , und gepredigt habe ich in Schussenried ebenfalls, damals - 1968 - noch in dem schönen Barocksaal von irgendeinem Heim, ich weiß nicht mehr welchem.

Aber jetzt mache ich Schluß, damit uns der MOD nicht die rote Karte zeigt.

Jedenfalls ganz herzliche Grüße ins Oberland!

Hallo Martin!

Martinus: Reiteroffizier, Pferdeheiliger, verehrt mit
deutlichem Schwerpunkt im germanischen Raum, in der Verehrung
allerlei Brauchtum, das nicht sehr christlich anmutet: Die
abendlich/nächtlichen Umzüge mit Laternen und Fackeln, bei uns
im Oberland seinerzeit mit aus Runkeln geschnitzten
„Rübengeistern“ - es ist glaube ich nicht ganz abwegig, in ihm
eine Art getauften Wotan zu sehen.

Eine Ergänzung von historischer Seite, die aber - meines Erachtens - die gestellte Frage nach „warum feiern wir St.Martin“ genauso gut beantwortet wie die Sache mit den verkappt heidnischen Festen - die betrifft nämlich nur den Lichter-und-Kinderzauber (die Sache mit den Rüben musst du mir noch erklären. Hat das was mit der Wilden Jagd zu tun??).
Ich hab mich mit Ortsnamensforschung beschäftigt, und unter Onomasten (ich LIEBE dieses Wort…) gilt eine Faustregel: Hat ein Dorf/eine Stadt eine St-Martins-Kirche, geht zumindest diese Kirche, meist aber der ganze Ort auf eine fränkische Gründung aus der Zeit vor dem Jahr 1000, meist 7.-9.Jh., zurück. St-Martin war nämlich der Nationalheilige der Franken bzw. der fränkischen Könige seit den Merowingern.
Als daher seit Karl dem Grossen Schwaben, Bayern, das Rheinland und Sachsen unter direkte fränkische Herrschaft kamen, kam auch der Kult des hl.Martin von Tours ins östliche fränkische Reich. Viele Orts(neu)gründungen, die angelegt wurden, um das Land zu kultivieren und besser beherrschen zu können (Dörfer lassen sich nun mal besser beherrschen als Wälder), wurden daher mit einer Martinskirche versehen. Und der Kult des hl.Martin war bei den von den Franken abhängigen Fürsten und Herrschern ebenfalls eifrig gepflegt. Wer wollte sich nicht mit dem grossen Karl gut stellen?

Vg
Christian

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Hallo Christian,

schönen Dank für diese treffliche Zutat. Diese Erklärung funktioniert besser, weil man mit dem Rückgriff auf die alten Gottheiten regional viel stärker unterschiedene Ausprägungen finden müsste: Alemannisch/keltische, slavische etc. Während man mit der Dichte von Martinspatrozinien in einer Karte des karolingischen Herrschaftsbereiches mutmaßlich eine recht gute Deckung erzielen würde.

Zum Thema Wotan und die Rübengeister: Vor allem im südlichen Schwaben / Mischgebiet zum Alemannischen zieht heute noch - regional unterschiedlich - im Volksaberglauben teils während der früheren vorweihnachtlichen Fastenzeit, teils während der „Rauhnächte“ zwischen Weihnachten und Epiphanias „es Muetes Heer“ durch die Nacht. Wer der „Muete“ ist, lässt sich leicht erahnen.

Zu Zeiten musste in den jeweiligen Nächten streng darauf geachtet werden, dass alles, was Klingen hat (Äxte, Messer und dergleichen) in Schubladen oder Kästen verwahrt oder fest in einen Balken gehauen wurde, weil dem bloß furchterregenden, aber an sich ungefährlichen Muetes Heer von Menschen gemachte Klingen keinesfalls in die Hände fallen durften, weil dadurch der Spuk materielle mörderische Wirksamkeit erhalten hätte.

Die Rübengeister zum Martinsumzug, nah verwandt mit den Kürbisgeistern zu Haloween, kommen mir vor wie eine Mischung aus dem neueren Allerseelenmotiv und etwas Älterem, was eben durch das Motiv vom „Muetes Heer“ mit Wotan verbunden wird - was dieser mit den Seelen Verstorbener direkt zu tun hat, weiß ich nicht zu sagen, in der germanischen Kante kenn ich mich nicht so aus.

Wie freundlich ist allerdings im Vergleich zu diesen Grauslichkeiten mein Patron - obwohl er ja eigentlich auch zum Zweck der Mantelteilung vom Ross herabsteigen hätte können, das wäre nicht bloß vergnüglicher und bequemer für ihn gewesen, sondern hätte dem Bettler wohl unabhängig vom Mantel ganz gut getan…

Wenn ich grad von Deinem Honig sauge: Eine ähnlich wichtige Bedeutung wie hier St. Martin scheint in großen Teilen des heutigen Frankreich St. Hilarius gehabt zu haben, der in Deutschland nahezu unbekannt ist, aber im ganzen Zentrum und im Limousin an jedem Eck irgendeine Villikation zu betreuen hat. Der historische Hilarius stand, glaube ich, mit Martin in persönlicher Verbindung. Weißt Du von dessen regionaler Funktion auch was - etwa Hauspatron Chlodwigs vielleicht?

Schöne Grüße

MM

Das muss unbedingt noch erwähnt werden:

Der Raum, in dem die Frankenherrscher den Mantel = cappa des Martinus’ aufbewahrten, wurde zur capella, der dort Dienst tuende Prister der capellanus … und daher stammen all die Kapellen und Kapellen und Kaplane.

Fritz

Haalo Martin!

Wenn ich grad von Deinem Honig sauge: Eine ähnlich wichtige
Bedeutung wie hier St. Martin scheint in großen Teilen des
heutigen Frankreich St. Hilarius gehabt zu haben, der in
Deutschland nahezu unbekannt ist, aber im ganzen Zentrum und
im Limousin an jedem Eck irgendeine Villikation zu betreuen
hat. Der historische Hilarius stand, glaube ich, mit Martin in
persönlicher Verbindung. Weißt Du von dessen regionaler
Funktion auch was - etwa Hauspatron Chlodwigs vielleicht?

*schnell nachschlag* (bei K.F.Werner: Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000. dtv 1995.)
Aha: Der heilige Hilarius von Poitiers (315-367) war der Lehrer des hl.Martin. Die Verehrung des hl.Hilarius in Frankreich dürfte also wohl darauf zurückgehen, dass H.von Poitiers der Lehrer des hl.Martin war, der wiederum der Nationalheilige der Franken war.
Daneben gab´s noch einen Hilarius von Arles, der nach 412 vom damaligen römischen Militärherrscher Galliens zum Bischof von Arles (damals Hauptstadt Galliens) ernannt worden war, um zu verhindern, dass der liebe Gottesmann zu unabhängig wird… (Hilarius hat sich sogar mit Papst Leo dem Grossen angelegt, weil er sich als unabhängiger Metropolit Galliens anerkennen lassen wollte. siehe Heiligenlexikon). Vielleicht spielt in der Gegend von Arles eine Art Regionalpatriotismus eine Rolle und die Hilariusverehrung bezieht sich auf diesen Hilarius. Dazu müsste man mal schauen, wann diese ganzen Villikationen gegründet worden sind und von wem. Vermutlich aber ist auch hier der hl.Hilarius von Poitiers gemeint…

Sonntäglich heilige Grüße,
Christian