Hallo Immo,
„Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel mit in die Umkleidekabine“
die Annahme, dass ›mit‹ in deinem ersten Beispielsatz verstanden wird als »Adverbiale, die* den Satz insgesamt näher erläutert«, ist interessant, aber ich glaube nicht, dass man den ganzen von dir angesprochenen Phänomenbereich damit erklären kann. Es ist gewiss korrekt, dass es eine Wahlmöglichkeit bzw., insbesondere im Mündlichen, eine Unschärfe zwischen Partikelverben (›mitberücksichtigen‹) und durch Adverbialia ergänzte einfache Verben (›mit berücksichtigen‹) gibt – aber was macht man dann, wie du richtig fragst, mit diesen Frankreich-Sätzen? In denen steht ja ganz offensichtlich ein Partikelverb.
* Interessant zu beobachten, wie ›Adverbiale‹ – offenbar analog zu Wörtern wie ›Diagonale‹ – langsam das Genus wechselt. Traditionell präskriptiv heißt es ›das Adverbiale‹.
„Kommst Du nach Frankreich mit?“ [vs.] „Kommst Du mit mir mit nach Frankreich?“
nach welcher Regel wird dann die Lokalbestimmung ins Nachfeld geschoben?
Ich habe mal über die Faktoren nachgedacht, die üblicherweise genannt werden, wenn es darum geht, Extraposition ins Nachfeld zu erklären. Einer davon betrifft das Streben nach kleinstmöglicher Distanz zwischen den zwei Verbbestandteilen; schließlich fühlt man sich als Leser mitunter etwas für dumm verkauft, wenn man zwei Dutzend Wörter warten muss, um herauszufinden, ob nun etwas ab- oder aufgegeben, hin- oder weggetragen, an- oder ausgeschaltet wird – wie im Folgenden:
(1) Endlich sagte sie die Hochzeit mit ihrem Freund, den sie seit mehreren Jahren kennt und schon vergangenen Sommer hatte ehelichen wollen, wobei dann der Tod ihrer Lieblingstante dazwischengekommen war, an/ab.
In einem solchen Satz ist es wahrscheinlich, dass der Relativsatz ins Nachfeld wandert. Dies mag auch in deinem Umkleidekabinen-Satz eine Rolle spielen, hilft aber bei den Frankreich-Sätzen nicht weiter. Weitere Aspekte, die die Nachfeldbesetzung regeln, werden in der Regel unter ›Gewicht‹ subsumiert, womit gemeint ist, dass besonders lange (siehe 1), prosodisch hervorgehobene oder semantisch bedeutsame Konstituenten mit höherer Wahrscheinlichkeit extraponiert werden. Diese Struktur entspricht auch der gängigen Thema-Rhema-Gliederung in unmarkierten Hauptsätzen: Erst wird im Vorfeld oder vorderen Mittelfeld das Thema gesetzt, dann im (restlichen) Mittelfeld oder, bei besonderer Betonung, im Nachfeld die rhematische Aussage gemacht.
Der Schlüssel zu den Frankreich-Sätzen liegt nun meiner Ansicht nach darin, dass es möglich und in vielen Fällen auch sinnvoll ist, von dieser üblichen Thema-Rhema-Struktur abzuweichen. Wenn man direkt in medias res gehen und sich nicht mit Bekanntem aufhalten möchte, rücken thematische Teile, sofern man sie nicht ganz weglassen will, ins Nachfeld. In der Duden-Grammatik – als einer von mehreren Darstellungen, die Nachfeld-Themata diskutieren – heißt es etwa:
»Thematische Elemente können in das Nachfeld ausgeklammert werden.«
(§ 1869. Ähnliches findet sich bei Zifonun et al. 1997, Eroms 2000 oder Engel 2009.)
Häufig handele es sich dabei um »Adverbiale in der Form von Präpositionalkonstruktionen.« Für deine Frankreich-Sätze bedeutet das Folgendes:
(2) Kommst du mit nach Fránkreich? (PP im Nachfeld akzentuiert)
(3) Kommst du nach Fránkreich mit? (PP im Mittelfeld)
(4) Kommst du mít nach Frankreich? (PP im Nachfeld deakzentuiert)
(2) und (3) sind, bei entsprechender Prosodie, ähnlich bzw. identisch in ihrer Informationsstruktur. ›Nach Frankreich‹ ist in beiden Sätzen rhematisch; werden diese Fragen geäußert, muss man davon ausgehen, dass der Reiseplan bzw. zumindest das konkrete Land noch nicht zuvor diskutiert wurde. In (4) ist ›nach Frankreich‹ hingegen thematisch und wäre nur dann Teil einer gelungenen Äußerung, wenn das Ziel bereits vorerwähnt ist. Ein ähnlicher Fall: Während ›Kommst du ins Kíno mit/mit ins Kíno?‹ aus heiterem Himmel gefragt werden kann, ist ›Kommst du mít ins Kino?‹ (PP unbetont) nur angemessen, wenn die Abendpläne bereits diskutiert wurden und über einen bekannten Gegenstand jetzt nur eine endgültige Entscheidung ansteht.
In dem C&A-Satz wird ›in die Umkleidekabine‹ durch den Platz, an dem das Schild hängt, offenbar als thematisch empfunden – ein Hinweis genau dort wird sich wohl nicht auf die Toiletten beziehen – und ist daher als unbetonte Konstituente fürs Nachfeld geeignet. So zumindest würde ich diese Strukturen erklären.
Schöne Grüße
Christopher