Satzgliedanalyse

Hallo Forum.

„Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel mit in die Umkleidekabine“,

so steht es bei C&A und sicher noch in vielen anderen Geschäften. Ich frage mich nun, was das Wort „mit“ in diesem Satz darstellt.
Die erste Idee ist ja, es handelt sich um einen Bestandteil des trennbaren Verbs „mitnehmen“. Man könnte dann auch sagen: „Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel in die Kabine mit.“ Okay. Geht.

Was mich stutzig macht, sind ähnliche Sätze: „Kommst Du mit nach Frankreich?“ ist ein ganz alltäglicher Satz, während „Kommst Du nach Frankreich mit?“ schon arg lehrbuchmäßig daherkommt, obschon doch das Präfix trennbarer Verben regulär ans Ende des Satzes wandert und adverbiale Bestimmungen nur zum besseren Verständnis ins Nachfeld wandern sollte.
Noch schlimmer wird es, wenn ich ein Präpositionalobjekt dazutue: „Kommst Du mit mir mit nach Frankreich?“ wirkt gewohnter gegenüber „Kommst Du mit mir nach Frankreich mit?“ Wenn es sich nun bei diesem „mit“ tatsächlich um einen Bestandteil des trennbaren Verbs „mitkommen“ handelt, nach welcher Regel wird dann die Lokalbestimmung ins Nachfeld geschoben?

Liebe Grüße
Immo

Hallo,

„Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel mit in die
Umkleidekabine“,

so steht es bei C&A und sicher noch in vielen anderen
Geschäften. Ich frage mich nun, was das Wort „mit“ in diesem
Satz darstellt.
Die erste Idee ist ja, es handelt sich um einen Bestandteil
des trennbaren Verbs „mitnehmen“. Man könnte dann auch sagen:
„Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel in die Kabine mit.“
Okay. Geht.

Ohne in deutscher Sprachgeschichte Experte zu sein, wage ich eine Vermutung. Das Präfix „mit“ ist zweifelohne aus der Präposition entstanden, und Präpositionen wiederum sind im Indogermanischen aus Adverbien entstanden. Die Adverbien bzw. Präpositionen wurden in gewissen häufig gebrauchten Wendungen langsam als zum Verb gehörig empfunden, woraus die zusammengesetzten Verben entstanden. Das sieht man im homerischen Griechisch, wo noch häufig Präfixe vom Simplex getrennt sind (Tmesis), was im klassischen Griechisch nicht mehr vorkommt. Bei der Trennbarkeit zusammgesetzter Verben beobachten wir im Deutschen auch noch Tmesis. In dem Satz wird wohl das Präfix „mit“ nicht so sehr zum Verb gehörig empfunden, sondern vielmehr als Adverbiale, die den Satz insgesamt näher erläutert.

Was mich stutzig macht, sind ähnliche Sätze: „Kommst Du mit
nach Frankreich?“ ist ein ganz alltäglicher Satz, während
„Kommst Du nach Frankreich mit?“ schon arg lehrbuchmäßig
daherkommt, obschon doch das Präfix trennbarer Verben regulär
ans Ende des Satzes wandert und adverbiale Bestimmungen nur
zum besseren Verständnis ins Nachfeld wandern sollte.
Noch schlimmer wird es, wenn ich ein Präpositionalobjekt
dazutue: „Kommst Du mit mir mit nach Frankreich?“ wirkt
gewohnter gegenüber „Kommst Du mit mir nach Frankreich mit?“
Wenn es sich nun bei diesem „mit“ tatsächlich um einen
Bestandteil des trennbaren Verbs „mitkommen“ handelt, nach
welcher Regel wird dann die Lokalbestimmung ins Nachfeld
geschoben?

Zunächst ist „mit mir“ eine Adverbiale. Deine Beobachtung wirft nicht die Frage auf, nach welcher Regel die Lokalbestimmung plaziert wird, sondern nach welcher Regel das Präfix gestellt wird. Meiner Meinung nach macht sich hier der ursprüngliche adverbiale Charakter des Präfix „mit“ bemerkbar, der sich darin äußert, dass wir es in der Umgangssprache recht frei plazieren können, bevorzugt neben die Angabe, die wir betonen bzw. erläutern wollen. Z. B. in „kommst du mit mir mit…“ soll das zweite „mit“ die Angabe „mit mir“ verstärken. Es wird gewissermaßen als Synonym des Adverbs „zusammen“ gebraucht. Denn man könnte ja auch sagen „mit mir zusammen“.

Viele Grüße

Marco

Hallo Marco,

eine interessante These, die Du da hast: Präpositionen werden adverbial gebraucht. Das erklärt dann auch solche Konstruktionen wie „Da kann ich nichts (da)für“ oder „Hast Du da was von gehört?“, die (leider) noch nicht hochsprachlich sind. Im Grunde genommen wäre es nur konsequent, sie auch formal zuzulassen, wenn doch „keine Sachen mit in die Kabine nehmen“ akzeptiert ist.

Liebe Grüße
Immo

Hi,

das mit „dafür“ usw. ist eine leicht andere Geschichte. Diese Wörter sind richtige Adverbien (Proniminaladvebirn), die folglich sowieso weitgehend frei plaziert werden können. Sie sind zusammengesetzt aus dem Demonstrativbestandteil „da“ und einer Präposition. In der Tmesis kenne ich nur die Endstellung („Da kann ich nichts für“). Eine solche Endstellung der Präposition kennen wir ja auch aus dem Englischen in Frage- und Relativsätzen: What are you looking at? The thing he was looking at was red. (Sinnlosere Sätze fielen mir nicht ein…) Ob man das auf den ursprünglichen adverbiellen Charakter der Präpositionen zurückführen kann? Ich weiß es nicht. (Im Falle der Verbalkomposita bin ich mir recht sicher, da die Tmesis bei Verbalkomposita im Altgriechischen als ein Indiz dafür gilt, dass Präp. ursprünglich Adverbien waren, was ich aufgrund meines Griechischstudiums weiß.)

Gruß

Marco

Hallo Immo,

„Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel mit in die Umkleidekabine“

die Annahme, dass ›mit‹ in deinem ersten Beispielsatz verstanden wird als »Adverbiale, die* den Satz insgesamt näher erläutert«, ist interessant, aber ich glaube nicht, dass man den ganzen von dir angesprochenen Phänomenbereich damit erklären kann. Es ist gewiss korrekt, dass es eine Wahlmöglichkeit bzw., insbesondere im Mündlichen, eine Unschärfe zwischen Partikelverben (›mitberücksichtigen‹) und durch Adverbialia ergänzte einfache Verben (›mit berücksichtigen‹) gibt – aber was macht man dann, wie du richtig fragst, mit diesen Frankreich-Sätzen? In denen steht ja ganz offensichtlich ein Partikelverb.

* Interessant zu beobachten, wie ›Adverbiale‹ – offenbar analog zu Wörtern wie ›Diagonale‹ – langsam das Genus wechselt. Traditionell präskriptiv heißt es ›das Adverbiale‹.

„Kommst Du nach Frankreich mit?“ [vs.] „Kommst Du mit mir mit nach Frankreich?“
nach welcher Regel wird dann die Lokalbestimmung ins Nachfeld geschoben?

Ich habe mal über die Faktoren nachgedacht, die üblicherweise genannt werden, wenn es darum geht, Extraposition ins Nachfeld zu erklären. Einer davon betrifft das Streben nach kleinstmöglicher Distanz zwischen den zwei Verbbestandteilen; schließlich fühlt man sich als Leser mitunter etwas für dumm verkauft, wenn man zwei Dutzend Wörter warten muss, um herauszufinden, ob nun etwas ab- oder aufgegeben, hin- oder weggetragen, an- oder ausgeschaltet wird – wie im Folgenden:

(1) Endlich sagte sie die Hochzeit mit ihrem Freund, den sie seit mehreren Jahren kennt und schon vergangenen Sommer hatte ehelichen wollen, wobei dann der Tod ihrer Lieblingstante dazwischengekommen war, an/ab.

In einem solchen Satz ist es wahrscheinlich, dass der Relativsatz ins Nachfeld wandert. Dies mag auch in deinem Umkleidekabinen-Satz eine Rolle spielen, hilft aber bei den Frankreich-Sätzen nicht weiter. Weitere Aspekte, die die Nachfeldbesetzung regeln, werden in der Regel unter ›Gewicht‹ subsumiert, womit gemeint ist, dass besonders lange (siehe 1), prosodisch hervorgehobene oder semantisch bedeutsame Konstituenten mit höherer Wahrscheinlichkeit extraponiert werden. Diese Struktur entspricht auch der gängigen Thema-Rhema-Gliederung in unmarkierten Hauptsätzen: Erst wird im Vorfeld oder vorderen Mittelfeld das Thema gesetzt, dann im (restlichen) Mittelfeld oder, bei besonderer Betonung, im Nachfeld die rhematische Aussage gemacht.

Der Schlüssel zu den Frankreich-Sätzen liegt nun meiner Ansicht nach darin, dass es möglich und in vielen Fällen auch sinnvoll ist, von dieser üblichen Thema-Rhema-Struktur abzuweichen. Wenn man direkt in medias res gehen und sich nicht mit Bekanntem aufhalten möchte, rücken thematische Teile, sofern man sie nicht ganz weglassen will, ins Nachfeld. In der Duden-Grammatik – als einer von mehreren Darstellungen, die Nachfeld-Themata diskutieren – heißt es etwa:

»Thematische Elemente können in das Nachfeld ausgeklammert werden.«
(§ 1869. Ähnliches findet sich bei Zifonun et al. 1997, Eroms 2000 oder Engel 2009.)

Häufig handele es sich dabei um »Adverbiale in der Form von Präpositionalkonstruktionen.« Für deine Frankreich-Sätze bedeutet das Folgendes:

(2) Kommst du mit nach Fránkreich? (PP im Nachfeld akzentuiert)
(3) Kommst du nach Fránkreich mit? (PP im Mittelfeld)
(4) Kommst du mít nach Frankreich? (PP im Nachfeld deakzentuiert)

(2) und (3) sind, bei entsprechender Prosodie, ähnlich bzw. identisch in ihrer Informationsstruktur. ›Nach Frankreich‹ ist in beiden Sätzen rhematisch; werden diese Fragen geäußert, muss man davon ausgehen, dass der Reiseplan bzw. zumindest das konkrete Land noch nicht zuvor diskutiert wurde. In (4) ist ›nach Frankreich‹ hingegen thematisch und wäre nur dann Teil einer gelungenen Äußerung, wenn das Ziel bereits vorerwähnt ist. Ein ähnlicher Fall: Während ›Kommst du ins Kíno mit/mit ins Kíno?‹ aus heiterem Himmel gefragt werden kann, ist ›Kommst du mít ins Kino?‹ (PP unbetont) nur angemessen, wenn die Abendpläne bereits diskutiert wurden und über einen bekannten Gegenstand jetzt nur eine endgültige Entscheidung ansteht.

In dem C&A-Satz wird ›in die Umkleidekabine‹ durch den Platz, an dem das Schild hängt, offenbar als thematisch empfunden – ein Hinweis genau dort wird sich wohl nicht auf die Toiletten beziehen – und ist daher als unbetonte Konstituente fürs Nachfeld geeignet. So zumindest würde ich diese Strukturen erklären.

Schöne Grüße
Christopher

Hallo Christopher,

vielen Dank für Deine wunderbar detaillierte Analyse. Jetzt stört mich nur noch eines: Die Prosodie.

(0) Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel mit in die Umkleidekabine.

(4) Kommst du mít nach Frankreich? (PP im Nachfeld
deakzentuiert)

In (4) ist ›nach Frankreich‹ hingegen thematisch.

In dem C&A-Satz wird ›in die Umkleidekabine‹ durch den Platz,
an dem das Schild hängt, offenbar als thematisch empfunden
und ist daher als unbetonte Konstituente
fürs Nachfeld geeignet.

Ich weiß nicht, wie Du Satz 0 betonst, aber bei mir heißt das:

(1) Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel mit in die Úmkleidekabine.

– und nicht:

(2) Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel mít in die Umkleidekabine.

Daher finde ich die Umkleidekabine als „unbetonte Konstituente“ etwas fragwürdig.

Liebe Grüße
Immo

Hallo Immo,

vielen Dank für Deine wunderbar detaillierte Analyse.

gern geschehen! Deine Frage hat mich ohnehin beschäftigt.

Jetzt stört mich nur noch eines: Die Prosodie.

Die ist wohl der entscheidende Punkt, wenn es darum geht, zwischen thematischer und rhematischer Nachfeldbesetzung zu unterscheiden. Im Gesprochenen gibt es wenig Schwierigkeiten: Ist die Konstituente stark betont, handelt es sich um das Rhema. Im Geschriebenen dagegen ist es eine Frage der Lesart, wie deine Antwort zeigt. Ich interpretiere und betone den Satz nämlich anders.

(1) Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel mit in die Úmkleidekabine.
(2) Bitte nehmen Sie nicht mehr als 5 Artikel mít in die Umkleidekabine.

Keines der beiden Betonungsmuster, die du vorschlägst, wäre meine erste Präferenz. Nicht das Verb nämlich ist, so wie ich es verstehe, das Rhema, sondern das Akkusativobjekt (3) oder – enger gefasst – das Zahlwort (4). Also:

(3) Bitte nehmen Sie nicht mehr als fǘnf Artíkel mit in die Umkleidekabine.
(4) Bitte nehmen Sie nicht mehr als fǘnf Artikel mit in die Umkleidekabine.

Daher finde ich die Umkleidekabine als „unbetonte Konstituente“ etwas fragwürdig.

›Unbetont‹ ist als relativer Begriff gemeint: Ein Satz dieser Länge kommt schließlich nicht mit einer einzigen Betonung aus. Es verhält sich eher wie in komplexen Komposita, bei denen man mithilfe metrischer Gitter (vgl. http://www.ruediger-weingarten.de/Phonetik/Metrik.html) darzustellen versucht, wo der Hauptakzent liegt, ohne damit mögliche Nebenakzente unterschiedlicher Stärke außer Acht zu lassen. Für den Satz mit der Umkleidekabine sähe das meines Erachtens ungefähr wie folgt aus:

(5) 4Bitte 6nehmen Sie nicht 3mehr als 1fünf 2Artikel mit in die 5Umkleidekabine.

Die genaue Platzierung und Gewichtung mag variieren, aber es erscheint mir semantisch am sinnvollsten, wenn ›in die Umkleidekabine‹ zumindest zur Hälfte der eher schwachen betonten, ›(mehr als) fünf Artikel‹ dagegen zu der Hälfte der prosodisch prominenteren Satzteile zählt.

Du kannst natürlich auch für die Rhematizität von ›in die Umkleidekabine‹ argumentieren, wenn das der Prosodie, die du intuitiv wählen würdest, eher entspricht. Allerdings ist mir unklar, auf welcher inhaltlichen Basis man davon ausgehen könnte, dass diese Phrase nicht lediglich das Satzthema ist, erfüllt sie doch keines der Kriterien für rhematische Extraposition: Weder ist sie durch lexikalische Mittel hervorgehoben (›und zwar‹ oder Ähnliches, wie in 6) noch semantisch besonders wichtig oder markant (wie in 7), da jedem Leser spätestens im Mittelfeld klarwerden dürfte, worauf sich die Anweisung bezieht.

(6) Ich habe ihn neulich gesehen, und zwar mit dieser unmöglichen Frau.
(7) Sie hat sich vor ein paar Tagen die Haare gefärbt – in blau!

Wie auch immer man das sieht: Unsere Uneinigkeit in dieser Frage dürfte zumindest ein Hinweis darauf sein, dass man in Fällen, in denen die Prosodie ausfällt, um eine der beiden Interpretationen zu stützen, idealerweise nur dann ausklammert, wenn eindeutig ist, wie die Konstituente verstanden werden soll.

Viele Grüße
Christopher

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