Hallo Experten,
ich bräuchte bitte einen Hinweis darauf, wie in manchen Sätzen das Pronomen „es“ zu deuten ist. Beispielsätze:
- Es wurde getrunken und viel gelacht.
- Es wurde ein Schaf geschlachtet.
- Ein Schaf wurde geschlachtet.
Also: In Satz 1 ist „Es“ als Subjekt zu betrachten. Oder!? Ich bin mir da relativ sicher. Doch wie ist es in Satz 2? Ist da ebenfalls „Es“ das Subjekt und „ein Schaf“ ein Objekt (Nominativ, mit unbest. Art.) oder ist „ein Schaf“ das Subjekt (passiv) und „Es“ eine Art Hilfswort? Eigentlich könnte ich Satz 2 auch wie 3 schreiben. Was hat es hier also mit dem Wörtchen „Es“ auf sich? Könnte das jemand bitte für mich auseinanderdröseln? Mir wurde die Frage gestellt und ich habe versprochen, sie bis zum nächsten Samstag beantworten zu können.
Liebe Grüße
Huttatta
Hallo, Huttatta!
- Es wurde getrunken und viel gelacht.
- Es wurde ein Schaf geschlachtet.
Zwei Passivsätze. Im ersten steht „es“ als Platzhalter für „getrunken und viel gelacht“. Im zweiten steht „es“ als Platzhalter für „ein Schaf“.
In beiden Sätzen handelt es sich also um ein „es“ als Platzhalter: Es besetzt die Subjektposition.
Folgende Bedingungen sind für das „es“ in beiden Sätzen erfüllt:
-
Das „es“ ist nicht durch ein anderes Wort ersetzbar (keine Pro- Form)
2.
Das „es“ kann nur am Anfang des Satzes stehen
3.
Das „es“ ist in bestimmten Fällen weglassbar:
Z.B. hier:
- Ein Schaf wurde geschlachtet.
Oder hier, weil die erste Stelle durch ein anderes
Satzgliedbesetzt ist:
Gestern wurde getrunken und viel gelacht.
Gestern wurde ein Schaf geschlachtet.
(Da „es“ eben lediglich eine Platzhalter-Funktion erfüllt.)
Demnach handelt es sich um ein sog. Korrelat (=Platzhalter) eines syntaktischen Subjektes.
Das Korrelat-„es“ steht auch häufig für einen Nebensatz (und ist dann ebenfalls in bestimmten Fällen weglassbar):
Es freut mich sehr, dass…
Ich bedaure (es) sehr, dass…
Neben „es“ als Korrelat gibt es noch das
„es“ als Pro-Form:
(Durch ein anderes Wort ersetzbar!)
Wo ist mein Auto? Es ist in der Garage.
Oder das „es“ als formales Subjekt/Objekt (expletives „es“):
(Nicht weglassbar!)
Es regnet.
Er meint es gut mit ihm.
Gruß,
Benjamin
Hi Huttatta,
in beiden Fällen stellt „es“ das Subjekt dar. Ich zitiere den DUDEN in Ausschnitten:
_ es […]
3. ist Subjekt in unpersönl. Ausdrücken […]
d) bei passivischer od. reflexiver Konstruktion (in der Bed. man + Aktiv): es wurde [viel] gelacht; es darf nicht geraucht werden; hier wohnt es sich gut, lässt es sich gut wohnen (kann man gut wohnen)._
Gruß
Christopher
hi,
ich bin mit benjamins erklärung nicht völlig einverstanden.
- Es wurde getrunken und viel gelacht.
- Es wurde ein Schaf geschlachtet.
Zwei Passivsätze. Im ersten steht „es“ als Platzhalter für
„getrunken und viel gelacht“. Im zweiten steht „es“ als
Platzhalter für „ein Schaf“.
„es“ im ersten satz ist ein formales, semantisch leeres subjekt; es ist nicht platzhalter für etwas anderes, auch nicht für das prädikat. es kann auch nicht - wie in besp. 2 - weggelassen werden.
sonst stimme ich der analyse benjamins zu.
m.
Übersicht zur linguistischen Größe ‚es‘
Hi Michael!
Ich stimme dir zu.
Unterdessen habe ich verschiedene Betrachtungen über das Pronomen „es“ verglichen und festgestellt, dass es da oft kleine Widersprüche gibt und die Darstellungen nicht immer klar sind.
Die beste und einfachste Übersicht habe ich in einem Vorlesungs-Handout über Pronomen gefunden:
Die linguistische Größe "es"
Funktionen von „es“:
[a] Verweisfunktion im Sinne eines Personalpronomens
[b] expletive Funktion bei unpersönlichen oder unpersönlich gebrauchten Verben
[c] Platzhalter-Funktion
[d] Korrelat-Funktion
[zu a] Das Kind weint. Es hat Hunger.
[zu b] Es regnet / Es schreit in mir
[zu c] HIERUNTER FALLEN DIE BEISPIELSÄTZE VON HUTTATTA!!!
Kernsatz I: Freude herrscht
Kernsatz II: Es herrscht Freude
Das Finitum muss immer die zweite Stelle im Kernsatz besetzen. Wenn kein anderes Satzglied in Top-Position steht, muss man auf die linguistische Größe „es“ zurückgreifen. Das „es“ übernimmt in solchen Fällen die Funktion eines syntaktisch-funktionalen Platzhalter-„es“ mit dem semantischen Wert 0.
[zu d] Mich freut es , dass sie dieses Angebot gemacht hat.
Manchmal steht das „es“ als kataphorisches Korrelat von Inhaltssätzen (dass-Sätzen). In den meisten Fällen ist dieses „es“ (im Vergleich zum Platzhalter-„es“) fakultativ.
Benjamin
1 „Gefällt mir“