Ultra-Perfekt = Schwäbische Vorzeitigkeit
Hallo zusammen!
Etwas verspätet!
Was der Zwiebelfisch da alles behauptet! Ich glaube kein Wort seiner Analyse! Und die Bezeichnung Ultra-Perfekt trifft die Sache auch nicht.
In der Auseinadersetzung wegen Präteritum und Imperfekt stimme ich Marco zu. Zwar hat sich die Bezeichnung nach jahrhundertelanger Überformung der deutschen Grammatik und deren Terminologie durch die lateinische Grammatik eingebürgert; und selbst die Sache mit der „vollendeten Gegenwart“ und der „unvollendeten Vergangenheit“ ist der deutschen Sprache imputiert worden, aber das ist der deutschen Sprache nicht eigentümlich. Auch die Bezeichnungen: “Partizip Präsens“ und „Partizip Perfekt“ oder „Konjunktiv Plusquamperfekt“ sind schlicht unsinnig. Aber das möchte ich hier nicht weiterführen.
Mir ist die Entstehung der Formen:
Ich habe ihn gekannt gehabt!
ein Ergebnis der süddeutschen – speziell der schwäbischen – Abneigung gegen das Präteritum.
So lautet etwa ein kleines Wortgeklingelversle:
I hann amôl oin gkennt ghett, der hat oine gkennt ghett; ond dui hat a Kend ghett, aber nedd von dem, wo i gkennt ghett hann. Dui hat vorher oin gkennt ghett und von dem hôt se des Kend ghett.
Wörtlich übersetzt:
Ich habe einst einen gekannt gehabt, der hat eine gekannt gehabt; und die hat ein Kind gehabt, aber nicht von dem, den ich gekannt habe. Sie hat vielmehr vorher einen gekannt gehabt und von dem hat sie das Kind gehabt.
Jetzt ziehe man die Perhorreszierung des Präteritums des gemeinen Schwaben aus diesem Satzgebilde. So wird aus den Perfektformen das Präteritum und aus den so genannten „Ultra-Perfekt“ die dazu gehörige Vorzeitigkeit, sprich: das Plusquamperfekt.
Dann lautet die Geschichte:
Ich hatte einst einen gekannt, der hatte eine Frau gekannt; und diese hatte ein Kind; aber nicht von dem, den ich gekannt hatte. Sie hatte vorher einen anderen gekannt, und von dem hatte sie das Kind.
Da der Schwabe das Präteritum nicht nutzt, ersetzt er es auch im Plusquamperfekt, das ja aus dem Partizip II und der Präteritumform des Hilfsverbs gebildet wird, also:
Er hatte es von anderen gehört, aber er heiratete sie dennoch.
Sie war schwanger gewesen, hielt es aber vor ihm geheim.
heißt auf gut Schwäbisch:
Er hat des von andere ghört ghett, aber er hat´se trotdem gheiratet.
Sie isch schwanger gwäsa gwä, hat des aber vor ihm gheim ghalte ghett.
Wie sich allerdings dieser Suevismus angesichts der generationenlangen Verunglimpfung des schwäbischen Dialektes ausbreiten konnte ist mir unerklärlich. Hat doch schon Adelung gegen diese „schwäbische Unsitte“ das Präteritum zu ignorieren kritisiert und der große Sprachreiniger Gustav Wustmann
als Lektüreempfehlung: G.W., Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen, Leipzig 1891; Neubearbeitung 1935 und 1966
diese Eigentümlichkeit als Grund genommen, einen süddeutscher Einfluss auf die Hochsprache als größtmöglichstes (sic!) Unglück zu betrachten. (Ich finde die Belegstellen gerade nicht.)
So mag es denn sein, dass manches, was Zwiebelfisch berichtet, doch nicht ganz abwegig ist.
Gruß Fritz