eher eine ethische, als eine philosophische Frage:
Gestern habe ich erfahren, dass ein Mensch aus meinem Umfeld „plötzlich und unerwartet“ verstorben ist. Dieser Mensch hat mich und meinen Hund warum auch immer gehasst. Mich verunglimpft, den Hund getreten und mehrfach angedroht, ihn zu töten. Mir war dieser Mensch egal, ich lasse mich von so viel Dummheit, wie ihm zueigen war, nicht sonderlich beeindrucken und er begegnete uns halt dann und wann, was nicht zu verhindern war.
Als ich von seinem Tod (mit Ende 50) erfuhr, stieg in mir ein unbändiges Gefühl von Schadenfreude auf. Und damit sitze ich jetzt da.
Mein Über-Ich sagt mir: Ich darf das nicht. Mein „Es“ wiehert (verhalten). Und mein „Ich“ stellt hier die Frage: Ist das ok?
ist auch nicht OK.
Die Schadenfreude war spontan und im ersten Augenblick in Ordnung, aber statt das hier herauszuposaunen, könntest Du es verarbeiten und Dir sagen, dass über Tote nicht schlecht zu reden sei, dass der Tod eines Menschen auch seine fragwürdigen Taten meist bei weitem überwiegt und dass der Konflikt unter Lebenden lösbar wäre.
ich finde das normal.
Er hat dich bedroht und deinen Hund getreten - sollst du jetzt in Trauer verfallen?
Vielleicht ist auch nicht wirklich Schadenfreude sondern Erleichterung?
Ich denke es gibt Menschen bei denen wirklich niemand traurig ist dass sie tot sind - das liegt aber nicht an den Überlebenden sondern am Verstorbenen. Wer sein ganzes Leben daran „arbeitet“ dass er allen Menschen möglichst zuwieder ist kann halt am Grab keine Tränen erwarten.
und Dir sagen, dass über Tote nicht schlecht zu
reden sei,
warum?
Ich habe das nie verstehen können warum das so sein soll.
Und auch Heinz Erhardt sah das so
_ Es scheint so
Es scheint so, daß auf dem Planeten,
den wir so gern mit Füßen treten
und ihn dadurch total verderben
daß also hier nur Gute sterben!
Denn: las man je im Inserat,
daß ein Verblichner Böses tat,
daß er voll Neid war und verdorben,
und daß er nun mit Recht gestorben?
Es kann hier keinen Zweifel geben:
die Schlechten bleiben alle leben!_
Immerhin wissen wir jetzt warum es immer schlimmer wird
(Was wohl am lautesten die jammern, die sich an Deinen Ratschlag halten)
Weil man sich sonst in eine Welt verstrickt, die nicht mehr
existiert.
Die Folgen des Handelns eines jetzt Verstorbenen können aber durchaus noch weiter existieren - denke nur an Kriegsverbrecher, Kinderschänder und ähnliche Personen. Durch ihren Tod werden ihre Taten doch nicht ungeschehen.
Ist vielleicht die Empfehlung, über Tote nichts Schlechtes zu sagen, nicht viel eher ein atavistisches Erbe aus Zeiten, als man die Wiederkehr der Verstorbenen fürchtete?
Schadenfreude ist die reinste Freude.
Denn sie kommt von Herzen.
Entweder: es gibt nichts mehr nach dem Tod.
Dann ist es egal.
Oder: es gibt was nach dem Tod.
Dann hat er jetzt andere Probleme oder andere Freuden und ihm ist es erst recht egal.
Wenn du dich also damit okay fühlst - leb es aus!
Ich wäre nur etwas vorsichtig, wen ich im „richtigen Leben“ daran teilhaben lasse, weil Schadenfreude nun mal nicht als „netter Charakterzug“ gewertet wird (was ich aber für unehrlich halte).
Warum soll man über Schlechtes im Leben eines Menschen
schweigen, nur weil sein Leben jetzt beendet ist?
Weil er selbst zu den Vorwürfen keine Stellung mehr nehmen kann?
oder
Weil „das erlebte Schlechte“ nur ein winziger Aspekt aus einem gesamten Leben ist und das nun abgeschlossene „Gesamtwerk“ niemals auch nur annähernd skizieren kann?
Mein Über-Ich sagt mir: Ich darf das nicht. Mein „Es“ wiehert
(verhalten). Und mein „Ich“ stellt hier die Frage: Ist das ok?
Über-Ich entmachten – dich behaupten gegen dieses
„maligne Introjekt“, soweit deine Kräfte reichen…
Dies nicht nur in Bezug auf diesen spezifischen Fall.
Schadenfreude ist sehr natürlich und jeder kennt sie. Ich finde nichts Schlimmes an ihr. Sich ihrer zu schämen oder sich gar schuldig zu fühlen, halte ich für freudeverneinenden Unsinn. Hat irgendwie so einen gruselig-christlichen Geschmack für mich.
Also: Genieß den Tod dieses Kotzbrockens. Mach eine Flasche Sekt auf und lade Freunde ein. Und deinem Hund gibst du einen großen Knochen zum Abnagen.
Warum soll man über Schlechtes im Leben eines Menschen
schweigen, nur weil sein Leben jetzt beendet ist?
Weil „das erlebte Schlechte“ nur ein winziger Aspekt aus einem
gesamten Leben ist und das nun abgeschlossene „Gesamtwerk“
niemals auch nur annähernd skizieren kann?
Nein, weil Erinnerung durchaus angebracht ist. Darin können dann auch schlechte Gedanken auftauchen, die aber nicht durch Schuldzuweisungen zu beheben sind.