Hallo Yedi386,
mir fallen dazu Stufen der psychosozialen Entwicklung nach Erikson ein.
Der ersten fünf davon, die vom Säuglingsalter bis zur Adoleszenz reichen, entsprechen etwa den Phasen der psychosexuellen Entwicklung nach Freud, es wird aber vor allem die soziale Entwicklung in einem immer größer werdenden Umfeld (zuerst Mutter, dann Familie, Nachbarn, Mitschüler usw.) betrachtet.
Der Freudschen analen Phase (2. - 3. Lebensjahr) entspricht dabei die zweite Eriksonsche Entwicklungsstufe „Autonomie versus Scham und Zweifel“ (der erste: „Urvertrauen versus Ur-Mißtrauen“). Das Erreichen von Autonomie (mit zunehmenden körperlichen Fähigkeiten, z. B. Krabbeln, dann Gehen und Laufen das Umfeld erkunden) ist die „Aufgabe“ dieser Stufe, Scheitern ist möglich, in diesem Falle Problematik mit Scham und Zweifel.
Scham wird so erklärt als Gesehenwerden von anderen, während man selbst irgendwie unvorbereitet, auf irgendeine Weise nackt ist. Man kann sich anscheinend nicht in der stillen Kammer schämen, die Scham tritt nur in Beziehung zu anderen Menschen auf. Natürlich ist die Scham später oft phantasiert, also jemand nimmt an, die anderen würden ihn jetzt verachten und verurteilen, dabei ist es ihnen egal.
Ich verstehe die Scham so, daß die Beschämung eine Demütigung und soziale Degradierung bedeutet, im schlimmsten Fall Ächtung und soziale Vernichtung, gerade das Gegenteil von Anerkennung. Die Scham hängt daher, glaube ich, mit der Rangdynamik zusammen, die es immer in sozialen Zusammenhängen gibt - Anerkennung und Streben nach Aufstieg zählt schon zu den „großen“ Themen, zumindest für manche.
Nach Erikson ist die Scham älter als die Schuld. Diese ordnet er erst der folgenden Stufe zu („Initiative versus Schuld“, Vorschulalter). Wenn ich es richtig verstehe, setzt Schuld ein bereits vorhandenes Über-Ich voraus. Schuldgefühle haben Erikson zufolge mit dem Hören zu tun, dem Beschimpftwerden durch die Stimme des Gewissens. Schuldgefühle hat einer auch und gerade für sich ganz alleine (im Gegensatz zu Schamgefühlen). Allerdings entsteht das Gewissen oder das Über-Ich durch Identifizierung, sozusagen Verinnerlichung von Elternfiguren, also gibt es auch hier ursprünglich andere Personen, die verurteilen und strafen - nunmehr ersetzt durch deren Bilder im eigenen Kopf.
Beides, Scham und Schuld hat wohl mit der Aufrechterhaltung von sozialen Normen zu tun, und sie lassen sich daher wahrscheinlich evolutionspsychologisch erklären.
Fazit: Scham ist urprünglicher und älter als Schuld, und Beschämung ist deshalb so schlimm, weil sie im Erleben einem sozialen Absturz gleichkommt.
Grüße,
I.