Liebe Romantikexperten,
Eichendorff hat einmal eine Einladung zu einer Versammlung in Versform abgelehnt. Dieses Gedicht besticht dadurch, dass das Versmaß so gewählt ist, dass man immer falsch betonen muss.
Wo finde ich das Gedicht?
Beste Grüße,
Andreas
Hallo, ist es dieses?
Zwischen Akten, dunklen Wänden
bannt mich Freiheitsbegehrenden
nun des Lebens strenge Pflicht,
und aus Schränken, Aktenschichten
lachen mir die beleidigten
Musen in das Amtsgesicht.
Als an Lenz und Morgenröte
Noch das Herz sich erlabete,
o du stilles, heitres Glück!
Wie ich nun auch heiß mich sehne,
ach, aus dieser Sandebene
führt kein Weg dahin zurück.
Als der letzte Balkentreter
Steh ich armer Enterbeter
In des Staates Symphonie.
Ach, in diesem Schwall von Tönen,
wo fänd ich da des eigenen
Herzens süße Melodie?
Ein Gedicht soll ich euch senden?
Nun, so geht mit dem Leidenden
Nicht zu strenge ins Gericht!
Nehmt den Willen für Gewährung,
kühnen Reim für Begeisterung,
diesen Unsinn als Gedicht!”
Joseph Frhr. v. Eichendorff
Gruß
Monie
Hallo Monie,
hab vielen Dank, das ist es. Da ich mich im Anlass leicht geirrt habe: weißt Du ihn noch?
Gruß,
Andreas
Hallo,
ich kannte das Gedicht bisher auch nicht. Es nennt sich Mandelkerngedicht, wurde 1820 geschrieben, aber erst 1837 veröffentlicht. Als Untertitel ist zu lesen:
In einem geselligen Kreis bei Gelegenheit einer verlorenen Wette
Viele Grüße
Monie
Hallo, ihr Zwei!
Ich möchte noch ergänzen:
Die Information, dass das Gedicht im Zusammenhang mit einer verlorenen Wette entstanden ist, stammt letztlich aus Eichendorffs „Sämtliche[n] Werke[n]“ I/413 (hg. vom E.-Sohn Hermann).
Der „Balkentreter* […] In des Staates Symphonie“ könnte eine Anspielung auf E.s Beschäftigung am Kultusministerium in Berlin sein. Damit wären wir in der zweiten Hälfte des Jahres 1820.
* Bei nicht-elektrischen Orgeln muss einer den Balgbalken treten.
Schönen Gruß!
Hannes