Lieber Thomas Miller,
ich gebe Dir das Kompliment gern zuück (und finde es schön,
daß Du meine Freude an Provokation nicht mehr als zielgerich-
tete Agressivität, sondern eher als stimulierende Kommunika-
tionsstrategie wahrzunehmen vermagst).
Im Zusammenhang mit Deiner Vita, Deinen Lehrern und der Genea-
logie Deines Denkens stellst Du, wenn ich richtig verstanden ha-
be, mit Platon und Aristoteles zwei Philosophen als „Urinstanzen“
dar. Dies bringt mich auf den vagen Gedanken, an genau diesem
Punkt die Differenz unserer beiden Denksystheme schon im Ursprung
zu erahnen, ja zu benennen. Sollte ich einen gleichartigen Abriß
meiner Denk-Genealogie erstellen müssen, würde ich nämlich zwei-
fellos bei Sokrates landen. Folglich ist das, was zwischen dem
immer unfassbaren Sokrates und der Wahrnehmung/Darstellung seiner
Schüler verloren gegangen ist, die Maßgabe unserer Differenz.
Mein Sokrates-Bild puzzle ich mir im übrigen hauptsächlich aus
Kirkegaards Ironie-Ansatz und den Interpretationen von Nietzsche
bis Rousseau, negativ wie positiv zusammen. Das interessante an
Sokrates im Unterschied zu Platon und Aristoteles ist nämlich die
Konsequenz, Rousseau würde sagen Authentizität, von Leben und Den-
ken zum formalen einen und im inhaltlich anderen. Wenn man das
Abendland von Sokrates her denkt, ist alles Nachfolgende, angefan-
gen bei Platon, reine Interpretationsmaschine.
Kurz: Was Du an Platon und Aristoteles schätzt, (vorsicht Provo-
Ansatz) den Tod des vitalen Gedanken zugunsten von Kategorisierung
und Systhematisierung, ist zwar der Ursprung der westlichen Philoso-
phie, jedoch ziehe ich dem schon aus ästhetischen Gründen Sokrates´
bauernschlau einfaches „Warum“ vor.
(Wahr nur so éin Gedanke. Bitte nicht überbewerten.)
Zum Text:
Aufklärungskritik meines Lehrers Volker Gerhardt (wir
sprachen schon darüber, meine ich), der diese allerdings von
seinem kurzzeitigen Lehrer Adorno - den ich wiederum gar nicht
schätze …
Ich habe Ernst Tugendhat in einigen Kursen besucht und mir sträu-
ben sich die Nackenhaare, wenn ich an einen gewissen Böhler den-
ke, dessen Vorname mir zum Glück entfallen ist. Es gab aber auch
gute Dozenten, deren Meinung ich seltenst teilte, sie aber auch
nicht die meine. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich von
einem Prof mentieren (?) zu lassen (vgl. Sokrates).
Mit Adorno habe ich so meine Schwierigkeiten, wie auch die klassi-
sche Philosophie. Es imponiert mir die Chuzpe seines formalen
Ansatzes, die mir klar bei Nietzsche entlehnt scheint. Inhalt-
lich ist er sicher überbewertet, ein substantiell aufgeblasener Soziologe mit einem Hang ins borniert-ideologische (was aber auch
im von mir so gelobten formalen Systhem angelegt ist).
Kurz: Adorno weiß die Antwort, bevor er überhaupt die Frage auszu-
formulieren vermochte.
„Erkenntnis“ hat mit „dem Guten“ nur in Aufklärungssicht zu tun.
Das würde ich bestreiten, denn die Trias vom Wahren, Schönen
und Guten ist doch wohl platonischen Ursprungs, oder?
Das Wahre-Schöne-Gute ist nicht zufällig während der Aufklärung
wiederentdeckt worden. Daß diese Trias ein erkenntnisfremdes Kon-
strukt ist kann man erahnen, wenn man an diversen Provinztheatern
selbige Inschrift („Dem…“) liest und herinnen des Verlogene-
dumpfhässliche-Gutgemeinten gewahr werden muß.
Platons Trias vermischt Ethik mit Ästhetik und idealisiert diese
Kombination. Du ignorierst, daß es sich um eine Idealisierung
handelt, die nur wider besseres Wissen funktioniert. „Erkennt-
nis“ ist nicht ethisch zu filtern. Deswegen kann Erkenntnis so
wenig „Das Gute“, „Das Böse“ oder „Das Verschlagene“ („Il buno,
il bruto i el cativo“ = Leones Trias, sorry für den Witz) noch
sonstirgendwie vorkatalogisiert werden. Es gibt, außer in der
Literatur, ja auch keine gute oder böse Erkenntnis. Es gibt
nur das Erkennen und die Schlußfolgerungen aus demselben. Diese
Schlußfolgerungen kann man im Nachhinein kreativ zurückdatieren,
doch darum geht es hier wohl weniger, auch wenn dies die Mentali-
tät des „aufgeklärten Bewußtseins“ zu sein scheint.
nicht richtig: Rousseau hat 50 Einträge, Dostojewski lediglich
20, Kant immerhin 143
Da habe ich meine Wette erstaunlich deutlich und doppelt ver-
loren. Aber beim nächsten Mal…
Ausgabe nichts heißen. Mir fällt zum Verhältnis zwischen Kant
und Nietzsche zuerst immer die Absicht Nietzsches ein, über
die Kritik der Urteilskraft zu promovieren.
Revolution! Ich dachte der Nietzsche Fritz sei Altphilologe
gewesen, der jüngste der je eine Professur erhielt, zu seiner
Zeit. Ich kann es nicht glauben. Jetzt mal im Ernst: Das war
doch wohl ein Witz, oder?? Er hat doch zeitlebens in keinem
konkreten administrativ-wissenschaftlichen Verhältniss zu
zeitgenössischen Philosophen gestanden?!! Wer hätte denn sein
Doktorvater sein sollen?? Ich denke Dir ist da eine Verwechs-
lung unterlaufen, denn Nietzsche hat Kant zumindest am Anfang
seiner Philosophiererei garnicht wahrgenommen. Wie es sich für
einen Altphilologen gehört, war ihm Griechenland das Maß aller
Dinge. Seine erste Publikation (Die Geburt der Tragödie) ist
inhaltlich so sokratisch und formal so antiphilosophisch kant-
fern, daß damals schon das philosophische Establischment wut-
verstört reagierte (ein Text ohne Fußnoten, die auf Schüler-
schaft und geistige Lehrerschaft sowie die Relation zum Main-
stream des Faches verweist, könne kein philosophischer Text
sein. Heute ist es ja eher schlimmer…).
Also: Wenn das stimmt, daß Nietzsche je einen Kant-Text plante,
ob Dissertation oder sonst irgendwie motiviert, dann kaufe ich
mir doch noch safranskis Nietzsche-Biographie (Ich erwarte Dei-
nen Kauf-Befehl!)
Ich schätze aber „Emile“ sehr, halte das Werk aber
nicht eigentlich für einen philosophischen Text im engeren
Sinn (ok, das magst du meiner Kantlastigkeit zurechnen).
Ich finde „Emile“ schwer erträglich. Ein Machwerk im besten
Wortsinne. Rousseaus pädagogische Entäußerungen sind so schlecht
verpackt, daß man sich Fragen muß, ob man denselben Autor vor
sich hat, der diese philosophischen Schriften verfasste (Hard-
core sind ja die Romane, Die neue Heloise etc., die als Vorlage
für die Lindenstraße gelten könnten. BUT: „Die Weiber“ stranden
drauf, Rousseau war ihr Hit!!)
Beim Nachschlagen habe ich gesehen, dass Rousseau 1740 ein
musikalisches Notationssystem mit Ziffern entwickelt haben
soll, dass er 1742 der Akademie vorlegte. Weißt du darüber
eventuell Genaueres - das würde mich sehr interessieren!
Ich habe davon auch gelesen, doch, entschuldige, aber mehr
und genaueres weiß ich auch nicht. (Rousseau hat eine Abhan-
dlung darüber geschrieben: Dissertation sur la musique mo-
derne/Abhandlung über die moderne Musik - eben 1742. Später,
1753, hat er übrigens noch einen reaktionsfreudigen Text
zum Thema verfaßt:Lettre sur la musique francaise.).
(Interessant ist die Affinität zur Musik, die Rousseau mit
Nietzsche teilt, wie auch ihre formale-analoge Organisiert-
heit. Anders als R. thematisiert N. die Bedeutung der Musik
ausführlich. R. spart dieses Thema völlig aus.)
Ich denke, dass du meine Nietzsche-Kenntnisse falsch
einschätzt, aber das ist ja auch gleichgültig. Ich bin
allerdings immer ein Verfechter der chronologischen
Nietzsche-Lektüre gewesen und lehne die Überbetonung von
Einzelaspekten bei Nietzsche ab.
Vielleicht aber auch schätzt Du Deine Nietzsche-Kenntnisse
falsch ein (wieder ein Punkt wo ich eine Wette eingehen wür-
de…). Schließlich ist Nietzsche nicht chronologischer Wei-
se habhaft zu werden. In der Nietzsche-Forschung scheint sich
schon seit den 1960gern durchgesetzt zu haben, Nietzsches
Textleben in drei Phasen zu unterteilen. (…)
Die „Überbetonung von Einzelaspekten“ ist sicherlich die po-
pulärste Maßnahme der erkenntnisfeindlichen Masse, um mit Niet-
zsche halbwegs fertig zu werden.
mir er Ausdruck vom „Bürokraten Kant“ etwas „abgelutscht“
erscheint.
Ich kenne mich mit Kant wohl zu wenig aus, denn ich finde
diese MEINE Charakterisierung äußerst originell. (Über den
Nachweis vergleichbarer Titulierungen Kants, die Dich zu
dem Wort „abgelutscht“ führten, würde ich mich freuen.)
Ich weiß gar nicht, warum du mich immer in die 68er-Ecke
stellen möchtest. Ich habe damit nichts zu tun, nicht nur,
weil ich dafür zu spät geboren wurde. Meine
Sozialdarwinismusthese war ad hoc formuliert und hatte
keinerlei ideologische Bewandnis.
Du kannst es Dir wirklich nicht erklären? Du argumentierst
wie ein 68ger, Du hast Vorstellungen wie ein 68ger, Du be-
dienst Dich derselben Mythen, wie ein 68ger, Du hast schließ-
lich den sprachlichen Habermas-Duktus der 68ger (herablassend
freundlich und schnell verschwafelt ignorant; außerhalb der
Herde/Familie/Community schnell überfordert und dünnhäutig).
Schon mal daran gedacht, daß es an Deinen Lehrern liegen
könnte? Daß diese/r den letzten Innovationsschub in den
Endsechzigern hatte/n?
Kurz: Du vertritts ein erkenntnisresistentes Gutmenschentum,
das einerseits Fragen aufwirft und andererseits Antworten
en masse bereitstellt. Weder in den 50gern noch in den 80gern
und 90gern waren Deine Antworten und Dein Sprachstil philoso-
phisch en vogue. Also ist der Schluß ziemlich kurz…
Der Begriff des „Sozialdarwinismus“ ist eine ideologische Er-
findung. Dessen sollte sich ein Philosoph bewußt sein, wenn er
ihn benutzt. In diesen Begriff fließen Hobbes Erkenntnis, daß der Mensch des Menschen Wolf sei und Darwins Relativierung des Mensch-
lichen zum Anderstierischen ineinander. Der Begriff des „Sozial-
darwinismus“ versucht diese objektive Erkenntnis als je subjektive
Propaganda zu diffamieren.
Man ist nie zu spät geboren um ein 68ger zu sein (Die ganzen
„No Blood for Oil“-Demos z.B. sind pures 68gertum und das Durch-
schnittsalter war unter Zwanzig…)
Ja, das werde ich tun, insbesondere weil mir dein Satz
- Dir ist vielleicht nicht bekannt, daß JJ Rousseau der
Erfinder des Begriffs der „Authentizität“ ist.
interessant erscheint, denn das habe ich in der Tat nicht
gewusst. Insbesondere den Discours scheine ich entweder damals
mangelhaft gelesen oder später aus irgendwelchen Gründen
vergessen zu haben.
Du scheinst, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, niemals
JJrousseau gelesen zu haben. Andernfalls redetest Du nicht von
DEM Diskurs, sondern wüßtest, daß es sich um zwei unabhängige
Werke handelt, die thematisch wenig (aber auch ergänzungstech-
nisch viel) miteinander zu tun haben und im Allgemeinen nur als
„Erster“ und „Zweiter Diskurs“ gehandelt werden.
Nachhilfe:
Der 1.Diskurs heißt im Original „Discours sur les sciences et les
arts“! und stellt u.a. die fundierte These auf, daß Fortschritt
gleichbedeutend mit Degeneration ist.
Der 2.Diskurs heißt im Original „Discours sur l`origine et les
fondements de l´inegalite parli les hommes“ und ist ein Stück weit
differenzierter als der erste. Aus der Beurteilung des menschlichen
Naturzustandes perspektiviert JJR auf politisch-philosophische Rück-
schlüsse.
Nebenbei: Als drittes und letztes wirklich relevantes Buch schrieb
JJR den „Contrat social“: Im vergleich zu den Diskursen unspektaku-
lär, doch im Detail innovativ - so innovativ eine Staatslehre nach
Locke und Hobbes sein kann.
Das Sternchen ist übrigens von mir 
Welches Sternchen? (Bahnhof!)
x-nada