Hallo Igeline,
sorry wenn ich wieder ausschweifend werde, die Diskussion geht mir in eine mißverständliche Richtung.
Mich stört der Fatalismus in der allgemeinen Beschreibung
Bei Riemann handelt es sich um eine Klassifizierungssystem.
Seine Ausführungen und der Buchtitel verleiten vielleicht zu sehr dazu das Thema zu pathologisieren.
Was er beschreibt ist aber die Normalität unter dem Gesichtspunkt der rein theoretischen Extremausprägung.
Den „normalen“ schizoiden Menschen mit den von dir beschriebenen Symptomen gibt es nicht.
Nach Riemann gibt es vier Hauptrichtungen, in die sich ein Mensch entwickeln kann, bestimmt von einer „Grundangst“, beim Schizoiden die Angst vor der Nähe (Angst vor Selbstverlust). Neben schizoid: depressiv, hysterisch, zwanghaft. Depressiv ist die Ausprägung in die Gegenrichtung, mit der Angst vor zuviel Distanz, dem Verlust des Anderen im Hintergrund.
Alle Menschen durchlaufen diese Kindheitsphasen nacheinander (die letzten beiden andersherum zwanghaft-> hysterisch), sie sind als linear zu verstehen, nicht als „gegensätzliche Richtungen“.
Und in allen diesen Phasen nehmen wir Defizite und Objektbeziehungen hin, die uns die eine oder andere Richtung stärker ausprägen lassen.
Es war eigentlich nicht die Störung gemeint, aber ich gehe jetzt mal darauf ein. Die diagnostischen Kriterien kenne ich auch. Ich denke, dass sie oft falsch gedeutet werden
Da bin ich deiner Meinung, allerdings in einem anderen Sinne als in dem, den du meinst.
Jemand der die „Symptome“ hat die du beschreibst, kann genauso gut ein Alexithymiker, ein Pragmatiker, ein Sozialphobiker oder sogar ein narzisstisch ausgeprägter Sozialphobiker sein.
Oder er hat eine dramatische zwischenmenschliche Erfahrung zu irgend einem beliebigen Zeitpunkt gemacht.
Es gibt Leute (und damit meine ich jetzt nicht dich) die lesen einen Wikipedia-Artikel über Persönlichkeitsstrukturen und sagen dann „Uuh das ist der oder der, das stimmt genau!“
Das ist ungefähr so treffsicher wie Horoskop lesen.
Du sagst, du sprichst nicht von der Störung, aber du sprichst eindeutig von „einer“ Störung in die du die Gefühle. eines Sozialphobikers hinein interpretierst.
Ein „Schizoider“ ist aber kein Sozialphobiker.
Ein ganz normaler schizoid anteiliger Mensch kann jemand sein der z.B.einfach nur sagt:
Ich brauche viel Zeit für mich.
Oder ein „Kauz“ oder „Eigenbrötler“ sein, dem sozialer Kontakt mal ganz recht ist, der sich aber nicht darum bemüht.
Wenn in der Kindheit einer Person eine dysfunktionale oder hochdefizitäre oder schadstiftende Beziehung zu einer wichtigen Bezugsperson bestanden hat, dann kann diese durch alle diese sogenannten Individuationsphasen hindurch bestehen.
Außer die Bezugspersonen unterlagen einem Wechsel.
Wo an welchem Punkt sich ein Störungsbild am deutlichsten manifestiert, wird von vielerlei Faktoren abhängen. Z.B.
-davon, welche ganz spezifische dysfunktionale Interaktion in der Kindheit stattgefunden hat. Und in welcher Kindheitsphase sich das am nachteiligsten ausgewirkt hat.
- es hängt sehr stark von den sonstigen Persönlichkeitseigenschaften der betreffenden Person ab
- es hängt ab von genetischen Dispositionen. Wir beeinflussen durch unsere eigenen Erfahrungen und Erlebnisse unsere Gene, die wir dann entsprechend auch weitergeben können.
-ob es eine einzelne traumatische Erfahrung oder eine langzeitliche Traumatisierung z.B. durch seelischen Mißbrauch gegeben hat.
Diese und wahrscheinlich viele andere Faktoren gelten für das normale Strukturbild genausogut. Kein Kind kommt ohne traumatische, defizitäre oder Verlust-Erlebnisse aus.
In verschiedenen Lebensphasen und durch Erfahrungen verändern und verschieben sich außerdem unsere Strukturanteile.
Er ist theoretisch auch an den Gefühlen des Anderen interessiert, nur kommt der Schizoide schwer in Kontakt. Es wird ihm auch schwer gemacht, dadurch, dass er als „gefühlskalt“ angesehen wird.
Ein Mensch mit schizoiden Anteilen muß keinesfalls gefühlskalt wirken.
Auf jemanden der ausgesprochen depressiv strukturiert ist vielleicht.
Ein schizoider Anteil ist natürlich auch in vieler Hinsicht von Vorteil, z.B. weil er den depressiven ausgleicht und vor zu viel Altruismus bewahrt.
Viele Grüße
Heidi