Hallo!
Ich werde bald nebenher in einem Betreuten Wohnen für chronisch psychisch Kranke arbeiten. Im Neuen Jahr werde ich mir erst mal dieses Betreute Wohnen anschauen und später mal bei einem Ausflug Betreuerin sein. Gestern hatte ich dort das Vorstellungsgespräch und mir wurde gesagt, dass die meißten Menschen dort unter Schizophrenie leiden.
Ich habe leider noch keine Erfahrungen in diese Richtung und frage deshalb euch:
Was muss ich so beachten? Gibt es bei Schizophrenie irgendein „Tabu“?
Wie sollte ich anfangs mit diesen Menschen umgehen? Und was erwartet mich dort? (Bemerkt es ein Nicht-Experte überhaupt, dass diese Leute Schizophrenie haben?)
Liebe Grüße und schon mal vielen Dank, Anna
Hallo Anna,
Was muss ich so beachten?
Gibt es bei Schizophrenie irgendein
„Tabu“?
Wie sollte ich anfangs mit diesen Menschen umgehen? Und was
erwartet mich dort? (Bemerkt es ein Nicht-Experte überhaupt,
dass diese Leute Schizophrenie haben?)
Schizophrenie ist eine sehr komplexe Sache. Ein Einstieg hier http://de.wikipedia.org/wiki/Schizophrenie#Symptome
wobei auch der gesamte Artikel gut geschrieben ist.
Gandalf
Hallo!
Ja, das hab ich auch schon durchgelesen.
Aber mich interessieren vor allem auch Erfahrungen von euch, und Tipps, wie man mit Betroffenen umgeht.
Liebe Grüße, Anna
Hallo Anna,
ich habe in den Semesterferien manchmal in einem Labor einer ‚Klappse‘ gearbeitet und dort auch Umgang mit einigen Patienten gehabt. Die Schizophrenen sind mir meist gar nicht aufgefallen. Einer der Gärtner war z.B. ein Patient, was ich erst viel später erfuhr.
Andere, die gerade einen Schub hatten, mußten aber entsprechend betreut werden und waren nicht ‚normal‘ ansprechbar. Aber auch da gibt es riesige Unterschiede.
Pauschal läßt sich da wohl wenig sagen.
Gandalf
Hallo Anna, ich habe eine Frage: wie kommt es, dass Du ‚nebenher‘ in einem betreuten Wohnprojekt arbeiten möchtest? Wie kommst Du darauf? Ich habe in meinem Beruf als KS 20 Jahre auf einer geschlossenen Psychiatrie gearbeit und dort sehr viel mit Schizophrenen zu tun gehabt, und ich weiß nicht, ob es gut für Dich ist, wenn Du keinerlei Vorkenntnisse über die Krankheit und über Menschen mit dieser Krankheit hast. Nun denke ich aber, dass in einem betreuten Wohnprojekt leichtere Fälle dieser Krankheit leben und die Verantwortlichen es abschätzen können Dir die Tätigkeit dort zuzumuten. Ich wünsche Dir viel Erfolg und viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit diesen Menschen. Vielleicht kannst Du bevor Du fest dort anfängst, öfter als die geplanten beiden Male mit dabei sein, und all die Fragen die Du hier gestellt hast, solltest Du den Verantwortlichen vor Ort stellen.
In diesem Sinne, alles Gute, gübschen
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Hallo!
Hallo Anna, ich habe eine Frage: wie kommt es, dass Du
‚nebenher‘ in einem betreuten Wohnprojekt arbeiten möchtest?
Wie kommst Du darauf?
Ich möchte nachdem ich mein Abi nachgeholt habe Psychologie oder Sozialpädagogik studieren. Und um nicht nach jahrelangem Studieren einfach „ins kalte Wasser geworfen zu werden“, will ich vorher schauen, ob mir die Praxis genauso Spaß macht und mich genauso interessiert wie die Theorie. Ich habe bis jetzt nur ein paar Bücher gelesen, aber ich bin mir sicher, dass es das ist, was ich machen will!
und ich weiß nicht, ob
es gut für Dich ist, wenn Du keinerlei Vorkenntnisse über die
Krankheit und über Menschen mit dieser Krankheit hast.
Stimmt, aber irgendwann muss ich ja mal damit anfangen, wenn ich beruflich diesen Weg einschlagen will.
Nun denke ich aber, dass in einem betreuten Wohnprojekt leichtere
Fälle dieser Krankheit leben und die Verantwortlichen es
abschätzen können Dir die Tätigkeit dort zuzumuten.
Ja, da gibt es mehrere solcher Häuser mit unterschiedlichen „Stärken“ der Krankheiten. Ich habe auch beim Vorstellungsgespräch gesagt, dass ich erst mal ganz „unten“ anfangen will.
wünsche Dir viel Erfolg und viel Fingerspitzengefühl im Umgang
mit diesen Menschen. Vielleicht kannst Du bevor Du fest dort
anfängst, öfter als die geplanten beiden Male mit dabei sein,
und all die Fragen die Du hier gestellt hast, solltest Du den
Verantwortlichen vor Ort stellen.
Ja, der Vertrag wird erst im Frühjahr/Sommer unterschrieben.
Ich werde diese Fragen dort auch noch stellen, aber ich möchte auch, dass meine „zukünftigen Vorgesetzten“ sehen, dass ich mich vorbereitet habe.
Lieben Dank für deine Wünsche!
Anna
Hallo…
und ich weiß nicht, ob
es gut für Dich ist, wenn Du keinerlei Vorkenntnisse über die
Krankheit und über Menschen mit dieser Krankheit hast. Nun
denke ich aber, dass in einem betreuten Wohnprojekt leichtere
Fälle dieser Krankheit leben und die Verantwortlichen es
abschätzen können Dir die Tätigkeit dort zuzumuten. Ich
wünsche Dir viel Erfolg und viel Fingerspitzengefühl im Umgang
mit diesen Menschen.
Leichtere Fälle sind das nicht unbedingt!!Wir haben neben der Apotheke in der ich arbeite so eine Wohngemeinschaft die betreut wird und teilweise reagieren die Patienten nicht mal und sind total in einer anderen Welt!
Ich finde das auch seltsam; zumindest einweisen könnte man sie schon…
gruss Firdevsii
Hallo!
Ich möchte nachdem ich mein Abi nachgeholt habe Psychologie
oder Sozialpädagogik studieren. Und um nicht nach jahrelangem
Studieren einfach „ins kalte Wasser geworfen zu werden“, will
ich vorher schauen, ob mir die Praxis genauso Spaß macht und
mich genauso interessiert wie die Theorie. Ich habe bis jetzt
nur ein paar Bücher gelesen, aber ich bin mir sicher, dass es
das ist, was ich machen will!
Stimmt, aber irgendwann muss ich ja mal damit anfangen, wenn
ich beruflich diesen Weg einschlagen will.
Ja, da gibt es mehrere solcher Häuser mit unterschiedlichen
„Stärken“ der Krankheiten. Ich habe auch beim
Vorstellungsgespräch gesagt, dass ich erst mal ganz „unten“
anfangen will.
Ja, der Vertrag wird erst im Frühjahr/Sommer unterschrieben.
Ich werde diese Fragen dort auch noch stellen, aber ich möchte
auch, dass meine „zukünftigen Vorgesetzten“ sehen, dass ich
mich vorbereitet habe.
Lieben Dank für deine Wünsche!
Anna
Hallo Anna, Deine Einstellung finde ich Klasse, Du hast Dir wirklich Gedaanken gemacht und bin mir sicher, Du machst das Richtige für Dich. Viel Glück auf Deinem Weg, gübschen
Hallo Anna,
ich hatte nach dem Abi Auch ein FSJ in einer Einrichtung für geistig Behinderte gemacht, in „meiner“ Gruppe hatten die Leute zudem noch psychische Probleme. Ich hatte anfangs auch „Bedenken“ wie ich mit den Leuten umgehen soll… anfangs ist es aber so, das du eigentlich nie alleine bist, bis du die Gruppe besser kennst. Schau einfach wie deine Kollegen in verschiedenen Situationen mit den einzelnen Leuten umgehen, dann hast du recht schnell den „Dreh“ raus.
Ich wünsch dir viel Spass
Backs
Servus,
ohne Anspruch auf fachliche Fundierung paar Splitterchen aus meiner Kindheit und Jugend, die ich an einem Ort verbracht habe, in dem bei etwa 7.000 Einwohnern eine Psychiatrie mit knapp 800 Betten untergebracht war. Haloperidol war noch ganz neu, sonst gab es praktisch nichts Wirksames, was man bei Schizophrenen tun konnte - mal abgesehen von den nicht sehr wirkungsvollen Anwendungen von E-Heilkrampf, Insulinkoma, Dauerbad etc.
Die Folge war, dass eine große Zahl von Schizophrenen dauerhaft hospitalisiert waren, teils als eine Art Hintersassen in offenen Stationen und der hauseigenen Landwirtschaft lebten. Bei vielen gabs zwischen den akuten Phasen Zeiten vollständiger Remission, bei anderen halt mehr oder weniger lästige Rezidive, aber keine eigentlich schlimmen Zustände mehr.
Einige davon waren ortsbekannt: Da gab es einen kleinen buckligen Meldegänger, der fast jeden Tag in einer schwarzen Phantasie-SS-Uniform hastig durch den Ort eilte. Es war sein Job, genauso wie der Briefträger oder der Milchmann oder der Schullehrer ihre hatten. Er war ein ganz harmloser Zeitgenosse, solang ihn niemand auf den Inhalt seiner Umhängetasche ansprach oder gar an diese Tasche gehen wollte: Da war Post für den Führer drin. Wenn da jemand aus Unwissenheit oder Dollerei ranwollte, entwickelte das kleine drahtige Männlein ungeheure Kräfte, konnte die Angreifer ernsthaft verletzen und hat dann lange gebraucht, wieder in seinen normalen Alltag zu finden.
Dann war da eine Frau, die gern und viel in der hauseigenen Weberei arbeitete. Mein Vater hat sie mal gefragt, ob sie ihm ein Bild von Klee in einen Teppich umsetzen wollte. Sie hat das gut und mit einem bemerkenswerten Gefühl für die Proportionen (ist nicht so einfach am Webstuhl) gemacht, bloß als er sie nach Vollendung des Werkes fragte, warum sie eine bestimmte Fläche in so einem seltsamen Hellgrün gemacht hätte, schrie sie ihn an: „Dokter, des wisset Ihr doch, Ihr Depp, do sitzt a Hex dinna, dia hot des gmacht - die fuhrwerkt au emmer in mir umanand!“ und hat dann lange mehr kein Wort mehr mit ihm gewechselt.
Dann gabs einen Reichsgrafen, der den Pentateuch neu geschrieben hat, weil er von einer Kölner Muttergottes den Auftrag erhalten hatte, den Grundirrtum des Christentums, den Glauben an die Dreieinigkeit, zu korrigieren - das wirkliche Prinzip der Welt sei die Fünfzahl, und auf dieser Basis könnte man das Christentum wieder mit der Judenheit vereinen und auf diese Weise das all-heilige messianische Endreich herbeiführen. Eine junge engagierte Ärztin war der Ansicht, es sei nicht dienlich, ihn in seinem höheren Auftrag so sehr zu bestätigen und zu bestärken, und hat ihm das Papier (kartonweise Papierhandtücher) weggenommen. Daraufhin hat der sonst recht duldsame Mensch es irgendwie geschafft, aus der damals noch schwer gesicherten „Anstalt“ herauszukommen, ist nach Stuttgart gefahren und hat sich dort im Innenministerium beschwert, es sei unter keinen Umständen hinzunehmen, dass sein Schicksal dem „notorischen und impertinenten Schwachsinn einer Frau“ überlassen würde und auf diese Weise das Gelingen seines gesamten Auftrages gefährdet würde.
Kurz: Schizophrene und ihre - im weitesten Sinne - Nachbarn Psychotiker haben im Umgang einen besonderen Bedarf an Liebe, Respekt und Aufmerksamkeit. „Besonders“ nicht deswegen, weil den andere Leute nicht hätten, sondern deswegen, weil sie grad wegen ihrer Eigenarten normalerweise eher wenig davon abkriegen. Schizophrenen mit Liebe und Aufmerksamkeit zu begegnen, fällt etwas schwerer, als das bei Psychotikern der Fall ist, weil man sich eine Psychose als „Normalität mit einer extrem dünnen Haut“ vorstellen kann, während man sich als Mitmensch eine Schizophrenie eigentlich gar nicht vorstellen kann. Die Überraschungen, die damit ständig verbunden sind, führen zum Gefühl des Fremden. Aber da ist kein Fremder, sondern ein Nachbar. Und auch der hat seinen Sparren, wenn er z.B. sein Auto putzt oder seine Hecke schneidet, auch diese Verrichtungen tut er wegen eines „inneren Befehls“, obwohl sie vollkommen unvernünftig und abgedreht sind. Lass ihm seinen Sparren, er braucht ihn.
Wenn Du ein bissel dazu lesen willst: Meiner subjektiven, persönlichen Ansicht nach ist eine gute Ergänzung zu den fachlichen Dingen, mit denen Du Dich beschäftigst, das antiquarisch noch zu bekommende Büchlein „Windarzt und Apfelsinenpfarrer“ von Friedrich Deich. Man braucht nicht allem zuzustimmen, was da drin steht. Aber man kann sich an den Dialogen, die der Windarzt mit dem Apfelsinenpfarrer über „Normalität“ und anderes führt, recht gut innerlich beteiligen.
Schöne Grüße
MM
– ein ebenfalls wie ich meine wichtiges Büchlein zu der Thematik ist
Heinar Kipphardt, „Das Leben des schizophrenen Dichters Alexander März“, Fernsehspiel von 1975.
Kipphardt war Psychiater und Schriftsteller, das Thema „Alexander März“, das er in dem Fernsehspiel und auch als Roman „März“ bearbeitet hat, behandelt den jungen, kritischen Psychiater Kofler (mit viel Autobiographischem) und den schizophrenen Dichter Alexander März, ihre persönliche Nähe, auch eine Art Verstehen, und zuletzt die tragische Wendung, dass auch Kofler Alexander März nicht helfen kann.
Das Thema „Ecce homo“, das darin zuletzt blasphemisch von März selber inszeniert ist, bleibt nicht im Kittel, wenn man das Büchlein liest.
Schöne Grüße
MM
Hallo,
paar Splitterchen aus meiner Kindheit und Jugend
Haloperidol war noch ganz neu,
jetzt bin ich perplex: Haloperidol und andere Neuroleptika wurden schon eingesetzt, als Du noch gar nicht geboren warst. 
Ansonsten: Nettes Posting. 
Grüße
Servus,
so sehr schnell ging das nicht mit dem Übergang von der Verwahranstalt zur „Drehtürpsychiatrie“ von heute. Die Verbreitung der Psychopharmaka, die Bedingung für diesen Übergang war, kann man sich sicher nicht in der Geschwindigkeit vorstellen, mit der Pfizer heute seine neuesten Designs der Saison schneller auf den Markt drückt, als überhaupt Erfahrungen mit dem jeweiligen Vorgängermodell vorliegen können.
Haloperidol ist meines Wissens 1957 erstmals eingesetzt worden - noch 1963 benennt Solms EKT als Standard. 1970 lagen die Verweildauern in der Psychiatrie (im Durchschnitt über alle Patienten) immer noch zwischen 150 und 200 Tagen. Erst 1971 begann mit Einsetzung der Enquête-Kommission in Deutschland die entscheidende Bewegung weg von der Verwahrungspsychiatrie - bloß mal grade sieben Jahre vor der Aufhebung der stationären Psychiatrie in Italien.
Die zehn Jahre 1957 bis mindestens 1967 stehen einerseits schon unter dem Zeichen von Lithium (1949), Haloperidol (1957) und anderen, aber sie waren in den Strukturen der „Anstalten“ noch mindestens genau so sehr von der Psychiatrie der 1920er Jahre geprägt. Die Einrichtungen, die aus den psychiatrischen Krankenhäusern eine Art in sich geschlossenen Mikrokosmos machten - eigene Werkstätten vieler Handwerke, Landwirtschaft, Gärtnerei etc. - funktionierten 1975 nicht wesentlich anders als 1925.
Extrem lange Aufenthaltsdauern und von der Hospitalisierung bestimmte Biographien wurden vor dem Ende der 1960er Jahre kaum in Frage gestellt - nicht nur in extremen Fällen wie den Weinsberger Russen und den Schussenrieder Südtirolern, in denen sicher auch andere als medizinische Gründe zu einem Leben in der Psychiatrie führten.
Der regelrecht prominente „Ikarus vom Lautertal“ Gustav Mesmer ist 1964 nach einem Aufenthalt von 35 Jahren in verschiedenen Psychiatrien von Weisenau in das Altersheim Buttenhausen entlassen worden, wo er sich noch über zwanzig Jahre lang intensiv dem Bau von Flugfahrrädern widmete. Dieses bloß als ein Exempel für einen, für den die Verbreitung einschlägiger Psychopharmaka wohl ein bissel spät kam, auch wenn sie schon einige Jahre zur Verfügung standen.
Wie lange es brauchte, bis die ab Haloperidol dann relativ schnell entwickelten Psychopharmaka grundsätzlich aus medizinischer Sicht auch ambulant hätten angewendet werden können, weiß ich nicht - dass insbesondere die riesigen und abgelegenen Landeskrankenhäuser des Südwestens aber noch viele Jahre so funktionierten, als gäbe es diese Option überhaupt nicht, habe ich aus der Nähe erlebt.
Insofern sind die drei Personen, die ich beschrieben habe, auch Personen aus einem vergangenen Jahrhundert - heute gibt es diesen Typus des dauerhaft in und mit der Psychiatrie lebenden Patienten kaum mehr.
Schöne Grüße
MM
Hallo Martin,
auch wenn Haloperidol nicht das erste eingesetzte Neuroleptikum war, das Jahr 1957 also nicht der Beginn der Zeitrechnung ist, so kann man all das von Dir Beschriebene gut in der Literatur nachlesen. In der Tat handelt es sich um Sachverhalte aus einem vergangenen Jahrhundert - dem Zwanzigsten, um genau zu sein. So bis Mitte, Ende der 70er Jahre vielleicht, wenn es um die Zustände in den Landeskrankenhäusern geht. Heute sieht’s dann doch ein bißchen anders aus.
Frohe Weihnachten.