Hallo Octopoda,
wow, da machst Du ja echt ein Fass auf!
Aaaalso, erstmal zwei Dinge als Erklärung vorweg:
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Wenn Du die Frage stellst, was passiert da, wirst Du wahrscheinlich eine Antwort bekommen, die stark von der Profession des Antworters abhängt.
Ein Biologe wird Dir vielleicht über die evolutionäre Funktion und die organischen Zusammenhänge etwas erzählen. Ein Mediziner wird vielleicht über die Hirnfunktionen und die biochemischen Prozesse und elektrische Impulse des Gehirns referieren; ein Psychologe über die schizophrenen Phänomene, ein Theologe über die unsichtbare Welt und die Gottesbegegnung, ein Philosoph über die Erkenntnistheorie und ein Esoteriker über die Wahrnehmung der (sichtbaren und unsichtbaren) Welt und die Transformation des Ichs, usw. Das bedeutet auch, dass das was ich schreibe auch einen bestimmten Schwerpunkt und eine Vorselektion durch mein Wissen, bzw. Nicht-Wissen hat.
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… und das ist mir noch wichtiger: der Begriff der Halluzination ist zwar umgangssprachlich negativ gefärbt, hat aber einen Definitionscharakter. Denn Halluzinationen sind von der Illusion und der Wahrnehmung erstmal streng zu trennen.
- Zunächst bedeutet Halluzination, dass das vielleicht individuell wahrgenommene keine (für andere) sensorisch wahrzunehmende „Repräsentation“ gibt - also einen Gegenstand, ein Geräusch, oder ähnliches - so dass ein anderer auch in der Lage wäre, das Gleiche wahrzunehmen.
- Eine Illusion ist streng genommen eine „sensorische Fehlinterpretation“, d.h. wie bei einem Zaubertrick nehmen wir etwas wahr, aber der Zauberer lenkt die Aufmerksamkeit so, dass wir glauben zu wissen, was passiert, aber eigentlich hat der Magier schon etwas anderes gemacht. Er „produziert“ auf Grund unserer Erfahrung eine Fehlinterpretation. Hier sind andere Menschen aber auch in der Lage, dieses wahrzunehmen, da es eine sensorische Repräsentanz gibt (z.B. das Kaninchen im Hut).
So, auf geht’s, ich versuche mein Bestes:
Was da im Gehirn geschieht ist letztlich nicht geklärt. Wir wissen sehr, sehr wenig über das Gehirn. Es gibt die alten Konkurrenten der (wissenschaftlichen) Schulen. Die (schul-) medizinischen (naturwissenschaftlich ausgerichteten) Schulen sagen: Im Gehirn passiert das und das, also nehmen wir das und das wahr.
Die z.B. tiefenpsychologischen Schulen sagen: Nee! Weil unser Unterbewußtsein das und das macht, sehen wir das und das, am Gehirn ist nur abzulesen, DAS etwas passiert, es ist aber nicht die Ursache!
Ein Biologe wird wahrscheinlich sagen: Das ist evolutionär bedingt. Das ist eh das beste Argument, denn das kann nicht widerlegt werden. „Die evolutionäre Erklärung ist der Prototyp der ultimativen Erklärung“ (Zeitschrift für Sozialpsychologie 3/2004 (!)) da kein Gegenbeweis anzuführen ist. *) (In der Fachpresse schon lange bemängelt, leider in den Medien gar nicht beachtet… die bringen das jeden Abend!)
Geklärt ist es nicht!
Es gibt auch unterschiedliche Formen der Wahrnehmungsbeeinflussung:
a)
- z.B. mit Substanzen (psychoaktive Stoffe). In den unterschiedlichsten Kulturen wurden Mittel benutzt, um bei Ritualen in tranceähnliche Zustände zu gelangen. Hier ist relativ klar, dass die Wahrnehmung durch biochemische Vorgänge manipuliert wird.
- Jetzt funktioniert das aber nicht immer! Die Wirkung von Drogen ist abhängig von Setting (Umfeld), Set (Konsument) und Dosis (Pharmakologie). Wir ein Opiat verabreicht, hat das im Krankenhaus (Morphium als Schmerztherapie) eine andere Wirkung als auf einer „Absacker“-Party (Heroin).
b)
z.B. optische Tauschungen, oder Bilder, die z.B. je nach Figur-Hintergrund-Interpretation andere Inhalte zu zeigen scheinen. Oder die Tendenz, dass wir kleinen Objekten grundsätzlich eine geringere Geschwindigkeit zuschreiben (z.B. auf der Autobahn im Rückspiegel). Oder wenn wir in Schräglage sind (z.B. auf einem Schiff) nehmen wir Dinge, die wir schief sehen immer noch als aufrecht stehend war.
Unsere Wahrnehmung ist immer auch Interpretation der uns umgebenen Welt. Das kann man schon daran sehen, dass die Welt eigentlich seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend auf unserer Netzhaut abgebildet wird, wir aber die Welt „richtig herum“ wahrnehmen.
Exkurs:
In unterschiedlichen Experimenten wurden Probanden Prismenbrillen aufgesetzt, die zum einen die Welt seitenverkehrt und auf dem Kopf zeigen und mal farbige Flecken hatten. Nach einer Eingewöhnungszeit mit Koordinationsproblemen (teilweise länger als 60 Tage), konnten sich die Probanden normal bewegen, einige berichteten sogar, dass sie teilweise die Welt sogar wieder „richtig“ gesehen haben. Sogar die farbigen Felder verschwanden. Das Gehirn hat die Wahrnehmung so verändert, dass der Mensch sich wieder zurecht findet. Das ist die so genannte „Adaptionsleistung“, z.B. wird auch das Gehör bei Menschen , die erblindet sind besser…
Viele Dinge, die wir sehen sind vom Kontext abhängig:
A I3 C
12 I3 14
Es handelt sich aber in der Mitte um die gleiche Figur!! Unsere Wahrnehmung ist „konzeptgesteuert“.
c)
Es gibt psychische Störungen, die dazu führen, dass Menschen Stimmen hören oder Dinge sehen, die „nicht da sind“. Hier kommt es wieder zur Frage „Huhn oder Ei“… Ist die hirnbiologische Funktion gestört, weil innerpsychische Vorgänge die Physiologie des Gehirns verändern oder umgekehrt…
Tatsache ist, dass diese Menschen tatsächlich etwas wahrnehmen und in langen Prozessen lernen reales von nicht realem zu unterscheiden. Manchmal gelingt das, je nach Schweregrad und Therapieeinsicht, auch nicht.
d)
Transzendenz
Unsere Wahrnehmung ist sehr begrenzt. Wir sehen nur einen verschwindend geringen Teil des Lichtspektrums und hören auch nur einen verschwindend geringen Teil der uns umgebenden Schallwellen (manchmal vielleicht auch noch zu viel…
)). Zu beurteilen, ob das was wir sehen und hören auch das einzige ist, was es „real“ gibt, wird da wohl schwer…
Ob wir in der Lage sind die Welt „real“ oder „wirklich“ zu beurteilen? Ich denke schwerlich. Unsere Wahrnehmung (innere und äußere) unterliegt so vielen Manipulationen und Fehlerquellen. Da können Polizisten ein Lied von singen:
Zeuge 1: „Unfallflucht hat ein roter Kombi mit weißen Streifen begangen!“
Zeuge 2: „Nein, es war ein weißer Wagen mit roten Streifen!“
Letztlich stellt sich heraus, es war ein blauer Minivan.
Ob es einen „realeren“ Blick durch diese Bewußtseinsveränderung gibt? Ich bin mir nicht sicher, denn es müsste wenigstens eine „Objektivierung“ durch jemand anderes stattfinden… aber das ist ja laut Definition nicht möglich. Es ist und bleibt also ein Dilemma!
Ob man ausschließen kann, das es mehr gibt, als wir wahrnehmen? Ich denke nein, dafür ist unserer Wahrnehmung zu anfällig und zu eingeschränkt.
Liebe Grüße und ich hoffe, ich habe einigermaßen den Kern Deiner Frage getroffen…
Thorn
*) „Es war den Autoren nicht gelungen, einen Wissenschaftler aus der Steinzeit zu interviewen!“
))