lustvoller Autonomieverlust
Hi khs
Obsidian hat den Namen „Stockholm-Syndrom“ ja schon genannt, unter dem das von dir angedeutete Phänomen in der Psychologie bekannt ist. Patty Hearst war tatsächlich der erste spektakuläre Fall, bei dem dieses Phänomen in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Der Name kommt von einem anderen Fall, wo bei einem Banküberfall mit Geiselnahme in Stockholm sich eine junge Frau in einen der Gangster verliebt hatte.
Deine Beschreibung ist allerdings - sorry - nicht ganz zutreffend: Es sind keine „zuckerles“, für die das Opfer den Entführer zu lieben anfängt, und es hat auch nicht ein Vergessen oder Vergeben zu Folge. Die Psychodynamik dieser Erscheinung ist etwas komplizierter:
Dabei geht es primär um eine Situation bei Geiselnahme, wobei ja dem Opfer die gesamte Handlungsautononie genommen wird und zusätzlich die Frage, ob es überhaupt mit dem Leben davon kommt (teilweise methodisch absichtlich) offengelassen ist. Damit ist ein ganz tiefgreifender Orientierungsverlust gegeben, bei dem der Täter die einzige Orientierungsstütze ist, wodurch er sich paradoxerweise in eine Vertrauensperson (für das Opfer) verwandeln kann.
Zusätzliche Folter durch Sinnes-Deprivation (z.B. Augen verbinden oder kontinuierlicher Lärm) oder Seklusion (z.B. in einen fensterlosen Raum einsperren) manifestieren dies dann auch noch somatisch. Wenn zusätzlich körperliche Schmerzen zugefügt werden, ist wahrscheinlich weniger der Schmerz selbst ein Beitrag zur Eskalation des Traumas, als vielmehr die Willkür, mit der es geschieht.
Der (durch die der Situation eigentümliche Dialektik erklärbare) Umschlag in ein grenzenloses Liebesgefühl hat mit „Masochismus“ (wie unten vermutet wurde) tatsächlich - zumindest in der resulierenden Situation bzw. Befindlichkeit - eine gewisse Verwandtschaft. Allerdings ist der Prozess der Entstehung der Befindlichkeit ein anderer: Im ersten Fall ist die Initiation ja gewaltsam und schlägt dann um. Im zweiten Fall geschieht sie freiwillig bzw. ist von vornherein Gegenstand sogar der Sehnsucht.
„Masochismus“, da dieser Begriff in der Regel spezifisch auf die Lust an bloßer Schmerzempfindung bezogen wird, ist aber nicht ganz zutreffend. Die Ähnlichkeit liegt vielmehr in anderen zum Bereich des BDSM gehörenden Praktiken, wo es um die vollständige Aufgabe der Autonomie geht, Bestrafung als Belohnung umgedeutet wird und Demütigung, Verachtung, Versklavung und der Willkür eines anderen Ausgeliefertsein als lustvoll erlebt wird.
Beiden Szenarien gemeinsam ist somit jedenfalls die - in der Skala „lustvoll-qualvoll“ - umgedeutete (bzw. umschlagende) Bewertung der sonst im Sozialleben unbedingt angestrebten Autonomie des Individuums bzw. des Willens: Grenzenloser Verlust der Autonomie und der sozialen Wertschätzung wird als grenzenlose Freiheit erlebt.
Eine in diesem Zusammenhang sehr aufschlußreiche Lektüre ist die literarische Aufarbeitung eines anderen realen Falles einer Entführung:
Christine McGuire und Carla Norton: Die Leibeigene
ISBN 3404134710 Buch anschauen
Grüße
Metapher