Der öffentliche Dienst - Ausarbeitung eines Kunden
Hallo,
Auf die Gefahr hin, einigen Menschen Unrecht zu tun: Um bei
einer Behörde Dienst zu tun, muß man eines gewissen Geistes
Kind sein.
Auhauerha! Haben wir’s nicht noch etwas pauschaler?
hm, Du willst damit sagen, daß die Tätigkeit bei einer Behörde gerade flexible, einsatzbereite, risikobereite Unternehmertypen anzieht?
Natürlich war das eine Pauschalierung und es wird auch jedem klar sein, daß das nicht auf jeden Menschen im öffentlichen Dienst zutreffen kann. Aber jede Tätigkeit „lockt“ Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen eher an, als Menschen die nicht darüber verfügen. So wird ein eher ängstlicher Mensch vermutlich nicht Nachtwächter, ein Zappelphilipp nicht Ornithologe und ein Mensch, mit einer ausgeprägten sozialen Ader nicht Kreditmensch bei einer Bank bzw. all diese werden diese Tätigkeit nicht lange und/oder besonders gut ausüben.
Flexibilität, Sorgfalt und Servicedenken sind nicht
zwangsläufig die Voraussetzungen zur Tätigkeit in der
Führerscheinstelle. Vielmehr ist man leider vielfach der
Ansicht, daß allein die Tatsache, am längeren Hebel zu sitzen,
schon als Rechtfertigung für viele seltsame Verhaltensmuster
ausreicht, für die man in der freien Wirtschaft gehörig einen
über den Deckel bekommen würde.
Auf deutsch: Blödsinn! Etwas höflicher: Dieser von Dir
geäusserten Meinung kann ich mich nicht anschließen.
Wieso ist eigentlich jeder felsenfest davon überzeugt, jeder
Mitarbeiter einer beliebigen Behörde wäre völlig frei in
seinen Entscheidungen und möglichst darauf aus, dem Bürger das
Leben so schwierig wie möglich zu machen?
Der normale Sachbearbeiter hat einen Entscheidungsfreiraum,
der in Millimetern gemessen werden kann. So gut wie jeder
Handgriff ist in einer Hierarchie von Gesetzen, Verordnungen,
Verwaltungsanordnungen und Dienstanweisungen festgehalten.
Das ist alles unbestritten. Praktisch jede Tätigkeit wird durch Regularien, Vorschriften usw. beschränkt, reguliert und standardisiert. Nur habe ich den Eindruck, daß nirgendwo sonst sich so gerne hinter den Vorschriften versteckt wird, wie im öffentlichen Dienst. Die Realität hat sich eher zu verändern, als daß Vorschriften großzügig ausgelegt werden. Selbst Tatsachen haben sich oftmals in Luft aufzulösen, nur weil die Vorschriften dies verlangen.
Ich will gar groß nicht anfangen, Beispiele aufzuführen, weil diese dann wieder als Einzelfälle abgetan werden, eines kann ich mir aber nicht ersparen: Vor einiger Zeit zog ich um und wollte mich entsprechend beim EWMA ummelden. Mit altem Mietvertrag, dessen Kündigung nebst Kündigungsbestätigung, Personalausweis und neuem Mietvertrag bin ich zum Amt getigert und habe brav vor der Tür gewartet. Als dann nach 15 Minuten kein Kunde (das Wort habe ich in einer Behörde übrigens auch noch nie gehört, außer von den Kunden selber) das Zimmer verlassen hatte und auch kein Summer ertönte, bin ich in das Zimmer getappt und fand 4 Damen vor, davon drei ins Gespräch vertieft und eine in irgendeine Zeitschrift.
Ich brachte mein Anliegen in der Mitte des Raumes vor und wurde dann zu einem Schreibtisch gebeten, wo ich mein Anliegen nochmals vorbrachte. Ich wurde erwartungsgemäß um die Bestätigung des Vermieters gebeten, die bestätigen sollte, daß ich in die neue Wohnung eingezogen war. Dumm nur, daß der Vermieter zu diesem Zeitpunkt bereits einen Monat an einem mir unbekannten Ort in Urlaub war und dortselbst noch zwei weitere Monate zu verbleiben gedachte. Das Beibringen der Bescheinigung war also vor der Rückreise nicht möglich.
Das interessierte aber niemanden in diesem Raum. Ich werde die Szene nie vergessen: Ich erklärte den Sachverhalt und hörte immer wieder diese Worte reihum von den vier Damen und von mir:
Die Erklärung muß innerhalb von 14 Tagen vorgelegt werden.
Das geht nicht.
Muß aber.
Geht nicht.
Muß aber.
Geht nicht.
Kurzum: Die Realität wollte sich einfach nicht fügen. Wir würden wahrscheinlich immer noch dort sitzen, wenn ich nicht irgendwann mein Geraffel genommen hätte und einfach gegangen wäre, den Hinweis nicht vergessend, mich freundlicherweise rechtzeitig über etwaige Zwangsmaßnahmen zu informieren.
Wohlgemerkt: Ich hatte ja nur gehofft , daß der alte Mietvertrag, dessen Kündigung nebst Kündigungsbestätigung und der neue Mietvertrag vielleicht reichen könnten, um mich umzumelden. Ich hatte es niemals ernsthaft erwartet. Das war mein Versuch, den gesetzlichen Bestimmungen Folge zu leisten. Die Damen hätten mein vollstes Verständnis gehabt, wenn sie einfach gesagt hätten: „Tut uns leid, das reicht nicht, wir brauchen den Wisch, kommen Sie wieder, wenn Sie den Wisch haben und zwar möglichst bald, sonst gibt es Probleme.“ Überhaupt kein Thema. Aber die vier Frauen wollten nicht einsehen, daß bestimmte Dinge nicht gehen. Einfach so. Die Realität widersetzt sich der natürlichen Ordnung. Anarchie!
Und das die angeblich so freie Wirtschaft so viel besser
ist… gehe mal in die Kommunikationsbretter und erwähne die
Wörter „T-Online“ oder „Arcor“ und „Service“ in einem Satz!
Darauf hatte ich nur gewartet. Ich bin selber ein Arcoropfer. Natürlich und zugegebenermaßen existieren Parallelen. Ein entscheidender Unterschied ist aber, daß man immer jemanden findet, der bereit ist, in der Sache Verantwortung zu übernehmen und sich letztendlich für einen entstandenen Schlamassel entschuldigt.
Eine Behörde als ganzes oder ein Mitarbeiter einer Behörde hat das noch nie getan. Durch meinen Namen bin ich in der glücklichen Lage, relativ häufig in die Maschinerie zu geraten. Ordnungsgelder, Bußgelder, Vorladungen, Zwangsvorführungen, was hat man mir schon alles angedroht, nur weil ich nicht bereit war, für einen anderen C. irgendwelche Strafen zu bezahlen oder Aussagen zu machen.
Entschuldigt hat sich in all den Jahren niemand, weder schriftlich noch mündlich. Die Entschuldigungsschreiben aus der „freien“ Wirtschaft füllen hier hingegen ganze Ordner.
Interessant finde ich übrigens auch die Loyalität der öD-ler untereinander. Die verteidigen sich bis aufs Blut.
Das gibt es in keiner anderen Branche. Ich zum Beispiel habe kein Problem damit, die Aussage zu beeiden, daß ich der Ansicht bin, daß die Mehrzahl der Mitarbeter in Kreditinstitute von ihrer Arbeit keine oder nur wenig Ahnung hat, daß die ihre Kunden abzocken und wissentlich und unwissentlich falsch beraten, bei der geringsten Unsicherheit Kredite kündigen und einen Insolvenzantrag stellen, egal was das für Folgen hat und auch, wenn der Kunde die beglaubigte Bestätigung von William Henry Gates III. vorlegt, daß das Konto morgen ausgeglichen wird.
Ich bezweifle mal spaßeshalber, daß ich irgendeinen mir unbekannten öD-ler zu der Aussage bringen kann, daß auf irgendeinem Amt irgendwo in Deutschland irgendein Mitarbeiter irgendwann mal irgendeinen Fehler gemacht hat oder einem Kunden absichtlich bzw. aus Faulheit, Desinteresse oder Nachlässigkeit das Leben unnötig schwer gemacht hat.
Übrigens sind meine „Erkenntnisse“ über den öD nicht allein auf meinem Mist gewachsen. Die tollsten Geschichten haben mir öD-ler selbst erzählt, während sie dabei über das Verhalten ihrer Kollegen den Kopf schütteln.
Ich will dem öD eigentlich gar nichts Böses. Ich glaube sofort, daß die Arbeit zwischen Paragraphen, menschlichem Elend, menschlichem Abschaum und blöden Idioten nicht immer einfach ist. Aber dennoch vermisse ich regelmäßig so manche Eigenschaften und ein bestimmtes Problembewußtsein, die bzw. das in der „freien“ Wirtschaft in deutlich größerem Umfang und deutlich häufiger vorhanden ist/sind.
Gruß,
Christian