Liebe Susanne
Nein, einen Buchtipp kann ich dir nicht geben. Es gibt sicher Bücher, die sich explizit mit diesem Thema beschäftigen, aber ich habe keines davon.
Ich kann dir nur aus meiner täglichen Praxis berichten. Ich habe täglich Umgang mit behinderten Menschen.
Menschen, die ihre Rechte nicht wahrnehmen können, die i. d. R. keine Lebensplanung hinbekommen, die Hilfestellung bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens benötigen und, das ist der wichtigste Punkt in diesem Zusammenhang, die den Schikanen übelwollender Nicht-Behinderter meist wehrlos ausgesetzt sind oder waren.
Dein Freund ist kein behinderter Mensch im juristischen Sinne, aber ich kann anhand meines Postings deutlich machen, was ich meine.
Einer unserer von unserer Einrichtung beschäftigten Menschen hat ein besonders beispielhaftes Schicksal hinter sich. Als er geboren wurde, wurde seine Behinderung nicht erkannt. Eine Frühförderung gab es damals noch nicht. Seine Mutter starb, als er ein kleines Kind war, an Alkoholismus. Als er eine Schuluntersuchung nicht bestand, wurde seine Behinderung, eine Lernbehinderung, deutlich. Daraufhin lehnte der Vater ihn völlig ab. Beschimpfunge und Schläge, Schläge, Schläge waren die täglichen Erfahrungen des Jungen. Der Vater gab ihn dann ins Heim (Das ist jetzt rund 50 Jahre her). Es kam erschwerend hinzu, dass der Junge den Nachnamen der Mutter behielt. Dieser Nachname war wie ein Schimpfwort (Nehmen wir einmal an, der Nachname des Vaters hätte „Oberbumser“ gelautet. Kein Scherz, der richtige Name ist vom Beleidigungsgrad her so ähnlich).
Ich mag es nicht ermessen, was für ein Martyrium dieser Junge mit seinem Namen und der Unfähigkeit, sich gegen die anderen Dorfkinder zu wehren, durchlitt. Er blieb einige Jahre im Heim, bis er fast zehn Jahre alt war. Der Vater hatte inzwischen erneut geheiratet. Seine neue Frau erfuhr von seinem Kind und verlangte, ihn aus dem Heim ins Haus zu holen. Was nach menschlicher Gutmütigkeit aussah, war allerdings aus finanziellen Gründen geschehen. Angeblich wurde der Junge bei seiner Ankunft zuhause vom Vater mit den Worten „dich hätte ich gleich nach der Geburt totschlagen sollen wie eine Ratte“ begrüßt. Das Kind bekam ein eigenes Zimmer, einen Raum mit einem kleinen Fenster, einem Bett und sonst nichts.
Die autistischen Züge des Jungen wurden stärker, er wurde isoliert.
Das ist das, was ich von seiner Kindheit weiß.
Wir versuchen heute, diesem erwachsenen Menschen zu einem geregelten Arbeitsleben zu verhelfen. Auf meine Initiative hin wurde als erste Handlung sein Name geändert. Deshalb habe ich einen guten Zugang zu diesem Menschen. Aber wen habe ich vor mir?
Einen extrem leicht verärgerbaren Menschen, der autistische Züge trägt, der bei der leisesten Form von Widerspruch, der bei der leisesten Abweichung vom normalen Tagesgeschehen, der bei der leisesten Form von Kritik in einer Art und Weise tobt, die ihn sein Gesicht knallrot werden lässt, sein Mund sprüht dann vor Speichel, in seinen Augen steht der Kontrollverlust schlechthin geschrieben. Dass geht dann so weit, dass er auf seine Arbeitskollegen losgeht und sie tritt, schlägt oder Gegenstände nach ihnen wirft und ich ihn dann durch Eingreifen daran hindere.
Er ist ein Paradebeispiel dafür, was aus einem Menschen wird, wenn er eine solche Biografie durchläuft.
Er ist kein Einzelfall. Sobald ein bestimmtes Verhalten einer bestimmten Person untersucht wird, so stellen sich fast immer Parallelen zu ihren Kindheitserfahrungen ein.
Deshalb begegne ich der Wissenschaft der Psychologie, die ich vor einiger Zeit noch gar nicht als Wissenschaft eingestuft habe, sondern als eine Anhäufung mehr oder weniger plausibler Aussagen, mit Respekt.
Gut, dass dein Freund dich getroffen hat.
Ich empfehle dir, mit deinem Freund einen Psychologen aufzusuchen, um ihm zu helfen. Er wird es als befreiend empfinden.
Ich lerne vieles aus Büchern.
Dies habe ich ohne Buch gelernt.
Viele Grüße
Voltaire
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