Schlechte Kindheit

Hallo, weiß jemand ob es ein Buch gibt, ja wie soll ich es sagen, also wenn jemand eine schlechte Kindheit hatte und wie sich das auf später auswirken kann…
Ganz kurz: Mein Freund hatte keine schöne Kindheit, Vater früh abgehauen, Mutter kam ins Pflegeheim für, naja, seine Worte, depperte, Schwester war schon mal in der „Klapse“ und Bruder ist behindert. So wuchs er größtenteils bei Oma und Opa auf.
Er läßt keine Nähe zu, kann nicht zeigen, das er mich liebt, ist verschlossen, erzählt nix… und und…
ich möchte mich da mal reinlesen, was in so einem Menschen vorgeht und wie ich ihm „helfen“ kann…
Hat jemand einen Buchtip?

Susi

Liebe Susanne
Nein, einen Buchtipp kann ich dir nicht geben. Es gibt sicher Bücher, die sich explizit mit diesem Thema beschäftigen, aber ich habe keines davon.
Ich kann dir nur aus meiner täglichen Praxis berichten. Ich habe täglich Umgang mit behinderten Menschen.
Menschen, die ihre Rechte nicht wahrnehmen können, die i. d. R. keine Lebensplanung hinbekommen, die Hilfestellung bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens benötigen und, das ist der wichtigste Punkt in diesem Zusammenhang, die den Schikanen übelwollender Nicht-Behinderter meist wehrlos ausgesetzt sind oder waren.
Dein Freund ist kein behinderter Mensch im juristischen Sinne, aber ich kann anhand meines Postings deutlich machen, was ich meine.
Einer unserer von unserer Einrichtung beschäftigten Menschen hat ein besonders beispielhaftes Schicksal hinter sich. Als er geboren wurde, wurde seine Behinderung nicht erkannt. Eine Frühförderung gab es damals noch nicht. Seine Mutter starb, als er ein kleines Kind war, an Alkoholismus. Als er eine Schuluntersuchung nicht bestand, wurde seine Behinderung, eine Lernbehinderung, deutlich. Daraufhin lehnte der Vater ihn völlig ab. Beschimpfunge und Schläge, Schläge, Schläge waren die täglichen Erfahrungen des Jungen. Der Vater gab ihn dann ins Heim (Das ist jetzt rund 50 Jahre her). Es kam erschwerend hinzu, dass der Junge den Nachnamen der Mutter behielt. Dieser Nachname war wie ein Schimpfwort (Nehmen wir einmal an, der Nachname des Vaters hätte „Oberbumser“ gelautet. Kein Scherz, der richtige Name ist vom Beleidigungsgrad her so ähnlich).
Ich mag es nicht ermessen, was für ein Martyrium dieser Junge mit seinem Namen und der Unfähigkeit, sich gegen die anderen Dorfkinder zu wehren, durchlitt. Er blieb einige Jahre im Heim, bis er fast zehn Jahre alt war. Der Vater hatte inzwischen erneut geheiratet. Seine neue Frau erfuhr von seinem Kind und verlangte, ihn aus dem Heim ins Haus zu holen. Was nach menschlicher Gutmütigkeit aussah, war allerdings aus finanziellen Gründen geschehen. Angeblich wurde der Junge bei seiner Ankunft zuhause vom Vater mit den Worten „dich hätte ich gleich nach der Geburt totschlagen sollen wie eine Ratte“ begrüßt. Das Kind bekam ein eigenes Zimmer, einen Raum mit einem kleinen Fenster, einem Bett und sonst nichts.
Die autistischen Züge des Jungen wurden stärker, er wurde isoliert.
Das ist das, was ich von seiner Kindheit weiß.
Wir versuchen heute, diesem erwachsenen Menschen zu einem geregelten Arbeitsleben zu verhelfen. Auf meine Initiative hin wurde als erste Handlung sein Name geändert. Deshalb habe ich einen guten Zugang zu diesem Menschen. Aber wen habe ich vor mir?
Einen extrem leicht verärgerbaren Menschen, der autistische Züge trägt, der bei der leisesten Form von Widerspruch, der bei der leisesten Abweichung vom normalen Tagesgeschehen, der bei der leisesten Form von Kritik in einer Art und Weise tobt, die ihn sein Gesicht knallrot werden lässt, sein Mund sprüht dann vor Speichel, in seinen Augen steht der Kontrollverlust schlechthin geschrieben. Dass geht dann so weit, dass er auf seine Arbeitskollegen losgeht und sie tritt, schlägt oder Gegenstände nach ihnen wirft und ich ihn dann durch Eingreifen daran hindere.
Er ist ein Paradebeispiel dafür, was aus einem Menschen wird, wenn er eine solche Biografie durchläuft.
Er ist kein Einzelfall. Sobald ein bestimmtes Verhalten einer bestimmten Person untersucht wird, so stellen sich fast immer Parallelen zu ihren Kindheitserfahrungen ein.
Deshalb begegne ich der Wissenschaft der Psychologie, die ich vor einiger Zeit noch gar nicht als Wissenschaft eingestuft habe, sondern als eine Anhäufung mehr oder weniger plausibler Aussagen, mit Respekt.
Gut, dass dein Freund dich getroffen hat.
Ich empfehle dir, mit deinem Freund einen Psychologen aufzusuchen, um ihm zu helfen. Er wird es als befreiend empfinden.

Ich lerne vieles aus Büchern.
Dies habe ich ohne Buch gelernt.
Viele Grüße
Voltaire

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo, danke erstmal für deine Antwort…
also mein Freund ist sehr ehrgeizig, er muß damals ziemlich als Versager dagestanden sein. Er hat sein Fachabi gemacht, dann ging er zum Bund. Nach 12 Jahren Bund hat er jetzt noch eine Ausbildung zum Immokaufmann gemacht, er hatte nur gute Noten in der Schule… er will NIE als Looser dastehen… Bei ihm ist einfach, das er die Nähe nicht zulässt, z.B. wenn ich ihn drücken will, oder nur etwas kuscheln… kurz und dann - jetzt genügt es wieder -. Er lügt mich oft an, verheimlicht mir Sachen oder erzählt sie mir gar nicht… Wir haben jetzt 1 Jahr zusammengewohnt, haben einen Sohn mit einem Jahr.
( Er ist geschieden, Sohn 7 Jahre ). Vor 1 Monat sind wir in getrennte Wohnungen gezogen, weil er seine Ruhe haben wollte und wieder tun und lassen kann, was er will, ohne das ich immer Fragen stelle…
Reden kann ich mit ihm leider nicht, er fühlt sich dann immer angegriffen… zum Psychologen schicken schon 3mal nicht…
Bin leider mit meinem Latein am Ende…
Susi

Hi!

Ganz kurz, ohne viele weitere Worte: Die Bücher von Alice Miller kann ich zu dem Thema sehr empfehlen. Sie hat auch eine Homepage (www.alice-miller.com) mit Artikeln in Deutsch, Englisch und Französisch, da kannst du vielleicht schon mal ein bisschen reinlesen, ob das das ist, was du suchst.

Annika

Moin, Susi,

wenn sich der Freund dabei wohlfühlt, werden Dir alle Bücher dieser Welt nichts nützen.

Eine Beziehung sollte immer ein Geben und ein Nehmen sein, aber Du scheinst nur zu geben, ohne dass er nehmen, geschweige denn (zurück-)geben will. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, was Dir das Verhältnis bringt. Denk mal an Dich.

Gruß Ralf

Hallo Susi,

ich hatte auch einen Partner, der eine schlimme Kindheit hatte (unerwünscht, Vater Alkoholiker, der die Familie verprügelt hat etc.). Auch er hatte extreme Schwierigkeiten mit Nähe.
Anfangs dachte ich, das würde sich mit der Zeit geben. Leider half alles Verständnis nichts, denn ich konnte es selbst irgendwann nicht mehr leben. Seine Abweisungen haben mir derart zugesetzt, dass mein eigenes Selbstwertgefühl gegen null ging.

Sicher kannst Du darüber Bücher lesen, um zu versuchen, ihm zu helfen. Aber für ihn ist die Welt doch in Ordnung, oder? Man kann niemanden helfen, der das nicht annimmt.

Ich denke, Du solltest auf Dich aufpassen!

Ganz liebe Grüße
usch

1 „Gefällt mir“

Liebe Susanne,

eine traurige Kindheit mag zwar manches erklären, aber sie entschuldigt nicht alles. Es ist nun mal eindeutig so, daß Dein Freund so ist wie er ist und daß er sich wohl nicht ändern will und nicht ändern wird.

Etwas Mögliches für wahrscheinlich zu halten ist das Kennzeichen irrationalen Handelns, will sagen: es ist möglich, daß Dein Freund sich durch Dich ändert, aber es ist nicht wahrscheinlich. Also handelst Du irrational, wenn Du darauf hoffst und wartest und in dieser Hoffnung und Erwartung bei ihm bleibst.

Augenscheinlich ist er im täglichen Leben recht erfolgreich, er ist also kein Sozialfall. Er braucht Dich nicht!

Nun ist die Frage, warum Du ihn brauchst. Denn daß Du ihn brauchst, ist offensichtlich - andernfalls hättest Du längst „normal“ und „gesund“ reagiert und ihm „Adieu“ gesagt.
Ein gemeinsames Kind kann doch kein Grund sein, Dich freiwillig für den Rest Deines Lebens in Abhängigkeit, Unglück, Zerstörung zu begeben.

Ich weiß, wie schwer es ist, derartig lang andauernde und tiefgehende emotionale Bindungen zu kappen (meine Antwort hört sich nicht danach an, ich weiß). Es hilft aber in solchen Lagen nichts anderes als ein klarer und kühler Kopf und die feste Entschlossenheit, sich selber zu retten.

Also laß ihn da, wo er ist, zieh Du Deines Wegs.

Für diesen Weg wünsche ich Dir Geduld und Kraft - Rolf

1 „Gefällt mir“

Hallo Susi,
was willst du mit den Erkenntnissen aus einem Buch denn dann anfangen? Ihn therapieren?
Wenn du da nicht Profi bist, was du ja nicht zu sein scheinst, solltest du das sein lassen und wenn du meinst, es müsste etwas geändert werden, mit deinem Freund über deine Änderungswünsche sprechen.

Nur ER könnte, wenn er das möchte, durch eine Therapie mit seiner Kindheit besser klar kommen und u.U. dadurch irgendwann auch sein Verhalten ändern.

Aber das muss ER wollen und das funktioniert auch nicht einfach so nach lektüre von ein paar Büchern. Du musst also auch GEduld mitbringen.

Gruß
Demenzia

Moin, Demenzia,

Aber das muss ER wollen

das finde ich ganz toll, wie Du ER schreibst. Wenn ich nur wüsste, wie sich mme d. dazu bewegen ließe :smile:))

Gruß Ralf

vorsicht mit hilfe
o-o, ich höre euch schon auf meinen beitrag schimpfen, aber es muss raus.

hi, du schreibst:

Er läßt keine Nähe zu, kann nicht zeigen, das er mich liebt,
ist verschlossen, erzählt nix…

statt ihn durch hilfe zu verändern, die er sich nur selbst besorgen kann, wäre es für dich spannend, zu überlegen, ob du mit einem freund zusammensein willst, der keine nähe zulässt, nicht zeigen kann, dass er dich liebt, verschlossen ist und nix erzählt! kauf dir soviele bücher wie du willst, dein freund wird bleiben wie er ist.

damit dieser beitrag aber -gemäß diesem forum- einen konstruktiven beitrag enthält, dieser buchtip:

http://www.amazon.de/Eltern-Neurose-Psychoanalyse-ki…

N’Abend Ralf,

kann leider nicht verstehen, was du willst…

das finde ich ganz toll, wie Du ER schreibst. Wenn ich nur
wüsste, wie sich mme d. dazu bewegen ließe :smile:))

Vielleicht schreibst du das irgendwie auch für mich verständlich??

Gruß
Demenzia