Hallo Oliver,
in wie weit stimmt die Aussage von General von Schleicher,
dass er die von v. Papen angedachten „Reformen“ (wenn man sie
so nennen will) nicht notfalls mit der Reichswehr durchsetzten
konnte.
Ich halte sie für zutreffend.
Bitte hilf mir kurz auf die Sprünge: welche „Reformen“ meinst
du? Den Preußenschlag? DEN hat v. Papen ja hinbekommen.
Mein ‚zutreffend‘ bezieht sich auf die ‚Nichtdurchsetzungsfähigkeit‘
der Reichswehr. Zu den ‚Reformen‘ müßte sich Galle äußern.
Wenn man sich das Zahlenverhältnis der Reichswehr im Vergleich
zur SA (um die 4 Mio Mitglieder), Reichsbanner
Schwarz-Rot.Gold (3,5 Mio. Mitglieder), Stahlhelm (1. Mio
Mitglieder)RFB (150.000)… anschaut, würde das sogar
einleuchten.
Nun, erstens kannst du Stahlhelm und SA sicher nicht in einen
Hut werfen, das Reichsbanner erst recht nicht.
Deshalb habe ich mich auch nur zur SA geäußert 
Eine konzertierte Aktion der Vereinigungsmenge aller drei Gruppen
zusammen ist doch völlig abwegig. Gegen wen oder was und aus wel-
chem Interesse geleitet hätte dies denn vonstatten gehen sollen?
Ich weiss nicht genau genug wie weit die anderen Organisationen
Mitte 34 schon in die SA eingegliedert waren um dazu was zu
schreiben. Auch das sollte eher Galle beantworten.
Zweitens ist die SA zwar wunderbar durchorganisiert gewesen
mit Rängen, Ortsverbänden und Gemeinschaftsleben. Aber das
allein macht noch keine Streitmacht aus, die geoße
Putschaktionen durhcführen könnte, wenn sie auf der anderen
Seite a) nicht die Unterstützung der breiten Masse des Volkes
besitzt b) dies auch noch gegen die Reichswehr durchsetzen
müßte.
Bei all dem sollte man nicht übersehen das große Teile der SA
aus dem 1. Weltkrieg und den Kämpfen am Beginn der ‚Weimarer
Republik‘ echte Kampferfahrung hatten und die SA 1933 mehr
ehemalige Offiziere als die Reichswehr aktive Offiziere hatte
und die SA bei Infantriewaffen etwa 10 zu 1 überlegen war.
Die ‚Unterstützung der breiten Massen‘ ist für mich dabei kein
Argument da 1. die Wahlergebnisse in der letzten freien Wahl
zeigen das die Nazis durchaus eine Massenbewegung waren und
ich 2. genug erfolgreiche Putschaktionen ohne diese kenne.
Die Reichswehr und ev. Teile der Polizei wären sicher achtbare
Gegner gewesen. Aber schon die Dislozierung der Reichswehr war
für die Niederschlagung eines solchen Putschs ungeeignet und
die spätere Geschichte hat das Versagen der Reichswehr als
politisch handelnder Gewalt -was sie auch nie sein sollte-
gezeigt. Vorallem aber: Wer hätte die Reichswehr bei so einem
Einsatz kommandieren sollen und wären ihre Mannschaften zum
Kampf gegen die SA bereit gewesen?
Im Prinzip hat der „Röhm-Putsch“ doch gezeigt, wie schnell das
auf den ersten Blick so groß und mächtig erscheinende Gebilde
SA in sich zusammenbrach: eine Handvoll Leute ausgeschaltet,
und die Motivation des „Millionenheeres“ ist dahin. Das wäre
bei der Reichswehr nie und nimmer passiert.
Damit übersiehst du die Rolle von Hitler als dem gottgleichen
Sinngeber der SA. Auch in der Reichswehr wäre der Kaiser problem-
los in der Lage gewesen eine Gruppe unfähiger Offiziere auszu-
tauschen und als genau dies wurde der ‚Röhm-Putsch‘ dargestellt.
Noch dazu war die SA offiziell ‚für ihre besonderen Verdienste‘
für einen Monat auf Urlaub geschickt worden und war daher kaum
handlungsfähig. Kennst du die Einschätzungen zur Kampfkraft der
Bundeswehr in den 80er Jahren für den Fall das ‚der Iwan an
Weihnachten kommt‘? 
MMn war es der erste wirklich große Fehler Hitlers als er sich
für die Reichswehr entschied und die SA-Führung liquidieren
und ihre Strukturen auflösen lies.
DAS verstehe ich ja nun gar nicht! Inwiefern war das ein
Fehler von ihm?
Das ganze Bestreben Hitlers, mit „legalen“ Mitteln an die
Macht zu kommen, war begründet durch seine Erfahrung 1923.
Vielleicht hätte ja kurzzeitig ein Putsch sogar geklappt,
vielleicht wäre die SA ja stark gewesen, aber das wäre
angesichts des offenkundigen Rechtsbruchs und der damit
fehlenden Akzeptanz in Volk, Beamtenapparat und Armee nicht
dauerhaft zu halten gewesen.
Das sehe ich genauso wie du. Nur denke ich das es auch den
anderen Weg gegeben hätte und kann mir gut vorstellen das
er mit einer NSdAP die sich sozialistisch darstellt, und eben
nicht als einzigen letzten Sinn ihren Rassenwahn propagiert,
eine total anderen Ausgangspunkt gehabt hätte.
Die weitere Entwicklung zeigt doch eindeutig, daß es aus seiner
Sicht das einzig richtige Pferd war, auf das er gesetzt hat!
Das mußt du mir jetzt wirklich erläutern.
Ich denke das heutzutage vielzuwenig das 2te Pferd gesehen wird
das für ihn bereitstand. Was daraus geworden wäre kann ich letzt-
lich nicht abschätzen und spätestens bei der Frage ob, wann und
wie dann der 2te Weltkrieg geschehen wäre will ich hier erst recht
nicth phantasieren … in der Folge rechne ich mit einem ähnlichen
Ausgang wie dem Tatsächlichen …
Gernot schrieb dazu:
Über die Reichswehr hat er doch exakt das gekommen, was er wollte
- ein modernes Heer mit Berufsoffizieren, die ihr Handwerk ver-
stehen und das er somit in kurzer Zeit zu einer sehr guten froßen
Armee ausbauen konnte. Immerhin haben ihm die alten Haudegen der
Reichswehr halb Europa erobert, ohne groß zu fragen. Ob er das
mit den Amateueren von der SA hinbekommen hätte, möchte ich doch
bezweifeln.
Das sehe ich anders. Du gehst dabei sehr von der Reichswehr des
Jahres 39 aus. 1934 waren die meisten dieser ‚alten Haudegen‘
noch arbeitslos oder im Zivilleben oder sogar in der SA.
Die Panzer- und Luftwaffe gab es damals nur auf dem Papier.
Die so erfolgreichen Blitzkriegstaktiken wurden erst von der
‚Legion Kondor‘ zur Einsatzreife gebracht.
So wurde die SA aufgelöst und ihre Mannschaften später in die
Reichswehr aufgenommen. Niemand kann beweisen das dies umgekehrt
nicht auch möglich gewesen wäre …
Ich gebe gern zu das es letztlich ein Gefühl aus meinem Bauch ist
das mir dieses ‚2te Pferd‘ recht verlockend erscheinen läßt. Ein
Volksheer auf Basis der SA, in das die 40.000 Unteroffiziere der
Reichswehr und ihre von von Seeckt geschaffenen neuen Einsatz-
prinzipien integriert wurden, in dem man Schwule und Juden nicht
ausgegrenzt hätte … einige charmante Seiten kann man diesem
Traum nicht absprechen.
Wenn dann noch Hitler 1938 nach dem ‚Anschluß‘ beim Baden ertrunken
wäre … naja ganz ernst nehme das selbst auch nicht *g*
Viele Grüße
Jake