Guten Tag,
ich bin auch geschockt über die ersten Reaktionen auf dein Hilfegesuch. Aber ich befürchte, dass Verständnis nur von denen kommen kommen, die
sowas schon mal erlebt haben.
Ein Psychopharmakum ist keine Lösung gegen Reaktionen auf Studienstress. So lange dein Anliegen nicht darin liegt, deine körperlichen Reaktionen auf Stress auszuschalten, damit du die Phase durchstehen kannst, würde ich mir auch keine Medikamente verschreiben lassen. Vor allem, weil du jung bist und in deiner Krankenakte für dein restliches Leben „Antidepressiva“ stehen wird. Dadurch kannst du in Zukunft nicht zuletzt eine Lebensversicherung vergessen. Es mag sein, dass so ein Mittel hilft, um die Imbalancen im Gehirn wieder auszugleichen, aber die Nebenwirkungen und das Eingreifen in die natürliche Physiologie des Menschen ist meiner Meinung zu stark, um darauf zurückzugreifen, so lange nicht eindeutig
klar ist, dass eine begründete neurologische Fehlfunktion vorliegt.
Ich möchte keine Ferndiagnose stellen, aber ich würde zumindest vermuten, dass dein Studium - so sehr es dir auch Spaß machen mag - anstrengend für dich ist. Der Druck auf gute Leistungen (und das deutest du an), der Konkurrenzkampf an einigen Unis, die Befürchtungen um die Zeit nach dem Studium, vielleicht Prüfungsangst gehen natürlich nicht spurenlos an dir vorbei. Wenn du sogar dann noch private Rückschläge erlitten hast oder dir in der bisherigen Studienzeit irgendwas gefehlt hat (z.B. Zeit oder Geld für dich), dann könnte das schon dazu führen, dass du dich jetzt so fühlst, wie du dich fühlst. Was ich grad gesagt habe, muss natürlich nicht alles so für dich gelten, aber es ist nunmal Studienalltag. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es einige Studenten gibt, die das alles sehr gut wegstecken können, andere wiederum nicht so gut.
Du könntest auch einfach antriebslos sein, weil du nicht mal dir selbst gegenüber eingestehen kannst, dass du einfach grad keine Lust mehr hast, weil du einfach mal Pause brauchst. Sowas darf man natürlich (leider) nicht zugeben, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man zwischendurch
einfach mal Urlaub haben möchte vom „als Lexikon und Kalender durch die Gegend laufen“. Und der strenge Lernplan führt leider auch dazu, dass man sich nicht traut, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, weil im Hinterkopf immer die nächste Prüfung vorbereitet werden sollte. Ich habe mich häufig dabei erwischt, mir keinen Spaß zu erlauben, weil ich eigentlich lernen sollte und dann doch den ganzen Tag Trash-TV zu gucken, weil ich keine Energie zum Lernen hatte.
Aber das hilft dir natürlich jetzt gar nicht. Du willst viel eher wissen, was du tun kannst, wo deine Energiereserven für die nächsten Prüfungen
herkommen sollen.
Ein Bluttest, wie jemand anders hier schon geschrieben hat, kann natürlich helfen: lass deinen Mineralienhaushalt prüfen (Stress laugt aus, vor allem Vitamin C) und evtl. deine Schilddrüsenwerte. Dein Arzt würde dich dann auf entsprechende Ergänzungsmittel setzen, die durchaus kurzfristig helfen können.
Langfristig müsstest du aber eher eine Lösung finden, dass dein Körper seine Balance wieder weitgehend von alleine findet, damit du wieder Lust hast, Dinge anzugehen. Abschalten / zur Ruhe kommen gehört zum Gesundsein dazu. Irgendwer hatte glaube schon Entspannung, Sport etc. empfohlen.
Wenn du dir guten Gewissens die Zeit nehmen kannst, dann tu das unbedingt. Sport fördert deine Atmungsfunktion, deine Sauerstoffverarbeitung, deine Herzfunktion, etc. Das wirkt sich u.a. positiv auf deine Gehirnfunktion aus und damit auf deine Freude am Leben. Für mich ist es schwer, in stressigen Zeiten, wo ich das Gefühl hab, meine Zeit gehört der Uni, diese Dinge umzusetzen, aber es ist schaffbar.
Dass die Ernährung auch bei Stress wichtig ist, muss ich glaub ich nicht sagen. Leider ist es sehr zeitaufwändig, bedacht seine Ernährung anzupassen, weil du damit automatisch mehr Zeit in der Küche und im Supermarkt verbringst (Zeit, die du in Prüfungsphasen vermutlich eher nicht hast). Aber google ruhig mal ein paar Minuten nach Ernährungstipps für Stress und such dir Sachen aus, die du jetzt schon einbauen kannst. Obst und Rohkost mit viel Vitamin C könnte garantiert nicht schaden und klaut keine Zeit in der Zubereitung.
Nimm dir ruhig mal ein paar Minuten und denk mal darüber nach, ob dir Dinge einfallen, die dich gerade vielleicht runterziehen. Mach dir bewusst, wie die letzte Zeit so gelaufen ist, ob du Sorgen hattest und wenn ja welche. Hast du das Gefühl, du stehst unter Zeitdruck? Macht dir
irgendetwas Angst oder Sorgen, auch privat? Welche Erwartungen stellst du an dich und dein Studium? Wenn du das für dich aufschreibst, kannst du es dir so „von der Seele reden“. Vielleicht fällt dir beim Schreiben das ein oder andere auf, was du leicht ändern kannst und was dir den Alltag erleichtert.
Wenn du jemanden hast, mit dem du ehrlich über diese Dinge sprechen kannst (so jemanden hat man nicht immer parat), dann nutz die Gelegenheit, die oben genannten Gedanken mit ihnen durchzusprechen. Manchmal hilft ein Außenstehender mit anderem Blickwinkel, dir vielleicht sogar Lösungen aufzuzeigen.
Im Grunde genommen hilft da auch eine psychologische Beratung. Mit Psychotherapeuten habe ich da nur leider schlechte Erfahrungen gemacht, die wollen lieber deine Kindheit analysieren statt dir dabei zu helfen, vielleicht Kompetenzen zu entwickeln, damit du im Alltag besser zurecht kommst. Der Vollständigkeit halber wollte ich dir diese Option nur aufzeigen.
An manchen Unis gibt es Beratungsstellungen oder vielleicht findest du in deiner Nähe eine öffentliche karitative Einrichtung, die Beratung anbietet. Das könnte helfen, wenn es dir grad an Ansprechpartnern für deine Sorgen fehlt.
Und zuletzt gibt es da doch noch die alternative Medizin, die ggf. kurzfristig helfen kann. Gute Naturheilkundler wissen, dass Körper und Psyche einfach zusammengehören und diagnostizieren gleich alles zusammen. Sie können dir u.a. Homöopathika, Kräuter etc. aufschreiben. Ein kleiner Geheimtipp, der sich langsam in Europa ein Dasein mausert, ist die TCM - Traditionelle Chinesische Medizin. Ich war mal bei einem solchen Heilkundler, einem Chinesen, der unsere Medizin nie gelernt hat (hier in Deutschland auch den Titel Dr. nicht tragen darf, in China aber schon). Er erzählte mir, er hat u.a. viele Medizinstudenten unter seinen Patienten, die immer dann wieder kommen, wenn der Stress unhaltbar wird. Vergiss Akkupunktur, die ein Arzt nebenher in einem Wochenseminar gelernt hat. In China muss man viele Jahre lernen, damit man Akkupunktur (ein Teil der TCM) beherrscht. Guck mal, ob du einen solchen TCM-„Arzt“ in deiner Stadt findest. Ich selbst habe es nicht geprüft, aber TCM könnte deine „depressiven Verstimmungen“ und „Antriebslosigkeit“ durchaus verbessern.
Der Nachteil - vor allem für Studenten - ist natürlich, dass diese Sachen viel kosten. Solltest du sowas zahlen können, dann probier es ruhig mal aus.
Auch wenn ich sehr viel geschrieben habe und du einige Punkte vielleicht für dich nicht akzeptieren kannst, so hoffe ich, dass du doch den ein oder anderen Tipp für dich gewinnen konntest.
Alles Gute für dich und dein Studium.