Schneller und schlimmer als befürchtet

Prioritäten
Hallöchen.

Das in dieser Diskussion vorgebrachte Argument, deutsche
Arbeitnehmer müssen sich nur qualifizieren, um der
Arbeitslosigkeit zu entgehen, halte ich mittlerweile für ein
Totschlagargument. Wer vor 20 Jahren die Hauptschule (mit oder
ohne Abschluß) verlassen hat, dürfte heute kaum in der Lage
sein, auf einer Abendschule das Abitur nachzuholen oder sich
innerhalb von drei Monaten zum CAD-Programmierer ausbilden zu
lassen.

Die entscheidende Frage dürfte sein, was die Leute die letzten 20 Jahre lang gemacht haben.

Ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Bevölkerung

weist eben nur einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten
auf, und diese Leute stehen in einem knallharten
Konkurrenzkampf im Niedriglohnsektor - und da kommen sie mit
„Qualifikation“ auch nicht raus, weil die Basis zur
Qualifikation einfach nicht vorhanden ist. Wie willst du
jemandem den erweiterten Dreisatz oder die Lösung von
Gleichungen mit drei Unbekannten beibringen, wenn die Leute
gerade mal die Grundrechenarten beherrschen?

Mal abgesehen davon, daß man für den erweiterten Dreisatz nicht mehr braucht als die Grundrechenarten, stellst Du hier gerade Deinen Mitmenschen ein Armutszeugnis aus, das ich für ungerechtfertigt halte. Die Menschen sind nicht blöd sondern faul. Allein der Anstieg der Zahl der Computer- und gar Internetbenutzer in den letzten 15 bzw. zehn Jahren zeigt, daß die Menschen durchaus in der Lage sind, sich mit neuen Dingen zu befassen, zumindest gilt das für den Privatbereich. Wenn es dagegen um die Arbeit geht, wird das Hirn nach Verlassen des Arbeitsplatzes in der Regel runtergefahren.

Für den Fall, daß wieder die Schlagworte „zu wenig Freizeit und die auch noch für die Arbeit opfern“ und „für so wenig Geld gibt’s nicht mehr Arbeitsleistung“ kommen, sei schon mal prophylaktisch erwähnt, daß es einerseits den Anspruch auf Bildungsurlaub gibt, daß in vielen Unternehmen Fortbildungsprogramme angeboten werden, die teilweise oder vollständig während der Arbeitszeit absolviert werden können und daß ansonsten Freizeit in unbegrenztem Umfang möglich ist – unter geringfügigen Einkommenseinbußen.

Ebenso wie die Leute, die in Arbeitszeitverkürzung den Weg in die Vollebschäftigung sehen, scheinen einige noch nicht mitbekommen zu haben, daß Arbeit heutzutage nicht mehr darin besteht, daß man zehn Stunden lang ein großes metallenes Objekt auf steinerne Objekte kloppt. Wer sich damit begnügt, in seinem Berufsleben eine überschaubare Zahl von Handgriffen auszuführen und auch noch glaubt, daß das auf ewig so bleibt, wird in den nächsten Jahren so oder so ein Problem bekommen. Dafür brauchen wir weder Osteuropa noch Asien.

Fortbildung klingt hochtrabend und schreckt vielleicht dadurch auch ab. Angst vor Neuem ist aus mir unerfindlichen Gründen allgegenwärtig. Kaum fällt das Wort „Forderungsankauf“ oder „Schuldscheindarlehen“ verfallen auch hier gestandene Kreditleute mit 20 Jahren Erfahrung in Panikstarre. Wird eine neue Abteilung aufgebaut, deren Tätigkeit nicht bis zur letzten Nachkommastelle definiert ist, verstecken sich die meisten, die dafür in Frage kommen würden, in der hintersten Ecke ihres Büros. Frag eine Verkäuferin im Warenhaus, ob sie im Komputa abfragen kann, wann die nächste Lieferung von Ware X ankommt, lautet die Antwort mit großer Wahrscheinlichkeit „das kann nur der Abteilungsleiter/Substitut“.

Ich kenne ein kleines Familienunternehmen, in dem Vater (ausgebildeter CNC-Fräser) und Tochter (BWLerin) Metall bearbeiten. Sie hat sich innerhalb eines Jahres die kompletten Fähigkeiten ihres Vaters angeeignet und studiert inzwischen nebenbei Maschinenbauwesen. Er hingegen weigert sich komplett, sich in kaufmännischen Kram wenigstens rudimentär einzuarbeiten.

Nur ein paar Beispiele für die Grundeinstellung weiter Teile der Bevölkerung. Bloß nix neues lernen, könnte wehtun und/oder mehr Arbeit bei gleich viel Geld bedeuten. Mal ganz abgesehen davon, daß man seinen eigenen Job damit risikiert: So empfiehlt man sich auch nicht für höhere Weihen. Wer sagt denn, daß eine Verkäuferin Verkäuferin bleiben muß? Wer sagt denn, daß ein Fräser keine Führungsaufgaben übernehmen kann?

Was Du als fehlende Basis (im Sinne von zu blöd und zu wenig gelernt) bezeichnest, bezeichne ich als geistige Unbeweglichkeit und Faulheit. Ab einem Alter irgendwo zwischen 20 und 35 scheint bei vielen irgendwie der Gedanke zu reifen, daß man nun in beruflicher Hinsicht ein fertiger Mensch ist und sich ab jetzt nichts mehr zu ändern braucht und öndern wird. Man genügt sich sozusagen selbst. Daß man damit auf Dauer den Anforderungen nicht mehr genügt und das Kriterium „fertig“ in anderem Sinne erfüllt, kommt diesen Leuten nicht in den Sinn.

Stattdessen begnügt man sich damit, in wochen- und monatelanger Arbeit sinnlose private Homepages zu produzieren und auf die Welt loszulassen, den Rechner zu Spielemaschine hochzurüsten oder den siebten Endtopf an den 3er BMW zu montieren. Offensichtlich hat man genug Freizeit, um sie sinnlos zu vergeuden. Für ein bißchen berufliche Weiterbldung reicht es dann aber doch wieder nicht. Immerhin hat man dann ein Hobby, mit dem man sich dann beschäftigen kann, wenn irgendein anderer, der in seiner Freizeit einen Buchführungskurs oder was auch gemacht hat, den Job des Hobbyschraubers übernommen hat.

Gruß,
Christian