Hallo Marleen,
ich setze mich gerade mit der Schöpfungsgeschichte
auseinander. Mir ist da plötzlich Genesis 1, 26 aufgefallen:
Lasst uns Menschen machen, ein Bild , das uns gleich sei.
Wieso nicht: Lasst mich Menschen machen, ein Bild, das mir
gleich sei.?
Ich dachte, Gott habe den Menschen allein geschaffen. Wenn
meint er denn mit „uns“?
Du liest die Luther Übersetzung, ja? Meines Wissens hat Luther mehr schlecht als recht Hebräisch gekonnt (punktuell, so wie man heute Alt-Griechisch oder Latein für ein paar Ausdrücke kann). In der Vulgata steht: „et ait faciamus hominem ad imaginem et similitudinem nostram“ => hominem, Singular. Im Hebräischen steht ‚adam‘ was mit so ziemlich allem übersetzt werden kann, von Mann bis Mensch, Person, Menschheit [bitte belehren, falls ich falsch liege…], aber es steht im Singular, ergo ‚Menschheit‘.
Nun ist es denkbar, dass sich Luther bei der Übersetzung dieser Stelle von Rabbinern helfen liess (wie an anderen Stellen auch). Genesis 1, 26 lautet: „vayomer Elohim na’aseh adam b’tsalmenu kidmutanu…“ ‚Machen‘ (asah) und ‚Bild‘ (tselem) stehen im Plural, zusammengesetzt „b’tsalemnu“, auf Deutsch ‚in (=b) unserem (=nu) Bild‘. Was ja in der Vulgata auch korrekt so wiedergegeben wird. Du bist im Übrigen nicht die Erste oder die Letzte, die sich dazu Gedanken macht. Es entstehen immer wieder Diskussionen dazu, ein nettes Paper in diesem Zusammenhang: http://www.apostolic.net/biblicalstudies/usandour.htm
Aus christlicher Sicht ist die Erklärung ziemlich einfach, ‚uns‘ referiert auf die Trinität und die dreifache Person Gottes. Dies Erklärung wird dann allerdings durch den nächsten Vers, Genesis 1, 27 wieder relativiert: „et creavit Deus hominem ad imaginem suam/Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde“… Ja, was denn nun: wir oder mein?
Die einzige Überlegung, die mich überzeugt hat, lautet so:
- Mit wem spricht Gott in Gen 1, 26? Wäre es mit sich selbst, dann würde wahrscheinlich ‚va’omrim Elohim‘ stehen, ‚vayomer Elohim‘ weist auf jemanden ausserhalb seiner eigenen Person hin [i.e. auf die beiden Anderen Personen: Christus und heiliger Geist], mit dem er spricht. Daher ‚unser Bildnis‘. Ausserdem kann das ‚unser‘ auch eine Form des Plurale maiestatis sein.
- In Gen 1, 27 steht ‚vayivra elohim eth haadam b’tsalmo…‘, ergo ‚nach seinem Bild‘. Die beiden Verse suggerieren also, das Gott zwar zu jemandem sprach, der allerdings nichts mit dem Schöpfungsakt zu tun hatte.
Natürlich geht die Diskussion zwischen Jüdischen Gelehrten und Christen immer noch weiter. Bis hierhin widerspricht nichts der Tatsache, dass ‚unser‘ auf die Trinitäre Person Gottes hinweist, und dass er sich an sie wendet, wenn er spricht. Ich lande in der Diskussion mit meinen Freunden über das Problem immer wieder beim ‚Henne-Ei‘-Paradoxon: nimmt man die Trinität an, dann kann man die Stelle auch so lesen; lehnt man die Trinität ab, dann liest man sie anders. Ich hab aber ebenso festgestellt, dass eine Ablehnung der Trinität meist mit einer falschen Vorstellung derselben als eine Art ‚plurale Gottheit‘ einhergeht, die natürlich weder im jüdischen noch im christlichen Sinn macht.
Fazit: Bei der Lektüre des Buchs der Bücher ist eines immer zu berücksichtigen. Traditionellerweise gibt es verschiedene Sinnebenen: den literarischen, den übertragenen und den eschatologischen [ich spreche vom Christentum aus]. Die Kunst besteht darin sich nicht in den drei Ebenen verwirren zu lassen oder sie zu vermischen. Das ist keine leichte Aufgabe und erfordert viel Arbeit. Doch es schliesst eben nicht aus, dass man die Bibel auch einfach auf dem ersten Sinn lesen kann, es kommt eben, wie bei allem, darauf an, was man daraus ziehen will…
Alles Liebe
Y.-
NB: Für Korrekturen meiner Lesart bin ich immer dankbar… so wer legt los?