Hallo Pietro,
ich habe auf Deine Homepage gelesen, daß Du aufgrund des Kirchen-Eucharistieverständnis zu Katholizismus übergetreten bist. Ich möchte Dir trotzdem als lutherische Theologin beantworten und Luthers simul iustus et peccator anführen. Ich würde also eher vom Sündig-Sein des Menschen, dessen Ausdruck Schuld ist´, sprechen. Dies sehe ich im Zusammenhang mit der letzten These der Heidelberger Disputation, daß der Mensch das Vorfindliche als etwas Schönes liebt, Gott aber das Häßliche zur Schönheit liebt (eine freie, aber ich denke korrekte Widergabe).
Im Laufe der Christentumsgeschichte hat sich viel Schuld
angesammelt, gemessen an den Maßstäben Jesu.
Die Christen sind demnach in dieser Welt nicht anders Sünder als andere auch. Dagegen steht das Wort Christi, daß den Menschen auf sein Sündig-sein (in meinem Verständnis eine anthropologische Konstante) und Schuldig-Werden zurückwirft. Damit gelten aber nichtsdestotrotz die „Maßstäbe“ Christi, die der Mensch als Antwort auf die uneingeschränkte Liebe Gottes zum Maßstab seines Lebens machen soll (und kann).
Wer ist nun heute an dieser Schuld schuld?
Gibt es überindividuelle Schuld, Institutionen-Schuld?
Der Mensch ist immer in Schuld „verstrickt“, gerade und auch, wenn er sich in einer Gemeinschaft befindet. Man muß hier nicht gleich mit den großen Verbrechen der Menschheit beginnen, sondern kann mit den zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten anfangen, oder z.B., daß es dem Menschen vielleicht auch schwer fällt, die schuldhafte Verstrickungen seiner „Institutionen“ im vollen Maße zu erkennen und den daraus resultierenden Widersprüchen zu leben.
Dann ist derjenige am unschuldigsten, der einer jungen
Institution angehört - je jünger, desto besser.
Lasst uns also heute eine neue, unschuldige
Christengemeinschaft gründen. Nächstes Jahr (oder in zwanzig
oder hundert Jahren) fangen wir dann wieder von vorne an.
Wer macht mit?
Naja, ich kann mit nicht vorstellen, daß Du das so Ernst gemeint hast. Hier müßte man ja fragen, ob nicht unser Institutionenbegriff selbst schon ein derart menschlicher und zudem doch arg modern ist, daß man fragen sollte, ob denn Gott sich auf derart menschliche Definitionen einlassen würde, um sein Urteil über den einzelnen Menschen zu fällen…
Andererseits scheint mir den Mensch, der einer Institution - wie der Kirche, aber auch eine Partei o.ä. - (freiwillig) angehört, auch dazu aufgefordert zu sein, hier Verantwortung zu übernehmen. Dieser Gedanke kam hier schon öfter und ich kann mich dem völlig anschließen. Diese Verantwortung heißt aber nicht nur, die „Schuld“ meiner „eigenen“ Institution im Blick zu haben, sondern auch aus den Schuldverstrickungen anderer Institionen, menschlichen Gemeinschaften und Menschen.
Wo wollte man sonst anfangen, welche Schuld ist vererbbar und wer erbt sie? Als Deutsche stehe ich unter der Last der deutschen Geschichte, andererseits war keiner meiner Vorfahren zu diesem Zeitpunkt in Deutschland, kaum einer war Deutscher und der einzige, der als Geschäftsmann in die NSDAP eingetreten und in Deutschland war, wurde vom Mob erschlagen, weil er aussah wie der „typische Jude“. Ich fühle mich weder schuldig noch unschuldig, aber, gerade weil ich mich als Christin verstehe, verantwortlich für das, was mit dem ausgeleierten Motto „nie wieder“ beschrieben wird. Jedoch sehe ich die Gefahr, daß es in Deutschland wieder passiert weder höher noch geringer an als anderswo, genausowenig, wie ich irgendeine Religionsgemeinschaft ausnehmen würde.
fragt
Pietro
antwortet
Taju