Schulmodell (Gedankenexperiment)

Trulala und Hallo.

Wieso Frühselektion?

Selektion:
Schüler nach von außen aufgezwängten formalen Gesichtspunkten in Gruppen trennen, um den Klassenverband zu zerstören.

Früh:
Klasse 1 bis Klasse 8

ZITAT: „…Allerdings teilen wir die Kiddies anders auf: Nicht in Klasse 1a, 1b, 1c und 1d …“

Das Beispiel bezog sich eindeutig auf die Grundschule.
Wenn Du das nicht so verstanden haben wolltest, hättest Du nicht gerade die erste Klasse als Aufhänger benutzen sollen.

Denn wenn einer stark
in Mathe ist, erreicht er das Lernziel der Klasse eben mit 3
Wochenstunden während einer der schwächer ist eben 6
Wochenstunden braucht.

Und wie wird damit ein über die Breite der Menschen gleichmäßig hoher Standard gesichert? Wo bleibt die Zeit für das Kind, auch charakterlich entsprechend älter zu werden?

Genau das sichert die Einheitsschule besser, als jedes andere Konzept:
Gute Schüler werden im Klassenverband behalten, damit das Niveau hochgehalten wird. Die Geschichte vom „Bremsen“ ist ein unerträgliches Märchen von Mehrgliedrigkeitsfanatikern. Bei uns wurden die Guten nie gebremst, sondern der Lehrer gestand ihnen ein erhöhtes Maß an Verantwortung zu. So war man als Guter immer dazu verdonnert, den anderen zu helfen, man wurde entsprechend seinen individuellen Talenten für größere Aufgaben eingespannt, damit diese für die Klasse einfacher zu handhaben gewesen waren.

Wer rhetorisch veranlagt war, hatte regelmäßig beim „Kulturprogramm“ entsprechende Auftritte zu absolvieren, oder wurde gerne bei Diskussionsrunden der ganzen Klasse in den Vordergrund gerückt.

Natürlich wurde man auch während des Unterrichts auch anders ausgelastet; die Klassenlehrerinnen der Unterstufe zu meiner Zeit verstanden es hervorragend, das Gefälle innerhalb unserer 30-Mann-Truppe zu bedienen. Also genau das, was angeblich heute für die Lehrer ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Das ist auch der Grund, warum ich objektiv recht habe, wenn ich dieses blinde Geschrei nach kleineren Klassen kritisiere. Es gibt auch Alternativentwürfe, die sogar noch besser funktioniert haben (selbstverständlich unter anderen Randbedingungen [Elternschaft, Lernklima, Finanzierung der Schulen]). Doch es gibt sie, und das ist wichtig. Nichts gegen kleinere Klassen, aber bitte im übergeordneten Zusammenhang.

Die letzten Jahrzehnte haben auch gezeigt, daß zuviel Individualismus beim Lernniveau kontraproduktiv ist. Es kommt einfach um ein Vielfaches mehr „hinten raus“, wenn gute Schüler und schlechte Schüler gemeinsam lernen und geschickt zur Interaktion angestiftet oder eben gezwungen werden. Nicht zuletzt wird der Klassenverband erheblich verstärkt.

Mein Kommentar vor einigen Wochen zur Gruppenarbeit hat diese Methode hervorragend illustriert.

Gute Schüler muß man immer motivieren, sich verbessern zu wollen. Dennoch hilft es nichts, sie zu Tode zu fördern. Das Tempo muß moderiert werden, weil es nicht alleine um blanke Anhäufung von Kenntnissen geht.

Ähnliches gilt jedoch auch für die schwächeren Jungs&Mädchen. Es ist ein enormer Unterschied, ob ich irgendwelche Blindgänger massiv überfordere, oder ob ich lernwillige, mit durchschnittlichem IQ ausgestattete Kinder ansporne, indem ich die die Latte immer ein wenig höher lege, als die Kinder derzeit eigentlich können, aber mit der Vorgabe noch in Reichweite bleibe.

Nochmal: Statt andauernd irgendwelche Ideen zur Trennung und Zusammenrottung bestimmter Cliquen zu ersinnen, muß vielmehr das ganze Bildungsklima um 180 Grad gedreht werden.

Ich könnte aus meiner Unterstufenzeit dutzende Anekdoten erzählen - die würden heute fast wie aus einer anderen Welt klingen, so wurde man subtil, allgegenwärtig, mit viel Fordern und noch mehr Fördern zur Leistung angetrieben. Und man hat es gern getan, auch ohne angeblich ideologisch indoktriniert worden zu sein.

Man kann aber nicht auf die heutigen Mißstände mit noch mehr Selektion oder anderen Formen der Selektion reagieren, wenn gerade diese Konzepte von Anfang an das mehrgliedrige System nicht über das Stadium eines Rohrkrepierers hinausgebracht haben.

Die Zeiten haben sich geändert, ob das manche - oder auch viele - wollen oder nicht. Wie hieß es noch zu meinen Kindertagen? Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

…und durch die Aufteilung in Fächer sogar noch
ganz individuell auf die Stärken und Schwächen des einzelnen
ausgelegt.

Darum geht es nicht. Es kann nicht immer nur individuell nach Stärken und Schwächen gehen. Man sieht doch, wohin das die BRD die letzten Jahrzehnte gebracht hat. Inzwischen sind wir bei der Mentalität angekommen, daß jeder am liebsten nur noch das tun möchte, was ihm gerade in den Sinn paßt.

Und wie sollen soziale Werte vermittelt werden, wenn kein durchmischter, stabiler Klassenverband besteht.

Je mehr man gruppiert, desto erschwerender wird es für die Kinder, weil auf der einen Seite zuwenig Kontakt zu allen und auf der anderen Seite zu kurzer Kontakt mit vielen gewährleistet wird.
Für den Lehrer ist es überdies auch einfacher, die Kinder zu beobachten und einzuschätzen, wenn sie mehrere Jahre in ein und demselben Umfeld agieren.
Das ist in der Unterstufe schon so, in der Mittelstufe sogar noch stärker ausgeprägt.

Warum denn das? Und was sind diese nachgewiesenen Vorteile?

Die PISA-Studie hat doch deutlich gezeigt, wie der Hase läuft.
Finnland mit einem System der kommunalen Einheitsschule stellt das beste Bildungssystem der Welt. Auch sonst stehen Länder mit echtem Einheitsschulkonzept durch die Bank besser dar (speziell Skandinavien; es macht zwar jeder etwas anderes, doch die Grundideen sind das Wertvolle).

Das Gegenbeispiel USA ist keins, weil dort nur formal Einheitlichkeit herrscht und nicht strukturell.

Die Studie des Max-Planck-Instituts von 1990/91 hat die damals sich gegenüberstehenden Systeme auch schon bewertet. Auch dort fiel das Fazit eindeutig für die vereinheitlichten Konzepte aus.

Was denn noch?
Möchte Deutschland eine kaiserliche Depesche mit Goldrand, worin geschrieben steht: „Die Fakten sprechen ausnahmslos gegen Vielgliedrigkeit und ausnahmslos für Einheitlichkeit. Also endlich Umdenken.“?

Ich hoffe eigentlich immer noch, daß im Unterbewußtsein der Groschen in Deutschland schon länger gefallen ist. Dann wäre das überflüssige und lächerliche Gezeter dieser Tage als Abgesang einer Generation entschuldbar. Sozusagen das verbitterte Verteidigen einer zu Unrecht liebgewonnenen Vorstellung, die endlich von der Zeit überholt worden ist.
So wie sich die politische Clique jedoch aufführt, kann man glatt befürchten, daß sich nichts ändern wird, bis es eines Tages wirklich zu spät ist. Wie ich immer kritisiere: Dieses Land ist ein Kasperletheater geworden, indem nur noch geredet und geredet und geredet und geredet und geredet und geredet und geredet und geredet und noch mehr geredet und wieder anders geredet und dann noch mehr geredet wird. Ich warte heute noch auf die angeblich so großartigen Reformen (auch auf anderen Gebieten neben der Bildung). Bisher wurde nichts weiter getan, als an der fehlerhaften, stotternden Maschine herumzufummeln, anstatt sich etwas komplett Neues ausdenken (was andere vielleicht schon vorgedacht haben).
Die Krönung ist dann die Förderalismusreform, welche das Hickhack in Sachen Bildung auch noch zementiert. Ganz großes Tennis.

Anscheinend bereiten die heutigen Zustände in der Jugend noch nicht genug Sorgen und man will tatsächlich eine bis zu beiden Ohren unfähige und verdummte Generation Kinder groß werden lassen, bevor man etwas tut.

Und Du willst Mißstände, die zu großen Teilen durch Separieren von Schülern hausgemacht sind, mit einer anderen Form der Separation verbessern? Das ist mindestens optimistisch. :wink:

wobei man dann trefflich diskutieren kann,
wann der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Ganz einfach: gar nicht.

Mit Deinen Gruppen ersetzt Du einfach nur die heutigen Schulformen.
Die beste Gruppe wird dann zu einer Art „Gymnasialgruppe“, die nächste zur „Realgruppe“, die dritte mit den ganzen „Experten“ zur „Hauptgruppe“ und die vierte ist dann die „Sondergruppe“ für die hoffnungslosen Fälle, die am besten gleich nach der Achten abgehen können.

Was anderes ist es einfach nicht, was Du vorschlägst.

Lustig wird es spätestens dann, wenn sich zwangsläufig die Fachidiotie herausbildet. Einer ist in ein paar Fächern beste Gruppe und dümpelt beim Rest auf einem unterirdischen Niveau herum.

Nein, Zwang zur Gemeinschaft und zu Dingen, die man nicht so gut kann bewirken Fortschritte, nicht das Senken der Meßlatte auf die Streichelzooebene.
Leistung muß eingeFORDERT werden, der Schüler - das Kind - muß sich anpassen, muß sich verbessern, und nicht die Allgemeinheit auf jeden einzelnen warten.

Genau dieser Einwand gegen die Einheitsschule zeigt ja auch, wie hochgradig falsch Individualismus verstanden wird; daß sich heutzutage schon vielerorts eingebildet wird, er habe keine Grenzen und sei das höchste Ordnungsprinzip. Andersherum wird ein Schuh draus: Die Allgemeinheit, die Gemeinschaft, die Gruppe geht vor. Legt man also die Latte eher höher, denn tiefer, vollzieht sich in der Einheitsschule auch keine „Gleichmacherei nach unten“, wie das vorallem gerne die selbstgerechten CDU/CSU-„Kapazitäten“ aus BaWü und Bayern bei jeder Gelegenheit propagieren.

Der Fokus auf die schwächeren Schüler ist in dem Zusammenhang nämlich auch so ein Gerede mit gespaltener Zunge. Die Probleme, die heute mit dem Leistungsgefälle in Verbindung gebracht werden, sind auf Grund der Frühselektion von A bis Z hausgemacht. Erst sondert man aus, reicht nach unten durch. Dann stellt man fest, daß die zuvor Separierten Ärger machen, weil sie schwach sind und man deshalb diese Schwachen nicht mit Guten zusammenbringen kann, weil die Guten dadurch gebremst würden.

Vier Buchstaben dafür: D U M M.
Nicht mehr, nicht weniger. Einfach nur richtig dumm.

Also bitte nicht noch mehr Absonderung der Schüler untereinander durch immer neue und neue Ideen, Kinder in Gruppen stecken zu wollen, wo sich außer Stagnation nichts weiter tut.

MfG :smile:

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Hi,

Die Chemie für E-Technik kannst
du schon noch auf der Uni lernen, das haben schon viele vorher
geschafft, wenn du die Grundvoraussetzungen in der Lern- und
Arbeitsweise mitbringst.

Da widerspreche ich entschieden, weil ich dieses Beispiel mit
Bedacht gewählt habe (wie alles, was ich hier im Forum
äußere).

Also ich fand dein Beispiel auch eher schlecht gewählt.

Genau an der fixen Idee, die Du eben erläutert hast, sind
ausnahmslos alle während meines Studiums nämlich gescheitert.
Die Konstellation war folgende: Aus Gründen des Stundenplans
mußten einige am Regelgymnasium Chemie abwählen (den meisten
tat das auch nicht gerade in der Seele weh). Problem:
Orbitalmodell und Quantenchemie kommen erst in der Oberstufe,
so daß dieser Kelch (über den Daumen ein intensives Jahr) an
ihnen vorüberging.

Bei mir war’s genauso. Chemie wollte ich nicht abwählen, aber ich musste, weil’s aufgrund des Stundenplans nicht anders ging. Trotzdem konnte man das bisschen Chemie in dem Fach Werkstoffe locker aufholen. Bei uns an der Uni wurde sogar ein kleiner Zusatzkurs Chemie angeboten. Mit der Klausur hatte ich trotzdem keine Probleme, auch wenn ich schon mehrere Jahre kein Chemie mehr hatte.

Dieser Spruch, immer alles an der Uni nachholen zu wollen,
langweilt mich, weil es eine verklärende, fixe Idee ist.

Alles mit Sicherheit nicht. Wer Chemie in der Schule abwählt und es dann studieren möchte, macht sicherlich einen fatalen Fehler. Aber Elektrotechnik und Chemie? Schlechtes Beispiel… das bisschen Chemie in dem einen Fach…

Denk mal einen Schritt weiter: Wie man die Startphase des
Studiums straffen und beschleunigen könnte, wenn die Schüler
EINHEITLICHE Lehrpläne mit EINHEITLICHEN Anforderungen und
EINHEITLICHEN, qualitativ hoch angesiedelten Kenntnissen in
die Knochen getrieben bekommen hätten… Mehr sag ich dazu
nicht.

Naja, es macht sicherlich Sinn, für Elektrotechnik zB einen Mathe und Physik LK zu belegen. Bei einheitlichen Lehrplänen gibt es aber keine LKs mehr. Man könnte nicht mehr individuell auf die einzelnen Neigungen eingehen. Klar, das hat Vorteile. Aber eben auch Nachteile…
Ich denke es ist gut so wie es ist. Von mir aus wählt jeder ab, was er will, aber er soll dann auch mit den Konsequenzen leben.

Gruß,

Steffie

H wie Hola.

Das Beispiel war gut gewählt, es zeigt nur, daß es überall anders gemacht wird. Bei uns hat es ansonsten solide Leute „entfernt“.
Zudem das Fach ungünstig gelegen hat, weil zu der Zeit wesentlich intensivere Vorlesungen/Übungen anstanden.

Immer daran denken, daß es der eine so und der andere so macht innerhalb der deutschen Hochschullandschaft.
Außerdem geht das ganze natürlich noch einen Schritt weiter - wer solche Lücken in Chemie hat, tut sich bspw. bei Vertiefungsrichtungen wie Mikrosystemtechnik zusätzlich schwer.

Vielmehr sollte illustriert werden (und das ist gelungen), wie das Kurssystem unnötige Lücken erzeugt. Würden der Unterricht einfach nach einem festen Plan erfolgen, also nur Vertiefung anbieten, nicht aber Abwahl, wäre das ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Bin gespannt, wie die „Reform“ der Oberstufe durch die KMK in der Realität ankommen wird.

MfG

Hallo,
bei uns gibt es sowas ähnliches schon :wink:
Die Kinder können, je nach Fähigkeit und Leistung, die ersten beiden Schuljahre in ein 1,2 oder 3 Jahren absolvieren. Dabei erhalten sie auch in den verschiedenen Fächern Aufgaben mit unterschiedlichem Schweregrad (also es kann sein, dass ein Kind in Deutsch die „schweren“ Aufgaben bekommt und in Mathe die „leichten“). Am Ende müssen natürlich bei allen gewisse Grundfertigkeiten erworben sein, aber manche können es eben schneller oder lernen mehr in der gleichen Zeit.

Beatrix

Hallo,

was du schreibst, kann ich für Hessen bestätigen. In etlichen Grundschulen wird Klasse 1 und 2 gemeinsam unterrichtet, die Kinder haben 1-3 Jahre Zeit die Klassen 1 und 2 zu durchlaufen. Da sich das Modell zu bewähren scheint, machen das immer mehr Grundschulen.

Gruß
Elke

Hi Petzi,

In England ist das eine der gängigsten Formen: Die Schüler gehören zwar zu ihren „forms“, also in etwa normalen Klassenverbänden, da sind sie aber nur ein- oder zweimal am Tag für Organisationskram und so eine Art Ethikunterricht.
Für den Fachunterricht wird nach Leistung differenziert, jeder ist in den Gruppen, die seinen persönlichen Stärken und Schwächen entsprechen.

Es bedeutet eine Menge organisatorischen Aufwand und natürlich auch mehr Arbeit für Lehrer, die den Unterricht unterschiedlich gestalten müssen, aber wo es läuft, sind die Ergebnisse überzeugend!

Gruß,

Beate