Hallo Branden.
Deine Schilderung überrascht doch ziemlich. Ich hätte Dich für wesentlich klüger gehalten.
Du brichst die alte Diskussion vom Zaune, welchen Charakter Schulabschlüsse im Prinzip haben – und übersiehst dabei völlig, daß heute bspw. schon abgewählt und spezialisiert wird, wo es nur geht.
Es gibt in manchen Bundesländern Konfigurationsmöglichkeiten, ein Abitur OHNE DEUTSCH ablegen zu können, oder OHNE MATHEMATIK.
Gerade heutzutage! Mit Verlaub, zu Deiner Zeit war die Priorität der Mathematik vielleicht noch nicht so gewaltig spürbar - doch heute sieht die Sache anders aus.
Ebenso weißt Du genau, daß es im Leben nicht nur nach Lust geht (und gehen kann). Kinder können weder zielsicher die Qualität von Lehrern einschätzen (schon gar nicht beurteilen), noch sind sie sich im Klaren, was bei falscher Spezialisierung passiert.
Neigung sollte verstanden werden als: Den Rest wie andere zu absolvieren und auf seiner Spezialstrecke über die Maßen zu vertiefen.
Neigung bedeutet nicht zwangsläufig, Schwächen beim notwendigen Rest zu haben; also bitte nicht so ein Mißbrauch des Begriffs „Neigung“.
Ebenso weißt Du genau, daß die Schulabschlüsse bis zum Abitur als Kernelement den allgemeinbildenden Charakter haben (müssen).
Meine nüchterne Einschätzung dazu ist hinreichend bekannt: Wer die vertiefte Allgemeinbildung, also die Universalität, der zwei tragenden Abschlüsse (Realschulabschluß, Abitur) nicht kann, darf diese Abschlüsse eben nicht bekommen. Punkt.
Wenn einer Mathematik absolut nicht kann, dann hat er auf einem Gymnasium nichts zu suchen und darf keine ALLGEMEINE Hochschulreife erhalten.
Dieses so überflüssige Kurssystem (welches das klassische Abitur einst verdrängt hat) ist doch gerade einer der Hauptschuldigen bei diversen Bildungsproblemen.
Die Kinder gehen mehr und mehr den Weg des geringsten Widerstandes, Fächer werden auf Grund der überall latent vorhandenen Null-Bock-Mentalität abgewählt, obwohl sie wenigstens als Grundkurs Relevanz für den Lebensweg haben könnten.
Abitur in erschreckenden Minimalkonfigurationen.
Orchidee berichtet dann auch noch in schöner Regelmäßigkeit, wie weitere Rechentricks helfen, das Abitur auch bei desolaten Leistungen noch retten zu können.
Das kann es nicht sein.
Da wird Chemie weggekloppt, obwohl man Etechnik studieren möchte.
Was ist denn das bitte? Nichtinformiertheit der Schulen ist hier nur ein Teilaspekt, der nicht für alles herhalten kann.
Gerade heutzutage, wo sich die Kinder immer später und später auskaspern, was sie denn nunmal ernsthaft betreiben möchten, kann man gar nicht genug Universalität in der Ausbildung haben.
Fächer mit Haßliebe durchzuziehen, ist überaus charakterförderlich, denn ein Fazit kann man sowieso erst hinterher ziehen. Sich durchbeißen können, ist eine wertvolle Lektion. Ich hatte diese Litternei immer im Kunstunterricht, weil ich nur mit Kohle oder Bleistift wirklich Tolles zu Papier bringe.
(Und vielleicht noch ausgefuchste Kollagen, doch hier ist ja mehr der IQ gefragt, als echtes Verständnis für im wahrsten Sinne des Wortes BILDENDE Künste.)
Geschadet hat es trotz aller Abneigungen oder Haßliebe nicht, daß ich seit Klasse 1 mit Kunsterziehung konfrontiert gewesen bin und nicht einfach sagen konnte: „Ach komm, weg mit dem Quark.“.
Eine straffe Lektion im „Machen müssen“ fehlt den heutigen Schülern im großen Stile.
Normalerweise müßte man sogar noch weiter gehen und das ganze Gegenteil anstreben: Zurück zum sogenannten klassischen Abitur: KEINE Abwahlmöglichkeiten; ein breitgefächerter Katalog an Fächern, der erledigt werden muß (und natürlich unter den Gesichtspunkten der Einheitsschule überall gleich auszusehen hätte). Somit würden keine Lücken entstehen (überall würde der gleiche Mindeststandard gewahrt), und partiell Untalentierte sowie geistige Flachwurzler würden gesiebt.
Im Gegenzug müßten selbstverständlich Alternativen angeboten werden.
Wer - wie Du - Mathe nicht mag, muß ja im Prinzip für ein Medizinstudium nicht gleich eine Allgemeine Hochschulreife erwerben.
Wobei ich hier einschränkend sage, daß ich nicht weiß, wie intensiv der Anteil Mathematik plus Naturwissenschaften HEUTZUTAGE im Medizinstudium ausfällt. Wer Probleme mit Mathe hat, kommt in der Regel auch mit Physik nicht gut klar. Der Wurf zur Chemie ist dann auch nicht sehr weit. Deswegen soll mein Vorschlag für fachorientierte Abschlüsse im allgemeinen verstanden und nicht mit Gewalt an diesem Beispiel massakriert werden. Grundgedanke sollte der sein: Wer individuelle Schwächen hat (eine Neigung für gewisse Fächer bedeutet noch lange nicht, daß man schwach beim Rest ist), soll andere Abschlüsse erwerben können. Ähnlich den Sachen, die es heute schon gibt, wie z.B. die fachgebundene Hochschulreife.
Sowohl formale Differenzierung (also Selektion), als auch Fächerabwahl sind schon lange nicht mehr der richtige Weg.
Dein Kommentar liest sich eher wie ein kurzer Moment, bei der die 68er und diese ganzen übertrieben linken, weichen Kuschelutopien hervorbrachen. 
Es sei Dir vergeben.
Grüße