Schußkraft

Hallo zusammen,
mich würde mal interessieren, welche Schußkraft und welche Zielgenauigkeit die europäischen Gewehre in der Zeit zwischen 1812 und 1835 hatten. Konnte man damit überhaupt etwas treffen (vermutlich schon)? Wie weit konnte geschossen werden, damit ein Ziel getroffen wurde? Wie groß musste das Ziel sein? Ich denke da z.B. an das franz. Infanteriegewehr Modell 1822 T40, Kaliber 17,8mm. Wer kann mir helfen bzw. wo finde ich etwas darüber?
Im Voraus schon vielen Dank an alle!
Lenny

Hallo,

frage Schwarzpulverschützen. Mich z.B.:smile:
Ich schieße zwar keine Waffe genau aus der Zeit, sondern eine Brown Bess Muskete, etwa 50 Jahre zuvor.
Generell gab es zu der Zeit zwei verschiedene Waffenarten, nämlich Musketen und Gewehre (Büchsen). Erstere haben einen glatten, letztere meinen gezogenen Lauf.
Mit meiner Brown Bess treffe ich ein manngroßes Ziel auf etwa 10 - 20 Meter. Höchstens. Wie die meisten Waffen der Zeit besitzt sie nicht einmal eine Visierung, die oft dafür gehaltene „Zacke“ vorne am Lauf ist die Bajonettwarze. Diese Waffe wirkte also offenbar hauptsächlich durch das Salvenfeuer der Linieninfantrie. Nach etwa 12 - 15 Schuß Salve war allerdings meist Feierabend, da der Lauf zugeschmaucht war und keine Kugel mehr geladen werden kann.
Die Büchsen schossen weiter. Als Referenz habe ich eine Pennsylvania-Rifle im Kaliber .50. Die Waffe ist mit Stecherabzug mit deutschem Stecher ausgestattet. Schußentfernungen auf 50 Meter geben ein sauberes Trefferbild von etwa 15 cm. Auf 100 Meter schaffe ich immerhin noch 50 cm. Ohne Stecher. Mit wird es noch etwas besser. Auch Scharfschützengewehre der damaligen Zeit (nichts anderes waren Büchsen) schmauchten allerdings auch zu. Teilweise führten die Schützen mehrere, unterschiedliche Kugelgrößen mit sich. Da die zugeschmauchten Züge und Felder allerdings natürlich der Präzision sehr abträglich sind dürfte die Schußleistung ähnlich der der Musketen gewesen sein.

Keep your powder dry,

Marcus

Hallo,
na, da muß aber jemand mit seiner Brown Bess noch ein bißl üben… :smile: auf 25 Meter treffe ich nach DSB-Reglement locker die 9 (falls der Flint mitmacht…).

Seit dem Herzog von Marlborogh erfolgte bei den englischen Linienregimentern die Feuereröffnung bei etwa 75 Metern. Man traf vielleicht nicht den, der einem in etwa gegenüberstand, sondern den, der 50 cm daneben war, aber egal… Man zielte aber auch gar nicht auf einen einzelnen (insofern sind unsere heutigen Sportschützen-Regeln zu kritisieren), sondern entscheidend war das Massenfeuer: Der Unteroffizier hielt seinen Säbel in dem Winkel, der seiner Meinung nach der richtige war und die Gemeinen hielten entsprechend an.

Geladen wurde mit Rollkugeln, das sind erheblich unterkalibrige Kugeln, die bis zu 2 mm Platz lassen für vorbeizischende Pulvergase… die Kugel wird also nicht mit der maximal möglichen Kraft beschleunigt. Vorteil: da der Schütze im Gefecht nicht wischen kann, ist es möglich, auch dann noch zu schießen, wenn der Lauf stark verschmaucht ist. Wieviel Schüsse möglich sind richtet sich nach der Qualität des Schwarzpulvers, also wieviel davon nach dem Schuß als Kruste im Lauf bleibt.

Wirksam sind diese Kugeln bis etwa 200 Meter, sie fliegen wohl etwa 600 Meter weit, vielleicht auch mehr, sind dann jedoch nicht mehr sehr wirksam (ich möchte trotzdem so ein 35-Gramm-Trumm auch in 300 Metern Entfernung nicht an den Kopf bekommen).

Gut gedrillte Kompanien konnten in der Minute etwa drei Schuß abgeben.
Das französische Model 1822 T ist schon nicht mehr im originalen Zustand, das zeigt das „T“. Es bedeutet transforme, zu deutsch aptiert. So bezeichnet man Waffen, die von Steinschloßzündung auf Perkussionszündung umgeändert wurden (im vorliegenden Fall wohl aus dem Modele l an XIII). Dies kann bedeuten, daß mit gleicher Menge Pulver wegen der Perkussionszündung ein höherer Gasdruck und damit mehr „Power“ anliegt, meist aber, daß die Heere das teure Pulver sparen konnten und die Pulverladung um ein oder zwei Gramm reduzieren konnten.

Bei den Jägern (Scharfschützen) wurden gezogene Büchsen verwendet, die Jäger kämpften einzeln und konnten ihre Büchsen auch wischen. Auf 600 Meter einen Reiter abzuschießen war kein Problem (normale Scheibenentfernungen für den schießsport waren Anfang des 19.Jhds. immer 300 Meter, davon können wir heute nur träumen).

Heinrich

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