Schwangerschaftskonfliktberatung (SKB)

Aus aktuellem Anlaß:

Mich würde mal interessieren, wie Ihr zur Beteiligung kirchlicher Beratungsstellen an der SKB steht.

Gruß
Michael

Mich würde mal interessieren, wie Ihr zur
Beteiligung kirchlicher Beratungsstellen
an der SKB steht.

Hallo Michael

Bin zwar evangelisch, aber ich sehe den Konflikt durchaus:

  • Will man den Mord an ungeborenen Kindern verhindern helfen, dann muß man präsent sein in der Beratung.

  • Ist man aber präsent, dann kann diese Beratung zur Abtreibung genutzt werden.

Wägt man diese beiden Gegensätze ab, dann führt die folgende Überlegung zu meiner Ansicht:

Berät man nicht, dann werden die Frauen, die sonst zur kirchlichen Stelle gehen würden, von Stellen beraten, denen der Tod des Kindes egal ist. Also macht sich die Kirche dadurch mehr schuldig, da am Ende mehr Kinder sterben werden.

Also ist für mich ganz klar, daß die Kirche in der SKB bleiben muß. Der Versuch des Papstes und der bischöflichen Hardliner, ihre Hände in Unschuld zu waschen, ist ein völliger Schuß in den Ofen.

Thomas

Hallo Thomas,

Danke für die Antwort. Darf ich noch zwei Zusatzfragen stellen (eigentlich ist es zweimal dieselbe Frage)?

  • Will man den Mord an ungeborenen
    Kindern verhindern helfen, dann muß man
    präsent sein in der Beratung.

Ich unterstelle mal, daß Du nicht nur die Anführungszeichen um „Mord“ vergessen hast, sondern die Tötung eines Fötus für prinzipiell ebenso verwerflich hältst, wie die Tötung einer erwachsenen Person. Müßte man aber dann nicht überlegen, ob es vielleicht effektivere Maßnahmen zur Verhinderung solcher „Morde“ gibt, als die Beratung von Schwangeren? Die Quote der Frauen, die nach der Beratung in einer kirchlichen Beratungsstelle auf eine Abtreibung verzichten, dürfte ja wohl doch noch deutlich kleiner sein, als die derjenigen, die den Beratungsnachweis tatsächlich nutzen (übrigens: kennt jemand Zahlen zu den „Erfolgen“ der Beratung? Vielleicht im Vergleich kirchliche vs. nicht-kirchliche Beratungsstellen?).

Berät man nicht, dann werden die Frauen,
die sonst zur kirchlichen Stelle gehen
würden, von Stellen beraten, denen der
Tod des Kindes egal ist. Also macht sich
die Kirche dadurch mehr schuldig, da am
Ende mehr Kinder sterben werden.

Das halte ich für eine bemerkenswert starke Aussage. Das „Sich-schuldig-machen“ ist in diesem Fall doch ein sehr indirektes: es ist nicht klar, ob es der kirchlichen Beratung tatsächlich gelingen würde, die Schwangere von der Abtreibung abzubringen, und es ist auch nicht klar, ob nicht-kirchlichen Stellen (wie Du es unterstellst) der Tod des Fötus egal ist. Macht sich dann die Kirche nicht in viel unmittelbarer Weise mitschuldig, wenn sie sich auf eine rein passive, defensive Rolle (im Rahmen der Beratung) beschränkt und nicht in viel massiverer Weise versucht, das „Morden“ zu verhindern?

Gruß
Michael

Hallo Michael

Ich unterstelle mal, daß Du nicht nur die
Anführungszeichen um „Mord“ vergessen
hast, sondern die Tötung eines Fötus für
prinzipiell ebenso verwerflich hältst,
wie die Tötung einer erwachsenen Person.

Ja, das tue ich, wobei bei einem Fötus auch immer die Personen der Eltern mit im Spiel ist, die Situation also per se immer komplizierter ist als bei anderen Tötungsdelikten.

Müßte man aber dann nicht überlegen, ob
es vielleicht effektivere Maßnahmen zur
Verhinderung solcher „Morde“ gibt, als
die Beratung von Schwangeren?

Ja, überlegen müsste man, aber einer schlauen Idee bin ich bislang noch nicht begegnet. Die „Lösung“, Abtreibung ganz einfach zu verbieten ist keine Lösung, da die negativen Folgen einer solchen Kriminalisierung am Ende mehr Schaden anrichtet, als sie Leben rettet. Der Weg des Bundesverfassungsgerichtes, Abtreibung als Tötung anzusehen, die nur in bestimmten Fällen straffrei bleibt, ist für mich traurigerweise die weiseste Möglichkeit, auch wenn sie nicht zufrieden stellt.

Also macht sich
die Kirche dadurch mehr schuldig, da am
Ende mehr Kinder sterben werden.

Das halte ich für eine bemerkenswert
starke Aussage. Das
„Sich-schuldig-machen“ ist in diesem Fall
doch ein sehr indirektes:

Ja, es ist indirekt, aber es ist trotzdem ein „Sich-Schuldig-Machen“. Es ist eine „No-win“ Situation für die Kirche, in der es keinen Ausweg gibt, in dem man sich NICHT schuldig machen kann. Ich sehe das ähnlich wie bei Bonhöfer, der die Wahl hatte, sich entweder durch Schweigen zum Naziregime schuldig zu machen oder dadurch, daß er sich aktiv dagegen wandte. Es gibt eben keinen gerechten Krieg, wohl aber einen notwendigen.

Macht sich dann die Kirche nicht in viel
unmittelbarer Weise mitschuldig, wenn sie
sich auf eine rein passive, defensive
Rolle (im Rahmen der Beratung) beschränkt
und nicht in viel massiverer Weise
versucht, das „Morden“ zu verhindern?

Nun, so ganz passiv ist die Rolle nicht. Alle Kirchen haben sich immer gegen Abtreibung ausgesprochen (die evangelische Kirche leider meist recht leise). Aber letztlich ist unsere Gesellschaft eine zutiefst Nicht-christliche und die Kirchen nicht die einzigen gesellschaftlichen Kräfte.

Was also sollte man „massiveres“ tun. Etwa Ärzte umlegen wie das einige Abtreibungsgegner in den USA tun? Nun, da kann ich nur sagen, Mord mit Mord zu bekämpfen ist so ziemlich das unchristlichste, was man sich denken kann.

Nein, die einzige Lösung ist die harte Arbeit am Einzelnen, also präsent sein mit Hilfe und Beratung und so viel wie möglich zu versuchen, Leben zu retten. Die Kirche könnte also z.B. noch mehr Geld und Engagement in solche Arbeit stecken, aber was besseres fällt mir wirklich nicht ein.

Viele Grüße
Thomas

Hallo Thomas,

da ich das Thema ausgesprochen wichtig finde, mache ich jetzt einfach mal weiter. Wenn es Dir zu öde wird, fühl’ Dich bitte nicht verpflichtet, zu antworten. Außerdem habe ich noch nicht ganz die Hoffnung aufgegeben, daß vielleicht noch jemand anderes hier seine Meinung äußert.

[Zum Aspekt Abtreibung = Mord:]
Wo der Tatbestand Mord vorliegt, muß es auch Mörder geben. Das sind, nehme ich jetzt mal an, die Mütter, die die Abtreibung an sich vornehmen lassen, und die Ärzte, die diese Abtreibung durchführen. Außerdem gibt es noch Personen, die sich einer unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen bzw. den Mord billigend in Kauf nehmen.

[zum Aspekt Mittäterschaft durch Passivität:]
Wenn Du Abtreibung als Mord betrachtest, der staatlich toleriert (vielleicht sogar organisiert?) ist, dann kann doch „sich gegen Abtreibung aussprechen“ nicht das letzte Mittel sein! Angenommen, es würde von staatlichen Stellen toleriert, daß, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, Bartträger, Steuerberater oder Hobbyangler ermordet werden. Würden sich die Kirchen dann auch nur „dagegen aussprechen“? Und sollte man nicht annehmen, daß die Kirchen, zumindest in den sogenannten alten Bundesländern, einen starken gesellschaftlichen Rückhalt haben?

[zum Thema Mord an Abtreibungsärzten:]
Zwischen dem „sich gegen Abtreibung aussprechen“ und dem Mord an Abtreibungsärzten sollte es doch wohl noch die eine oder andere Eskalationsstufe geben, oder? Großdemonstrationen, ziviler Ungehorsam, Unterschriften- und Eingabekampagnen, und vieles, vieles mehr.

Übrigens, Du hast sicher schon aus meinen Postings herausgelesen, daß ich die Einschätzung „Abtreibung = Mord“ zwar respektiere, aber nicht teile. Was mich momentan besonders beschäftigt, ist die Frage, wie man mit dieser Sichtweise damit zurecht kommt, in einem Staat zu leben, in dem Abtreibung (unter bestimmten Bedingungen) legal ist. Das ist ja nicht ganz der Situation unähnlich, in der sich Menschen befanden, die im NS-Staat lebten und den Mord an Juden, Sinti & Roma, Homosexuellen, und, und, und… miterleben mußten.

Gruß
Michael

Hallo zusammen!

Es bleibt ja zum Glück nicht „nur“ bei der Veratung: Schon mal was vom Hilfsplan für Schwangere gehört? Darin sichert die Katholische Kirche den betroffenen Müttern materielle und finanzielle (und natürlich auch personelle) Unterstützung für die Zeit nach der Geburt zu - sogar rechtlich einklagbar.
Und im Grunde genommen schlägt man nun den Flaschen: Eigentlich müssten wir nämlich nicht über die FORM der Abtreibung/Beratung dikutieren, sondern über die Abtreibung selber, d.h. über den WERT des Lebens an sich. Und bitte beachten: Die Beratung selber word von keinem in Frage gestellt (auch nicht vom Papst), wohl aber die tatscahe, dass man mit dem Schein eine Abtreibung durchführen kann. Wer also jetzt gegen die Kirche schießt, die im Grunde genommen noch die einzige Institution ist, die sich massiv mit dieser Problematik beschäftigt, der verlagert das Problem ganz gewaltig!

Grüße!

G.W.

Hallo Michael

In vielen Punkten kann ich Dir zustimmen. Aber die Dinge liegen halt nicht immer so einfach.

Abtreibung = Mord:
Die Abtreibungsbefürworter haben viel Mühe darin verwendet, ein sich entwickelndes Baby als „nicht menschlich“ und daher tötbar zu klassifizieren. Für mich ist die Frage ganz prinzipiell, wie definiere ich einen Menschen? Ich kenne nur eine Definition, die nicht auch dafür angewendet werden könnte, Behinderten oder Kindern, oder abhängige Ehefrauen die Menschlichkeit abzusprechen:
In dem Augenblick, in dem der Chromosomensatz vollständig ist, ist der Mensch da. Äußere Unfähigkeiten zu essen, atmen, selbstständig zu leben oder von bestimmten Personen abhängig zu sein, tun der Menschlichkeit keinen Abbruch. Das bedeutet aber, daß der Fötus ein Mensch ist und seine Tötung Mord.

Wo Mord geschieht ist ein Mörder:
Diese so logisch klingende Aussage ist gar nicht so einfach. Abtreibung ist die typische Situation, in der die Täter auch gleichzeitig Opfer sind. Was ist denn mit Krieg, in dem ein Soldaten einen anderen umlegt? Oder mit dem Menschen in den USA, der das Todesurteil vollstreckt? Wo steckt denn hier der Mörder? Vielleicht stört Dich das Wort und Du würdest „Mord“ nur bei widergesetzlicher Tötung aus niederen Motiven verwenden wollen. Aber dann war Auschwitz oder der Schießbefehl an der Mauer auch kein „Mord“.

Aktionen gegen Abtreibung:
Du hast ja recht, es gibt viele Möglichkeiten, gegen Abtreibung vorzugehen. Aber die von Dir genannten Vorschläge beruhen alle auf der Annahme, es würde sich eine ausreichend große Mehrheit gegen Abtreibung finden. Ich bezweifle, daß das der Fall sein wird und sehe Desinteresse und Eigennutz als Hauptursache:

  • Die Vorstellung, daß ein kleiner, sich entwickelnder Zellhaufen gar kein Mensch ist, wurde in den Siebzigern erfolgreich propagiert und zur Beruhigung in das Volksgewissen aufgenommen. Neuere Forschungsergebnisse, die die Menschlichkeit selbst früher Föten nahelegen, werden nicht zur Kenntnis genommen.

  • In unserer Gesellschaft zählt Wohlstand und Reichtum über alles. Es macht mich krank, wenn ich nur daran denke, wie leichtfertig und simpel gerade Väter den Entschluß fassen, daß ihnen ein Kind jetzt gerade nicht in den Kram passt und „es weg muß“. Die Vorstellung, dauerhaft Abschied nehmen zu müssen, von seinen persönlichen Vorstellungen von Reichtum, Erfolg oder Selbstverwirklichung, weil hier eine Verantwortung kommt, der man sich nicht entziehen kann, ist in unserer Gesellschaft zu einer zwanghaften Gespenst geworden, die die brutalsten Wege rechtfertigt. Und weil so viele davon profitieren, wird es keinen großen Widerstand gegen Abtreibung geben.

So weit
Thomas

darf ne Frau auch mal was dazu sagen ?
Hallo ihr beiden,

Ich unterstelle mal, daß Du nicht nur die
Anführungszeichen um „Mord“ vergessen
hast, sondern die Tötung eines Fötus für
prinzipiell ebenso verwerflich hältst,
wie die Tötung einer erwachsenen Person.

Ja, das tue ich, wobei bei einem Fötus
auch immer die Personen der Eltern mit im
Spiel ist, die Situation also per se
immer komplizierter ist als bei anderen
Tötungsdelikten.

Soso, ein Tötungsdelikt also. Wenn du wirklich dieser Meinung bist, dann musst du aber auch den nächsten Schritt machen, und für dieses Delikt eine Strafe vorsehen. Alles andere ist inkonsequent und daher Gelaber, wie so vieles bei den Kirchen. Warum tun sich die Kirchen eigentlich so schwer damit zu sagen: wer eine Abtreibung durchführt, durchführen läßt oder befürwortet wird aus unserer Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen, weil es sich mit unserem Glauben nicht vereinbaren läßt ? Weil dann den Kirchen noch mehr Kirchensteuer durch die Lappen geht ?

Müßte man aber dann nicht überlegen, ob
es vielleicht effektivere Maßnahmen zur
Verhinderung solcher „Morde“ gibt, als
die Beratung von Schwangeren?

Ja, überlegen müsste man, aber einer
schlauen Idee bin ich bislang noch nicht
begegnet. Die „Lösung“, Abtreibung ganz
einfach zu verbieten ist keine Lösung, da
die negativen Folgen einer solchen
Kriminalisierung am Ende mehr Schaden
anrichtet, als sie Leben rettet. Der Weg
des Bundesverfassungsgerichtes,
Abtreibung als Tötung anzusehen, die nur
in bestimmten Fällen straffrei bleibt,
ist für mich traurigerweise die weiseste
Möglichkeit, auch wenn sie nicht
zufrieden stellt.

Da hat du aber wahrlich kaum mal richtig nachgedacht. Es gibt schließlich nur einen einzigen Grund für eine Abtreibung: Die betreffende Person wünscht sich kein Kind.

Und dafür gibt es wiederum zwei Hauptursachen. Erstens: die Verhütung hat nicht richtig geklappt oder gar nicht erst stattgefunden. Zweitens: die betreffende Person weiss nicht, was sie mit einem Kind anfangen oder wie sie es durchbringen soll.

Zu erstens: In den ganzen Jahren, in denen ich der katholischen Kirche angehörig war, hab ich nicht einmal jemanden von Verhütung reden hören, es sei denn, dass laut Papst nur Tage zählen erlaubt ist, wohl die ineffizienteste Methode. Wenn in deiner Gemeinde also ungewollte Schwangerschaften vorkommen sollten, dann gibt es eine ganz einfache Methode, diese Zahl zu reduzieren. Klär alle und ständig über Verhütungsmethoden auf (auch ein Mann muss nicht ungewollt eine Frau schwängern, wenn er es nicht will). Gib kostenlos Verhütungsmittel (Pille, Spirale, Kondome etc.) an Gemeindemitglieder aus. Dadurch kannst du tatsächlich bewirken, dass Grund eins für ungewollte Schwangerschaften in deiner Gemeinde in die Bedeutungslosigkeit verschwindet.

Zu Punkt 2.
Ist die Frau schwanger, labern alle gerne auf sie ein, sie soll das Kind doch bekommen. Ist es aber erst einmal da, interessiert sich kaum mehr einer dafür, wie die Frau damit klarkommt. Jede Frau weiss, dass sie im Grunde genommen im Stich gelassen wird (ausser vielleicht vom Sozialamt) wenn das Kind erstmal da ist. Und wir reden hier schliesslich über eine Verpflichtung, die leicht mal 18-20 Jahre dauern kann, in denen die Frau ihr Leben auf einen anderen Menschen ausrichten muss.

Gegenmaßname: Gib den Frauen in deiner Gemeine das Gefühl, daß du dich auch für ihre Belange interessierst, wenn die Kinder da sind, und nicht nur, wenn sie schwanger ist. Sorge für eine Gemeindeeinrichtung, in der Kinder (auch Kleinstkinder) ganztags betreut werden können, sorge für eine Betreuung der Kinder im Krankheitsfall, richtet einen kostenlosen Babysitternotdienst ein, führt regelmäßig Flohmärkte für Kindersachen durch, richtet eine Abgabestelle für Kindersachen ein, wo sich bei Bedarf jemand was kostenlos holen kann. Biete eine Betreuung der Kinder in Ferienzeiten etc.

Du siehst mein Lieber, du kannst eine Menge tun, um den Frauen die Entscheidung für ein Kind zu erleichtern, bzw. eine ungewollte Schwangerschaft gar nicht erst geschehen zu lassen.

ABER: so wie ich das hier sehe, wird viel lieber über „Beginn des menschlichen Lebens“ , „sich schuldig machen“ und ähnliche philosphische Fragestellungen gelabert, als wirklich praktische Hilfe zu gewähren. Labern ist ja auch viel einfacher, man kann als guter Mensch dastehen, weil man Abtreibung ja ablehnt, aber andereseits hat man mit dieser Einstellung auch keine Arbeit. Sehr schwach in meinen Augen. Jemand der nicht bereit ist, auf Grund seiner Einstellung auch die entsprechende parktische Hilfestellung zu gewähren, sollte vielleicht mal überlegen, ob er diese Einstellung wirklich ernst meint, oder ob sie ihm einfach nur gut in den Ohren klingt.

Gruss
Marion, die Thomas erst mit seiner Meinung ernstnehmen wird, wenn er freiwillig und kostenlos einmal die Woche bei einer alleinstehenden Mutter babysittet und in seiner Gemeinde Flugblätter über Empfängnisverhütung verteilt.

ABER: so wie ich das hier sehe, wird viel
lieber über „Beginn des menschlichen
Lebens“ , „sich schuldig machen“ und
ähnliche philosphische Fragestellungen
gelabert, als wirklich praktische Hilfe
zu gewähren. Labern ist ja auch viel
einfacher, man kann als guter Mensch
dastehen, weil man Abtreibung ja ablehnt,
aber andereseits hat man mit dieser
Einstellung auch keine Arbeit. Sehr
schwach in meinen Augen.

Warum sollte man das nicht auf beiden Ebenen diskutieren? Davon mal ganz abgesehen, daß ich „labern“ (den Begrif) in diesem Zusammenhang etwas unpassend finde: es spricht doch nichts dagegen, sich für praktische Hilfe zu engagieren UND sich bestimmten ethischen Grundfragen zu widmen.

Gruß
Michael

Hallo Michael

Warum sollte man das nicht auf beiden
Ebenen diskutieren? Davon mal ganz
abgesehen, daß ich „labern“ (den Begrif)
in diesem Zusammenhang etwas unpassend
finde: es spricht doch nichts dagegen,
sich für praktische Hilfe zu engagieren
UND sich bestimmten ethischen Grundfragen
zu widmen.

Dagegen spricht überhaupt nichts. Nur daß ich extrem selten erlebe, daß einer dieser Laberköppe (und ich bleibe bei dem Begriff, denn mehr ist es nicht, ausser dem Versuch sich in anderer Menschen Leben einzumischen) auch mal bereit ist, praktische Hilfe zu leisten.

Im Prinzip ist es nichts anderes als Rumgemecker an anderen Leuten. Für sich selbst kann man das ja entscheiden wie man will. Aber andere Leute auf Grund eigener „ethischer“ Werte dazu zwinge zu wollen, bestimmte Dinge zu tun oder nicht zu tun, ohne bei diesem Tun behilflich zu sein, halte ich nach wie vor für völlig überflüssig.

Gruss
Marion

darf ein Mann auch eine Meinung haben?

Marion, die Thomas erst mit seiner
Meinung ernstnehmen wird, wenn er
freiwillig und kostenlos einmal die Woche
bei einer alleinstehenden Mutter
babysittet und in seiner Gemeinde
Flugblätter über Empfängnisverhütung
verteilt.

Heyyy, nun fühle ich mich aber grundlos in eine Schublade gesteckt. Also ein paar Klarstellungen:

  • Ich bin weder katholisch, noch in einer katholischen Gemeinde aktiv.

  • Ich bin ein überzeugter Anhänger der Familienplanung und der Empfängnisverhütung. Ich finde, daß in Deutschland niemand erwachsen werden sollte, ohne gründlich über alle Methoden aufgeklärt zu werden. ABER - das löst das Problem nicht. Aus Unwillen oder Nachlässigkeit werden immer noch zehntausende von Menschen jedes Jahr gezeugt, um danach als „Ich will Dich nicht“ abgetrieben zu werden.

  • Ich denke, ich habe klar zum Ausdruck gebracht, daß Kinder (auch) eine Belastung sind und daß mir klar ist, daß man (frau) eventuell auf die Erfüllung persönlicher Selbstverwirklichung verzichten muß. Ich glaube, ich habe auch klar gemacht, daß ich deswegen sage, daß einfaches Verbieten für mich keine Lösung ist.
    ABER
    Sind 15-20 Jahre wirtschaftlichen Nachteils ein Grund für eine Tötung? Wie ist das denn mit dem Mann, der nach mehreren gescheiterten Ehen vor dem wirtschaftlichen Ruin steht? Oder mit der Familie, die ein behindertes Kind hat und trotz aller Hilfen draufzahlen muß? Wenn es wirklich so unmöglich ist, das Kind aufzuziehen, warum muß man es denn umbringen und kann es nicht zur Adoption freigeben (es gibt Tausende von Ehepaaren, die vergeblich ein Kind zu adoptieren wünschen)?

Deine Vorschläge zur Verbesserung der Möglichkeiten, ein Kind aufzuziehen finden bei mir alle Zustimmung. Sie haben nur ein Problem, sie kosten GELD. Und was ist wichtiger in unserer Gesellschaft, Geld oder das Leben von Kindern?

Ich denke, ich habe nirgendwo gesagt, daß ich Frauen verdamme, die abtreiben lassen, das ist nicht meine Aufgabe, das kann nur Gott. Wenn in meinem Umkreis ein solcher Fall auftauchen würde (ist bislang nicht), dann wäre ich auch bereit zu helfen - in beiden Richtungen. Aber nichtsdestotrotz bleibt meine Grundeinstellung bestehen.

Thomas

der glaubt, daß Pendragon nicht verstehen kann, daß man ein Unrecht Unrecht nennen kann und gleichzeitig akzeptieren, daß es nun mal ein Teil unserer Wirklichkeit ist.

Hallo Thomas,

Sind 15-20 Jahre wirtschaftlichen
Nachteils ein Grund für eine Tötung? Wie
ist das denn mit dem Mann, der nach
mehreren gescheiterten Ehen vor dem
wirtschaftlichen Ruin steht? Oder mit der
Familie, die ein behindertes Kind hat und
trotz aller Hilfen draufzahlen muß? Wenn
es wirklich so unmöglich ist, das Kind
aufzuziehen, warum muß man es denn
umbringen und kann es nicht zur Adoption
freigeben (es gibt Tausende von
Ehepaaren, die vergeblich ein Kind zu
adoptieren wünschen)?

  1. Toetung ist ein hartes Wort und ich denke nicht, dass Du Dir das in alle Verzweigungen hinein ueberlegt hast. Toetung klingt so, als ob hier ein fertiger Mensch, der im Bauch der Mutter nur 9 Monate darauf wartet, herauszukommen, aktiv umgebracht wuerde.

In Wirklichkeit aber ist der Embryo in den ersten 3 Schwangerschaftsmonaten nicht faehig, ausserhalb des Mutterleibes zu ueberleben und auch nicht faehig, sich selbstaendig weiter zu entwickeln. Was Du „Toetung“ nennst ist also eher ein Versagen der dazu notwendigen Unterstuetzung. Eine Frau koennte einen Embryo z.B. voellig unverletzt durch eine kuenstlich eingeleitete Geburt abstossen: er wuerde dann nicht im engen Sinne am Eingriff der Abtreibung sterben, sondern, weil er ohne die Mutter nicht ueberlebensfaehig ist.

Das scheint mir vergleichbarer z.B. mit dem (konstruierten) Fall, dass ein Leukaemiekranker dringend eine Knochenmarkspende zum Ueberleben braucht und ich die einzige Person bin, die es leisten koennte. Wenn ich dazu „nein“ sage und die Person stirbt, waere das Toetung? Das scheint mir absurd, es waere maximal unterlassene Hilfeleistung (die moralisch natuerlich fragwuerdig ist, ganz klar).

Weiter: Auch zur Hilfeleistung sind wir gesellschaftlich verpflichtet (unterlassene Hilfeleistung ist ein Straftatbestand), aber (ganz grosses aber): Die Hilfeleistung muss zumutbar sein. Wenn ich durch meine Knochenmarkspende beispielsweise 15-20 Jahre lang weitgehend ans Haus gefesselt wuerde, meine Ausbildung abbrechen, meinen Beruf aufgeben muesste, zum Sozialfall werden sollte - waere das in diesem Fall noch als zumutbar anzusehen? Ganz bestimmt nicht. (Soweit ich weiss, ist nicht mal die Spende an sich verpflichtend - obwohl sie keine grosse Sache ist.)

Also zusammenfassend: Abtreibung als Toetung aufzufassen ist mehr als fragwuerdig. Die Weigerung, 15-20 Jahre lang die eigene Entwicklung hintenanzustellen waere bei vergleichbaren Faellen von Hilfeleistung durchaus akzeptiert.

Dann die Moeglichkeit der Adoption: das koennte in einigen Faellen ein Ausweg sein, vorausgesetzt die Schwangerschaft an sich stuerzt die Frau nicht schon in unueberwindbare Probleme (kirchliche Traeger beispielsweise kuendigen ledigen Frauen bei Schwangerschaft den Arbeitsplatz: muss eine Frau sich das bieten lassen, um ein Leben zu retten? Angenommen, ich rette einen Verletzten, versaeume dadurch eine wichtige Arbeit, und bekomme dadurch von meinem Arbeitgeber die Kuendigung: hier wuerde das Gesetz mich schuetzen!)

Aber noch wesentlicher sind die Zahlen: Du schreibst zwar, es gaebe einige 1000 Ehepaare, die ein Kind adoptieren wollten, aber ich sage Dir: Es gibt pro Jahr alleine in Deutschland ca. 100 000 Abtreibungen, siehe z.B.
http://www.welt.de/archiv/1996/07/29/0729de1.htm
Wer sollte diese Kinder denn alle versorgen, wenn sie gegen den Willen der Muetter auf die Welt kaemen? Deshalb, im grossen gesellschaftlichen Rahmen ist Adoption keine Loesung.

Also: Ich stimme Pentragon vollstaendig zu. Die Folgeprobleme, die der Frau aufgebuerdet werden, stehen in keinem Verhaeltnis zu dem, was ueblicherweise - auch in lebenswichtigen Hilfeleistungen - als zumutbar gilt. Kirche, Gesellschaft, Staat, alle Aussenstehenden formulieren zwar gerne Maximalforderungen, leisten aber nichts, um die Folgeprobleme zu erleichtern. Da kann ich nur sagen: Unter diesen Umstaenden nicht! Leben retten ist gut und schoen, aber wenn ich es bin, die hinterher die Nachteile traegt, dann bin ich auch diejenige, die entscheidet, ob das zumutbar ist.

Mit vielen Gruessen, Stefanie