Hi Susanne,
Guten Abend Sprite,
ich versuche, so gut wie möglich zu antworten.
Ich bin so verwundbar, weil ich so wie ich bin als störend
empfunden werde. Es tut mir weh, wenn man mich anschreit, mich
wegschickt, mich ignoriert, mir sagt, dass ich viel zu
empfindlich bin und alles verdreht darstelle und prinzipiell
keine Kritik zu äußern habe, weil es schließlich an mir liegt,
wenn ich nichts als Stress verbreite.
Na ja, daß Du so empfindlich bist, liegt am Charakter eines Menschen und den kann man ja nicht ändern. Ich finde, daß sich die Leute halt auch darauf einstellen sollten und Dich nicht gleich anschreien, wenn was ist, weil sie ja eigentlich wissen, daß Du empfindlich bist. Es heißt ja nicht umsonst: Der Ton macht die Musik.
Wieso verbreitest Du nur Stress? Du hast doch bestimmt auch nette Seiten. Es gibt aber auch Leute, die empfindliche Personen ganz gerne niedermachen. Ich kenne sowas auch. Da nimmt man Rücksicht und wird dafür ganz übel beschimpft.
Es tut mir weh, dass ich mich von vorneherein zu fügen habe
oder sonst gleich verschwinden kann, auf alle Fälle soll ich
die Klappe halten, damit Ruhe ist.
Das finde ich furchtbar. Jeder darf seine Meinung sagen auch Du.
Es ist beides. Ich darf mich nicht äußern, es wäre Anmaßung
oder Undank und wenn ich mir sicher bin, dass der andere sich
irrt und mich und meine Schwächen kennen und respektieren
sollte, ich also etwas sagen muss, dann tue ich es lange Zeit
nicht und wenn doch, geht alles schief und der alte Vorwurf
ist wieder hergestellt: wie kannst du nur so etwas sagen.
Ich hab gelegentlich versucht, das Thema ganz vorsichtig
anzuschneiden, hab erwähnt, dass ich sehr unsicher bin und
mich für die schönen Momente bedanken will, die mir sehr viel
bedeuten und dass es mir noch sehr viel mehr bedeuten würde,
wenn ich jemanden hätte, mit dem ich gemeinsam meine
Unsicherheiten bereden kann. Dannn bedankt man sich für das
Kompliment und erklärt mir, dass ich meine Probleme selbst
lösen muss.
Na gut, Probleme muß man selber lösen. Aber wenn die anderen auf Deinen Gefühlen herumtanzen, sind die das Problem.
Kann es sein, daß Du ein sehr direkter Mensch bist, der keinen Blatt vor dem Mund nimmt, wenn ihm etwas gegen den Strich geht? Und immer das sagt, was er sich denkt? So bin ich nämlich, und das nehmen einem die Mitmenschen meistens krumm.
Das empfinde ich anders. Ich kann deine Aussage aber in sofern
nachvollziehen, dass Menschen Aggresoren sind und im
gegenseitigen Wechsel ihrer Gemeinheiten einen anderen
Menschen als Abriebfläche brauchen, von daher sind Menschen
voneinander abhängig und entsprechend auch nicht überflüssig,
zumindest erfüllen sie einen Moment lang eine Funktion.
Das stimmt. Menschen sind in irgendeiner Weise gemein. Und manche Menschen sind sogar so gemein, daß sie sensible Menschen, so wie Du einer bist, niedermachen. Da muß man sich dann ein dickes Fell wachsen lassen. Meines ist auch schon gewachsen.
Ja, Eltern, Geschwister, Kollegen, Lebenspartner, Freunde. Es
stört sie, dass ich ihnen die Zeit für andere Dinge nehme oder
ihnen Freiheiten durch meine Anwesenheit unmöglich mache, oder
ich allgemein als zu niedrig in meiner Funktion einzustufen
bin, als dass man einen Nutzen davon hätte, sich mit mir zu
befassen.
Vielleicht bist Du ja hochbegabt und sie können mit Dir nichts anfangen. Das ist auch so, wenn Du den Leuten mit Deiner Intelligenz überlegen bist. Oder etwas arbeitest oder in Deiner Freizeit etwas machst, was die anderen nicht interessiert, dann reagieren die Mitmenschen mit Ablehnung und Unverständnis.
Ich empfinde die Funktionalisierung von Menschen als sehr
belastend, es nimmt mir die Luft zum Atmen, die spontane
Freude an allem. Menschen reagieren willenlos, weil sie
eigentlich etwas anderes wollten. Dieses Umfeld bekommt mir
nicht, in diesem Punkt bin ich mir sicher. Und dennoch ist
Weglaufen oder Dichtmachen nicht die Lösung? Auch keine
kritische Haltung, die mich wieder isoliert?
Eine kritische Haltung gegenüber allem, ist nicht schlecht. Gehe einfach mal auf Distanz. Fragen die anderen nach, kannst Du ja sagen, daß Du ja auch mal Zeit für Dich brauchst. Beobachte die Leute aus dem Hintergrund, wie die miteinander umgehen. Meistens ist es so, daß es den anderen nicht viel anders ergeht wie Dir. Bei Kollegen ist es ja einfach, sie zu beobachten. Du wirst merken, daß sie nicht viel anders sind wie Du. Daß ganz schnell die ach so gute Freundin bei Kollegin A keinen guten Stand mehr hat, weil sie jetzt eher zu Kollegin B will.
Die direkte Konfrontation mit meinem Gegenüber ist nicht das
wovor ich Angst habe, sondern die Konsequenz, die der andere
zieht. Es belastet mich, dass ich als Konkurrenz im
persönlichen Überlebenskampf empfunden werde, als Belastung,
die andere davon abhält, schön geschmeidig durch’s Leben zu
gleiten. Mir wird Stärke vorgeworfen und, dass ich mir einen
gemeinen Vorteil zu verschaffen suche, wenn ich mich als
schwach darstelle.
Du darfst Dich nie als schwach darstellen. Sonst wirst du von den Leuten verkannt.
Das sehe ich auch so. Ich wünschte bloß, dass ich nicht als
vorwurfsvoll verstanden würde, wenn ich etwas sage. Es ist
nicht schön als Nestbeschmutzer oder als undankbar hingestellt
zu werden, als vereinnahmend eifersüchtig und paranoid. Ich
kann so sanft sagen wie ich will, was mich verunsichert, die
Reaktion ist immer Liebesentzug, Ignoranz oder Anschreien.
Ich glaube, daß das, was Du schreibst, Deine Eltern tun und Dein Lebenspartner. Da gehe mal besser auf Distanz. Auf Dauer geht das nämlich nach hinten los.
Wenn ich mein Schweigen breche, wird Tacheles mit mir geredet,
dann waren die netten Aufmerksamkeiten nur kleine Gesten aus
Mitleid und ich soll mir bloß nichts darauf einbilden, weil
der andere mich übervorteilt sieht, wenn ich durch ihn
Selbstvertrauen finde. Ich glaube, dass ich von Menschen
umgeben bin, die genauso misstrauisch sind, wie ich mich daher
bekämpfen.
Jeder Mensch ist mißtrauisch. Der andere mehr und der andere weniger. Aber nur weil man mit Dir Tacheles redet, heißt das nicht, daß Dich keiner mehr lieb hat. Es kommt einem nur manchmal so vor.
Wie kann ich die drohende Katastrophe vermeiden, dass ich
wieder bestraft werde für meinen Undank, die indirekten
Vorwürfe, die ich mir gefälligst selbst zu machen habe, weil
ich nicht mit mir klar komme.
Warum kommst Du nicht mit Dir klar?
Woran kann ich im Vorfeld erkennen, ob jemand mich belügt und
mir bald weh tun will, weil er es mit mir und meinem
Misstrauen nicht aushält.
Indem Du Dich auf Deine Menschenkenntnisse verläßt. Wenn Du ein Problem ansprichst und Dein gegenüber hört Dir aufmerksam zu. Wenn Du ein scheinbar großes Geheimnis ihm anvertraust und er es nicht weitererzählt. Das Geheimnis ist natürlich nur ausgedacht. Du mußt ja den anderen erst testen.
Wie kann ich so viel Vertrauen gewinnen, dass ich von anderen
unabhängig bin, wenn schon dieser Wunsch nach Unabhängigkeit
genau bezeichnet, dass ich mich diesem ewigen Konflikt mit
anderen nicht länger stellen will und mich wieder verschanze,
dort wo keiner hinkommt und mir keiner weh tun kann außer mir
selbst.
Wenn Du Leute triffst und es werden Deine Freunde, dann sage Ihnen, daß Du empfindlich bist.
Danke Susanne
Bitteschön
LG
Sprite
Mit freundlichen Grüßen
Susanne