Schweizer Soldaten im 1. Weltkrieg

Hallo Militärinteressierte

Ich beschäftige mich seit ca. 1 1/2 Jahren näher mit dem 1. Weltkrieg. Bisher habe ich mich vor allem mit der Westfront beschäftigt. Nun würde mich als Schweizerin aber besonders interessieren, was die Schweizer Armee damals machte:

  1. Waren die Schweizer Soldaten während der ganzen Dauer des Krieges im Aktivdienst?
  2. Wo waren sie im Einsatz? Nur an den Grenzen oder auch im Landesinneren (Gebirge)?
  3. Wie sah der Tagesablauf ungefähr aus, wie war das Leben im Aktivdienst im 1. Weltkrieg?
  4. Weiss zufällig jemand, wo das Battaillon 48 (Soldaten aus dem Kanton Zug) im Einsatz war?

Ich freue mich auf möglichst präzise Antworten und danke im voraus.

Corinne Iten

Einige Angaben
Hallo Corinne

  1. Generalmobilmachung war am 1.8.1914, sie dauerte bis 1918; auch 1919 war nochmals eine grössere Anzahl Soldaten im Ernstfalleinsatz (Ordnungsdienst) im Inland.

  2. Zunächst waren sie im Jura und an der Westgrenze im Einsatz, dann auch in der Südschweiz einschliesslich Südbünden (also durchaus im Gebirge), aber schwerpunktmässig immer nur an der Grenze.

  3. Durchschnittlich wurden 500 Tage Dienst geleistet, also keine allzu grosse Zahl, dafür unter harten Bedingungen. Von Dingen wie Erwerbsausfallentschädigung (heute Allgemeinfall neben dem Sold) konnte man nur träumen. Die Versorgungslage war fatal, die Lebensmittel waren knapp, allerdings nicht nur auf dem Feld, sondern insbesondere für die Familien zu Hause. Das wurde während des Krieges immer schlimmer.
    Der Dienstbetrieb war durch den Drill gekennzeichnet, die Führer befleissigten sich einer gewissen Rohheit, um die Verbissenheit für den Kampf zu wecken. Neben der Kampfschulung betrieb man Strassenbau, Telefonleitungsbau, Feldarbeiten und Katastrophenhilfe zu Gunsten der Zivilbevölkerung. Die Kasernen waren zum Teil sehr schlicht. So hat man erzählt, es habe für 200 Mann oft nur einen Abort (ohne Spülung) und keine Dusche gegeben; nach dem Aufstehen zwischen 04.00 und 05.30 Uhr („in 30 Sekunden steht jeder vor dem Nest!“) in der engen Baracke zu 50 Mann habe man sich an den nahen Fluss (bspw. Ticino mit 10°C) begeben und dort gewaschen. Danach folgte ein frugales Frühstück, dann Ausrücken mit Zugs- oder Kompanieschule, Waffendrill, weitere Arbeiten je nach Truppengattung. Kennzeichnend für die damalige Zeit waren auch die endlosen Märsche und Eilmärsche (oft 50-100 km/Tag) mit Vollpackung, da es erst wenige Lastwagen gab. Die medizinische Versorgung liess zu wünschen übrig; Todesursache der meisten Verstorbenen war am Ende des Krieges die aus den USA eingeschleppte Grippeepidemie um 1918 (welche auch viele Zivilisten tötete und die grösste ihrer Art bis heute gewesen ist).
    Allerdings konnte eine gewisse Soldatenkultur entstehen, das Liedgut blühte auf, Soldatenstuben wurden gegründet und Soldatenbücher geschrieben.

  4. Die Zuger waren wahrscheinlich an der Westgrenze. Genau weiss ich es im Augenblick leider nicht. Guckst Du im Staatsarchiv, ob sie das Buch von
    Fuhrer, Hans Rudolf, „Die Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg: Bedrohung, Landesverteidigung und Landesbefestigung“, erschienen in Zürich 1999
    haben, oder allenfalls
    Sprecher von Bernegg, Theophil, Bericht des Chefs des Generalstabs der Armee an den General über die Mobilmachung und den Verlauf des Aktivdienstes, Zürich 1918
    (=Bericht des Generalstabschefs); diese beiden sollten in den Staatsarchiven wohl vorhanden sein.

Gruss
Mike