für´s Leben lernen
Hallo Carina,
bei meiner Tochter hat es 2 Jahre gedauert, bis ihren Platz in der Hackordnung ihrer Klasse gefunden hat.
Selbstverständlich ist die Schule schwerer (altsprachlich) und
die Noten sinken. Bei meiner Tochter sinkt damit auch die
Motivation und das Selbstbewusstsein.
Und das steht im Zusammenhang mit ihren Integrationsproblemen?
Jetzt sind auch einige Mitschüler/innen dabei, die ziemliche
Zicken sind, und es bilden sich „Grüppchen“ die sich hin und
her verschieben.
Und diese Zicken gibt es immer und überall, egal welchen Alters, und sogar im Berufsleben. An der Stelle möchte ich dir raten, nur deine Tochter auf die „Zicken“ schimpfen zu lassen, und du dich mit Wertungen zurückhältst, weil das noch zusätzlich gewichtet. Damit hältst du ihr nicht den Rücken frei gegebenenfalls ihren Eindruck zu relativieren.
Gruppenbildungen ist für eine Klassengemeinschaft wichtig, weil Kinder noch nicht reif genug sind ohne Rückendeckung als Individuum Stehvermögen zu haben (es gibt auch Ausnahmen). Also muss deine Tochter sich die Gruppe suchen, zu der sie am leichtesten Zugang findet.
Hilfreich sind gemeinsame Interessen. Bei meiner Tochter war es Mangas zeichnen „hey, cool, zeig mal, ich sammle…, kennst du die Serie…“. Laß deine Tochter Klassenkameraden einladen, Gründe gibt es immer (Referate vorbereiten, Karteikasten für eine Sprache auf Vordermann bringen, lateinische Vokabeln pauken (kannst du mir ein bisschen in Latein helfen? Danach machen wir es uns mit Limo und Chips gemütlich).
Nun haben wohl die Mädchen, mit denen sie sonst immer zusammen
war, die Fronten gewechselt und nun geht die „Zickerei“ los.
Ausgrenzen, Tuscheln hinter dem Rücken - na eben die üblichen
Spielereien. Herziehen über die Familie.
Kinder sind auch nur Menschen und nicht besser wie wir Erwachsene. Die Situation mit der Ausgrenzerei ist scheußlich und schwer auszuhalten. Das kann ich gut verstehen. Aber sie geht auch wieder vorüber, da muss deine Tochter ein bisschen Geduld zeigen. Wenn sich die Grüppchen neu formieren, dann gibt es auch Rangeleien, und dann wird deine Tochter nicht das einzige Tuschelopfer sein. Nach einer gewissen Zeit hat meine Tochter festgestellt, dass die schlimmsten „Zicken“ lediglich 2 Mädchen sind, und unter den Mitläufern sind welche dabei, die so ganz nett sind. Man muss sich halt erst näher kennenlernen.
Von Lehrers Seite kann ich nicht viel Erwarten. Die Kids sind auf sich alleine
gestellt. Ich erwarte vom Lehrer eigentlich nur ein Gespräch über Miteinander
und Gemeinschaft. Auch in der Klasse.
Möglicherweise ist der Lehrer mit eben solcher Situation überfordert. Das ist wohl nicht sein Ding, Außenseiter zu integrieren und für eine bessere Klassenharmonie zu sorgen. Aber es gibt Maßnahmen für einen besseren Klassenzusammenhalt, von denen (soweit ich das weiß) Lehrer in Fortbildungen erfahren können. Da würde ich an deiner Stelle einmal nachfragen. Ich würde fragen, was bisher dafür getan wurde, was geplant ist, und würde erzählen, was du beobachtet hast, ob sich das so mit den Beobachtungen des Lehrers deckt.
Ich weiß, dass mein Kind auch kein Engel ist und manchmal
recht temperamentvoll sein kann. Worüber ich mir aber sicher
bin ist, dass sie kein „treibender Keil“ ist, sondern eher der
Mitläufer. Leider finde ich bei dem Lehrer kein offenes Ohr
für das Thema. Mein Kind leidet unter der Klassensituation und
ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann. Ich rede viel und
versuche ihr die Prioritäten zu zeigen.
Aber für sie ist die Klassengemeinschaft wichtig. Erschwerend
kommt hinzu, dass ich als Mutter zur Zeit bei ihr nicht so
wichtig bin. Soll ja wohl normal sein. Wir streiten auch
manchmal sehr heftig. Ich versuche aber immer im Gespräch zu
bleiben und ihr zu helfen.
Ich glaube, dass dich die Probleme deiner Tochter zu sehr mitnehmen. Dir scheint es schwer zu schaffen zu machen, dass sie sich momentan auf vielen Bereichen gleichzeitig plagt. Aber es wäre besser, wenn du an ihre eigenen Kräfte glaubst, du weniger deine Ideen miteinbringst, sondern einfach nur Anteil nimmst und sie tröstest - mehr nicht.
Ansonsten würde ich mit ihr ein paar Pläne schmieden:
- wie kann sie in Latein besser werden? gibt es in der Oberstufe, der sie für ein paar Euro für ein paar Stunden auf die Sprünge hilft?
- hat sie außer der Schule noch die Möglichkeit mit anderen Kindern zusammenzukommen? Wenn sie ihre Kontakte verteilt hat (außer Schule im Sportverein, in einer Gruppe, in der Nachbarschaft), dann bekommen Streitereien und Frusterlebnisse nicht mehr das Gewicht. „die Zicke in der Klasse kann mich mal, ich gehe jetzt zum Nachbarkind spielen“
3.auf den Lehrer nicht mit Erwartungshaltungen zugehen, sondern versuchen mit ihm zu kooperieren. Es kann ja sein, dass er bewußt keinen Einfluß nimmt, mit der Überzeugung dass Kinder das unter sich selbst regeln.
4.regelmäßig Klassenkameraden einladen, das ist eine unkomplizierte Imagepflege
Manchmal überlege ich, ob es richtiger wäre die Schule zu
wechseln. Dazu sind die Leistungen aber nicht schlecht genug.
Im Durchschnitt liegt sie bei 3. Nur Latein ist schlechter.
Der Wechsel ist in Berlin auch schwierig, da es wenig
Gymnasien gibt, die schon ab der 5. Klasse einschulen.
nicht schon wieder ein Wechsel. Aus den Erfahrungen sich zu integrieren ziehen Kinder bis ins Erwachsenenalter Nutzen. Manchmal müssen Schwierigkeiten überstanden werden. Da ist es unwichtig wie deine Tochter ist und wie die anderen Kinder sind. Es gilt für sie sich eine Position zu suchen ohne anderen zu schaden. Und das kann sie schaffen, wenn sie sich treu bleibt, den Mut nicht verliert, für sich ihre Rückzugsmöglichkeiten schafft und das zum großen Teil alleine übersteht.
viele Grüße
claren