in meiner Kindheit - nun sind es mittlerweile mehrere Jahrzehnte - kam am 6. Dezember der (Heilige) Nikolaus mit seinem Krampus oder Knecht Ruprecht und dann am 24. das Jesuskind.
Jetzt kommt aber ständig der Weihnachtsmann. Weiß jemand, seit wann das etwa so gibt und wo kommt er her? (vielleicht die USA?)
„die Entstehungsgeschichte des Weihnachtsmanns ist synkretischer Natur“, wie es so schön geschrieben steht. Der Wikipedia-Artikel ist eigentlich ziemlich erschöpfend und differenziert: Weihnachtsmann – Wikipedia
Zumindest in Bayern (als Bundesland, also auch in Franken z. B.) kommt kein Weihnachtsmann, sondern das Christkind. Schließlich ist auch der Nürnberger Christkindlesmarkt weltberühmt.
Das kann natürlich jede Familie anders handhaben/entwickeln, aber so ganz grundsätzlich unterstützen Wichtel wahlweise das Christkind oder den Weihnachtsmann bei der Produktion und/oder Verteilung der Geschenke sowie der ganzen daran hängenden administrativen Aufgaben (einsammeln und prüfen der Wunschzettel z.B.). Daneben (bzw. stattdessen) gibt es natürlich noch die Aufgaben, die Wichtel in dem Haus/bei der Familie erfüllen, in dem/bei der sie wohnen.
Darf ich auf den ersten Artikel hinweisen, in dem ein Link zu einem wirklich umfassenden Wikipedia-Artikel zu finden ist, aus dem u.a. hervorgeht, dass der Weihnachtsmarkt insbesondere im deutschen Sprachraum eben nicht auf Coca Cola zurückgeht, sondern seit dem 18. Jahrhundert bekannt ist und im 19. Jahrhundert - übrigens auch in Süddeutschland - gebräuchlich wurde. Also lange bevor Coca Cola und Disney den lustigen dickbäuchigen Mann auf LKW fahren und durch Schornsteine klettern ließen.
Genau. Wikipedia hin oder her, mir kommt es wie eine US amerikanische Erfindung vor. Bei uns gibt’s Nikolaus und Christkind, genau wie Allerheiligen statt Halloween
Auch das Christkind wurde nur der Sonnenwende übergestülpt. Es ist ursprünglich ein heidnisches Fest und wurde mitnichten von der Christenheit erfunden.
Was in dem Wikipedia-Artikel sehr gut rauskommt, ist, dass der Wehnachtsmann ein typisches p, wenn nicht das typischste Beispiel dafür ist, wie sich Bräuche entwickeln, aus verschiedenen Bräuchen verschmelzen, regional geprägt genauso sind, wie tausende Kilometer wandern können und teilweise rasend schnell adaptiert werden, so als ob se schon immer da waren. Aktuell dazu zwei Beispiele:
Zum Einen das Borkumer Klaasohm, das ja auch im Dunstkreis von Weihnachtsmann-Nikolaus steht mit vielen heidnischen Einflüssen. Hier ein gutes Interview mit einem Ethnologen, der auch auf die Wandlungsfähigkeit solcher Bräuche hinweist und die Tatsache, dass das immer schon so war ….mit der Wandlung.
Das andere Beispiel: Silvesterfeuerwerk. Haben wir immer schon gemach! Seit Jahrhunderten! Steckt in unseren Genen, jawohl. Tut es nicht. Das kam in Deutschland als privates Feuerwerk erst ganz langsam nach dem 2. Weltkrieg auf. Das komplette Freidrehen steht im Zusammenhang mit rechtlichen und technischen Änderungen und ist erst ein pasr Jahre alt.
Ich finde es spannend, wie viele Figuren sich in Mitteleuropa rund um den Dezember gesammelt haben – und wie sehr wir sie alle im Kopf gerne „sortiert“ hätten, obwohl die Realität eher ein kulturhistorischer Mischmasch ist.
Um deine Frage konkret zu beantworten, @Kamuyoshi: Den Weihnachtsmann in der Form, wie er heute überall auftaucht (roter Mantel, freundlich, pausbäckig, mit Rentieren), gibt es tatsächlich erst seit dem 19. Jahrhundert, und die stärkste Prägung findet tatsächlich in den USA statt – allerdings deutlich vor Coca-Cola. Der kommt erst viel später als Verstärker dazu.
Kurz zusammengefasst:
Grundfigur → Nikolaus:
Historisch ist fast alles auf den Heiligen Nikolaus zurückzuführen. Wohltäter, Bischof von Myra, Geschenkebringer. In vielen Regionen (v. a. katholische) kommt er bis heute am 6. Dezember – oft mit Krampus/Knecht Ruprecht.
Reformatorischer Schwenk → Christkind:
Luther wollte den Heiligenkult eindämmen, besonders den Nikolaus. Also verschob man das Schenken auf den 24. Dezember und erfand den „Christkindl-Bringer“.
(Das erklärt Bayerns und Österreichs bis heute unerschütterliche Christkind-Treue – wie @Christa schrieb.)
Sinterklaas wandert in die USA aus → Santa Claus:
Die niederländischen Kolonisten brachten „Sinterklaas“ nach New York. Dort wurde er literarisch weichgespült und mit nordischen Mythen vermischt. Ergebnis:
ein freundlicher, dicker Mann, der fliegt, Rentiere hat und in Gedichten auftaucht.
Illustrierte des 19. Jh. → Optik:
Künstler wie Thomas Nast zeichnen Santa Claus – rot, pelzig, gemütlich, mit Sack.
Coca-Cola hat ihn später nicht erfunden, aber global standardisiert.
Rückimport nach Europa:
Nach dem 2. Weltkrieg kam Santa über Popkultur, Werbung und amerikanisierte Weihnachtstraditionen wieder nach Europa zurück – und verdrängte je nach Region Christkind oder Nikolaus unterschiedlich stark.
Damit ergibt sich das heutige Bild:
In Süddeutschland/Österreich teils: Nikolaus (6.12.) + Christkind (24.12.)
In Nord- und Ostdeutschland zunehmend: Weihnachtsmann (24.12.)
In der Werbung und Medienwelt: fast immer Santa, weil global wiedererkennbar.
Ich gebe aber zu: Für Kinder ist das kaum noch auseinanderzuhalten – drei Figuren, zwei Daten, je nach Region andere Zuständigkeiten. Kein Wunder, dass sich heute vieles einfach in den Einheitsbegriff „Weihnachtsmann“ auflöst.
Ich selbst habe als Kind übrigens streng auf die „Zuständigkeitsliste“ bestanden:
6.12. Nikolaus, 24.12. Christkind – und der Weihnachtsmann war für mich eine reine Fernsehperson, die nur im Ausland existiert. So wie der Eiffelturm oder das australische Känguru.
Heute finde ich es eher charmant, dass alle drei nebeneinander existieren dürfen. Historisch chaotisch, aber kulturell irgendwie schön.
Im süddeutschen Raum, wo der Nikolaus mit Knecht Ruprecht viel populärer ist als in den lutherisch dominierten Gebieten Deutschlands, wird Nikolausabend genauso als keltische Vorabendfeier begangen wie Allerseelen am Vorabend von Allerheiligen und Heiligabend am Vorabend von Weihnachten: D.h. der Nikolaus kommt am Abend des 5. Dezember, Nikolausabend ist am Abend vor Nikolaustag.