Hallo Tychi,
sehr interessantes Thema. Mit deiner Frage haben Kubi und ich uns auch schon einmal ausführlich rumgeschlagen, wobei die Frage nach dem „wann“ bei uns nicht ganz so im Mittelpunkt stand, sondern eher nach dem „warum“ und dem „wohin“.
Nun endlich meine Fragen: Wer hat die synthetische
Formenbildung
erfunden? Seit wann gibt es sie? Gab es sie in den Vorfahren
der
germanischen Sprachen auch schon, oder sind sie da auch erst
spaeter
entstanden?
Zur Einstimmung in das Thema kopiere ich mal die Ausführungen hier hinein, die ich damals zusammengetragen habe. Vielleicht sind ja hilfreiche Informationen für dich dabei. Vielleicht lässt sich das Ganze ja auch noch ergänzen und dann erneut diskutieren.
Ich hab mich mal ein wenig „umgesehen“:
Tschechisch:
1406 – Jan Hus: ‚Orthographia Bohemica‘ – Einführung der diakritischen Zeichen, Vereinfachung der Grammatik
Tendenzen: Rückgang der Dialekte zugunsten des Gemeintschechischen, insbes. unter dem Einfluss der Medien, Anglizismen
gefunden hier:
http://www.sochorek.cz/archiv/sprache…
Italienisch:
Auch Italienisch ist von einer Vereinfachung des Flexionssystems betroffen, auch wenn dies nicht so weit geht, wie bei anderen romanischen Sprachen. Vor allem betrifft dies das Kasussystem der Substantive, demgegenüber das Flexionssystem der Verben noch weitgehend erhalten ist. Die galloitalischen Dialekte sind infolge ihrer Nähe zum Französischen durch eine weitere Degeneration der Flexion gekennzeichnet.
Der Abbau der Flexion bedingt eine Systematisierung der Wortstellung, die dem Schema Subjekt-Prädikat-Objekt folgt. Adjektive werden Substantiven als erklärende Zusätze nachgestellt.
http://www.t-o-m.tv/lingua/italiano.htm
Niederländisch:
Ebenso wie die anderen Sprachen, die zu der Germanischen Sprachfamilie gehören, hat das Niederländische einen Beginnakzent. Die dadurch nur schwach betonten Silben am Ende der Wörter werden oft reduziert oder gehen überhaupt verloren. Diese Erscheinung läßt sich auch im Mittelniederländischen beobachten. Der derartige Verlust der Fallendungen in den drei Jahrhunderten, die das Mittelniederländische umfaßt, hat zur Folge, daß die Funktion der Satzglieder auf eine andere Art und Weise gekennzeichnet werden muß. Eine festere Wortstellung und Vorwortkonstruktionen übernehmen nach und nach diese Aufgabe. Eine Konstruktion mit der Präposition van „von“ kann zum Beispiel die ältere Genitiv-Endung ersetzen (z.B.: des vaders huis > het huis van de vader „des Vaters Haus > das Haus vom Vater“). Natürlich ist dieser Übergang nur allmählich und die beiden Möglichkeiten werden lange Zeit nebeneinander gebraucht.
Afrikaans:
In der Mitte des 18. Jh. war der Deflexionsprozeß (Vereinfachung und Reduktion nominaler und verbaler Paradigmen; vgl. hierzu auch den Flexionsverlust im Mittelniederländischen) bereits so weit fortgeschritten, daß eine eigene Sprachvariante, das „Kap-Niederländisch“, entstanden war. Ab der 2. Hälfte des 18. Jh. hatte sich ein eigenes Sprachsystem gefestigt. Durch Quellenanalysen ist eine andauernde und kontinuierliche Entwicklung vom Niederländischen zum Kapniederländischen und weiter zum Afrikaans zu beobachten.
http://www.ned.univie.ac.at/publicati…
Polnisch:
Von den ursprünglich acht indoeuropäischen Fällen der Substantive hat das Polnische noch sieben erhalten. Außerdem gibt es bei den Substantiven und damit übereinstimmend bei den Adjektiven drei Geschlechter, männlich, weiblich und sächlich. Polnisch verfügt über einen Singular und einen Plural, während der alte Dual vollständig verschwunden ist. Im Plural wird zusätzlich zu den drei Geschlechtern das männliche Geschlecht noch einmal nach Belebtheit oder Unbelebtheit unterschieden.
Auch die Konjugation der Verben ist noch sehr stark ausgeprägt, wobei es die drei Zeiten Vergangenheit, Präsens und Futur gibt, wohingegen die alten Formen Aorist, Imperfekt und Plusquamperfekt wie in den anderen westslawischen Sprachen verschwunden sind.
Da Polnisch eine stark flektierende Sprache ist, in der die grammatikalische Funktion der Wörter durch die Flektion vollständig beschrieben ist, ist die Wortstellung im Satz relativ frei und kann als Ausdrucksmittel verwendet werden.
Griechisch:
Ein Merkmal des Altgriechischen, einer flektierenden Sprache, ist das komplexe Konjugations-, Deklinations-, Tempus- und Aspektsystem, das sich während der Entwicklung zum Neugriechischen zunehmend vereinfacht.
Die wichtigsten grammatikalischen Unterschiede zwischen Alt- und Neugriechisch sind in der Deklination und Konjugation zu finden. Neugriechisch (Demotike und Katharevussa) hat in der Deklination gegenüber dem Altgriechischen zwei Formen aufgegeben: den Dualis, eine Form, die anzeigt, dass sich ein Substantiv, Pronomen oder Adjektiv auf zwei Personen oder Dinge bezieht, und den Dativ, der nur noch in einigen idiomatischen Wendungen vorkommt. Der Dualis ist auch aus der Verbkonjugation verschwunden, ebenso wie der Optativ, ein Modus, der im Altgriechischen Zweifel oder Wunsch ausdrückte, und der Infinitiv. Die Funktion, die im Altgriechischen die besonderen Verbformen für die verschiedenen Zeiten hatten, übernehmen im Neugriechischen Hilfsverben. Die altgriechischen Imperative sind weitgehend durch die Konstruktion eines Hilfsverbs mit dem Konjunktiv ersetzt worden
http://www.sprachendienst.de/de/griec…
Russisch:
In der gesprochenen Sprache wurden die älteren Vergangenheitsformen des Aoristes, des Imperfekt, des Perfekt und des Plusquamperfekt durch die unifizierte Form auf -? ersetzt, ist der Dual verschwunden, und das Paradigma der Substantive wurde durch die neuen Typen der Deklination ersetzt.
Zu weiteren Vereinfachungen in der Graphik und Rechtschreibung kam es erst am Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts, genauer im Jahre 1873 durch das Erscheinen des Buches von Ja. K. Grot ‚Streitfragen in der russischen Rechtschreibung vonPeter dem Großen bis heute
http://www-gewi.uni-graz.at/slaw/stud…
Chinesisch:
Obwohl auch im Altchinesischen Silben die bedeutungstragenden Einheiten sind, so war es doch nicht völlig ohne Flexionsformen.
http://home.nexgo.de/johannes.knaus/s…
…
hmm…das Althochdeutsche hatte auch noch eine ganze Menge an Flexionen zu bieten.
Aber das streite ich ja auch nicht ab. Die Richtung der Änderungen vom Germanischen über das Althochdeutsche bis heute steht aber wohl fest: die Flexionsformen nehmen nach und nach ab. Aktuelles Beispiel (deren Ende wir aber nicht mehr erleben) ist die Aufgabe des Genitivs zugunsten präpositionaler Konstruktionen (der Hut des Mannes --> der Hut von dem Mann) bzw. zugunsten des Dativs (wegen des Wetters --> wegen dem Wetter). Den Genitiv wird man irgendwann nur noch in festen Wendungen finden … und dann warens nur noch drei (Fälle).
Und die Isländer und Färöer haben es bis heute bewahrt.
So ganz aber wohl auch nicht.
Isländisch spaltete sich erst recht spät vom Rest der nordgermanischen Sprachen ab, als Island ab 874 von Norwegen aus besiedelt wurde. Durch Islands Insellage und die zusätzliche Isolation der Menschen dort durch die dünne Besiedlung wurden die altnorwegischen Sprachstrukturen zu großen Teilen konserviert. Deshalb unterscheidet sich Isländisch auch heute sehr stark vom Dänischen, Norwegischen und Schwedischen, die sich parallel weiterentwickelten. Bis etwa 1500 wird die Sprache Islands Altisländisch genannt, danach Neuisländisch, obwohl sie eigentlich keine wesentlichen Veränderungen erfahren hat. Es gab nur graduelle Vereinfachungen der Grammatik und eine geringfügige Lautverschiebung.
Aber wie gesagt, es gibt natürlich Sprachen, die „statisch“ zu sein scheinen, aber gilt das für immer? Und wenn Änderungen einsetzen, so ist die Richtung vorgegeben. Und diese wird sicher auch irgendwann das Isländische erfassen. Das Dänische und Norwegische werden sich aber bestimmt nicht rückentwickeln zu einer Art isländischen Sprache.
Zum Nachlesen des Threads s. hier:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
Gruß
Roland