Hallo zusammen,
den Titel meine ich ganz wörtlich: Ich frage mich, woher Leute sich selbst eigentlich so gut kennen, dass sie beispielsweise einschätzen können, was sie können und was nicht.
Klar, manche Leute schätzen sich ganz offensichtlich auch mal falsch ein, aber im Allgemeinen scheint es bei vielen doch so zu funktionieren, dass sie eine bestimmte Sache machen wollen, sich überlegen, ob sie sich selbst in der Situation vorstellen können, sich denken „das kriege ich wohl hin“ und es dann, normalerweise erfolgreich, tun. Oder sie denken halt „Nee, das ist gar nichts für mich“, und tun dann normalerweise gut daran, es eben nicht zu tun.
Also angenommen, euer Chef fragt euch, ob ihr die und die Abteilung übernehmen wollt. Dann ist das sinnvolle Vorgehen doch, dass man sich schlau macht, was diese Position beinhaltet (etwa, dass man Konferenzen leitet und ausländische Kunden betreut), versucht, sich vorzustellen, wie man selbst diese Aufgaben erfüllt (überlegt sich also, ob man es sich vorstellen kann, ständig nach Dubai zu fliegen und in einer Fremdsprache mit Arabern zu verhandeln) und sagt zu, wenn man es sich vorstellen kann, und wenn nicht, dann lässt man es. Manche Leute sind in ihrer Vorstellung vielleicht viel toller als in Wirklichkeit, aber bei den meisten Menschen scheint das doch ganz zuverlässig zu funktionieren.
Was kann ich tun, damit das bei mir auch so klappt?
Ich gehe bisher eigentlich immer vor wie bei meinem Abitur. Das zu machen, war ziemlich ausschließlich meine Entscheidung, es war von meiner Familie nicht gerade vorgesehen, und ich habe mir irgendwann einfach überlegt, dass ich definitiv nicht nach der 10. Klasse abgehen will. Hätte ich mir zu dem Zeitpunkt exakt ausgemalt, wie das aussehen wird, hätte ich vermutlich einen Rückzieher gemacht, ich hatte nämlich als Teenager ziemliche Panik vor der mündlichen Prüfung. Dass ich fürs Abi eine machen muss, war mir zwar irgendwie klar, aber ich habe es ganz bewusst verdrängt, bis es soweit war. Also okay, ich habe mich natürlich vorbereitet, aber ich habe NICHT das getan, was alle Prüfungsberater empfehlen, also NICHT vorher den Prüfungsablauf visualisiert und so. Wann immer ich über diese Prüfung nachgedacht habe, fand ich die Vorstellung total absurd, vor drei Lehrern zu sitzen und eloquent irgendwelche Fragen zu beantworten. Aber ich bin halt hingegangen, alles hat ziemlich gut geklappt und ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass ich offenbar auch Sachen hinbekomme, die weder mein Umfeld noch ich selbst mir vorher so richtig zugetraut haben.
Mit der Erkenntnis bin ich dann an die Uni gegangen. In irgendeiner Zeitschrift hatte ich gelesen, dass man sich nur dann für ein Studium entscheiden sollte, wenn man sich vorstellen kann, ständig lange Referate in vollen Hörsälen zu halten. Natürlich konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen … ich wollte halt studieren und dachte mir, dass sich alles andere dann schon ergeben wird. Zu meinem ersten Uni-Referat bin ich also ähnlich hingegangen wie zum mündlichen Abi, nämlich mit dem Gedanken, dass es total absurd ist, dass ausgerechnet ich mich gleich hinstellen und meinen Kommilitonen minutenlang etwas vortragen werde. Ich konnte mir mich selbst in der Situation wirklich gar nicht vorstellen. Aber natürlich hat auch das geklappt, und bei späteren Referaten, mündlichen Prüfungen und so weiter konnte ich immer auf die Erkenntnis zurückgreifen, dass es offenbar irrelevant ist, ob ich mir eine Sache im Vorfeld zutraue. Wenn ich es einfach mache, wird es schon klappen.
Ich habe also gelernt, dass es falsch ist, Dinge, die ich oder meine Eltern/Freunde … mir nicht zutrauen, nicht zu tun. Hätte ich das gemacht, wäre ich jetzt ein ganz anderer Mensch und ziemlich unglücklich. Soweit, so gut.
Das Problem ist natürlich, dass das Rezept: „Tu Sachen, von denen weder du selbst noch andere Leute glauben, dass du dazu in der Lage bist“ auch nicht immer funktionieren kann. Die Frage ist: Wo ist die Grenze zwischen Sachen, die ich mir nicht zutraue, die ich aber trotzdem kann, und Sachen, die ich mir aus gutem Grund nicht zutraue? Natürlich weiß ich, dass ich nicht einfach so morgen einen Ironman absolvieren kann, aber was ist mit so Dingen, die eher Selbstdarstellung als körperliche Fähigkeiten erfordern? Da ich ein vorsichtiger Mensch bin, werde ich nicht beim nächsten Poetry-Slam mal spontan die Bühne entern, aber irgendwo zwischen mündlichem Abi und Entertaining auf der Bühne muss ja meine persönliche Präsentationsgrenze verlaufen.
Gibt es einen Weg, die zu verorten, ohne einfach mal systematisch alles auszuprobieren? Das Problem ist nämlich natürlich auch, dass ich mit Niederlagen in dem Bereich überhaupt nicht umgehen kann. Wenn ich ein Referat halte, das schlechter als üblich ist, denke ich sofort, dass mein vorheriges Nichtzutrauen in meine Fähigkeiten berechtigt war und ich lieber generell alles bleiben lassen sollte, was ich mich eigentlich nicht traue. Würde ich das wirklich umsetzen, täte ich nicht mehr viel, deswegen versuche ich, Erlebnisse, die solche Impulse verursachen, möglichst von mir fernzuhalten.
Also, wie macht ihr das, woher wisst ihr, was geht und was nicht, und wie kann ich mir diese Fähigkeit idealerweise auch aneignen?
Danke
Sonja
PS: Natürlich geht es nicht nur um so Referatekram; ich konnte mir auch nicht vorstellen, weiter als ein paar Kilometer von meinen Eltern weg zu wohnen, bis ich es einfach gemacht habe. Und so weiter. Aber dass ich in einen anderen Teil Deutschlands ziehen kann, heißt nicht, dass ich auch mit einem Zelt im Dschungel überlebe - wieder: Wo ist die Grenze?

