Selbstbewusstsein - was mache ich falsch?

Hallo,
ich brauche mal dringend selbst einen Rat. Ich habe 2 Kids, Sohn, 11 Jahre, Tochter 3 Jahre.
Im Moment sorge ich mich um meinen Sohn, der in der Schule supergut ist, aber in seiner Freizeit zur absoluten Passivität erstarrt. Ich war nie dafür, Kinder zu irgendwelchen Hobbies zu zwingen, ihnen den Nachmittag durchzuorganisieren, dabei bin ich durchaus nicht antiautoritär/laisse faire. Chris - mein Sohn - darf viel alleine machen, sich verabreden, er ist in einem Sportclub (wollte er), wo er viele Sportarten machen könnte (macht er aber nicht), seit neuestem mit uns in einem Segelverein, wo er wöchentlich am Training teilnehmen könnte (macht er auch nicht). Durch seine hingebungsvolle Zuwendung an seine kleine Schwester - die mich auch sehr entlastet, zugegeben, habe ich zu lange nicht bemerkt, dass er, sobald er die Freiheit hat etwas für sich zu machen, nichts mehr tut. Er sitzt vor dem Fernseher, spielt Playstation und das war`s.
In der Schule ist er ein Musterschüler, der es geschafft hat auch noch beliebt dabei zu sein und viele mögen ihn. Wenn aber von all denen keiner bei ihm anruft, verabredet er sich gar nicht. Die Freundschaften der Grundschule schliefen u.a auch deshalb ein, weil er sich bei ihnen einfach nicht mehr gemeldet hat.
Konkret: er wehrt sich gegen all meine Vorschläge etwas zu tun (egal, ob regelmässig oder nur mal so), er informiert sich nicht alleine, will auch nicht gemeinsam, um irgendwelche Interessen zu finden und wenn man ihn fragt, was er denn wolle, kommt ein Schulterzucken, weiss nicht. Er äussert keinerlei Bedürfnisse, nimmt sich megamässig zurück, möchte immer „Gut sein“, hat sehr wenig Selbstvertrauen, gibt schnell auf, wenn er etwas nicht gleich kann, einen riesigen Anspruch an sich selbst.
Jetzt ist er in einer Schule, wo ein rau(h)er Ton herrscht unter den Kids. Die Lehrer achten schon auf vieles (Gruss an Carina:smile:, aber sehen auch nicht jede Gruppendynamik. 2 „Alphamännchen“ versuchen die Gruppe zu dominieren, die anderen kuschen und Chris steht dazwischen im Konflikt, sich nicht körperlich auseinandersetzen zu wollen und nicht zurückzustecken. Da sich diese Provokationen körperlich gerade noch in einem „normalen“ Rahmen halten, hielt ich es noch nicht für sinnvoll die Lehrerin einzuschalten.
Frage 1: wie kann ich ihm helfen eine „Leidenschaft“ zu finden, für die er sich auch einsetzen würde (hobbytechnisch)? Oder ist das eine vorpubertäre Phase, die vergeht (wobei er schon immer so war)? Mache / sehe ich etwas falsch?
Frage 2, die ich für ihn stelle: wie kann er sich gegen Provokationen wehren, ohne das Gesicht zu verlieren und ohne ständig einstecken zu müssen (info: er ist nicht der einzige, nur die anderen laufen halt mit)?
Danke für´s Zuhören (habe gerade eine lange, unfruchtbare, tränenreiche Diskussion mit ihm hinter mir) und für Euren Rat
Christine

Auch hallo,

ich brauche mal dringend selbst einen Rat. Ich habe 2 Kids,
Sohn, 11 Jahre, Tochter 3 Jahre.

ok.

Im Moment sorge ich mich um meinen Sohn, der in der Schule
supergut ist, aber in seiner Freizeit zur absoluten Passivität
erstarrt. Ich war nie dafür, Kinder zu irgendwelchen Hobbies
zu zwingen, ihnen den Nachmittag durchzuorganisieren, dabei
bin ich durchaus nicht antiautoritär/laisse faire. Chris -

Also antiautoritär und Laissez Faire /Gewähren lassen im Sinne von egal sein) sind zwei verschiedene Dinge.

mein Sohn - darf viel alleine machen, sich verabreden, er ist
in einem Sportclub (wollte er), wo er viele Sportarten machen
könnte (macht er aber nicht), seit neuestem mit uns in einem
Segelverein, wo er wöchentlich am Training teilnehmen könnte
(macht er auch nicht).

Will er das vielleicht nicht? Es gibt Kinder und auch Erwachsene, die haben etwas gegen starre Freizeitverplanung. Die möchten nicht Montags um 18 Uhr das Eine…und Mittwochs um 16:00Uhr sa Andere machen. Ich denke, dass Termindruck für Kinder absolut hinderlich sein kann…Kinder heute sind nicht nur dem Termindruck durch Schule ausgeliefert, nein, der ihrer Eltern kommt dazu, und dann in der Freizeit auch noch Termine???

Durch seine hingebungsvolle Zuwendung
an seine kleine Schwester - die mich auch sehr entlastet,
zugegeben, habe ich zu lange nicht bemerkt, dass er, sobald er
die Freiheit hat etwas für sich zu machen, nichts mehr tut.

Er tut etwas…nämlich für sich selbst, so wie er das gerne hätte und vor allem wann.
Freu Dich dich doch, dass er sein Geschisterchen so liebt, und auch viel für sie da ist…und das in einer Zeit, die er selbst mitgestalten kann.

Er
sitzt vor dem Fernseher, spielt Playstation und das war`s.
In der Schule ist er ein Musterschüler, der es geschafft hat
auch noch beliebt dabei zu sein und viele mögen ihn. Wenn aber
von all denen keiner bei ihm anruft, verabredet er sich gar
nicht. Die Freundschaften der Grundschule schliefen u.a auch
deshalb ein, weil er sich bei ihnen einfach nicht mehr
gemeldet hat.

Musterschüler und trotzdem beliebt? Meist geht das auf Kosten von irgendetwas…
Wie hat er sich denn diesbezüglich geäußert? Mag er bestimmte Kinder besonders, oder andere nicht?

Konkret: er wehrt sich gegen all meine Vorschläge etwas zu tun
(egal, ob regelmässig oder nur mal so), er informiert sich
nicht alleine, will auch nicht gemeinsam, um irgendwelche
Interessen zu finden und wenn man ihn fragt, was er denn
wolle, kommt ein Schulterzucken, weiss nicht.

Er weiss es…er mag bei Dir und seinem Geschwisterchen sein und seine Zeit mit Dingen verbringen die ihn interessieren.

Er äussert
keinerlei Bedürfnisse, nimmt sich megamässig zurück, möchte
immer „Gut sein“, hat sehr wenig Selbstvertrauen, gibt schnell
auf, wenn er etwas nicht gleich kann, einen riesigen Anspruch
an sich selbst.

Das wiederum kommt durch die Erziehung…das passiert allerdings nicht bewusst, sondern durch das was Du ihm vorlebst…und was Du ihm vorhältst…
Und wie Du ihn an neue Dinge heranführst. Oftmals ist eine haarfeine bis ins klitzekleinste Detail durchstrukturierte Erklärung für ein Tun, eine Handlung gar nicht notwendig…
Möglicherweise mag er selbst mal probieren, ohne dass kommt „Pass auf…halt Dich fest…usw“

Jetzt ist er in einer Schule, wo ein rau(h)er Ton herrscht
unter den Kids. Die Lehrer achten schon auf vieles (Gruss an
Carina:smile:, aber sehen auch nicht jede Gruppendynamik. 2
„Alphamännchen“ versuchen die Gruppe zu dominieren, die
anderen kuschen und Chris steht dazwischen im Konflikt, sich
nicht körperlich auseinandersetzen zu wollen und nicht
zurückzustecken. Da sich diese Provokationen körperlich gerade
noch in einem „normalen“ Rahmen halten, hielt ich es noch
nicht für sinnvoll die Lehrerin einzuschalten.

Schalte dann einen Lehrer ein, wenn es Dein Sohn für sinnvoll hält…gib ihm mehr Freiraum dafür und die Stärke, dass Du hinter ihm stehst. Dessen ist er sich nämlich gar nicht bewusst. Dass Du hinter ihm stehst. Du hast ihn viel alleine machen lassen, ohne dass Du ihm Grenzen (Die gibt es auch im positiven Sinn) gesetzt hast.

Frage 1: wie kann ich ihm helfen eine „Leidenschaft“ zu
finden, für die er sich auch einsetzen würde (hobbytechnisch)?

Diese Leidenschaft die seine sein soll, muß er schon selber finden.

Oder ist das eine vorpubertäre Phase, die vergeht (wobei er
schon immer so war)? Mache / sehe ich etwas falsch?

Ja…Gib ihm Führung, aber fessle ihn nicht. Ein freilaufender Gaul pflügt kein Feld um, ein zu fest gebundener aber auch nicht.

Frage 2, die ich für ihn stelle: wie kann er sich gegen
Provokationen wehren, ohne das Gesicht zu verlieren und ohne
ständig einstecken zu müssen (info: er ist nicht der einzige,
nur die anderen laufen halt mit)?

Stellt wirklich er die Frage, will er da wirklich Abhilfe haben, oder Du, weil er Dir leid tut?

Danke für´s Zuhören (habe gerade eine lange, unfruchtbare,
tränenreiche Diskussion mit ihm hinter mir) und für Euren Rat

Puh, das ist wirklich ein schmaler Grat, auf dem man sich als Elternteil bewegt zwischen Bevormundung, alles Abnehmen wollen aus Hilfsbereitschaft und Verwöhnung…

Zu irgendwelchen gemeinsamen Aktivitäten mit Gleichaltrigen zwingen kannst Du ihn nicht. Wenn er nicht will, dann lass ihn. Du setzt ihn einem enormen Druck aus, wenn er dirzuliebe dennoch gemeinschaftliche Aktivitäten wahrnimmt, damit nur Du Dir keine Sorgen machst.

Es wäre viel einfacher, Dein Kind so zu nehmen, wie es ist, und es in dem zu bestärken, was es wirklich gut kann, dabei muß das nicht unbedingt auf PC und Playstation beschränkt sein bzw. bleiben.

Anhand deiner Beschreibung habe ich den Eindruck, dass er versucht ein Bild abzugeben, dass Dir gefällt, ein Bild das Dich zufriedenstellt und nicht beunruhigt…

Du könntest ja auch gerne mal für Dich, in Deiner Stadt bei Deiner zuständigen Beratungsstelle anrufen, und fragen, ob sie nicht ein paar Tipps für Dich haben…nicht mein Sohn das…nicht mein Sohn dies…verstehst Du?
Dein Sohn will offensichtlich etwas ganz anderes als Du ihm zugedacht hast…
Ob und wiefern da ein versteckter Erwartungsdruck, bzw eine bestimmte Erwartungshaltung dahintersteht, bei dem wie es sich bei Euch gestaltet, kann keiner auf die Schnelle sagen.

Aber ich kann Dich beruhigen, das ist kein Beinbruch, tut nicht weh und ist kostenlos.

Gruß
Maja

Hallo,

Auch hallo,
ich hätte gerne zwei Dinge gewusst, um sicher zu stellen, dass ich in die richtige Richtung denke.

Danke für´s Zuhören (habe gerade eine lange, unfruchtbare,
tränenreiche

Bei wem flossen die Tränen?

Diskussion mit ihm hinter mir) und für Euren Rat

Wo ist sein Vater? Damit meine ich mehr als die Frage seines Aufenthaltes. Haben beide Kinder den selben Vater, lebt ihr miteinander, wo kommt er in dieser Frage vor bzw. warum kommt er nicht vor?

Christine

Renate

Hallo Christine
ich möchte Dir gerne einen Denkanstoss geben.

Für mich - und ich bin kein Psychologe, sondern nur ein Vater - sieht es so aus als ob der Junge (das Alter spricht zumindest auch dafür) Orientierungsprobleme hat. Das läuft unbewusst ab und eine ganz natürliche Sache.
Für mich klingt es so, als fehle der Mann (und das ist jetzt mit Sicherheit nicht chauvinistisch oder sonstwie in dieser Richtung gemeint) an welchem er sich orientieren kann. Ich habe dies bei meiner Schwester beobachtet (sehr ähnliche Situation, d.h. sie war „Alleinerziehende“).
Vielleicht hilft Dir dieser Denkanstoss.

Freundliche Grüsse
Anonym

Hallo Christine,

deine Überschrift greife ich für meine Gedankengänge auf:
wenn jemand zeitweise wie erstarrt ist, und sich wie Chris in der Freizeit einigelt, dann tut er etwas für sein Selbstbewußtsein. Er horcht in sich hinein, gönnt sich ein Nichtsleistenmüssen, Nichtgewertetwerden, Nichtnettseinmüssen…er nutzt Pausen für sich selbst.
Mit 11 Jahren fangen Kinder an sich selbst nicht mehr einschätzen zu können. Die Sichtweisen erweitern sich, Wertevorstellungen müssen neu sortiert werden, Hormonschwankungen machen müde, der Körper schiebt in allem nach (Muskeln, Knochen, Körperbau). Das ist nicht verwunderlich, wenn ein sensibler Mensch Auszeiten braucht.
Was machst du falsch? Vielleicht unbewußt, weil du dir selbst Vorwürfe machst. Deine Erwartunghaltung hängt außerdem an der dran, die du an deinen Sohn richtest: „prima, dass du in der Schule gut bist, beliebt bist, segeln gehst und zu deiner Schwester liebt bist. Jetzt wäre es nicht schlecht, wenn du noch viele Freunde hättest…“ Ich verstehe es sehr gut, wenn du dir Sorgen machst, denn wahrscheinlich wirkt Chris hin und wieder einsam, was dir auch weh tut.
Aber ich denke, dass seine Einsamkeitsgefühle nicht allein von der Unfähigkeit herrühren Kontakte zu pflegen, sondern von der Unfähigkeit ein Gefühl für sich selbst zu bekommen. Er scheint mit sich nicht einverstanden zu sein, seine Nettigkeit und die guten Leistungen sind ihm nicht Echo genug für die Lust Lebendigkeit auszuleben.

Ich habe (meine Töchter sind 10 und 12) gute Erfahrungen mit zwischenzeitlichem Nichtstun gemacht, indem ich mich mit meinen Töchtern zu ihnen im Zimmer auf den Boden setze und irgendetwas mache - Musik hören, Meerschwein kämmen, Perlen fädeln, Nintendo spielen. Und dann wird auch schon einmal erzählt: „stell´dir vor…“ Wir Erwachsene sind randvoll mit unseren Verpflichtungen, und neigen dazu unsere Kinder zu sehr als Detail unseres Terminkalenders zu sehen. Aber wir sind dichtesten an unseren Kindern dran, gerade wir müßten es am besten mitbekommen, was sie drückt, nicht nur wenn sie bedrückt sind. Deshalb möchte ich dir aus meinen Erfahrungen raten, nicht so sehr Pläne zu schmieden, wie dein Sohn die nächsten Aktivitäten gestalten soll, sondern ihn nur zu beobachten und abzuwarten, vielleicht erzählt er von Erlebnissen, die ihn mehr beschäftigen als es momentan danach klingt. Wenn er Vertrauen zu dir bekommt, und die Geborgenheit bei dir sucht, die er zwischendurch braucht, weil er sein kann wie er ist (im Guten und im Schlechten), dann kannst du anfangen mit ihm zusammen überlegen, ob er Freundschaften pflegen will, und wie, in welchem Zeitrahmen, im welchem Umfang. Vielleicht braucht er nur 1 guten Freund. Mit seinen 11 Jahren ist er alt genug für seine Persönlichkeit etwas selbst zu tun, ausgerechnet in einer ungünstigen Entwicklungsphase, die ihn vor Lebenslust nicht immer sprudeln läßt. Deshalb reicht deine Rückendeckung meiner Ansicht nach bei ihm aus.

viele Grüße
claren

tiefer Seufzer, durchatmen:smile:
ich danke Euch wirklich. In jedem Eurer Postings findet sich ein Stück von ihm/mir wieder.
Es ist ein schwieriges Alter, schwierige Phase für ihn. Ich spüre genau, dass er schon weiss, was gut für ihn ist und dass ich manchmal viel zu handlungsorientiert an ihn herangehe, statt Stimmungen auszuhalten. Sein Vater lebt leider in einer anderen Stadt, aber wenn sie sich sehen (was sie regelmässig tun), wirkt Chris immer ein wenig „gerader“, gewachsen. Lach, gerade gestern als ich den Artikel schrieb, dachte ich, der Vater muss ran, was weiss ich denn schon über pubertierende Jungs:smile:
Mit meinem Partner hat er auch eine ganz eigene Beziehung, zu der ich keinen Zugang habe - worüber ich wirklich froh bin (ich weiss, dass ich nicht der Weisheit letzter Schluss bin*g*)
Ich bin die letzte, die sein Leben durchorganisieren will, aber neben der Schule so gerade gar nix zu haben…hm. Aber vielleicht stimmt es, dass er mit „den Hormonen“ genug zu tun hat z.Zt. und, ja, ich denke auch dass 1 guter Freund schon sehr viel ist - und den hat er.
Wie auch immer: irgendwie schien es schon genug zu sein, sein Chaos auf mir abzuladen:smile: heute geht es ihm viel besser, er ist lockerer, fühlt sich ernstgenommen und…ist mit einem Schulkumpel auf den DOM gegangen:smile:…sollte mir weniger Sorgen machen.
Ich danke Euch wirklich vielmals, war einfach zuviel gestern…menno, wenn ich daran denke, dass meine Tochter auch mal dahin kommt…graus:smile:)