Selbstbilder, Projektionen - Terminologie?

Hallo,

wenn man lügt und die Lüge wird vom Gegenüber als solche erkannt, der Lügner weiß aber nicht, daß er durchschaut wurde, gibt es einen Identitätskonflikt zwischen dem in den Belogenen (und von diesem so erkannten) projizierten Selbstbild des Lügners einerseits und dem Bild des Lügners im Kopf des Belogenen andererseits.

Anders sieht es aus, wenn die Lüge als solche nicht durchschaut wird. Dann entsteht ein Identitätskonflikt im Lügner selbst, der sich als vom Belogenen nicht mehr „gesehen“ bzw. „erkannt“ wähnen muß, da das eigene Selbstbild nicht mehr mit dem selbst imaginierten Bild-des-belogenen-Gegenüber-von-einem-selbst zur Deckung gebracht werden kann.

Beim Nachdenken über die „Mechanik“ von Projektionen, Selbstbildern, Bildern des Gegenüber, Imaginationen des eigenen Selbstbildes im Gegenüber etc. fällt mir auf, daß mir für derartige Überlegungen oder auch Gespräche die Begriffe fehlen und daß entsprechende Umschreibungen nur schwer verständlich sind (s. letzter Absatz).

Kann mir hier jemand bitte die in der Psychologie gebräuchlichen Begriffe für die Phänomene des angesprochenen Themenbereichs nennen?

Dank und Gruß
Uwe

Kognitive Dissonanz

Kann mir hier jemand bitte die in der Psychologie gebräuchlichen Begriffe für die Phänomene des angesprochenen Themenbereichs nennen?

Bitte sehr. Siehe oben.

Gruß
Metapher

PS: Man muß die Beschreibung nicht unbedingt komplizierter machen als die beschriebenen Sachverhalte :smile:

Kognitive Dissonanz, Begriffsklärung
Super, der Begriff hilft mir schon mal weiter. Danke! Allerdings würde ich nun gern noch ein bißchen weiter in die Tiefe gehen.

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PS: Man muß die Beschreibung nicht unbedingt komplizierter
machen als die beschriebenen Sachverhalte :smile:

Ich empfinde das als kompliziert, VIELLEICHT aber nur deshalb, da ein begrifflicher Umgang mit den beschriebenen Phänomenen für mich noch relativ neu ist. Der Begriff „kognitive Dissonanz“ umreißt das Thema für mein Dafürhalten noch etwas zu allgemein, um den Unterschied zwischen einem Selbstbild einerseits und einem einmal hin-und-zurück-projizierten Selbstbild zu beschreiben.

Mein eigenes Bild von mir selbst ist nun mal nicht unbedingt gleich mit dem Bild, von dem ich mir VORSTELLE, daß jemand anders es von mir hat. Ist das „kognitive Dissonanz“?

Oder ist es "Kognitive Dissonanz, wenn „mein-eigenes-Bild-von-mir“ nicht mit dem „Bild,-das-ein-Anderer-von-mir-hat“, übereinstimmt?

Wie wird in der Psychologie begrifflich zwischen diesen beiden „Projektionsstufen“ unterschieden?

Gruß
Uwe

Ich empfinde das als kompliziert, VIELLEICHT aber nur deshalb, da ein begrifflicher Umgang mit den beschriebenen Phänomenen für mich noch relativ neu ist.

Ok. Allerdings ist das, was du zu beschreiben anstrebst, weniger kompliziert als vielmehr komplex. Gegenstand diverser Komplexitätstheorien, und weniger Gegenstand von Psychologie sensu stricto.

Es handelt sich um eine sogenannte Rekursion des Reflexionsprozesses (= ein sich auf sich selbst Beziehen der Selbstreflexion), von dem man früher glaubte, daß er auf eine einfache (im mathematischen Sinne) Wiederholung ad infinitum hinauslaufe, die keine neuen Strukturen erzeugt. Deshalb war das nicht weiter von Interesse.

Um eine Stufe komplexer wird das dann, wenn man die Reflexion auf die interne Reflexion des Reflexions objektes mit einbezieht (so wäre die adäquate sprachliche Darstellung). Es zeigt sich dann, daß diese nun komplexere Rekursion fraktal wird: Sie erzeugt sog. Attraktoren (stabile „Inseln“) einerseits und chaotische Phasen andererseits - Dies hat aber nichts mit „chaotisch“ im umgangssprachlichen Sinne zu tun, sondern es sind Termini aus der mathematischen Chaostheorie.

Anfang der 90er hatte ich angefangen, diese Strukturen zur Beschreibung dialogischer Szenarien, insbesondere von dialogischen Eskalationen in Konfliktszenarien, zu studieren und sie in der Psychologie zu diskutieren. Siehe:

http://praxis-dialog.de/texte/diachaos2.pdf

Abb.2 stellt die Grundstruktur dar und Abb. 3 zeigt das Modell des von dir erwähnten Szenariums.

Das Problem ist dabei, daß man unter Psychologen kaum Interesse, erst recht keine Grundkenntnisse über mathematische Topologie und Funktionentheorie vorfinden und erwarten kann. In der Praxis von Konflikt-Deeskalation hat sich das Modell allerdings sehr gut bewährt - auch wenn die Konfliktpartner davon selbst gar nichts bemerken müssen.

Wenn du weitergehende Fragen hast - bitte, gerne.

Gruß
Metapher

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