Selbstdarstellung (lang)

Hallo,

jo, ich habe mehrere Probleme :smile: Wie so oft hängen die natürlich auch zusammen, aber ich hab’s mal einfach in zwei Teile geteilt, weil es ja schon schön wäre, wenn ich eine Sache in den Griff bekäme.

Problem Nummer zwei ist, mal drastisch formuliert, dass ich auf andere Leute normalerweise anders wirke als ich a) bin und b) wirken möchte. Ich bin, das jetzt eher vorsichtig formuliert, nicht so der Gruppentyp. Ich rede gern, aber nur mit Leuten, die ich kenne und mag und am liebsten im Zwiegespräch. Wie aus dem Posting unten ersichtlich, kann ich, wenn es drauf ankommt, auch mal ein akzeptables Referat halten, und wenn ich zu einer Gruppenarbeit gezwungen werde, kann ich, wenn ich es für wichtig halte, auch meine Meinung irgendwie einbringen. Es strengt mich aber sehr an. Der normale Ablauf eines Gruppengesprächs ist, dass ich irgendwann einfach raus bin und nicht wieder reinkomme, ich werde dann unsicher, wann eigentlich die Gelegenheit ist, mich wieder einzuschalten, was für eine Art von Kommentar angebracht wäre und so weiter und sage dann meistens gar nichts mehr - es sei denn ich merke, dass die Gruppe wirklich Bullshit redet, dann kann ich mich dazu zwingen, dazwischenzureden und meine bessere Meinung zu vertreten, aber im Normalfall klinke ich mich irgendwann halb unbewusst aus. Das geschieht manchmal sogar, wenn ich mich mit mehr als einer/m gute/n Freund/in unterhalte, dass ich irgendwann das Gefühl habe, das Gespräch entgleitet mir. Ich muss dann darauf warten, dass ich direkt angesprochen werde.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich in der Schule immer katastrophale SoMi-Noten hatte und meine Uni-Zeit bisher damit verbracht habe, in Seminaren einfach mal eher nichts zu sagen. Das kommt rüber, als wäre ich entweder dumm oder extrem schüchtern, obwohl ich glaube, dass ich beides nicht bin. Wenn ich wirklich das Gefühl habe, die Diskussion geht in eine falsche Richtung und ich bin die einzige, der es auffällt und die einen total relevanten Beitrag hat, dann sage ich halt was. Aber das ist natürlich nicht ständig der Fall … normalerweise denke ich mir „wird schon jemand anderes den Mund aufmachen.“

Um das mal bildhaft auszudrücken - ich fühle mich ein bisschen wie jemand mit zu kurzen Armen, der zwar schwimmen kann und das auch tut, nachdem ihn jemand ins Wasser geworfen hat oder wenn es darum geht, einen ins Wasser gefallenen Gegenstand zurückzuholen, den das Schwimmen aber so sehr anstrengt, dass er in seiner Freizeit eher nicht mit an den Baggersee kommt. Deswegen halten ihn alle für wasserscheu.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass ich sehr viel besser über Sachverhalte als über persönliche Erfahrungen reden kann. Ich würde lieber dreißig Minuten über irgendeine Theorie referieren als fünf Minuten über ein Thema nach dem Motto „Wie ich wurde, was ich bin“. Mein mit Abstand schlechtestes Referat (noch zu Schulzeiten) war „Wie sehe ich mich selbst in zehn Jahren“, und ich bin eher unfähig darin, in Reden eine Meinung zu vertreten oder Leute von etwas zu überzeugen, während ich im „Dinge darstellen und erklären“ ganz okay bin. Also kurz: Ich möchte generell lieber nichts von mir offenbaren, wenn ich irgendwo persönlich in Erscheinung trete. Nach dem Prinzip suche ich sogar meine Klamotten aus; ich trage immer das, was möglichst keine Einstellung vermittelt. Ich will nicht, dass mich jemand anguckt und sich denkt „Oh, die legt aber Wert darauf, sich modisch zu kleiden“ oder „Die findet offenbar grelle Farben schön“. Natürlich will ich umgekehrt auch nicht, dass so etwas rüberkommt wie „Die achtet ja gar nicht auf ihre Klamotten“, ich will einfach, dass man sich bei meinem Erscheinungsbild gar nichts denken kann.
Wenn ich also eine Rede halte, die Leute von etwas überzeugen soll, dann gebe ich damit ja preis, was ich persönlich für überzeugend halte - das ist mir schon zuviel, das macht mich nervös.

Was tut man denn gegen eine solche Abneigung, seine Persönlichkeit zu präsentieren? Ich bin schon vier Mal in meinem Leben beim Reden gefilmt und analysiert worden, ich habe eine deutlich zweistellige Anzahl an Referaten gehalten und bin weder generell besser geworden, noch habe ich diese Angst vor Selbstdarstellung überwunden. Und natürlich habe ich mir zu Beginn jeden Semesters vorgenommen, im Seminar immer was zu sagen - geklappt hat das nie, es kostet mich zuviel Überwindung.
Wenn also jemand etwas ausgefallenere Ratschläge oder ein paar aufmunternde Worte hat …?

Danke
Sonja

Dafür, dass du angeblich Angst davor hast, dich selbst zu präsentieren, über dich etwas zu sagen oder dich einzubringen, ist dieser Beitrag erstaunlich wortreich und persönlich.

Hallo Idhre,

jo, ich habe mehrere Probleme :smile: Wie so oft hängen die
natürlich auch zusammen, aber ich hab’s mal einfach in zwei
Teile geteilt, weil es ja schon schön wäre, wenn ich eine
Sache in den Griff bekäme.

So wird das nicht gehen,es i s t alles eins.

Problem Nummer zwei ist, mal drastisch formuliert, dass ich
auf andere Leute normalerweise anders wirke als ich a) bin und
b) wirken möchte.

Du gl a u b s t du wirkst a)wie du nicht bist und b)wie du nicht wirken möchtest.Weia.

Ich bin, das jetzt eher vorsichtig
formuliert, nicht so der Gruppentyp. Ich rede gern, aber nur
mit Leuten, die ich kenne und mag und am liebsten im
Zwiegespräch.

Das kenne ich.Ich bin z.B. ein Mensch der sich sehr intensiv auf ein einzelnes Wesen einlassen kann.In der Gruppe werden mir die vielen Eindrücke schnell zuviel.Ich brauche dann nach kurzer Zeit wieder den Rückzug.

Wie aus dem Posting unten ersichtlich, kann ich,
wenn es drauf ankommt, auch mal ein akzeptables Referat
halten, und wenn ich zu einer Gruppenarbeit gezwungen werde,
kann ich, wenn ich es für wichtig halte, auch meine Meinung
irgendwie einbringen. Es strengt mich aber sehr an.

Anstrengend ist neben dem o.g.Punkt auch der Druck,so zu sein und zu reden wie die anderen.

kann ich mich dazu zwingen, dazwischenzureden und meine
bessere Meinung zu vertreten, aber im Normalfall klinke ich
mich irgendwann halb unbewusst aus. Das geschieht manchmal
sogar, wenn ich mich mit mehr als einer/m gute/n Freund/in
unterhalte, dass ich irgendwann das Gefühl habe, das Gespräch
entgleitet mir. Ich muss dann darauf warten, dass ich direkt
angesprochen werde.

das ist so,weil du eigentlich im Gespräch führen möchtest.
Lerne,diesen Führungsanspruch entweder durchzusetzen,oder abzugeben,
je nach Situation.

Das kommt rüber, als wäre ich entweder dumm oder extrem
schüchtern, obwohl ich glaube, dass ich beides nicht bin. Wenn
ich wirklich das Gefühl habe, die Diskussion geht in eine
falsche Richtung und ich bin die einzige, der es auffällt und
die einen total relevanten Beitrag hat, dann sage ich halt
was.

Dann ist es also deine Qualität,den Kern eines Problems nicht aus den Augen zu verlieren und eine Kommunikation wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.Prima!Setz es ein.

Aber das ist natürlich nicht ständig der Fall …

Natürlich nicht!und diesen Perfektionsanspruch brauchst du auch gar nicht haben.
Man ist nicht automatisch nichtssagend,wenn man nichts sagt.

Um das mal bildhaft auszudrücken - ich fühle mich ein bisschen
wie jemand mit zu kurzen Armen, der zwar schwimmen kann und
das auch tut, nachdem ihn jemand ins Wasser geworfen hat oder
wenn es darum geht, einen ins Wasser gefallenen Gegenstand
zurückzuholen, den das Schwimmen aber so sehr anstrengt, dass
er in seiner Freizeit eher nicht mit an den Baggersee kommt.
Deswegen halten ihn alle für wasserscheu.

Du b i s t wasserscheu.Und mußt nicht alles können,was andere vielleicht von dir erwarten könnten.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass ich sehr viel besser
über Sachverhalte als über persönliche Erfahrungen reden kann.
Ich würde lieber dreißig Minuten über irgendeine Theorie
referieren als fünf Minuten über ein Thema nach dem Motto „Wie
ich wurde, was ich bin“.

das kannst du dann mal in 20 Jahren referieren :wink:

Nach dem Prinzip suche ich sogar meine Klamotten aus; ich
trage immer das, was möglichst keine Einstellung vermittelt.
Ich will nicht, dass mich jemand anguckt und sich denkt „Oh,
die legt aber Wert darauf, sich modisch zu kleiden“ oder „Die
findet offenbar grelle Farben schön“. Natürlich will ich
umgekehrt auch nicht, dass so etwas rüberkommt wie „Die achtet
ja gar nicht auf ihre Klamotten“, ich will einfach, dass man
sich bei meinem Erscheinungsbild gar nichts denken kann.

Ja,weil du dich auf nichts festlegen magst,worüber du selbst noch nichts weißt.
Du hast die besten Voraussetzungen,dich in all deinen Facetten auszuprobieren.

Wenn ich also eine Rede halte, die Leute von etwas überzeugen
soll, dann gebe ich damit ja preis, was ich persönlich für
überzeugend halte - das ist mir schon zuviel, das macht mich
nervös.

Damit macht man sich angreifbar.

Wenn also jemand etwas ausgefallenere Ratschläge oder ein paar
aufmunternde Worte hat …?

Vergiss einfach das Alles-oder-Nichts-Prinzip.Sonst bleibst du beim Nichtshängen.Alles kannst du nicht sein.

liebe Grüsse
Heidi

Hi,

solche Antworten wollte ich vermeiden, indem ich das hier

Ich möchte generell lieber nichts von mir offenbaren, wenn ich irgendwo persönlich in Erscheinung trete

geschrieben habe.
Solange ich weitgehend anonym oder zumindest nicht körperlich präsent bin, habe ich, wie du gut beobachtet hast, überhaupt kein Problem damit.
In der Klassenarbeit zu „Ich selbst in zehn Jahren“ hatte ich eine eins :smiley:

Grüße
Sonja