Selbstentlassung bei Manie, was tun als Angehörige

Hallo ihr Lieben,

sorry, dass der Beitrag etwas länger ist, aber ich würde mich dennoch über viele Antworten freuen. Es ist eben eine recht lange Geschichte, die dahintersteht:

Vor ca. 4 Wochen bin ich sozusagen selbst zur „Angehörigen“ geworden. Mein Bruder (20) wurde vor drei Wochen von uns (seiner Familie) durch einen (kann nicht sagen glücklichen) Umstand in die Psychiatrie gebracht.

Zur Vorgeschichte: Meine Eltern hatten und haben seit mehreren Jahren schwere eheliche Probleme, die Erziehung meines Bruders lief meist eher als eine Art Problem-Kontrolle und weniger als liebevolle helfende Beziehung (Ich möchte hier aber keinesfalls von Schuld reden, sondern nur die Fakten aufzählen). Mein Bruder konsumiert (daher?) seit ca. 6 Jahren fast täglich Cannabis (Das es so schlimm ist, haben wir erst jetzt erfahren - man will sowas ja nicht wahrhaben). Mein Bruder hat sich dann auch zunehmend von seinen Eltern und auch von mir zurückgezogen und sich nur noch mit seinen Freunden - die allesamt eine recht ähnliche Problematik haben - abgegeben. Die Droge war - auch nach seinen eigenen Aussagen - also eine Realitätsflucht für ihn.

Seine oft gereizte/agressive Art bei schwierigen Situationen und seine Introvertiertheit in den letzten Jahren haben wir leider als seine Persönlichkeit angesehen und nicht als Vorboten einer ernsthafteren Störung. Auf Anraten seiner damaligen Freundin, ist er vor einigen Monaten sogar beim Neurologen gewesen, der im eine Depression diagnostizierte und Antidepressiva verschrieb. Mein Bruder nahm sie ca. einen Monat und setzte sie ab, als es „ihm besser ging“ (vielleicht schon der Umschwung in die Manie). Dann besuchte er nach eigenen Aussagen ein paarmal eine Therapeutin, die gemeint haben soll, er habe kein Problem, nur eine „schwierige Beziehung“ zu seiner Mutter.

Mit einigen Anstrengungen (Es fällt ihm äußerst schwer, sich auf Dinge zu konzentrieren, die ihn nicht interessieren und er musste die elfte Klasse wiederholen) hat er aber diesen Sommer sein Abi abschließen können. Und hat sich vorgenommen, sein Leben umzukrempeln. Er wollte sich eine WG suchen, mit Kiffen aufhören, sich für ein Studium bewerben und hatte sich vorgenommen, „es uns allen zu zeigen“.

Nur meine Mutter hatte seit Monaten immer regelmäßig in ihrer eher übervorsorglich-hysterischen Art gewarnt - „mit dem Jungen stimmt was nicht, die Drogen machen ihn kaputt“ - mein Vater und ich haben dies (leider) nur als Überreaktion abgetan und auch ich war in dem festen Glauben, dass mein Bruder es schafft, wenn er nur endlich zu Hause ausziehen kann (Das Abitur zu schaffen war sozusagen Bedingung dafür gewesen).

Eine WG hatte er bald gefunden, auch hatte er sich (mit einigen Organisationsschwierigkeiten) in ein Studium eingeschrieben.

Als ich ihn vor ca. 4 Wochen mit meinem Freund nach einem 14-tägigen Urlaub nun das erste mal in seiner neuen WG besuchen wollte, waren wir beide von seinem Zustand überwältigt. Ich musste schlagartig weinen.

Er redete nur noch in Assoziativketten und malte ständig einzelne Sachverhalte auf Papier und versuchte uns etwas zu erklären. Erst nach ein paar Tagen auf Leponex konnten wir dann die eigentlichen Inhalte erkennen: Er redete darüber, dass er nun alles verstanden hätte, z.B. wieso seine letzte Beziehung kaputt gegangen sei, warum er sich zurückgezogen hatte, wieso er Cannabis nahm, dass er sich selbst die ganze Zeit betrogen hätte, dass total intelligent sei und trotz wenig aufwand sein Abitur geschafft hätte, dass er einen Computervirus programmieren könne ohne es je gelernt zu haben, dass er jetzt an einem Buch schreiben würde, dass es ihm jetzt endlich gut ginge und die anderen ihn aber alle nicht verstehen könnten, weil sie ihn gar nicht richtig kennen würden … usw… Wenn man ihn stoppen wollte oder seiner Meinung etwas entgegensetzte, wurde und wird er hysterisch.

Als wir zu ihm an diesem Tag sagten, wir wären ganz geschockt und er bräuchte Hilfe, kam er sogar freiwillig mit in die Psychiatrie, um uns zu beweisen, dass er ganz normal und gesund sei und wir uns irren.

Die Ärzte meinten natürlich auch, dass er Hilfe braucht und so wurde er aufgrund einer akuten (psychotischen) Manie in eine UNI-KLinik eingewiesen. Inzwischen stehen zwei Anfangs-Diagnosen: manisch-depressiv und cannabisinduzierte Psychose.

Seine Mitbewohner erzählten uns später, dass er sich vorher seit ca. 1/2 Woche da immer mehr hineingesteigert hatte, er hätte nur noch geredet und auch private Inhalte gegenüber Kumpels geäußert, die er kaum kennen würde. Auch später in der Klinik sprach er anfangs mit jedem über diese persönlichen Dinge.

Wie er auch selber sagte - er hatte sich sozusagen um 180 Grad verwandelt - und war endlich der geworden, der er immer sein wollte. Und er fühlte sich endlich super.

Er bekam in der Klinik dann Leponex verordnet, was ich nicht ganz verstehen kann - aufgrund der Nebenwirkung sollte es ja nur bei Therapieresistenz eingesetzt werden - aber als Angehöriger wird man da bei über 18-Jährigen nicht vorher informiert!! Er hatte in der Klinik auch schon einen nächtlichen Anfall (Atemnot, Erbrechen - Epilepsieanfall?) und nun wurde die Dosis von 300/200 auf 100 mg gesetzt.

Das Schlimme aber ist, man hat ihn bzw. er hat sich vor einer Woche schon wieder selbst entlassen (nach ca. 1,5 Wochen kam er in die Offene und nach zwei Tagen war er dann natürlich auf eigenem Wunsch draußen).

Nun stürzt er sich in sein Studium. Er hat immer noch einen extremen Rededrang und einige absolut unrealistische Weltvorstellungen: z.B. „Er ist super intelligent und versteht im Studium ja jetzt auf Anhieb alles“ - Bücher will er aber keine lesen, „da braucht er nur den Titel zu lesen und weiß, was drinsteht“ … Er ist dann aber andererseits sauer, dass „wir ihn in die KLinik gebracht haben“ und dass er dadurch die erste Studienwoche verpasst hat und nun hat er schon sichtlich Mühe, die nun nötige Organisation auf die Reihe zu bekommen.

Die Manie ist also bei Weitem noch nicht ausgeheilt. Noch nimmt er Leponex, aber nachdem er nun den Beipackzettel richtig gelesen hat und ihn die ständige Müdigkeit und „Enge im Kopf“ total stört, bin ich nicht sicher, wie lange noch!!! Ohne Kiffen hält er es z.Zt. auch noch aus - aber auch hier: wie lange, besonders, weil er ja immernoch mit seinen „alten Kifferfreunden“ zusammen ist?

Ich/wir versuchen, Hilfe und Zeit für Gespräche anzubieten - auch eine Familientherapie - ihm aber sonst die Distanz zu lassen, die er will. Das ist schon eine extreme Gradwanderung!

Er will sich natürlich jetzt erst Recht von niemandem anders helfen lassen. Er meint auch, es war ja an sich toll, weil er ja jetzt endlich alle aufgerüttelt hat, sich zu ändern, weil meine Mutter jetzt selbst eine Therapie anfängt und seine Freunde auch über ihre eigene Situation nachdenken.

Ich weiß nicht, ob ich mich einfach damit abfinden sollte, dass ich (wir) nichts machen kann (können), dass er jetzt eventuell wieder in die akute Manie rennt, weil er Leponex absetzt, aber in die Geschlossene will er natürlich nie wieder freiwillig - er hat also noch null Krankheitseinsicht!

zur Zusammenfassung nochmal meine eigentlichen Fragen:

Ist die „Diagnose“ die richtige?
Was kann man in dem Zusammenhang zu Leponex sagen?
Und besonders: Kann man und was kann man unternehmen, um ihm jetzt zu helfen?

vielen Dank schon im Vorraus!

eine „betroffene“ Schwester

Hallo,

ich werde Dir ganz nüchtern-sachlich schreiben, was ich denke. Du bist ja Psychologie-Studentin im Hauptstudium und schreibst schon an Deiner Diplomarbeit (viel Erfolg!), insofern kannst Du es einordnen, wie ich meine, was ich schreibe.

Ob die Diagnosen „richtig“ sind, die bei Deinem Bruder gestellt haben, kann ich Dir nicht sagen, denn ich habe Deinen Bruder nicht begutachtet. Aus dem heraus, was Du schreibst, hätte ich allerdings genau die beiden Störungen als Hypothesen aufgestellt, die Du nanntest. Für eine Manie spricht wirklich viel (Rededrang, Ideenflucht, Größenwahn, euphorische Stimmung, keine Krankheitseinsicht usw.). Ob eine substanzinduzierte Psychose vorliegt, ist sehr schwierig zu sagen. Die Existenz von Cannabispsychosen ist umstritten, und viel wichtiger: Psychotiker greifen recht häufig zu Drogen, weil sie versuchen, sich mit diesem Zeugs selbst zu kurieren (jedenfalls eine gängige Interpretation). Was deshalb für das, was Dein Bruder gerade durchmacht, verantwortlich ist, die Droge oder die Manie, läßt sich kaum klar sagen.

Auch hinsichtlich Deiner Interpretation, wie es gekommen ist, daß Dein Bruder jetzt so ist, wie er ist, wäre ich vorsichtig. Du schreibst ja selbst, daß Du keine Schuld zuweisen möchtest. Im Moment dürften Schuldzuweisungen die Situation nur verschlimmern. Falls Dein Bruder unter Manie leidet, solltest Du daran denken, daß diese Störung sehr wahrscheinlich einen genetischen Hintergrund hat. Deshalb kann es sein, daß die Probleme, die Deine Eltern mit Deinem Bruder hatten, nicht nur auf die Probleme Deiner Eltern untereinander zurückzuführen sein könnten, sondern auch mit der nun ausgebrochenen Manie zusammenhängen.

Zur Medikation: Leponex ist - wie Du wahrscheinlich weißt - ein atypisches Neuroleptikum. Es handelt sich dabei um den Wirkstoff Clozapin und vielleicht weißt Du, daß Clozapin v.a. bei Schizophrenie eingesetzt wird. Da es gefährliche Nebenwirkungen haben kann (Absterben aller Blutkörperchen eines Typs mit Todesfolge), muß das Blutbild ständig überwacht werden. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wieso man Leponex als erstes Neuroleptikum gegeben hat, denn es stehen mittlerweile andere atypische Neuroleptika zur Verfügung oder - wenn nicht - (ich bin mir hinsichtlich der Zulassungen dieser Medikamente nicht ganz sicher) dann kann man auf Haloperidol zurückgreifen. Die Klärung dieser Frage ist ja auch wichtig, weil Dein Bruder jetzt wieder zu Hause ist und, wenn er Leponex weiternimmt, immer einmal wieder zu Blutbilduntersuchungen gehen muß (seines Lebens wegen). Zwingen kann man ihn jedoch weder, daß er in der Klinik bleibt, noch daß er Medikamente nimmt oder zu den Untersuchungen geht.

Ich wundere mich auch, warum Du Lithium nicht erwähnst. Wurde kein Lithium verschrieben? Wenn nein, warum nicht? Es wirkt zwar nicht bei akuter Manie, aber - soweit ich weiß - sollte man es trotzdem schon geben. Denn es braucht, bis es schließlich seine prophylaktische Wirkung entfaltet, nachdem die momentane manische Episode abgeklungen ist, in der Dein Bruder jetzt vermutlich drinsteckt.

Zu Deiner letzten und für Dich natürlich besonders wichtigen Frage: Was kannst Du, was kann Deine Familie für Deinen Bruder tun? Das, was ich Dir raten kann, ist: Mach Dich mit der Störung vertraut, die Dein Bruder wahrscheinlich hat. Je mehr Informationen Du hast, was eine Manie ist, wie sie verläuft, was man beachten muß, wie sich Maniker in den manischen Episoden verhalten, wie sie außerhalb der Episoden sind, wie es zwischen den Episoden weitergeht, welche Medikamente und Therapien sinnvoll sind, desto mehr kannst Du einschätzen, was Du, was Deine Familie tun kann. Alle diese Informationen helfen Dir, Deiner Familie und Deinem Bruder, mit der Manie besser umzugehen und mit ihr zu leben.

Infos, Erfahrungsberichte von Betroffenen, medizinische Hinweise und ein Forum für Angehörige, Betroffene und Freunde findest Du unter

http://www.forum-humanum.ch/

Die Seite der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen erreichst Du unter

http://www.dgbs-ev.de/

Alles Gute wünscht Euch

Oliver Walter