Hallo Anna,
und weiter(?)gedacht: angenommen, ich habe das verloren, was
„nur“ für mich lebenswert, Existenzgrundlage, Werte
beinhaltend war, aber nicht unbedingt mit den allgemeinen -
damit meine ich mehrheitlich so gelebten - Wertvorstellungen
übereinstimmt,
Ich glaube, die Entscheidung für oder gegen das Weitermachen
wird sogar generell stärker dadurch beeinflusst, was ein
persönliches Leben trägt (bzw. den Verlust dieser Dinge) als
durch das Vorhandensein (oder nicht) der Dinge, die allgemein
anerkannt sind.
Eben, Hintergrund meines Gedankens war ja nicht, Ursachen oder
Gründe für den eigenen Suizidwunsch zu finden, sondern der
Zweifel an dem Verständnis dieses Wunsches für Außenstehende,
wenn die Entscheidung eben aufgrund von Wertverlusten
getroffen wurde, die für die Umwelt desjenigen nicht
nachvollziehbar sind. Daran schloss sich dann dieser Gedanke
an, wofür wir überhaupt Verständnis entwickeln (können?):
Haben wir nicht meistens „nur“ für das Verständnis, was wir :nachvollziehen können, sei es aus eigenem Erleben, aus Erfahrungen :oder einfach mittels Vorstellungskraft?
Ich halte es für reinen Zufall, ob das Lebensgefüge eines
einzelnen Menschen zufällig mit allgemein anerkannten Werten
und Zielen übereinstimmt.
Das mag sein, dennoch stimme ich dem
Das Verständnis füreinander wird dadurch nicht erleichtert.
nicht zu, denn in meinen Augen bedarf es einer größeren
Offenheit (und damit meistens auch mehr Mut und mehr
Vertrauen), etwas mir Unbekanntes und Fremdes zu akzeptieren,
als das bei vertrauteren Dingen der Fall ist.
Beschreiben wir hier nicht zwei Seiten derselben Medaille? Du die Reaktion von Mitmenschen, die eben das, was sie einigermaßen kennen, leichter verstehen und wohl auch akzeptieren, ich die Vorgänge in der seelischen Welt eines einzelnen Menschen, die für andere nachvollziehbar sein können, aber nicht müssen. Natürlich sollten wir uns alle anstrengen, Unbekanntem gegenüber offener zu sein, als wir es im Alltag oft sind.
Es ist sicher kein Zufall, dass viele gläubige Menschen die
Religion erst als Folge von Schicksalsschlägen entdecken - und
dass man zufriedene, verschont gebliebene Menschen mit
Entsagungsphilsophien jagen kann!
Irgendwie fehlt mir da gerade der Zusammenhang - was meinst du
damit? Also ich stimm dir da prinzipiell schon zu, ich hab nur
eben den Zusammenhang nicht kapiert.
Stimmt schon, es hätte vielleicht in ein separates Posting gehört und ist auch eher frei assoziiert als logisch hergeleitet.
Das, was du zitierst, war eigentlich nur ein Beispiel: Gertrud und du, ihr nehmt als Auslöser für Selbstmordgedanken den Verlust der seelischen Lebensgrundlagen an. Diese Grundlagen sind recht konkret und sie haben mit Gütern zu tun, die uns mit unserer Umwelt verbinden: bei Gertrud Dinge, denen viele zustimmen würden - Gesundheit, Geld usw., bei dir eher Persönliches. Da fällt mir halt spontan ein, dass es Traditionen gibt, die besagen, dass man solche Dinge zwar schätzen, aber nicht als Grundlage nehmen soll - also Distanz zu „weltlichen Gütern“ als seelische Absicherung (was man nicht besitzt, kann man auch nicht verlieren), aber auch als Schlüssel zu einer Art „Leben an sich“, das nicht über greifbare Werte definiert wird.
Es ging mir wohl - nach den Fragen, die auf die Entscheidung zum Tod zielen - darum, was uns dazu treibt zu leben: „Sind“ wir, was uns mit der Umwelt verbindet, oder ist da noch etwas dahinter, was uns weitermachen lässt, auch wenn die Umwelt keine Stütze mehr darstellt?
Geht das: Leben pur, ohne dass man ihm unbedingt eine Form
geben muss?
Was ist das, Leben ohne Form? Wie definierst du Form?
Naja, es gibt wohl bessere Begriffe: Lebensinhalte, Identifikationsmöglichkeiten …
Lieben Gruß zurück und ein nicht gar so ernstes Wochenende,
Beate