Selbstsicherheit

Hallo,

im Zuge meiner Befassung mit dem „Selbstsein“ habe ich mir Gedanken gemacht zu dem Thema Selbstsicherheit, - also Umgang, Verhalten und Auftreten. >Klar ist, dass es zunächst einmal eine gehörige Portion Selbstbewusstsein braucht, um selbstsicherer zu werden.

Denn wie sollte man sich etwas sicher sein, dessen man sich nicht einmal (ausreichend) bewusst ist? Also sprich, sich seiner Qualitäten, Stärken + Schwächen, Fähigkeiten und Eigenschaften bewusst zu sein. Was ich aber im Weiteren meine, ist die Unfähigkeit des Betroffenen, angemessen zu reagieren, wenn andere schlagfertig sind, viel und schnell reden, derb lachen und gegenseitig (z.B. in einer Gruppe) übereinander herziehen. Dann scheint der Selbstunsichere unwohl dabeizustehen und nach Worten und Sicherheit zu ringen. Angespannt, steif, zurückgezogen und emotional nicht mitschwingend (wie blockiert) steht er dann da. Gut, das mag diese Unsicherheit mit sich bringen, - was aber braucht ein solcher Mensch?

Ein soziales Kompetenztraining? Mehr Wachstum und Reife im Inneren (also an der Persönlichkeit)? Mehr Vertrauen, Unterstützung und positive Erfahrungen? Mehr gelebtes Leben? Einfach nur mehr von diesem „was haste, was kannste, was biste“? Also Haben, Können, Machen, Sein?

Oder fehlt da was ganz anderes? Gerade auch im emotionalen/sozialen Bereich…

Danke und Gruß,
Yedi386

Hallo Yedi,

Dann scheint der Selbstunsichere unwohl dabeizustehen und nach Worten und Sicherheit zu ringen…- was aber braucht ein solcher Mensch?

Ich denke, du gehst von falschen Voraussetzungen aus, wenn du annimmst, dass Menschen, die sich laut, derb, aggressiv…benehmen, zwangsläufig selbstsicher sein müssten. Ihr Verhalten kann durchaus eine Kompensation ihrer eigenen Unsicherheiten sein. Manchmal sind die, die am Lautesten lachen, genau die, die Angst haben, dass jemand sie weinen sehen könnte.

Ein Kernthema ist aber sicherlich das Bedürfnis nach Sicherheit. Man möchte die Garantie, das einem in einer Situation nichts Schlimmes oder Unberechenbares passiert und verkrampft sich, wenn man diese Sicherheit nicht gewährleistet sieht.

Das Problem ist, dass es solche Sicherheiten nicht gibt. Im Idealfall erlebt sie ein Baby durch die Mutter/Eltern und erwirbt dadurch das, was man „Urvertrauen“ nennt. Fehlt dieses, wird es im späteren Leben deutlich schwieriger, sich vertrauensvoll auf Situationen einzulassen. Dann gelingt es oft bestenfalls in vertrauten Beziehungen, die notwendige (Selbst-)Sicherheit zu spüren.

Im wilden Leben hilft letzten Endes wohl nur eines: Strategien zu entwickeln, diese Selbstunsicherheit zu managen. Andere zu beobachten kann dabei unterstützen und spannende Erkenntnisse darüber liefern, wie weit her es bei so Manchem tatsächlich mit der Selbstsicherheit ist.

Schöne Grüße,
Jule

>>> Ja, aber…

Ich denke, du gehst von falschen Voraussetzungen aus, wenn du
annimmst, dass Menschen, die sich laut, derb,
aggressiv…benehmen, zwangsläufig selbstsicher sein müssten.
Ihr Verhalten kann durchaus eine Kompensation ihrer eigenen
Unsicherheiten sein. Manchmal sind die, die am Lautesten
lachen, genau die, die Angst haben, dass jemand sie weinen
sehen könnte.

Hhhhhmmmmmmm, ja das habe ich auch schon beobachtet. Dennoch wirkt es keineswegs aufgesetzt bei jenen beschriebenen lauten Personen. Sondern sehr überzeugend echt! Sind dann selbstunsichere Personen tatsächlich einfach ehrlicher? Oder fehlt Ihnen Kompensationsmöglichkeit und Strategie? Jedoch müssten doch wenigstens solche Strategien eingeprobt, angeeignet und erfahren werden und natürlich zigfach ausprobiert. Dies wiederum geht eigentlich nur in der sozialen Konfrontation mittels Selbstbehauptung (Strategie), wovor aber selbstunsichere Menschen ja gerade zurückschrecken (Angst haben), wie man auch schon auf dem Schulhof beobachten kann.

???

Yedi386

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Hallo,

sich selbst treu zu bleiben und sich dabei von anderen weitgehend unabhängig zu fühlen, ist wohl eine große Kunst. Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein und Mut sind sicherlich das Fundament dafür.

Ein weiterer Punkt ist aus meiner Erfahrung die Sichtweise.
Jeder Mensch handelt auf Grundlage seiner Erfahrungen und Werte.

Wie und warum andere Menschen so handeln, ist für uns manchmal schwer einsehbar.
Da hilft, so banal es klingt, am besten zu fragen.
Günstig sind offene Fragen wie z. B. „Wie siehst du das?“, damit sich unser Gegenüber nicht angegriffen fühlt oder meint, sich rechtfertigen zu müssen. Durch die Antworten wird uns dann manches klarer. Dem/der Gefragten oftmals auch, muss er/sie sein/ihr Verhalten vor sich selbst erklären.

Gruß Joachim

Hallo,

Erstens kommt es darauf an, ob die Umgebung positiv oder negativ ist. Aus deinem Bericht nehme ich an, dass sie negativ ist, sonst wäre es einfach ok, dabeizustehen und dabei nicht mitzuspielen.

ich kann dir in meinen Worten weitergeben, was in „The No Asshole Rule“ drinsteckt, und was mich auch überzeugt. Der Term Arschloch ist übrigens wissenschaftsfähig.

  1. Jedes dumme Arschloch (tschuldige) dadraußen hält sich für gewöhnlich für den König der Welt.

  2. Begib dich nicht auf die Ebene der Arschlöcher.

  3. Erringe kleine Siege.

  4. Wenn du in einer arschlochinfizierten Umwelt arbeitest, suche dir eine Neue oder versuche 1-3. Certified Assholes werden auf 2. nur noch dümmere Arschlöcher, reagiere unemotional. Zeige keine Schwäche, schieß auf ihre Schwächen. Z.B. Das Oberarschloch macht einen zotigen Witz über dich (worst case) und die Pavianhorde lacht.
    Du musst dann nicht das Pavianspiel mitspielen. Sachlichkeit ist Trumpf, Schlagfertigkeit hilft bloß.
    Die kann man auch nur schwer lernen. Beispiele:
    Jemand sagt dir, es sei das Ziel einer Maßnahme, A zu erreichen. Du weißt aber, dass das Gegenteil erreicht wird.
    Zum Beispiel: Eine milde Rechtsprechung dient der Integration von Randgruppen.
    Gegenwort: Jugendliche Intensivtäter werden durch die Abwesenheit von messbarer Bestrafung ermuntert und das Neuköllner Modell widerspricht dem.
    Sarkastisch: Absolut. Leute auf offener Straße ohne Konsequenzen zu verprügeln ist auch eine Form von gesellschaftlicher Teilhabe.
    Vernichtend: Um in Neukölln integriert zu sein braucht man ja auch ein Strafregister wie ein Telephonbuch.

Mach dir einfach klar: Jeder dumme Hund dadraußen kommt sich selbst wie Krösus von Ösus vor. Und besser als die bist du allemal :smile:.

Grüße

Eric

Mit Sachlichkeit alleine kann man nicht gegen ein negatives Umfeld ankommen.
Tatsächlich gibt es ganz viele, unterschiedliche, bewusste wie unterbewusste Prozesse, die eine Situation zu jener machen, welche sie ist.
Beispiel:
1.) Der kleine Erich muss zu seinen mindestens einen Kopf größeren Klassenkameraden aufblicken. (= Körpergröße)
2.) Auf Grund seiner Brille, wird er in der Klasse ohnehin gehänselt. (= offener Unterschied zur „Gemeinschaft“, das könnte ebenso ein anderer Kleidungsstil sein oder eine andere verbale/ nonverbale Ausdrucksweise, als der Rest der Klasse- die Menschen finden immer etwas anstößiges, wenn sie wollen)
3.) In den Hofpausen geht er schüchtern zu einer Gruppe hinüber.
(= die Unsicherheit bringt ihn dazu, eine devotierende/geduckte Körperhaltung einzunehmen.)
4.) Stumm stellt er sich zu seinen Klassenkameraden.
(= viele Schüler begrüßen eine Gruppe, wenn sie dazu stoßen oder werden begrüßt, so erlangt man eine rasche Eingliederung in ein bestehendes Gefüge)
5.) Doch die anderen ignorieren ihn. (= Entweder bemerkt die Gruppe ihn nicht, weil er vielleicht zu dezent gekleidet ist, weil er still ist usw. oder aber sie möchten mit ihm nichts zu tun haben, weil er „langweilig“ ist oder [offiziell] nicht dieselben Interessen wie die Gemeinschaft hegt)
6.) Erich fühlt sich ausgestoßen und verletzt, nimmt allen Mut zusammen und räuspert sich, dadurch zieht er einen Teil der Aufmerksamkeit auf sich, doch reagieren tun die wenigsten, im Gegenteil scheinen einige genervt zu sein. (= Das bestehende Gefüge fühlt sich gestört, geht über in ein aggressives Abwehrverhalten oder ein passives Ignoranzverhalten)

…und spätestens hier ist das Kind in den Brunnen gefallen.

Meine Vorgänger haben natürlich auch recht, aber man stelle sich jetzt einmal vor, Erich würde sagen: „Hey, ihr ignoriert mich.“
Dann würde -wenn denn jemand überhaupt reagiert- einer in eine negative Abwehrhaltung verfallen und ihn verbal direkt anschießen:
„Was für ne Leistung! Verpiss dich!“
Würde Erich nun erwidern: „Ich habe dasselbe Recht wie du, hier zu stehen.“
Dann haben wir jetzt auch noch eine Territorialstreitigkeit.
Nun wird entweder ausgefochten, wer mehr Anrecht auf den Pausenplatz hat oder aber die Gruppe bewegt sich weg und lässt Erich stehen.
Wenn Erich sich mit bewegt, fühlt die Gruppe sich bedroht. Wenn sie geduldig ist, wird Erich ignoriert, wenn nicht, wird nun definitiv einer kommen und die Territorialstreitigkeit ausfechten wollen, wenn nicht gar die gesamte Gruppe.
Erich hat deswegen nur die Option, sich der Gruppe anzupassen- obwohl ich nicht davon ausgehe, das er das kann- oder aber er meidet die Gesellschaft dieser Menschen, die offenbar nichts mit ihm zu tun haben möchten.

P.S.:

„Ein soziales Kompetenztraining?“
–> Könnte von Vorteil sein, wobei eine Gruppe nicht zwangsläufig wie eine andere ist. Während des Kompetenztrainings hat man es höchstwahrscheinlich mit Gleichgesinnten zu tun, da ist von vorn herein eine ganz andere Dynamik vorhanden (dieselben Erlebnisse führen zu einer Verbundenheit unter den Teilnehmern).
Und ist das nicht der Fall, so kann man mit DIESER Gruppe vielleicht irgendwann umgehen, aber das ist dann noch lange kein Patentrezept für eine andere Gruppe.
Allerdings denke ich dennoch, das Kompetenztraining von Vorteil ist.

„Mehr Wachstum und Reife im Inneren (also an der Persönlichkeit)?“
–> Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit haben nichts mit der Integration in ein Gefüge zu tun. Auch die Reife hat damit nichts zu tun. Die Persönlichkeit hat zum Teil damit zu tun, allerdings ausschließlich mit dem Faktor der Gruppenkompatibilität.
Nützlich sind positive Erfahrungen, die spüren andere Menschen und wenn die vorhanden sind, reagieren sie nicht mit Angst und Aggression.
Man muss davon ausgehen, dass die Menschen ängstliches Verhalten spüren, es unbewusst wahrnehmen und deswegen aggressiv darauf reagieren. Angst bedeutet, dass man wegen eines Grundes, z.B. wegen Krankheit oder aber wegen einer Rüge in der Vergangenheit innerhalb einer anderen Gruppe schlecht aufgefallen sein könnte, man könnte von dieser anderen Gruppe ausgestoßen worden sein.
Eine Gruppe ist von sich aus erst mal misstrauisch, wenn ein neuer Mensch dazu kommt. Erst recht, wenn er schweigsam ist, dann könnte er eine Gefahr darstellen.
So läuft es zumindest in funktionierenden Gruppen. Allerdings ist diese unterbewusste, soziale Verhaltensweise irgendwann bei den Menschen außer Kontrolle geraten und stürzt sich brutal wie rücksichtslos auf irgendein Opfer, bei dem man unterbewusst seine Aggressionen und seinen Frust abladen und sich damit selbst aufwerten kann. Das konnte unter anderem dadurch entstehen, dass es zu viele Menschen auf einem zu kleinen Gebiet gibt.

„Mehr Vertrauen, Unterstützung und positive Erfahrungen?“
–> Mehr Vertrauen? Weniger. Mehr Ignoranz. Ignorante Menschen leben besser. Man muss selbst ein Asshole sein, um in einer Asshole-Gesellschaft wie der unseren gut leben zu können.

„Mehr gelebtes Leben? Einfach nur mehr von diesem „was haste, was kannste, was biste“? Also Haben, Können, Machen, Sein?“
–> Nein. Schlechte Erfahrungen brennen sich eher tiefer ein. Ein gebranntmarkter Mensch verhält sich von sich aus bereits anders, als die unbedarfte Masse, das ist also eher kontraproduktiv, um in einem System der visuellen und oberflächlichen Eindrücke bestehen zu können.